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Der Zwerg hielt den Kopf leicht gesenkt. Eine schwarze Haarsträhne hing ihm in die Stirn und tanzte im leichten Wind. Ohne dass er etwas sagte, flammten schwarze Lohen um die Hammerköpfe auf, und er hob langsam die Arme.

Kiras schob sich vor die Geschwister und packte ihr Schwertbeil. »Versucht, bis zum Tor zu gelangen«, sagte sie. Sie fürchtete sich wie niemals in ihrem Leben zuvor, und sie wusste, dass man es ihr ansah. Bandaäl und Sanda wollten sie nicht allein zurücklassen. »Tut es!«, herrschte die Untergründige sie an. »Ihr seid mehr wert als ich.« Die Geschwister liefen los, und der Zwerg ließ sie passieren. Er hielt die braunen Augen auf Kiras gerichtet. Die Mimik war ausdruckslos, nur auf seinen Wangen zeigte sich Bewegung. Sollte es ein Lächeln sein?

Kiras würgte Speichel die trockene Kehle hinab, er rann zäher als Sirup den Schlund nach unten. »Greif an, wenn du mich tot sehen willst!«, rief sie dem Zwerg entgegen und richtete die Spitze ihrer Waffe gegen ihn. »Du wirst dich wundern...« Mehr konnte sie nicht mehr sagen.

Der Zwerg bewegte sich so schnell, dass sie seine Handlungen nicht nachvollziehen konnte. Unerwartet stand er neben ihr und schlug ihr den brennenden Hammer gegen die Brust. Ihr Panzer stand an dieser Stelle sofort in Flammen, auch wenn es im Grunde nichts daran gab, was derart gut Feuer fing.

Der zweite Hammer traf sie gegen den Hinterkopf, und siebrach nahezu ohnmächtig zusammen. Sie hörte das Knistern der Lohen sehr nah an ihrem Ohr. Es scherte das Metall ihres Helmes offenbar nicht, dass es eigentlich nicht brennen konnte. Wo die Waffen des Zwerges einschlugen, loderte es.

Im Fallen streifte sie sich den Helm ab und rollte sich auf den Bauch, um den Brand auf ihrer Brust zu ersticken.

Ein Fuß drehte sie auf den Rücken, und das fürchterliche Gesicht ihres Feindes war unmittelbar vor ihr. Wieder schaute er sie an, ein Hammer schwebte vor ihr. Das schwarze Feuer um ihn war erloschen, doch die Hitze, die davon ausging, war deutlich spürbar. Er presste ihr den Kopf gegen die Stirn, zischend brannte sich das Metall in ihr Fleisch.

Kiras schrie auf und verlor das Bewusstsein.

Goda sah die leuchtende Wand auf die Flüchtenden zukommen und vergaß alles, was sie sich vorgenommen hatte. Drei ihrer Kinder standen im Begriff, ihr Leben zu lassen. Untätigkeit würde ihr weder Ingrimmsch noch sie selbst sich jemals vergeben können. Sie sprang durch die Lücke und ließ den Zauber fallen, der die Barriere geöffnet hatte, um Boendalin entgegenzueilen und seine Truppe vor dem magischen Angriff zu bewahren.

Goda überlegte fieberhaft, was sie der Wand entgegenzusetzen hatte. Der feindliche Magus beherrschte große Kräfte. Diese schimmernde Mauer aus Dornen raste von hinten gegen die Truppe, die sich auf einen Befehl hin umwandte und sich hinter den Schilden zu schützen versuchte.

Die Maga keuchte, es waren noch gute dreihundert Schritt bis zu ihrem ältesten Sohn. Sie hatte begriffen, dass es ihr niemals gelingen würde, sämtliche Krieger vor dem Angriff zu schützen. Ihre linke Hand hielt zwei Dutzend Splitter in der Hand. Sie würden auch nichts ausrichten.

»Nimm sie gnädig bei dir in der ewigen Schmiede auf«, betete Goda und wob einen Schutzzauber, den sie allein um Boendalin legte. Er verschwand in einem Flimmern. Dann war die Lichtmauer heran und krachte gegen die Truppe.

Es schmerzte sie, den Untergang so vieler tapferer Seelen mit ansehen zu müssen. Die Spieße durchbohrten die Schilde und Rüstungen, schoben sich durch die Leiber und drückten die Toten gegen die Lebenden, bis sie sich vor der Mauer auftürmten wie Sand an einem umgedrehten Schaufelblatt; letztlich erlosch die Wand und löste sich auf, und die Leichen kullerten auseinander, verteilten sich durch den restlichen Schwung auf der Erde.

»Boendalin!«, schrie sie und rannte weiter. Sie sah ihn, umgeben vom Schimmern, vor den Getöteten stehen. Er konnte es nicht fassen, dass er verschont worden war und die anderen nicht. »Komm hier herüber!«, rief Goda. Die Splitter zerfielen zwischen ihren Fingern und verteilten sich im Wind.

Dichte Staubschleier wehten und raubten ihr die Sicht. Aus Furcht vor einer weiteren Attacke fasste sie wieder in die Tasche. Sie überschlug grob die Anzahl der Splitter und merkte, dass die Hälfte ihres Vorrats aufgebraucht war. Wieder rief sie den Namen ihres Sohnes.

»Hier, Mutter«, keuchte er vor ihr und kam durch den Nebel aus Dreck auf sie zu. Er hatte den Arm schützend vor Mund und Nase gelegt, die Augen waren leicht zusammengekniffen. »Was ist geschehen?«

»Der Magus hat...« Goda sah durch die sich lichtenden Schwaden hindurch Bandaäl und Sanda zusammen mit Kiras vor einem Zwerg in einer rötlich-gelben Rüstung stehen, der ihr den Rücken zuwandte, als müsse er sie nicht fürchten. Oder er hatte sie noch nicht bemerkt? »Ist er das?«

Boendalin blickte zwischen seinen Geschwistern und den Leichen der Soldaten hin und her. »Wieso hast du nicht uns alle gerettet?«, fragte er heiser.

Die Hammerköpfe wurden plötzlich von schwarzen Lohen umspielt.

»Er greift sie an!« Goda bereitete in tiefster Sorge einen Zauber vor.

Bandaäl und Sanda liefen rechts und links an dem Unbekannten vorüber, während sich die Untergründige bereit machte, gegen den Zwerg zu kämpfen.

Boendalin wollte zu ihr eilen, aber Goda hielt ihn zurück. »Du kannst ihr nicht gegen diesen Feind beistehen. Dazu bedarf es einzig und allein meiner Kräfte.« Sie hatte sich für einen weiteren Angriffsspruch entschieden, der den Zwerg mit mehrfachen Blitzeinschlägen überschütten sollte. Aber bevor sie den Spruch vollendet hatte, fällte der Gegner Kiras mit zwei Schlägen, dann drückte er der Liegenden den Hammer ins Gesicht; die Untergründige regte sich nicht mehr.

Goda ließ den Energien freien Lauf. Aus allen zehn Fingern zuckten Blitze auf den Zwerg zu, der den Kopf hob, die Stiele seiner Hämmer überkreuzte und sie an den ausgestreckten Armen nach vorn reckte. Bandaäl und Sanda hatten ihre Mutter erreicht und sahen, was sich tat. Die gleißenden Bahnen überbrückten die Entfernung in zackigen Linien, überholten sich gegenseitig, fielen zurück, als wollten sie ein Wettrennen veranstalten, wer den Zwerg zuerst erreichte.

Der erste Blitz schlug in den vorderen Hammerkopf ein und entlud seine Macht. Noch heller als die Energie selbst leuchteten die Symbole auf dem Metall auf, und schon erfolgte der nächste Einschlag.

Der Zwerg wurde durch die Stärke nach hinten geschoben, seine Sohlen zogen tiefe Furchen in den lockeren Boden - aber weder verging noch stürzte er! Nachdem der letzte Strahl gegen ihn geprallt war, senkte er die Arme langsam, drehte den Oberkörper leicht und spreizte erneut die Arme ab. Eine Pose der vollkommenen Überlegenheit.

Dann wandte er sich einfach ab und schritt zu seinen Bestien zurück. Kiras ließ er achtlos auf dem Boden liegen.

Abrupt kreiselte er herum, die Hämmer gegen die Maga gerichtet. Zwei Runen auf seiner Panzerung leuchteten auf und schienen mit ihrem Schimmern einen Edelstein zu speisen, der in Höhe des Sonnengeflechts auf seiner Brust lag. Er erstrahlte, und ein ockerfarbener, armdicker Strahl löste sich daraus. Die Waffenköpfe dienten als seitliche Begrenzung, und es schien, als steuere der Zwerg den Strahl damit.

Mit einem tiefen, gefährlichen Brummen flog er auf Goda und ihre Kinder zu; die Erde, die sich unter ihm befand, verbrannte und färbte sich schwarz.

Goda langte wieder in die Tasche und schuf einen hastigen Gegenzauber, an dem die feindliche Magie mit einem lauten Knistern und Knirschen porzellangleich zerplatzte. Die Hitze, mit der sie dennoch überschüttet wurden, raubte ihnen den Atem und ließ Barte, Brauen und vorwitzige Haarsträhnen versengt zurück. Sie mussten die Lider schließen, um die Augen vorm Austrocknen zu schützen.

Als sie sie wieder hoben, war der Zwerg verschwunden. Die Scheusale standen abwartend in vierhundert Schritt Entfernung am Eingang der Schlucht und sahen zu ihnen herüber. »Holt Kiras«, befahl Goda heiser und sah sich um. Der Magus hatte sich schier unsichtbar gemacht.