Richard verschränkte die Hände hinter dem Rücken und begann, langsam vor den Männern auf- und abzugehen. »Nun könnte ich mich natürlich so verhalten, wie ihr es offenbar geradezu mit Begeisterung tut: Ich könnte mir einreden, es sei mir unmöglich zu wissen, ob dies alles überhaupt wirklich ist. Ich könnte mich so verhalten wie ihr und mich für unfähig erklären zu unterscheiden, was wirklich ist, und mich weigern, mich der Wirklichkeit zu stellen.
Ich bin aber der Sucher der Wahrheit, weil ich eben nicht versuche, mich vor der Wirklichkeit zu verstecken. Die Entscheidung zu leben erfordert, daß man sich der Wahrheit stellt, und genau das beabsichtige ich zu tun. Ich habe die feste Absicht zu leben.
Ihr müßt heute eine Entscheidung treffen, eine Entscheidung, die euer zukünftiges Leben und das eurer Lieben betrifft. Wie ich, werdet ihr euch der Wirklichkeit stellen müssen, wenn ihr eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben wollt. Wenn ihr euer ersehntes Ziel erreichen wollt, werdet ihr am heutigen Tag der ungeschminkten Wahrheit ins Gesicht sehen müssen.«
Richard deutete mit der Hand auf Owen. »Hattest du nicht davon gesprochen, es seien sehr viel mehr Männer? Wo sind die übrigen?«
Owen trat einen Schritt vor. »Sie haben sich den Soldaten der Imperialen Ordnung ergeben, um unnötige Gewalttaten zu vermeiden. Lord Rahl.«
Richard starrte ihn fassungslos an. »Wie kannst du, nach allem, was du mir erzählt hast, nach allem, was du von den Soldaten der Imperialen Ordnung gesehen hast, so etwas nur glauben, Owen?«
»Aber was sagt uns denn, daß es die Gewalt diesmal nicht verhindern wird? Das Wesen der Wirklichkeit entzieht sich unserer Erkenntnis ...«
»Ich habe es dir schon einmal erklärt: Du wirst dich mir gegenüber auf die Tatsachen beschränken und nicht irgendwelche sinnlosen, auswendig gelernten Phrasen herunterbeten. Wenn du irgendwelche konkreten Informationen besitzt, möchte ich darüber unterrichtet werden. Dieser bedeutungslose Unfug interessiert mich nicht.«
Owen nahm seinen kleinen Rucksack vom Rücken und wühlte darin, bis er einen kleinen Stoffbeutel zutage förderte. Als er ihn betrachtete, traten ihm Tränen in die Augen.
»Die Soldaten der Imperialen Ordnung kamen dahinter, daß sich einige Männer in den Bergen versteckt hielten. Einer der Männer oben bei uns hat drei Töchter. Um zu verhindern, daß es zu einem Teufelskreis der Gewalt kommt, verriet jemand aus unserem Ort den Soldaten, welche der Mädchen seine Töchter sind.
Von da an, Tag für Tag, befestigten die Soldaten an einem Finger jedes dieser drei Mädchen eine Schnur; anschließend hielt jeweils ein Soldat sie fest während andere an den Schnüren zogen, bis die Finger sich aus den Gelenken lösten. Anschließend befahlen die Soldaten einem Mann aus unserem Ort, in die Berge zu gehen und unseren Leuten diese drei Finger zu bringen. Er kam jeden Tag.«
Owen reichte Richard den Beutel. »Dies sind die Finger seiner drei Töchter. Der Dörfler, der sie unseren Leuten brachte, war völlig verstört und hatte fast nichts Menschliches mehr an sich. Mit tonloser Stimme gab er wieder, was man ihm zu sagen aufgetragen hatte. Er hatte entschieden, da nichts wirklich sei, werde er von alldem nichts mitbekommen und könne tun, was man ihm befohlen habe.
Er berichtete, Leute aus dem Ort hätten den Soldaten die Namen der Männer in den Bergen verraten, und daß sie auch deren Kinder in Gewahrsam hätten. Wenn sie nicht zurückkehrten und sich ergäben, werde man mit den anderen Kindern ebenso verfahren.
Etwas über die Hälfte der Männer in den Bergen fand die Vorstellung unerträglich, der Grund für ein derart brutales Vorgehen zu sein. Sie kehrten in unsere Ortschaft zurück und ergaben sich den Soldaten der Imperialen Ordnung.«
»Und wieso gibst du das mir?«, fragte Richard.
»Weil ich möchte«, erwiderte Owen mit tränenerstickter Stimme, »daß Ihr wißt, warum unsere Leute keine andere Wahl hatten, als sich zu ergeben. Sie ertrugen die Vorstellung nicht, daß ihre Lieben ihretwegen solche Qualen litten.«
Richard sah in die Gesichter der gramvollen, trauernden Männer, die ihm entgegenblickten. Er spürte den Zorn heiß in ihm hochkochen, riß sich, als er darauf antwortete, jedoch zusammen.
»Ich verstehe durchaus, was die Männer mit ihrer Selbstaufgabe erreichen wollten. Das kann ich ihnen nicht zum Vorwurf machen. So sinnlos es auch ist, ich kann sie nicht dafür verdammen, daß sie alles in ihrer Macht stehende getan haben, ihren Lieben Leid zu ersparen.«
Trotz seines Zorns war Richard um einen nachsichtigen Ton bemüht. »Es tut mir leid, daß euer Volk derartige Barbareien durch die Imperiale Ordnung erleiden muß. Aber eins muß euch klar sein: Es ist real, und Ursache ist die Imperiale Ordnung. Diese Männer ganz gleich, ob sie auf Befehl der Soldaten gehandelt haben oder nicht, waren nicht der Grund für diese Gewalttätigkeiten. Nicht ihr seid ausgezogen, um sie anzugreifen, sondern sie sind zu euch gekommen, sie haben euch angegriffen, sie sind es, die euch versklaven, foltern und ermorden.«
Die meisten Männer standen da, gebrochen, den Blick starr zu Boden gesenkt.
»Hat sonst noch jemand von euch Kinder?«
Eine Anzahl der Männer nickte oder murmelte bestätigend.
Richard fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Warum habt ihr euch dann nicht ebenfalls ergeben? Wieso seid ihr hier, statt das Leid auf dieselbe Weise zu verhindern wie eure Kameraden?«
Die Männer wechselten Blicke untereinander – einige von der Frage sichtlich verwirrt, andere dagegen offenkundig unfähig, ihre Begründung in Worte zu kleiden. Ihr Kummer, ihr Schmerz, ja sogar ihre nach wie vor verhaltene Entschlossenheit, standen ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben, und doch brachten sie die Worte, die erklärt hätten, weshalb sie sich nicht hatten ergeben wollen, nicht über die Lippen.
Richard hielt den kleinen Stoffbeutel mit seinem grausigen Inhalt in die Höhe, um ihnen keine Möglichkeit zu lassen, dem Thema auszuweichen. »Ihr alle kennt dies. Warum habt ihr euch nicht ebenfalls ergeben?«
Schließlich ergriff einer von ihnen das Wort. »Ich habe mich bei Sonnenuntergang heimlich zu den Feldern geschlichen und mit einem der Erntearbeiter gesprochen. Ich fragte ihn, was aus den Männern geworden ist, die sich ergeben hatten. Er sagte, viele der Kinder wären bereits fortgebracht worden, andere gestorben. Alle Männer die aus den Bergen herabgestiegen waren, wären fortgebracht worden; kein einziger von ihnen hätte in sein Heim, zu seiner Familie zurückkehren dürfen. Was hätten wir also davon, zurückzugehen?«
»Allerdings, was hättet ihr davon«, murmelte Richard bei sich. Zum allerersten Mal schimmerte durch, daß sie ihre Situation wirklich begriffen.
»Ihr müßt der Imperialen Ordnung Einhalt gebieten«, sagte Owen. »Ihr müßt uns die Freiheit wiedergeben. Warum hättet Ihr uns sonst gezwungen, den weiten Weg bis hierher zu machen?«
Richards zarter Hoffnungsfunke erlosch. Sie mochten das wahre Ausmaß ihrer Schwierigkeiten erfaßt haben, aber ganz sicher waren sie nicht bereit, irgendeiner realen Lösungsmöglichkeit ins Auge zu sehen. Sie wollten einfach nur gerettet werden und erwarteten noch immer, daß jemand ihnen diese Arbeit abnahm: er.
Alle schienen erleichtert, daß Owen endlich mit der entscheidenden Frage herausgerückt war; die anderen waren dafür offenbar zu schüchtern. Wahrend sie auf Antwort warteten, konnten einige von ihnen nicht umhin, verstohlene Seitenblicke auf Jennsen zu werfen, die sich im Hintergrund hielt. Auch die hinter Richard drohend aufragende Statue schien die meisten von ihnen zu verunsichern. Da sie nur ihre Rückseite sehen konnten, wußten sie nicht genau, was sie darstellen sollte.
»Weil es«, klärte Richard sie schließlich auf, »um tun zu können, was ihr vor mir verlangt, wichtig ist, daß ihr alle die Zusammenhänge begreift. Ihr erwartet, daß ich es euch einfach abnehme. Das kann ich nicht. Ihr werdet mir helfen müssen, oder eure Lieben sind rettungslos verloren. Wenn wir Erfolg haben wollen, dann müßt ihr dafür sorgen, daß auch die anderen aus eurem Volk begreifen, was ich euch jetzt erklären muß.