Boendalin spurtete davon, warf sich die Untergründige über die Schulter und kehrte mit ihr zurück.
Da schrien die Ungeheuer auf und hetzten auf sie zu.
Rechtzeitig genug gelangten sie an die Barriere, dahinter lag das rettende Südtor. Goda sammelte die letzten Reste ihrer Konzentration und zwang den rötlichem Schirm ein weiteres Mal, eine Lücke für sie zu öffnen.
Mit Mühe und Not gelang es ihr, als Letzte kehrte sie in die Festung zurück. Doch auch als das Tor hinter ihr geschlossen wurde, fühlte sie sich keinesfalls sicher. Die Macht des entstellten Zwerges übertraf ihre Befürchtungen bei Weitem.
Boendalin legte Kiras auf eine Trage. »Sieh nach ihr, Mutter«, bat er und benetzte ihr Gesicht mit Wasser.
Die Soldaten um sie herum und auf den Wehrgängen über ihnen bedachten die Rückkehrer mit mitleidigen Blicken; der ein oder andere hatte seine Vorhaltungen wegen des schlechten Ausgangs und des Todes so vieler Kampfgefährten offen im Gesicht stehen. Der Zwerg seufzte schwer.
Goda prüfte den Herzschlag der Untergründigen. »Es ist alles in Ordnung«, beruhigte sie Boendalin und ihre anderen beiden Kinder, die voller Sorge neben dem Lager warteten. »Außer der Brandwunde im Gesicht hat sie keine weiteren Schäden davongetragen.«
Die Maga kannte das Zeichen nicht, das der feindliche Magus Kiras in die Stirn gebrannt hatte. Sollte es eine Demütigung sein? Weswegen hatte er sie verschont - wegen ihrer dummen Tapferkeit?
»Es ist meine Schuld«, sagte Boendalin neben Goda. Er klang mehr als niedergeschlagen. »Wir hätten uns zurückziehen sollen, nachdem wir die Katapulte vernichtet hatten. Nur weil ich die Truppe unbedingt noch gegen die Masten habe führen wollen, sind sie tot.« Er hob den Kopf. »Es ist meine Schuld«, rief er den schweigenden Kämpfern auf den Mauern zu.
»Unsinn. Es ist Krieg, und dabei sterben Menschen, Zwerge, Ubariu und Untergründige«, widersprach Goda und richtete sich auf. »Jeder von ihnen wusste, dass es ein äußerst gefährliches Unterfangen war. Sie haben sich freiwillig gemeldet, um dich zu begleiten.« Boendalin ließ sich nicht von ihr trösten. »Ich sollte bei ihnen da draußen liegen.« Er senkte die Stimme. »Ich verdanke es deiner Kunst, dass ich noch lebe. Nicht meinen starken Armen oder meinen Fähigkeiten als Kommandant. Darin habe ich heute versagt. Ich werde diesen Umlauf niemals mehr vergessen, mein ganzes Leben nicht. Jeder einzelne Name der Toten wird mich daran erinnern, ein besserer Feldherr zu sein.« Er wollte gehen.
Goda berührte ihn an der Schulter. »Und trotzdem war es ein Erfolg. Das Lager ist abgebrannt, und die Katapulte sind vernichtet. Sie haben ihr Leben nicht umsonst gegeben.«
»Sie hätten ihr Leben gar nicht verloren. Ohne meine zweite Anweisung.« Er ließ sie stehen und ging zu seiner Unterkunft.
Sanda und Bandaäl kamen zu ihr und bedankten sich für ihre Rettung mit langen, tränenreichen Umarmungen. Goda sandte sie weg, damit sie sich ausruhten. Sie stieg in den Aufzug, um sich vom Turm aus einen Überblick zu verschaffen: Sie hatte nicht gelogen, denn der Ausfall hatte ihnen zum einen wertvolle Zeit und zum anderen die Erkenntnis geliefert, dass sie den Magus auf der anderen Seite niemals allein bezwingen würden.
Ihre Blicke schweiften über die Barriere, unter der dicke Qualmwolken hingen. Trotz aller Verluste blieb sie bei der Meinung, dass sie einen Erfolg gegen die Scheusale errungen hatten. Einen zweischneidigen.
Bis zum Sommer müssen wir ausharren, Vraccas, betete sie stumm. Ihre Hand tauchte in die Tasche und fand darin abgesehen von sehr, sehr viel Staub vier Diamantsplitter. Die letzten...
XXI
Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Rän Ribastur, einstige Grenze im Nordwesten, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.
Die Luft war kühl und frisch, doch tat die Sonne ihr Bestes, damit den Reisenden nicht zu kalt wurde. Die zarten goldenen Strahlen schimmerten durch das dichte grüne Blattwerk über ihnen. Es roch nach Erwachen, nach aufblühender Natur und ersten Blumen.
Sie ritten nicht allzu schnell, um keinesfalls vor Aiphatön und seinen Albae im Blauen Gebirge anzukommen. An der Spitze befanden sich Tungdil und Ingrimmsch, dann folgten einige Zhadär und Barskalin, in der Mitte ritten die Menschen sowie Slin und Balyndar, den Schluss bildeten die verbliebenen Unsichtbaren.
»Unsere Nachrichten sind sicherlich alle schon überbracht worden.« Ingrimmsch blinzelte in die Sonne. »Was Goda wohl dazu gesagt hat? Dass wir solche Erfolge vorweisen können?«
»Weil sie ihre Zweifel an mir nicht abgelegt hat? Im Gegensatz zu dir?«, vermutete Tungdil. »Es wird sie davon nicht abbringen. Wäre ich an ihrer Stelle, könnte man darin sogar eine Bestätigung für meine Schlechtigkeit sehen«, sagte er belustigt. »Die Albae und ich, dazu die Schwarze Schwadron und die Zhadär als Verbündete - das ist doch eine Ansammlung von bösen Buben.« Er lachte und klang wie der alte Gelehrte. Wenn du wüsstest, woran ich gedacht habe. Ingrimmsch hoffte, dass sein Freund ihm nicht ansah, dass er diese Gedanken vor Kurzem selbst gehabt hatte. Zu all dem kamen noch die schwarzen Striche auf dem Gesicht und die Unerklärlichkeiten im Auge. Er rang sich ebenfalls ein Lachen ab. »Ja, eine Truppe, von der Nödonn geträumt hätte. Damals.«
»Das ist schon sehr lange her.« Tungdil warf einen kurzen Blick über die Schulter. »Alles läuft zu unserer Zufriedenheit, auch wenn uns einiges davon in den Schoß fiel.«
»Ich bin gespannt, ob sich die Ersten blicken lassen. Vraccas möge sie unsere Botschaft rasch finden lassen.« Ingrimmsch ließ die Zügel seines Ponys schleifen, es trottete gemütlich den Weg entlang. »Die Weichen sind gestellt wie in einem Schnelltunnel. In dem ich wesentlich lieber reisen möchte.«
»Wenn du unter Wasser atmen kannst, bitte sehr.«
»Schlimmer hätte sich Elria nicht an uns Zwergen rächen können, oder? Uns fast das gesamte Wasser von Weyurn in die Tunnel laufen zu lassen.« Ingrimmsch sah nach vorn, wo die Straße in einer geschätzten Meile Entfernung den Wald verließ und zwischen Wiesen geradeaus führte. »Wir haben noch keinen einzigen Menschen zu Gesicht bekommen. Oder etwas anderes.«
»Hast du die Geschichten auch gehört, die Rodario über Rän Ribastur erzählt hat?« Tungdil grinste, und wie immer in solchen Augenblicken fühlte sich Ingrimmsch sehr wohl neben ihm. Wie zu alten Umläufen... und das Gefühl vermittelte Geborgenheit und Vertrauen. »Magische Tiere, welche sich die Famuli gegenseitig auf den Hals gehetzt haben, verzauberte Landstriche, in denen die Natur die Wanderer ins Verderben reißt.« Er klopfte sich gegen die Rüstung. »Ich bin sicher, solange ich sie trage.«
Wann hat er die eigentlich wahrend der Reise ausgezogen? Ingrimmsch versuchte sich zu erinnern, wann er Tungdil zum letzten Mal ohne seine Panzerung gesehen hatte. Seit sie sich auf dem Weg zu Lot-Ionan befanden, nicht mehr. Und dennoch stank er nicht, er beschwerte sich nicht, er schlief - nicht?
Hufschlag näherte sich ihnen, und die blonde Ido erschien an Tungdils Seite. »Verzeih mir die Unterbrechung, aber ich kann nicht länger schweigen«, sagte sie ohne Umschweife und schaute zuerst zu Ingrimmsch. »Ich muss mit dir sprechen, Goldhand.«
»Was ich höre, darf auch Ingrimmsch hören«, sagte der Einäugige, und Boindil wertete es als weitere Bestätigung dafür, es mit dem wahren Tungdil zu tun zu haben. Mallenia nickte. »Es geht um die Königin. Du solltest wissen, dass sie kaum mehr Magie in sich trägt.«
Aha. Es wäre auch zu schön gewesen. Ingrimmschs Augenbrauen wanderten langsam nach oben, bis sie fast an den Haaransatz stießen, doch er sagte nichts. »Woher wollt Ihr das wissen?«, hakte Tungdil nach.