Als der abgerissene Männerhaufen Richard in seinen schwarzen Hosen und Stiefeln, dem schwarzen, am Rand mit goldenen Streifen abgesetzten Waffenrock, dem breiten Ledergürtel und den ledergepolsterten Manschetten mit den uralten Symbolen an den Handgelenken und der in Silber und Gold gearbeiteten Scheide erblickten, schien sie aller Mut zu verlassen. Als sie dann auch noch Kahlan an seiner Seite erblickten, wichen sie, offensichtlich unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten, unter zaghaften Verbeugungen ängstlich bis zur Felskante zurück.
»Los, nun kommt schon«, rief Tom ihnen zu und forderte sie auf, auf den breiten, flachen Felsen zu klettern und vor Richard und Kahlan hinzutreten.
Owen ging durch ihre Reihen, redete mit leiser Stimme auf die Männer ein und drängte sie, auf Toms Handzeichen hin vorzutreten. Zögernd gehorchten sie und kamen mit schlurfenden Schritten ein Stück naher, wenn auch nach wie vor darauf bedacht, einen beträchtlichen Sicherheitsabstand zwischen sich und Richard zu wahren.
Während die Männer einander noch verlegen ansahen, unschlüssig, was sie als Nächstes tun sollten, trat Cara vor und deutete mit großer Geste auf Richard.
»Ich stelle vor Lord Rahl«, erklärte sie mit klarer Stimme, die bis zu den am höchsten Punkt des Passes versammelten Männern hinübertrug, »Sucher der Wahrheit und rechtmäßiger Besitzer des Schwertes der Wahrheit, Herrscher des d’Haranischen Reiches und Gemahl der Mutter Konfessor.«
Hatten die Männer zuvor bereits eingeschüchtert und unsicher gewirkt, so verstärkte sich dieses Verhalten durch Caras Vorstellung noch. Als sie ihren Blick von Richard und Kahlan lösten, wieder zu Cara mit ihren durchdringenden Augen sahen und erkannten, daß diese offenbar auf etwas wartete, ließen sie sich alle in einer Verbeugung vor Richard auf die Knie nieder.
Als schließlich auch Cara bewußt ein Stück vortrat, noch vor die Männer, und sich ebenfalls auf die Knie hinunterließ, begriff auch Tom und folgte ihrem Beispiel. Die beiden beugten sich vor, bis sie mit der Stirn den Boden berührten.
Verunsichert harrten die Männer in der stillen, frühmorgendlichen Luft aus, nach wie vor unsicher, was nun von ihnen erwartet wurde.
»Führe uns, Meister Rahl«, intonierte Cara mit klarer, vernehmlicher Stimme, damit die Männer sie hören konnten. Sie wartete.
Tom warf einen Blick über seine Schulter auf die blonden Männer, die ihn unverwandt anstarrten. Als er darauf mißbilligend die Stirn in Falten legte, dämmerte ihnen, daß sie die Worte nachsprechen sollten. Sie beugten sich, dem Beispiel Toms und Caras folgend, ebenfalls vor, bis ihre Stirn den kalten Granit berührte.
»Führe uns, Meister Rahl«, setzte Cara erneut an, ohne ihre Stirn vom Boden gelöst zu haben.
Diesmal fielen die Männer unter Toms Anleitung nach ihr in die Andacht ein.
»Führe uns, Meister Rahl«, sprachen sie, wenn auch mit einem spürbaren Mangel an Übereinstimmung.
»Lehre uns, Meister Rahl«, fuhr Cara fort, nachdem alle den Anfang des Treueschwures geleistet hatten. Wieder fielen sie hinter ihr ein, aber immer noch zögernd und wenig aufeinander abgestimmt.
»Beschütze uns, Meister Rahl«, verkündete Cara.
Die Männer sprachen die Worte nach, jetzt bereits etwas harmonischer.
»In Deinem Licht werden wir gedeihen.«
Murmelnd sprachen sie ihr die Worte nach.
»Deine Gnade gebe uns Schutz.«
Sie wiederholten ihre Worte.
»Deine Weisheit erfüllt uns mit Scham.«
Wieder erklang das Gemurmel der Männer.
»Wir leben nur, um zu dienen.«
Kaum hatten sie die Zeile nachgesprochen, intonierte Cara die letzte Zeile mit deutlich erhobener Stimme: »Unser Leben gehört Dir.«
Als sie zu Ende gesprochen hatten, erhob Cara sich und bedachte die noch immer vornübergebeugt am Boden kauernden Männer mit einem grimmigen Funkeln. »So lautet die Andacht an den Lord Rahl. Ihr werdet sie jetzt mit mir zusammen noch zweimal wiederholen, wie es sich im Feld geziemt.«
Erneut berührte Cara mit der Stirn den Boden zu Richards Füßen.
»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In Deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit erfüllt uns mit Scham. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört Dir.«
Stolz und aufrecht standen Richard und Kahlan vor den Männern, während diese die zweite und dritte Andacht intonierten. Dies war keineswegs ein nichtssagendes, hohles, eigens für die Männer inszeniertes Spektakel; es war die Andacht, wie sie seit Jahrtausenden gesprochen wurde, und Cara war jedes einzelne Wort davon ernst.
»Ihr dürft Euch jetzt erheben«, erklärte sie, an die Männer gewandt.
Die Männer, die Köpfe eingeschüchtert zwischen den Schultern, rappelten sich vorsichtig wieder auf und warteten schweigend. Richard blickte jedem von ihnen in die Augen, ehe er zu sprechen begann.
»Mein Name ist Richard Rahl. Ich bin der Mann, den ihr zu vergiften beschlossen habt, um mich zu einem Sklaven zu machen, der gezwungen ist zu tun, was immer ihr von mir verlangt.
Was ihr getan habt, ist ein schwerwiegendes Verbrechen. Ihr glaubt vielleicht, euer Tun als angemessen rechtfertigen oder es als Mittel der Überredung betrachten zu können; dennoch gibt euch nichts das Recht, einem Menschen, der euch weder ein Leid zugefügt noch damit gedroht hat, zu drohen oder sein Leben zu gefährden. Das sind – neben Folter, Vergewaltigung und Mord – exakt die Methoden, derer sich die Imperiale Ordnung bedient.«
»Aber wir wollten doch gar nicht, daß Ihr zu Schaden kommt«, rief einer der Männer entsetzt, daß Richard sie eines derart abscheulichen Verbrechens beschuldigte. Andere pflichteten ihm prompt bei, er habe sicher alles bloß falsch verstanden.
»In euren Augen bin ich ein Barbar«, fiel Richard ihnen ins Wort- in einem Tonfall, der sie augenblicklich verstummen und einen Schritt zurückweichen ließ. »Ihr haltet euch für etwas Besseres als mich, was es irgendwie rechtfertigt, mir – und damit auch der Mutter Konfessor – etwas Derartiges anzutun. Und dies alles nur, weil ihr etwas haben wollt und quengeligen kleinen Kindern gleich erwartet, daß wir es euch geben.
Als Alternative laßt ihr mir nur den Tod. Was ihr von mir verlangt, ist weit schwieriger, als ihr euch vorstellen könnt, was meinen Tod durch euer Gift zu einer durchaus realen Möglichkeit und somit sehr wahrscheinlich macht. Das sind die Tatsachen.
Fast wäre ich an eurem Gift bereits gestorben. Doch dann wurde mir, im allerletzten Augenblick, vorübergehend Aufschub gewährt, als einer von euch mir ein erstes Gegenmittel brachte. Meine Freunde und Lieben hatten in jener Nacht bereits fest mit meinem Tod gerechnet. Schuld daran wart ihr, denn ihr habt ganz bewußt entschieden, mich zu vergiften und somit meinen Tod billigend in Kauf genommen.«
»Aber das ist doch gar nicht wahr«, beharrte einer, die Hände flehentlich erhoben. »Wir wollten nie, daß Euch ein Leid geschieht.«
»Warum hatte ich ohne glaubwürdige Gefahr für mein Leben tun sollen, was ihr verlangt? Wenn ihr mir wirklich nichts Böses wollt, wenn ihr tatsächlich nicht entschlossen seid, mich umzubringen, falls ich euch nicht zu Willen bin, dann beweist es und händigt mir das Gegenmittel aus – gebt mir mein Leben zurück. Mein Leben gehört mir, nicht euch.«
Diesmal ergriff niemand das Wort.
»Nein? Ihr seht also, es ist genau, wie ich sagte. Ihr seid entschlossen, mich entweder zu ermorden oder eurem Willen zu unterwerfen. Mir bleibt lediglich die Wahl, mich zwischen diesen beiden Möglichkeiten zu entscheiden. Ich will nichts mehr darüber hören, welche Haltung sich hinter eurer Absicht verbirgt. Eure Haltung spricht euch nicht von euren sehr realen Verbrechen frei. Eure Taten, nicht eure Haltungen, offenbaren eure wahre Absicht.«