Выбрать главу

Als Schwester Tahirah seinen Arm packte und ihn Richtung Durchgang zog, vermochte Zedd die Tränen, die ihm übers Gesicht liefen, nicht länger zurückzuhalten. Sofort fiel die Menge der Eltern über ihn her, zerrte an seinen Kleidern und beschwor ihn unter Tränen und hysterischem Geschrei, dem Wunsch des Kaisers zu entsprechen.

Zedd stemmte seine Fersen in den Boden und sträubte sich nach Kräften, bis er vor dem Tisch stehen blieb. Verzweifelte Hände rissen an seinem Gewand. Als er in die tränenüberströmten Gesichter ringsum blickte und jedem einzelnen von ihnen in die Augen sah, verstummten sie.

»Ich hoffe, jetzt begreift ihr endlich, gegen was wir kämpfen. Es tut mir unendlich leid, aber es liegt nicht in meiner Macht, Euren Schmerz in der düstersten Stunde eures Lebens zu lindern. Täten wir, was dieser Mann verlangt, würden zahllose andere Kinder Opfer der brutalen Tyrannei dieses Mannes werden. Ich weiß, es ist euch unmöglich, dies gegen das kostbare Leben eurer Kinder abzuwägen – ich dagegen muß es tun. Mögen die Gütigen Seelen sie rasch bei sich aufnehmen und sie an einen Ort ewigen Friedens geleiten.«

Mehr brachte Zedd angesichts dieser Menschen, angesichts ihrer von völliger Verzweiflung erfüllten Blicke nicht heraus. Mit Tränen in den Augen wandte er sich an Jagang. »Es wird nicht funktionieren, Jagang. Ich weiß, das wird Euch nicht davon abhalten, aber funktionieren wird es dennoch nicht.«

Jagang erhob sich behäbig hinter seiner schweren Tafel. »Es gibt in Eurem Land Kinder im Überfluß. Wie viele davon seid Ihr bereit zu opfern, ehe Ihr der Menschheit endlich ein Leben in Freiheit zugesteht? Wie lange wollt Ihr noch auf Eure starrsinnige Weigerung beharren, ihnen eine Zukunft frei von Leid, Not und Eurer uninspirierten Moral zu gestatten?«

Die schweren Gold- und Silberketten um seinen Hals, die erbeuteten Medaillons und Schmuckstücke vor seiner muskulösen Brust, die Ringe an seinen Fingern funkelten im Schein der Kerze.

Zedd spürte das lähmende Gewicht einer Zukunft unter dem Joch der ungeheuerlichen Vorstellungen dieses Mannes und seinesgleichen, einer Zukunft bar jeder Hoffnung.

»Ihr habt keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen, Zauberer. Wie alle, die mit Euch für die Unterdrückung der Menschen kämpfen und das gemeine Volk seinem grausamen Schicksal überlassen wollen, seid Ihr nicht einmal bereit, ein Opfer für das Überleben von Kindern zu bringen. Mit Worten seid Ihr groß, aber Eure Seele ist eiskalt, und Eurem Herzen gebricht es an Mut. Euch fehlt der Wille, das zu tun, was nötig ist, um sich durchzusetzen. Mir nicht.«

Jagang neigte kurz den Kopf, worauf die Schwester Zedd zum Durchgang stieß. Die kreischende, weinende, bettelnde Menge schloß sich um Zedd und Adie, zerrte an ihnen und begrapschte sie in ihrer rasenden Verzweiflung.

In der Ferne vernahm Zedd bereits die entsetzlichen Schmerzensschreie ihrer verängstigten Kinder.

39

»Sie sind nicht mehr weit«, verkündete Richard, als er wieder unter die Bäume trat. Schweigend sah er Kahlan beim Zurechtrücken der Schultern ihres Kleides zu.

Das lange Eingepacktsein in ihrem Rucksack hatte dem Kleid offenbar nicht geschadet. Der fast weiße, samtig-glatte Stoff schimmerte im gespenstischen Licht des aufgewühlten Wolkenhimmels. Die fließenden Linien mit dem schlichten, rechteckigen Halsausschnitt wiesen weder Spitzen noch Rüschen noch sonst etwas auf, das von seiner schlichten Eleganz abgelenkt hätte. Sie in diesem Kleid zu sehen verschlug ihm nach wie vor den Atem.

Auf Caras Pfeifen hin spähte sie zwischen den Bäumen hindurch. Das Warnsignal, das Richard der Mord-Sith beigebracht hatte, entsprach dem klagenden, hellen, klaren Pfiff des gemeinen Fliegenjägers, allerdings war ihr dieser Umstand nicht bewußt. Sie hatte sich zunächst geweigert, den Pfiff eines so harmlosen Vogels zu erlernen, bis Richard zum Schein nachgegeben und ihr weisgemacht hatte, der Pfiff stamme von dem kleinen gefährlichen Föhrenhabicht. Zufrieden, ihren Willen durchgesetzt zu haben, hatte sie schließlich nachgegeben und den einfachen Pfiff bereitwillig geübt. Bis zu diesem Tag hatte er ihr verschwiegen, daß es diesen kleinen Föhrenhabicht gar nicht gab – und daß Habichte ohnehin nicht solche Pfiffe von sich gaben.

Draußen, jenseits des schützenden Dickichts, bewachte die dunkle Silhouette der Statue jenen Teil des Passes, auf den seit Tausenden von Jahren kein Mensch mehr seinen Fuß gesetzt hatte. Die Frage, warum die Menschen damals vor so langer Zeit auf einem Paß, den voraussichtlich nie wieder jemand benutzen würde, eine Statue errichtet hatten, ließ Richard nicht mehr los. Er dachte über diese urzeitliche Gesellschaft nach, die sie dort errichtet hatte, und welche Überlegung diese Leute dazu gebracht haben konnte, Menschen nur wegen des Verbrechens, von der Gabe völlig unbeleckt zu sein, hinter diesen Paß zu sperren.

»Warte, halt still.« Er bürstete ihr ein paar Föhrennadeln von der Rückseite ihres Ärmels. »Laß dich anschauen.«

Kahlan drehte sich um, die Arme locker an den Seiten, während er den Stoff an ihren Oberarmen glatt strich. Ihre furchtlosen grünen Augen – unter Brauen, die an die elegant geschwungenen Flügel eines Raubvogels im Flug erinnerten – begegneten seinem Blick. Seit ihrer ersten Begegnung schienen ihre Züge noch edler geworden zu sein; ihr gesamtes Äußeres, ihre Körperhaltung, ihre Art ihn anzusehen, so als könnte sie auf den Grund seiner Seele blicken, rührte ihn zutiefst. Aus ihren Augen sprach deutlich jene Intelligenz, die ihn gleich vom ersten Augenblick an für sie eingenommen hatte.

»Warum siehst du mich so an?«

Trotz allem vermochte er sein Lächeln nicht zu unterdrücken. »So wie du dastehst, in diesem Kleid, mit deinem wunderschönen langen Haar, im Hintergrund die grünen Bäume ... ich mußte plötzlich daran denken, wie wir uns zum ersten Mal begegnet sind.«

In ihren strahlenden, bezaubernden Augen blitzte jenes ganz besondere Lächeln, das sie sich nur für ihn aufsparte. Sie verschränkte ihre Hände hinter seinem Kopf, zog ihn zu sich heran und gab ihm einen Kuß.

Wie stets, zog ihr Kuß ihn so sehr in ihren Bann, daß er vor Verlangen nach ihr fast verging und alles rings um sich her vergaß. Sie ließ sich in seine Arme gleiten. In diesem Augenblick gab es weder die Imperiale Ordnung noch Bandakar oder das d’Haranische Reich, kein Schwert der Wahrheit, keine Chimären, keine Gabe, die im Begriff war, ihre Macht gegen ihn zu kehren, keine Riesenkrähen, keinen Jagang, keinen Nicholas und keine Schwestern der Finsternis. Ihr Kuß ließ ihn alles außer ihr vergessen; in diesem Augenblick existierten nur sie beide. Kahlan war die Erfüllung seines Lebens und ihr Kuß eine Bekräftigung dieses Bundes.

Sie löste sich von ihm und sah ihm in die Augen. »Mir scheint, als hättest du seit jenem Tag nur Ärger gehabt.«

Richard schmunzelte. »An dem Tag hat mein Leben überhaupt erst angefangen. Erst nachdem ich dir begegnet war, war mir klar, was ich im Leben wollte.«

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küßte sie erneut.

»Seid ihr zwei endlich so weit?«, rief Jennsen den Hang hinunter. »Sie werden gleich hier sein. Habt ihr Caras Pfeifen nicht gehört?«

»Doch, haben wir«, rief Kahlan zu Jennsen hinauf. »Wir sind gleich da.«

Sie drehte sich um und musterte ihn lächelnd von Kopf bis Fuß. »Nun, Lord Rahl, du hast dich seit unserer ersten Begegnung jedenfalls sehr verändert.« Sie rückte den mit Prägungen verzierten ledernen Waffengurt zurecht, der über dem schwarzen, mit Gold abgesetzten Waffenrock lag. »Irgendwie siehst du aber auch noch ganz genauso aus. Deine Augen sind noch dieselben wie damals.« Sie lächelte ihn an, den Kopf auf die Seite gelegt. »Ich hab sie gesehen«, rief Jennsen völlig außer Atem, als sie Richard und Kahlan im Dickicht entgegengestürzt kam. »Drüben, auf der anderen Seite; ich konnte sie unten in der Schlucht ganz deutlich erkennen. Sie werden jeden Moment hier oben sein.« Ihr Gesicht strahlte vor Stolz. »Ich hab gesehen, daß Tom sie anführt.«