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Wieder.

Und wieder.

»Euer Handschuh, Königin«, sagte Rodario heiser, die Gefühle machten ihn schier berauscht. Er hielt ihr das Leder hin. »Er ist Euch vom Arm geglitten, als ich Euch aus dem Wasser gezogen habe.«

Ohne nachzudenken, griff die junge Frau danach - und Rodario starrte ihren rechten Unterarm an. Das Glück auf seinen Zügen verschwand wie mit einem Prügel aus dem Gesicht geschlagen: Vom Ellenbogen abwärts war der Arm an einigen Stellen durchschimmernd und gläsern, während an anderen rohes, blutiges Fleisch samt Adern, Muskeln und Sehnen zu erkennen war, über denen eine durchsichtige Schicht lag. »Oh, ihr Götter!«, stotterte er. »Welch scheußliche...«

Coira sprang mit einem Schluchzen auf, raffte ihre Kleider an sich und rannte davon. Ingrimmsch saß neben Tungdil an dem kleinen Lagerfeuer, über dem sie Fleisch, Brote und Gemüse an Stöckchen rösteten. »0 wie schade, dass der Käse schon aufgebraucht ist.«

»An den Gestank erinnere ich mich immer noch. Bestens. Ausgerechnet daran!« Tungdil, der seinen Helm, die Handschuhe und die Beinschienen abgelegt hatte, kostete von seinem Fleisch, das vor nicht allzu langer Zeit als Hase durch die Gegend gelaufen war, und biss herzhaft zu. »Das ist mir lieber.«

Ingrimmsch betrachtete seine Ration kritischer.

Tungdil kaute zu Ende. »Was? Stinkt dir der Hase nicht genug?«

Er drehte und wendete den Spieß, als suche er einen Makel an dem einwandfreien Bissen. »Denkst du, er hat die Magie aufgenommen?«

»Welche Magie denn?«

»Ja, was weiß ich denn?«, rief Ingrimmsch besorgt aus. »Wenn er... eine Blume gefressen hat, die einer der Famuli verändert hat?«

»Glaubst du jetzt schon deine eigenen Geschichten? Oder sind das Weisheiten unseres Rodario-Sprosses?« Tungdil aß ungerührt weiter. »Man erzählt sich das eben.« Er sah sich um. »Wo ist er denn abgeblieben?« »Dort, wo auch Coira sein müsste.« Tungdil zeigte ins Gebüsch.

»Aha!«, machte Ingrimmsch mehr grinsend als sprechend.

»Baden. Nicht sich lieben«, verbesserte sein Freund. »Die Zhadär haben sie im Auge, wie Barskalin mir sagte. Sie sind vor Angriffen sicher.«

Ingrimmsch legte den gebratenen Hasen zurück. »Also doch.«

Tungdil seufzte. »Was - also doch!«

»Magie!«

»Nein, keine Magie, bei den Infamen!«, sagte Tungdil laut. »Ich sagte Angriffen. Durch irgendwelche Tiere oder sonstige unfreundlichen Zeitgenossen.« Er pochte mit einer Hand gegen den Boden. »Hier ist keine Magie. Und hier hat es niemals irgendwelche Famuli gegeben. Das Land ist sicher, und die Hasen sind es erst recht.« »Die Hasen sind aber nicht sicher vor uns gewesen.« Ingrimmsch blickte grienend auf die Runen auf Tungdils Panzerung und wurde wieder ernst. »Sie würden doch leuchten, wenn dir durch das Essen Schaden zugefügt würde?«

Langsam, ganz langsam senkte Tungdil sein Stöckchen. »Ja, das würde sie«, gab er grummelnd zurück, er stand kurz vor einem Ausbruch. »Gib mir deinen Hasen! Ich esse ihn sehr gern.«

»Schon gut, Gelehrter.« Ingrimmsch reichte ihn wirklich seinem Freund. »Aber nur einmal abbeißen, bitte«, sagte er.

»Was?«

»Abbeißen. Ich möchte einfach sehen, ob mein Hase so sicher ist wie deiner.« Ingrimmsch zeigte auf die Symbole. »Wenn sie flimmern, werde ich ihn nicht anfassen.« Er kreuzte die Arme vor der Brust. »Los, mach schon. Ich habe Hunger!« Tungdil starrte ihn fassungslos an, dann lachte er laut los. »Das hat mir so sehr auf der anderen Seite gefehlt, Ingrimmsch«, keuchte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. »Es gab niemanden dort wie dich.« Er biss in den Hasen, und als sich nichts auf seiner Rüstung tat, reichte er das Fleisch an seinen Freund zurück. »Ich werde froh sein, nach dieser Schlacht in Frieden leben zu können«, redete er weiter und nahm das Gemüse aus den kleinen Flämmchen. »Ich hoffe, dass ich damit überhaupt zurechtkomme.« Ingrimmsch aß den Hasen nun mit ordentlichem Appetit. »Mir gelang es. Gut, wir hatten zwar immer was zu tun in Übeldamm, und wir sprachen sehr oft über mögliche Schlachten, aber es war nicht so, dass wir im unentwegten Krieg lebten wie du. Damit zu rechnen und darin zu leben, sind sehr verschiedene Dinge.« Er zeigte mit dem Stöckchen auf Slin und Balyndar. »Falls du doch lieber kämpfen möchtest, kannst du ja mit dem Fünften zurückkehren. Ich habe gehört, dass an der Steinernen Pforte immer mal wieder was zu tun ist. Und da der Kordrion auch verschwunden ist, werden sich die ersten Scheusale bald auf den Weg machen.« »Mit meinem Sohn? Nein.«

Ingrimmsch hustete und sah Tungdil an, der ungerührt an seinem Gemüse nagte und etwas Gewürz darüberstreute, das aus getrockneten Ratokräutern und Salz bestand. »Du weifst es?«

»Sicher.«

»Woher?«

»Du redest im Schlaf, Ingrimmsch.« Tungdil grinste ihn über seine Knolle hinweg an. Und wieder wurde es dem Zwilling zu spät bewusst, dass er Opfer eines Scherzes geworden war. »Du veralberst mich.«

»Stimmt. Mir war gerade danach.« Tungdil warf den kleinen Spieß ins Feuer. »Ein Auge ist mir geblieben, von daher bin ich nicht blind, und wenn es alle sehen, warum dann ich nicht? Er gleicht mir sehr. Es müsste schon mit Tion zugehen, wenn Balyndar nicht mein Fleisch und Blut wäre. Aber da er mich nicht darauf anspricht, belasse ich es bei meinem Wissen. Ich kann ihn verstehen, seine Ablehnung ergibt Sinn.« Er lehnte sich gegen den Baum und nahm seinen Trinkbeutel. »Es ist für ihn einfacher, wenn er den König als seinen Vater ansieht. Je nachdem, wie dieses Abenteuer endet, wird es sogar besser sein, wenn man unsere Namen nicht im gleichen Atemzug nennt.« Er öffnete den Verschluss und trank.

»Mir wäre es lieber, du klängst zuversichtlicher, gelehrter Anführer und Großkönig«, brummelte Ingrimmsch. Er betrachtete traurig die Knochen. »Da ist nichts dran. Viel Geschlecks, jede Menge Knöchelchen und Fleisch, das nicht lange sättigt. Was gäbe ich für einen ausgewachsenen Gugul!« Er musterte seinen Freund. »Und? Was löst der Gedanke bei dir aus, einen Sohn mit Balyndis zu haben?«

Tungdil blickte ins Feuer. »Nichts. Für mich ist er ein Zwerg wie alle anderen auch«, sagte er stumpf, das Auge sah ins Nirgendwo.

Ingrimmsch nahm sich auch eine gegarte Knolle, pellte die Haut und würzte sie. »Das ist sehr traurig, Gelehrter. Ich liebe meine Kinder, und es gibt kaum ein schöneres Gefühl. Man ärgert sich über sie, aber man ist auch sehr stolz auf sie.« Er nickte in Richtung Balyndar. »Auf ihn könntest du stolz sein. Er sieht blendend aus, ist ein sehr guter Krieger und wird die Fünften einmal als herausragender König anführen. Balyndis hat ihn gut erzogen und vorbereitet.«

»Das wäre ich wohl«, wiederholte Tungdil versonnen und betrachtete noch immer das Feuer. »Ich werde dafür sorgen, dass er wohlbehalten zu seiner Mutter zurückkehrt«, versprach er den Flammen und schloss das Auge. »Du hast die erste Wache im Lager, Ingrimmsch. Weck mich, wenn du zu müde bist.«

Er zerbiss das Gemüse, das zwischen seinen Zähnen unglaublich laut krachte, einem Apfel nicht unähnlich. »Bevor du dich in den Schlaf retten kannst, sage mir doch: Was sind die Infamen, Gelehrter?«

»Götter in dem Land hinter der Schwarzen Schlucht.« Tungdil machte sich nicht die Mühe, das Lid zu öffnen.

»Ho, das ist aber ein bisschen wenig. Welche Art von Göttern?«

»Grausame Götter, Ingrimmsch. Lass mich ausruhen.«

»Und noch länger warten?« Er warf sein abgenagtes Stöckchen nach Tungdil - und entsann sich zu spät, was er damit anrichtete. Vorsichtshalber kniff er die Augen zusammen und hielt sich eine Hand als Blendschutz davor.

Mit einem leisen Geräusch prallte das Holz gegen die Rüstung und fiel auf die Erde. Weder blitzte es, noch gab es andere magische Entladungen. Tungdil schien nichts bemerkt zu haben.