»Ich könnte ihn in meine Schaustellergilde aufnehmen.« Rodario nickte. »Er hatte die Albae lange getäuscht, um für den Umlauf gewappnet zu sein, an dem er sich gegen sie erhob. Die Feindschaft der Wesen hätte ihm und den Dritten nichts gebracht.« Sie gingen in das angrenzende Gebäude, wo sie die Unterkünfte der Orks vorfanden. Es war erstaunlich sauber, es roch nicht einmal streng.
»Was werdet Ihr also mit den Dritten machen, die im Dienst der Albae ganze Landstriche verwalteten?« Rodario und sie setzten sich auf eine Bank nahe dem Fenster, aus dem sie die Höhle und das Geschehen darin sahen.
»Es wird schwierig, den Menschen in Urgon, Idoslän und Gauragar zu erklären, dass die Dritten nur eine Rolle eingenommen haben. Ich werde mit dem Großkönig besprechen, wie wir vorgehen. Wenn sich die Dritten ins Gebirge zurückziehen, wird niemand die Waffen gegen sie erheben.« Mallenia überlegte, wie viel Wahrheit sie Rodario zumuten durfte, was den Zustand von Coiras Magiekräften anging.
Sie sah in seine braunen Augen, und ihr Herz schlug schneller. Selbst jetzt, wo er das Hilflose abgestreift hatte, konnte sie nicht von ihm lassen. Wo wird das enden? »Die Reise wird uns in den kommenden Umläufen quer durch Rän Ribastur und Sangrein führen«, sagte sie, um sich selbst abzulenken. Außerdem wollte sie seine Einschätzung hören. »Was wisst Ihr von den Königinnenreichen?«
Er erwiderte ihren Blick, forschte in ihren Augen, bis sie ihm auswich. »Nun, Rän Ribastur ist voller Bäume und Sangrein voller Sand«, meinte er, belustigt wegen ihrer Reaktion.
»So meinte ich es nicht.« Mallenia ärgerte sich über ihr Erröten, das sich als ein heißes Gefühl in ihrem Kopf bemerkbar machte. Das nächste Mal würde sie es ihm beweisen, dass sie sich von ihm nicht verunsichern ließ. »Es ist das Gebiet von Lot-Ionan.« »Aha! Ihr wolltet wissen, was uns dort erwartet?« Er lehnte sich zurück und fand sie mit ihrem knallroten Gesicht äußerst liebenswürdig. Sie besaß offensichtlich nicht viel Erfahrung mit Männern und in Liebesdingen. »Den Gerüchten nach hat er Land an seine Famuli verteilt, die dort ihren Zauberforschungen nachgehen und der Bevölkerung arg zusetzen. Seine magische Quelle hütet er argwöhnisch und gewährt ihnen lediglich einzeln und zu gewissen Zeiten Zugang, um sie stets überwachen zu können. Er soll dem Verfolgungswahn anheimgefallen sein. Unter anderem. Glaubt man den Erzählungen, nennt er sechs oder sieben verschiedene Wahne sein Eigen. Er sammelt sie wohl.«
»Sagen uns die Gerüchte auch, wie viele Famuli der Magus besitzt? Ich frage das wegen Königin Coira. Sie müsste sie außer Gefecht setzen.« Mallenia pochte gegen den rechten Schwertgriff. »Damit gelangt man nicht immer bis zu einem Magischen.« »Das sehe ich ebenso wie Ihr.« Er verzog das Gesicht. »Das Volk kennt da ganz verschiedene Angaben. Manche sagen, er habe nur zwei, die sich untereinander hassen. Andere behaupten, er besitze zehn, und einer sei besser als der andere.« Seine Miene nahm einen verschwörerischen Ausdruck an. »Doch auch sie bekriegen sich angeblich untereinander, jeder möchte die Gunst des Magus für sich allein haben und ihn eines Umlaufs beerben. Wer die Quelle sichert, hat die Macht über alle anderen. Sie haben sich magische Kreaturen geschaffen und sich gegenseitig auf den Hals gehetzt. Ich rechne vor allem in Rän Ribastur damit, unentwegt von Gestalten angegriffen zu werden, die ihren Ursprung unheilvoller Magie verdanken. Aber wir haben ja die Maga dabei.« Mallenia stieß einen Fluch aus. Sie dachte daran, wie wenig Energie Coira in sich barg. Das bisschen musste sie aufheben, um sich gegen den Magus zu stellen. So sehr sie auch nachdachte: Die Zeit würde nicht reichen, mit der Königin ins Reich der Albae zu reisen und sie dort in der Quelle baden zu lassen. Tungdil Goldhand musste die Wahrheit erfahren, sonst war die Gruppe trotz der Zhadär schneller ausgelöscht als alles andere.
Rodario hatte das Kinn auf die Fäuste gestützt und versuchte, im abwesenden Gesicht der Ido zu lesen, womit sie sich beschäftigte. »Ich habe vom schrecklichsten Biest überhaupt gehört. Wollt Ihr seinen Namen wissen?«
Mallenia hörte ihm gar nicht richtig zu, sondern hob zum Einverständnis die Hand. »Xolototh«, sagte er furchtbar düster. »Es jagt die Menschen, vor allem die schönen blonden Frauen, von Bäumen herab.«
»Was tut es mit ihnen? Fressen?«
»Oh, nein, bei Weitem nicht. Sondern das!« Er neigte sich blitzartig nach vorn und gab ihr einen schnellen Kuss.
Besser gesagt: Er hatte ihr einen schnellen Kuss geben wollen.
Doch als er seinen Kopf zurückzog, spürte er eine Hand in seinem Nacken, die ihn unwiderstehlich wieder nach vorne zog. Seine Lippen pressten sich erneut gegen Mallenias, die ihn anlächelte und dann die Augen schloss, um sich dem Kuss hinzugeben. Angriff war doch die beste und in diesem Fall süßeste Verteidigung.
XX
Das Jenseitige Land, die Schwarze Schlucht, Festung Übeldamm 6492. Sonnenzyklus, Frühling.
Der Winter war gegangen und hatte Eis und Schnee rund um die Festung mit sich genommen - der rote magische Schirm dagegen war geblieben.
Goda betrachtete ihn zu Beginn eines Umlaufs, zur Mitte eines Umlaufs, am Ende eines Umlaufs und spät in der Nacht, als könnten ihre Blicke bewirken, dass er in sich zusammenfiel und den Katapulten die Gelegenheit gab, Geschosse gegen die Feinde und deren Bauten zu schleudern.
Sie vermochten es jedoch nicht. Die rötlich leuchtende Barriere, einem dünnen Stoffschleier nicht unähnlich, widerstand Godas Wünschen, Gebeten und Zaubern. Kiras kam zu ihr, um ihr am frühen Morgen einen Becher mit Tee zu bringen. Gemeinsam betrachteten sie die Senke um die Schlucht herum, die sich in ein immenses Heerlager verwandelt hatte.
»Weißt du, was das alles zu bedeuten hat?« Die hochgewachsene Untergründige hielt den Blick nach unten gerichtet.
Goda wusste, was sie meinte. Die Scheusale hatten merkwürdige Markierungen auf dem Felsboden angebracht, die von den Festungen aus ein Muster ergaben. Sie schätzte, dass es sich um magische Vorbereitungen und weniger um Aufmarschhilfen für die Heeresabteilungen handelte. Zwar lagerten mittlerweile mehrere Hundert rings um die Schlucht, doch noch wies nichts auf einen bevorstehenden Angriff hin. Umgeben von ihrem Kriegsgerät, warteten sie. In aller Ruhe.
»Nein«, gab sie langsam zur Antwort. »Es könnten Runen sein, doch ich vermag nicht, sie zu lesen.«
»Dann bereitet es mir noch mehr Sorgen.« Kiras lehnte sich an die Zinne. »Ich habe mich umgehört, und niemand konnte sich die Zeichnungen erklären.«
»Sie kommen aus einem fremden Land. Sie werden unsere Sprache und Schrift ebenso für unverständlich halten.«
»Das Wesen, das sich als Tungdil ausgibt, könnte sie übersetzen.« Kiras sah kurz zu Goda.
»Es ist nicht hier. Wir müssen sehen, wie wir ohne es zurechtkommen. Außerdem würde es uns anlügen.« Die Zwergin nahm ein Blatt hervor, auf dem sie die Zeichen der Fremden exakt aufgemalt hatte, und überprüfte sie auf Vollständigkeit. »Sie haben wieder etwas verändert«, stellte sie fest, legte das Papier auf die Mauer und suchte aus ihrer Tasche Federkiel und Tinte. Säuberlich übertrug sie die neuen Symbole und versuchte, etwas Bekanntes in dem Muster auszumachen. Vergebens.
»Was hat es mit den Versuchen auf sich, die du die Krieger mit den Spiegeln machen lässt?«, fragte Kiras. »Sobald die Sonne kräftig scheint, sieht man sie zusammenstehen.« »Nur eine Spinnerei. Ich möchte eine Sache näher ergründen.«
Ein Ubari brachte ihnen neue Nachrichten sowie einen Zwerg in einer schwarzen Rüstung. Er wartete zwei Schritte hinter dem Ubari und wirkte nicht sonderlich ängstlich. Goda und Kiras tauschten einen raschen Blick. »Herrin, er sagt, dass er von Tungdil Goldhand geschickt worden sei«, stellte er den Besucher vor und winkte ihn näher. »Sprich.«