Der Zwerg verneigte sich. »Ich bin Jarkalin Schwarzfaust, Reiter der Schwarzen Schwadron, die mit dem Großkönig in den Süden zieht, um Lot-Ionan zu töten.« Kiras musterte ihn. »Tragen denn alle, die Goldhand begleiten, neuerdings Schwarz? Er zieht das Schlechte wohl an.«
»Erzähle, wie ihr zu ihm gestoßen seid«, verlangte Goda und ließ sich die Botschaften aushändigen. Jarkalin gab ihr zwei Lederrollen, der Ubari ein gesiegeltes Wachstuch, in das ein Schreiben eingeschlagen war; das Emblem der einen Lederrolle war ihr fremd. »Von wem ist das?«
Jarkalin verneigte sich. »Von Aiphatön, dem Kaiser der Albae.«
Kiras und Goda starrten ihn an, als habe er sich vor ihren Augen in ein Kaninchen mit Reißzähnen verwandelt.
Jarkalin erstattete einen knappen Bericht von den Ereignissen. »... Daraufhin setzte sich der Zug mit Großkönig Tungdil nach Süden in Bewegung. Ich und zwanzig andere wurden als Boten ausgesandt, um unter anderem Euch in Kenntnis zu setzen«, kam er zum Ende. »Auf dem Rückweg zur Festung bekam ich von Aiphatön eine Nachricht für Euch.« Er verneigte sich. »Ich werde warten, welche Nachricht Ihr mir für den Großkönig geben möchtet.« Jarkalin trat drei Schritte zurück, damit die Maga lesen konnte.
»Aiphatön ist zu einem ungewollten Verbündeten geworden.« Goda war von der Entwicklung der Ereignisse überrascht. »Anscheinend ist Vraccas doch mit Tungdil.« »Oder ein anderer Gott, um uns zu täuschen.« Kiras Gesicht sah düster aus. Goda öffnete zuerst die Nachricht von Ingrimmsch an sie, in der in wenigen Worten geschrieben stand, was Jarkalin ihr soeben berichtet hatte. Aiphatön schrieb ihr, dass sich die Albae auf den Marsch begeben und den Feldzug gegen Lot-Ionan begonnen hätten.
»Der Kaiser rechnet nicht vor Ende des Sommers mit dem Abschluss des Krieges. So lange müsste die Schlucht unter allen Umständen gehalten werden«, sagte sie zu Kiras und ließ ihre Blicke über den Schirm schweifen. »Aus dem Gefühl heraus würde ich vermuten, dass unsere Feinde nicht mehr so lange warten. Es ist eine trügerische Ruhe, die uns vorgegaukelt werden soll.« Ihr fiel auf, wie unterschiedlich die Handschriften des Albs und von Ingrimmsch waren: geschwungen, grazil und doch nicht zu verspielt gegen gerade Linien, einen festen Druck auf die Kielspitze und einige schwarze Flecken auf dem Papier, wo der Zwerg nicht ganz achtgegeben hatte.
»Ein Ausfall?«, schlug Kiras vor.
Goda seufzte. Mit diesem Gedanken hatte sie auch des Öfteren gespielt. Es würde ausreichen, die Kriegsgeräte zu vernichten. Die Scheusale hatten lange benötigt, um sie zu errichten, und es kostete sie immens viel Zeit, neue aufzustellen. »Dazu müsste ich die Barriere öffnen. Es wird mich viel Kraft kosten, und ich kann dir nicht sagen, wie lange ich die Lücke halten kann.« Sie öffnete den nächsten Brief. Er stammte von den Freien, die ihr mitteilten, dass sie gleichermaßen ein Kontingent zu Tungdil gesandt hätten. Die Belagerung durch die Albae und die Dritten war beendet worden - durch die Verhandlungen beziehungsweise Anordnung des Großkönigs. »Sie sind froh und glücklich, dass der Held zurückgekehrt ist, um die Zwergenstämme zu einen und gemeinsam zu führen«, lassie Kiras vor, deren Gesicht sich voller Widerwille verzog. »Sie sehen Tungdil Goldhand bereits jetzt als größten aller Zwergenherrscher, der die Stämme einte und nach dem Sieg über Lot-Ionan dauerhaften Frieden unter ihnen bringen wird.« »Warum fühle ich mich so hilflos und zornig?«, rief die Untergründige verzweifelt gegen den Himmel. »Sollte ich bei so viel guten Nachrichten nicht glücklich sein?« Goda drückte sie an sich. »Mir ergeht es genauso. Wir sind die Einzigen, die daran glauben, dass es ein Wesen der Finsternis ist, das aus der Schlucht zurückkehrte.« »Und es vereint die Bösen unter seinem Banner, ohne dass es die anderen merken.« Kiras knirschte mit den Zähnen. »Ich schwöre, dass Tungdils Pakt mit Aiphatön ganz anderer Natur ist.« Ihre Augen leuchteten. »Natürlich! Es geht das Umgekehrte vor!« Goda verstand nicht, was sie meinte. »Erkläre es mir.«
Sie deutete auf den Schirm. »Tungdil sammelt die Schrecken zu einem Heer zusammen: Aiphatön, Lot-Ionan, er und diese Bestien aus der Schwarzen Schlucht mit ihrem magischen Anführer. Er wird sie nicht vernichten, sondern sie zusammenschließen wollen. Ein Heer, das niemand mehr aufhält.« Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Bei Ubar! Bewahre uns davor, dass meine schreckliche Befürchtung Gewissheit wird.«
Goda öffnete eine weitere Nachricht. Verblüfft senkte sie den Brief. »Er ist von Rognor Sterbenshieb, dem König der Dritten... Er schreibt, dass er seine Truppen aus dem Braunen Gebirge und aus den Höhlen der Freien abzieht, um sich gegen Lot-Ionan zu richten.« Sie leerte ihren Becher. »Du siehst mich fassungslos, Kiras. Fassungslos bis ins Mark!«
»Sämtliche Dämonen und bösen Geister stehen Goldhand bei«, giftete sie und schlug gegen die Zinne. »Er muss Sterbenshieb mit einem Zauber belegt haben, um seinen Verstand weich zu machen und seinen Willen zu beherrschen.«
»Es gibt keinen derartigen Zauber.«
»Keinen, den du kennst, Goda.« Die Untergründige stand kurz vorm Weinen - jedoch aus Wut. »Niemand sieht, was wir sehen«, flüsterte sie verzweifelt. »Sie rennen ihm nach. Ins Verderben.« Sie barg den Kopf in ihren Händen. »Das wird er ihnen bringen: Verderben«, sagte sie undeutlich.
Die Maga überflog nochmals die Schreiben, um sicherzugehen, nichts davon falsch verstanden zu haben, danach rief sie den Ubari zu sich. »Trommele die Offiziere zusammen. Sie sollen sich in den Besprechungsraum begeben. Wir werden einen Ausfall unternehmen.«
Kiras richtete sich auf und wischte verstohlen eine Träne von ihrer Wange. »Ich gehe mit«, verkündete sie. »Ich will mit eigenen Augen und aus der Nähe sehen, was sich getan hat.«
Goda warf ihr einen besorgten Blick zu.
Knarrend und rumpelnd setzte sich der Öffnungsmechanismus des großen Südtors, vor dem die vierhundert Mann starke Truppe Aufstellung genommen hatte, in Gang. Die Spitze bildeten einhundert Zwerge, danach folgten zweihundert Ubariu sowie einhundert Untergründige; am Schluss gingen einhundert Menschen, Bogen- und Armbrustschützen, um den Kriegern Deckung zu geben und feindliche Angriffe im Keim zu ersticken.
Goda schaute zu ihrer Tochter Sanda und ihren Sohn Bandaäl, die neben Kiras vorne bei den Zwergen standen. Sie waren die magisch Begabten ihrer Kinder und einigermaßen im Umgang mit Sprüchen und Formeln erprobt. Beide winkten ihrer Mutter.
Die Maga sandte sie deswegen mit, um notfalls einen Schutz gegen feindliche Zauberangriffe sprechen zu können. Es bereitete ihr Unbehagen, ihr Fleisch und Blut auf die andere Seite zu schicken, aber es gab keine andere Möglichkeit. Denn sie selbst würde genug damit zu tun haben, die Lücke im Schirm offen zu halten; das gelang ihren Kindern nicht.
Und noch einer ihrer Nachkommen befand sich unter den Tapferen. Er hatte sich durch nichts an dem Oberbefehl über das Kommando hindern lassen: Boendalin Machtschlag, ihr ältester Sohn, ein herausragender Kämpfer wie sein Vater. Er stand stolz in der ersten Reihe, den Schild und das zweischneidige Beil haltend. Er grüßte seine Mutter mit einem selbstbewussten Nicken, seine Augen leuchteten vor Kampfeslust. Sein heißes Blut kontrollierte er besser als Ingrimmsch, weswegen sie ihm getrost die Führung überlassen konnte. Und er führte seine Waffen besser als jeder Kämpfer in Übeldamm.
Ein Spalt entstand zwischen den Torflügeln, und rotes Schimmern leuchtete hindurch. »Vraccas sei mit euch«, rief Goda laut. »Ihr habt eure Befehle:Geht und vernichtet so viel, wie es euch möglich ist, und kehrt unverzüglich wieder, wenn die Gegenwehr zu stark wird. Sich aufopfernde Helden benötigen wir für einen anderen Umlauf.«