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»Traumwandler«, fuhr Richard fort, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, »konnten in den Verstand eines Menschen eindringen und diesen dadurch beherrschen. Es war unmöglich, sich dagegen zu wehren. Hatte ein Traumwandler sich eines menschlichen Verstandes bemächtigt, wurde dieser zu seinem Sklaven, unfähig, sich seinen Befehlen zu widersetzen. Die Menschen damals waren verzweifelt.

Ein gewisser Alric Rahl, mein Vorfahr, ersann schließlich eine Möglichkeit, den Verstand der Menschen vor den Übergriffen der Traumwandler zu schützen. Er war nicht nur der damalige Lord Rahl und damit Herrscher des d’Haranischen Reiches, sondern zugleich ein mächtiger Zauberer. Dank seiner herausragenden Fähigkeiten gelang es ihm, die Bande zu erschaffen, die – als aufrichtiger Treueschwur oder in der einfachen Form als von Herzen kommendes Bekenntnis gesprochen – die Menschen vor einem Eindringen des Traumwandlers in ihren Verstand beschützte. Alric Rahls magische Verbindung zu seinem Volk – über diese Bande – bewahrte sie davor.

Die Andacht, die ihr soeben alle gesprochen habt, ist die formelle Erklärung dieser Bande. Sie wird dem jeweiligen Lord Rahl schon seit über dreitausend Jahren vom d’Haranischen Volk dargebracht.«

Mit sorgenvoll zerfurchten Mienen traten einige Männer in der vordersten Reihe vor. »Heißt das, wir sind vor diesem Traumwandler sicher, weil wir eben diesen Eid geleistet haben, Lord Rahl? Sind wir davor geschützt, daß diese Traumwandler in unseren Verstand eindringen und sich unserer bemächtigen?«

Richard schüttelte den Kopf. »Ihr braucht diesen Schutz nicht, ihr seid bereits auf andere Art geschützt.«

Erleichtertes Aufatmen ging durch die Gruppe der Männer. Sie sahen aus, als hätten sie befürchtet, der Traumwandler sei ihnen bereits unmittelbar auf den Fersen, und nun seien sie im letzten Augenblick gerettet worden.

»Aber wie ist es möglich, daß wir bereits geschützt sind?«, fragte Owen.

Richard atmete tief durch und stieß die Luft ganz langsam wieder aus. »Nun, dies ist der Punkt, der uns gewissermaßen verbindet. Wie ich es sehe, verlangt alle Magie nach Ausgewogenheit, um funktionieren zu können.«

Allenthalben wissendes Kopfnicken – so als besäßen ausgerechnet diese von der Gabe völlig Unbeleckten erschöpfende Kenntnisse in Magie.

»Damals, als Alric Rahl die Bande schuf«, fuhr Richard fort, »mußte stets ein Lord Rahl im Amt sein, damit die Erfüllung der Bande gewährleistet war und ihre Macht erhalten blieb. Doch nicht alle Zauberer zeugen Kinder, die diese Fähigkeit der Gabe besitzen, deshalb ging es Alric Rahl bei der Schaffung der Bande zum Teil auch darum, dafür zu sorgen, daß der jeweils amtierende Lord Rahl stets einen Sohn mit magischen Kräften zeugte, der die Gabe besaß und die Bande mit dem d’Haranischen Volk erfüllen konnte. Auf diese Weise sollte ihm ewiger Schutz sicher sein.«

Richard hob einen Finger, um seine Argumentation zu unterstreichen, während er den Blick über die Gruppe von Männern schweifen ließ. »Was man jedoch damals nicht wußte, war, daß diese Magie unbeabsichtigt ihre eigene Ausgewogenheit erzeugte. Zwar zeugte der jeweilige Lord Rahl stets einen mit der Gabe gesegneten Nachkommen – einen Zauberer wie er selbst –, doch erst später fand man heraus, daß er gelegentlich auch Nachkommen zeugte, die von Magie völlig unbeleckt waren.«

Dem leeren Ausdruck auf ihren Gesichtern entnahm Richard deutlich, daß sie nicht die geringste Ahnung hatten, was er ihnen soeben zu erklären versuchte. Auf Menschen, die ein Dasein in völliger Abgeschiedenheit fristeten, mußte diese Geschichte ziemlich verwirrend, wenn nicht gar weit hergeholt wirken. Nur zu gut erinnerte er sich noch daran, wie sehr ihn alles, was mit Magie zu tun hatte, vor dem Fall der Grenze und seiner Begegnung mit Kahlan verwirrt hatte. Er war nicht mit Magie aufgewachsen, noch immer war sie ihm größtenteils ein Buch mit sieben Siegeln, und obwohl er mit beiden Seiten der Gabe geboren war, wußte er nach wie vor nicht, wie sie sich beherrschen ließ.

»Ihr müßt wissen«, fuhr er fort, »daß nur einige wenige Menschen Magie – die Gabe – besitzen. Nichtsdestotrotz werden alle Menschen zumindest mit einem Funken der Gabe geboren, auch wenn sie selbst keine Magie wirken können. Bis vor kurzem hielt man diese Menschen noch für nicht mit der Gabe gesegnet. Begreift ihr jetzt? Die mit der Gabe Gesegneten, Zauberer und Hexenmeisterinnen also, können Magie wirken, alle anderen nicht – weshalb sie als nicht mit der Gabe gesegnet gelten.

Wie sich herausstellte, stimmte dies jedoch nicht uneingeschränkt, denn jeder besitzt bei seiner Geburt einen winzigen Funken der Gabe. Dieser winzige Funke ermöglicht es ihm, mit der Magie in seiner Umgebung in eine Wechselbeziehung zu treten – mit den Dingen und Geschöpfen, die magische Eigenschaften besitzen, aber auch mit den Menschen, die im umfassenderen Sinn mit der Gabe gesegnet sind – denjenigen, die Magie gestalten und beeinflussen können.«

»In Bandakar gibt es auch Menschen, die Magie besitzen«, meinte einer der Männer. »Echte Magie. Nur wer nie ...«

»Nein«, schnitt Richard ihm das Wort ab. Er wollte unter allen Umständen vermeiden, daß sie den Faden seiner Geschichte aus dem Blick verloren. »Owen hat mir erzählt, was man bei euch unter Magie versteht, aber das ist keine Magie, sondern Aberglauben. Das meine ich nicht. Ich spreche von echter Magie, die in der realen Welt wirklich etwas bewirken kann. Vergeßt, was man euch über Magie beigebracht hat, daß der Glaube angeblich das hervorbringt, woran man glaubt, und daß dies echte Magie sei. Das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Es ist nichts weiter als die unrealistische Illusion von Magie in der Vorstellung der Menschen.«

»Und doch ist sie ganz real«, widersprach jemand in respektvollem, aber festem Ton. »Wirklicher als das, was man sieht oder spürt.«

Richard sah ihn mit strengem Blick an. »Wenn sie tatsächlich so wirklich ist, warum mußtet ihr mir dann ein Gift verabreichen, zusammengemischt von einem Mann, der sein Leben lang mit Kräutern gearbeitet hat? Weil ihr ganz genau wußtet, was wirklich ist! Wenn es um eure ureigenen Interessen geht, um euer Überleben, greift ihr auf das zurück, was real existiert und funktioniert.«

Der Lord Rahl deutete hinter sich auf Kahlan. »Die Mutter Konfessor besitzt echte Magie. Ihre Magie hat nichts zu tun mit den Flüchen, mit denen man jemanden belegt, und dessen Tod, wenn der Betreffende zehn Jahre später stirbt, auf den Fluch zurückgeführt wird. Sie besitzt echte, auf fundamentale Weise mit dem Tod verbundene Magie, gegen die folglich auch ihr nicht gefeit seid. Wenn sie jemanden mit dieser echten Magie berührt, stirbt er auf der Stelle – und nicht erst in zehn Jahren.«

Richard baute sich vor den Männern auf und sah ihnen nacheinander fest in die Augen. »Falls jemand nicht glaubt, daß dies echte Magie ist, dann soll er vortreten und sich freiwillig von der sehr realen, tödlichen Kraft der Mutter Konfessor berühren lassen. Dann können die anderen sehen, was geschieht, und sich ihr eigenes Urteil bilden.« Er ließ seinen Blick von einem Gesicht zum nächsten schweifen. »Ist jemand bereit, sich dieser Probe zu unterziehen? Gibt es irgendeinen Magier unter euch, der es ausprobieren möchte?«

Als niemand darauf antwortete, niemand sich rührte, fuhr Richard fort.

»Es scheint, als hättet ihr alle doch eine ziemlich klare Vorstellung davon, was wirklich ist und was nicht. Vergeßt das nie – und lernt daraus.

Also, ich war gerade dabei zu erzählen, daß der Lord Rahl stets einen Sohn mit Magie zeugte, um die Herrschaft über D’Hara und seine Gabe weitervererben und damit die Bande aufrechterhalten zu können. Nun haben die von Alric Rahl geschaffenen Bande aber eine nicht beabsichtigte Nebenwirkung.

Erst viel später entdeckte man, daß der Lord Rahl – möglicherweise als eine Art Ausgleich – bisweilen auch Nachkommen zeugte, die keinerlei Magie besaßen – die also nicht nur nicht mit der Gabe gesegnet waren, wie die meisten Menschen, sondern die anders waren als alle bis dahin Geborenen: Sie waren von der Gabe völlig unbeleckt. Für sie hätte Magie ebenso gut gar nicht existieren können, denn ihnen fehlte von Geburt an die Fähigkeit, sie auch nur wahrzunehmen oder mit ihr in Wechselbeziehung zu treten. Sie glichen Vögeln, die zwar Federn besaßen und sich von Insekten ernährten, ansonsten aber vollkommen fluguntauglich waren.