»Sie hat es mir selbst gestanden.« Mallenia legte eine Hand an den Griff ihres Schwertes. »Es war mir wichtig, dass du es weißt.« »Warum hat sie es nicht selbst gesagt?«, entfuhr es Ingrimmsch. »Was bringt es, wenn wir sie für eine ebenbürtige Gegnerin für Lot-Ionan halten, und beim ersten Zusammentreffen kommt anstelle einer Feuersbrunst nichts weiter als ein armseliges Flämmlein aus ihren Fingern?«
»Ich kann es euch nicht sagen. Sie hatte gehofft, dass sich eine Quelle im Roten Gebirge befindet, aber dem war wohl nicht so.« Mallenias Blick war entschuldigend. »Ich hätte euch gern mit angenehmeren Neuigkeiten versorgt.«
»Heiliger Hammer!« Ingrimmsch fluchte noch eine Weile, bis er grollte: »Was nun?« Tungdil rieb sich über den kurzen braunen Bart. »Also müssen wir dafür sorgen, dass die Maga kein einziges Mal Magie zu ihrer oder unserer Verteidigung einsetzt und sie ihre verbliebenen Kräfte aufspart, bis wir sie zu Lot-Ionan geführt haben. Dort werden wir eine Möglichkeit finden, sie zur Quelle zu bringen und sie neue Energie schöpfen zu lassen«, sagte er überlegen. Es schien ihn nicht sonderlich zu beunruhigen, dass ihre wichtigste Waffe weitaus weniger Durchschlagskraft besaß als angenommen. »Wir werden die anderen aber nicht in Kenntnis setzen. Sie sollen glauben, dass die Maga ihre gesamte Macht innehat. Mit der Königin spreche ich bei Gelegenheit.« Er befahl dem Tross, unmittelbar vor dem Ausgang aus dem Wald zur Rast anzuhalten. »Es wird ein Geheimnis zwischen uns bleiben. Lassen wir den anderen vorerst die Illusion.« »Und wie willst du...« Ingrimmsch konnte nicht weitersprechen, weil Tungdil sein Pony wendete und sich im Sattel reckte.
»Hört zu«, rief er der Gruppe zu. »Wir befinden uns auf dem Boden von Rän Ribastur, und einige unter uns wissen um die möglichen Gefahren, die auf uns lauern.« Er zeigte auf Coira. »Sie wird jedoch ihre Magie nicht einsetzen. Die Königin begleitet uns gegen Lot-Ionan und ist nicht dazu da, uns gegen Räuber, Fabelwesen und dergleichen zu beschützen. Wir sind Zwerge und wissen uns selbst zu verteidigen!« Zustimmung wurde laut. »Daher: Verlasst euch nicht auf die Magie der Königin. Sie wird sie nicht zum Einsatz bringen, auch nicht bei Lebensgefahr von einem von uns. Im Gegenteiclass="underline" Wir stehen mit unserem Leben dafür, dass sie im Blauen Gebirge ankommt, ohne einen einzigen Zauber gesprochen zu haben. Seid immer wachsam und meldet jede noch so kleine Regung im Unterholz.« Er hob Blutdürster. »Unser Stahl wird mit allem fertig!«
Zur neuerlichen Bestätigung klopften die Zwerge und die Zhadär gegen ihre Rüstungen, dann saßen sie ab und bereiteten ein Lager vor.
Ingrimmsch griente seinen Freund an. Mit dieser scheinbar harmlosen und zugleich vernünftigen Ankündigung hatte er alle Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Gewitztwie eh und je.
Rodario, der mittlerweile ein Kinnbärtchen und einen dünnen Schnauzer ganz nach dem Vorbild seines Ahnen trug und ihm damit zum Verwechseln ähnlich sah, richtete seine Decke unter dem Segeltuch, das als Schutz vor Sonne und Regen dienen sollte. Er hatte sich einen Grünlavendelbaum ausgesucht, die starken Zweige boten dem Segeltuch genügend Halt. Als er zu Königin Coira sah, bemerkte er, dass sie Schwierigkeiten damit hatte, ihr Lager aufzubauen. Er kroch zu ihr. »Lasst mich helfen, Hoheit.«
»Das müsst Ihr nicht«, sagte sie und lächelte dankbar.
»Ich helfe gern.«
»Ich meinte das mit der Hoheit. Ich dachte, ich hätte es Euch bereits gesagt. Wir haben zu viel zusammen erlebt, und daher gewähre ich Euch dieses Privileg.«
Rodario erwiderte die Freundlichkeit und glättete die Decke, rollte ihre Ersatzkleidung zusammen und formte daraus ein Kopfkissen. »Bitte, sehr. Euer Himmelbett ist nun bezogen.«
Sie legte sich lachend nieder und rutschte hin und her. »Nicht wie zu Hause, aber ich werde sicherlich gut schlafen. Bei der Luft. Auch wenn ich das Geschrei der Möwen vermisse.«
»Ach, Ihr werdet sehen: Wir kitten den Seeboden und lassen die Wanne, wie ich Euer Reich zu nennen pflege, wieder bis zum Rand volllaufen.« Er zwinkerte. »Nicht weit von unserem Lager hat es einen kleinen Bach mit einem Wasserfall.« Er streifte sich die Rüstung und mehrere Lagen seiner Kleidung bis aufs Untergewand ab. »Ich weiß nicht, wie es Euch ergeht, aber ich sehne mich nach einem Bad... oder zumindest weniger Dreck auf meiner Haut, als ich derzeit auf mir trage.« Er streckte die Hand aus. »Wenn Ihr mit mir gehen möchtet?«
Sie lachte. »Wird das ein Verführungsversuch?«
»Aber nicht doch! Ich halte am Ufer Wache, während Ihr Euch wascht, und später halten wir es umgekehrt.«
Coira verlor das Lachen, sie wirkte unruhig und bedrückt. »Nein. Ich bleibe lieber im Schutz der Zwerge. Ihr hattet von den Wesen berichtet, die den Wanderern auflauern, und auch wenn ich nicht blond bin...« »Mallenia hat Euch vom Xolototh erzählt?« Rodario sah zur Ido, die unweit von ihnen ihr Lager richtete und zu ihnen herüberwinkte.
»Und dass es zu einem neuerlichen Kuss kam, ja. Aber anscheinend hat sie Euch dieses Mal überrascht«, kam sie nicht umhin, mit einem schadenfrohen Grinsen anzumerken. »Da ich den Xolototh zwar nicht fürchten muss, habe ich aber immer noch genügend Respekt vor den vielen anderen verwunschenen Lebewesen und Pflanzen in Rän Ribastur.« Sie setzte sich auf die Decke. »Geht nur, Rodario.«
Er nickte und sah enttäuscht aus, dann verschwand er zwischen den Büschen. Coira atmete auf. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie ihre eigenen Gefühle gut genug überspielt hatte. Gerade ein so guter Mime wie er würde merken, wann das Gegenüber ihm etwas vormachte und wann nicht.
Was Rodario folgerichtig nicht ahnen konnte: Sie hätte ihn liebend gern begleitet. Und sie wäre auch mit ihm gemeinsam ins Wasser gestiegen.
Coira sah zu Mallenia hinüber, die von ihrer Art, ihrem Wesen und der Statur her das gänzliche Gegenteil zu ihr darstellte. Und dennoch teilten sie die Liebe zu Rodario dem Siebten, das sah sie als sicher an.
Wo mag das hinführen?, fragte sie sich wahrscheinlich zum einhundertsiebenundzwanzigsten Mal. Sie legte sich hin und schloss die Augen. Doch Schlaf wollte sich nicht einstellen, ständig hatte sie den Mann vor Augen. Seufzend stand sie auf und sah sich kurz im Lager um, in dem Ruhe eingekehrt war. Niemand kümmerte sich um sie, also schlich sie sich durch das Unterholz, dem leisen Plätschern des Baches folgend.
Aus dem Plätschern wurde ein lauteres Sprudeln und Tosen, feine Gischtnebel überzogen die Blätter mit Tropfen.
Coira sah durch das grüne Laub und erkannte einen kleinen Wasserfall, nicht höher als sieben Schritt, und ein Becken von vielleicht acht Schritt im Durchmesser vor einer dunkelgrauen, glatten Felswand. Ranken wuchsen an dem Stein, Blumen wurden von Spritzern getroffen und schaukelten unablässig. Die Kleider des Schauspielers lagen am Steinufer, dort, wo sie nicht von der Gischt benässt werden konnten. Rodario selbst stand nackt mit dem Rücken zu ihr in theatralischer Haltung vor der Kaskade und bewegte die Arme; dann ging er auf und ab, zeigte der Frau sein Profil. Der Mund öffnete und schloss sich, anscheinend probte er für eine Rolle.
Coira grinste. Sie erlaubte ihren Blicken, abwärts bis zu seiner Hüfte zu wandern, aber das Gemächt sparte sie aus. Nicht, dass es sie nicht interessiert hätte, was er ihr als Mann zu bieten hätte. Ihr Anstand verbot es ihr. Vielleicht kam der Umlauf, an dem sie es bei anderer Gelegenheit zu Gesicht bekäme.
»Und? Wie macht er sich?«
Coira schrak zusammen, als die Frauenstimme hinter ihr erklang. Sie schaute über die Schulter zu Mallenia. »Ich habe mir Sorgen gemacht...«, suchte sie eine Ausflucht. »Sicher, Königin. Genau wie ich. Die Zhadär, die sich um unseren Rastplatz verteilt haben, sind bestimmt nicht in der Lage, uns zu beschützen«, sagte die Ido und grinste. »Hätte mir jemand geweissagt, dass ich neben der Herrscherin von Weyurn in einem Sura-Busch sitzen würde, um einem entblößten Mann beim Baden zuzuschauen, ich glaube, ich hätte ihn auf der Stelle niedergeschlagen.« Sie bog die Zweige zur Seite, um etwas sehen zu können. »Schau sich einer das an! Er hat eine sehr gute Figur. Die falsch genähten Kleider haben das bislang kaschiert.« Sie bemerkte, dass Coira nicht hinsah. »Gefällt er Euch nicht? Ich dachte, dass Ihr die Helden und gut Gewachsenen bevorzugt.«