Zuerst hatte Ingrimmsch etwas sagen wollen, doch er sparte es sich. Das zarte Stimmchen des letzten Zweiflers verlangte es von ihm. Wer weiß... wozu dieses Wissen noch gut ist, wisperte es und bat ihn eindringlich, nichts zu verraten. »Gelehrter! Was ist mit den Infamen? Du weißt, dass ich gern Geschichten höre«, drängelte er stattdessen. »Die Infamen«, redete Tungdil mit tiefer Stimme, »sind geisterähnliche Wesen. Sie zeigen sich im Blut der ihnen zu Ehren Geopferten und verleihen dem Lebenssaft eine Gestalt. Eine fürchterliche Gestalt, die nur die Priester ansehen können, ohne den Verstand zu verlieren.«
»Und du warst einer von ihnen?« »Nein. Aber ich konnte sie betrachten, ohne wahnsinnig zu werden.«
»Vielleicht kommt dein löchriger Verstand ja davon?«
»Erstens ist nicht mein Verstand löchrig, sondern es sind meine Erinnerungen, die lückenhaft sind, und zweitens ist es jetzt genug mit den Schauermärchen.« Ingrimmsch zog die Beine an, wippte mit den Zehen. »Wie viele Infame gibt es überhaupt? Was machen sie denn so, dass man sie anbeten muss? Helfen sie im Kampf?« Er sah zum schlafenden Tungdil. »Ho, Gelehrter! Gibt mir die Gelegenheit, auch etwas zu lernen!« Sollte er es nochmals wagen, ein Holzstückchen zu werfen? »Wieso kanntest du eigentlich Tirigon so gut? Ich meine, was habt ihr da drüben zusammen erlebt? Und wieso nanntest du dich ausgerechnet nach deinem toten...« »Genug!« Das Lid schoss in die Höhe, und Ingrimmsch bekam einen Blick entgegengeschleudert, der ihm echte Schmerzen bereitete. Das Braun war durchdringend wie ein Pfeil, dann verschwand es und wandelte sich in hellgrünes Pulsieren, das gleich danach in schwaches Blau überging. Ein letztes Flackern, und das Braun kehrte zurück. »Ich möchte schlafen, Ingrimmsch. Wir reiten noch viele Umläufe bis zum Blauen Gebirge, und bei jeder Rast werde ich dir mehr erzählen. Aber nicht jetzt!« Er hatte mit viel Nachdruck in der Stimme gesprochen, königgleich und schneidend, jeden Widerspruch zerschmetternd. Er schloss das Auge und rückte sich in eine angenehme Position.
»Pf«, machte Ingrimmsch und trat in den Staub. Das ist wieder der falsche Tungdil gewesen. Ohne nachzudenken hob er einen handlangen Ast auf und schnitzte das Ende an. Seine Bewegungen wurden langsamer, die Augen richteten sich auf den Schlafenden. »Dann singe ich eben ein Lied, um mir die Langeweile zu vertreiben«, entschied er und setzte zu einem Stück an, das ihm Bavragor beigebracht hatte; den Takt dazu trommelte er auf seinen Beinschienen.
Doch Tungdil ließ sich zu keiner Reaktion hinreißen. Leider.
Da stürzte Rodario durchs Gebüsch, seine Kleider hingen unordentlich an ihm herab, als habe er sich in großer Eile angekleidet. »Die Königin ist weg!«, rief er aufgeregt. »Weg wie ›vom Erdboden verschlucke oder weg wie‹ vor Aufdringlichkeiten davongelaufene« Ingrimmsch feixte. »Baden, hat man mir gesagt. Von wegen, was!?«
Rodario kam auf ihn zu. »Sie hat sich... erschrocken und ist weggerannt.« Ingrimmsch stand auf. »Vor deiner einäugigen Hosenschlange vermutlich.« »Hör mir zu!« Er packte den Zwerg bei den breiten Schultern. »Weggerannt! Ins Unterholz.«
»Du hast mir damit immer noch nicht gesagt, warum sie das getan hat, aber einerlei.« Er rief nach Barskalin und wollte wissen, wohin die Königin gelaufen war. Aber der Anführer der Zhadär wusste es nicht. »Meine Männer verfolgen sie. Wir haben die Umgebung beobachtet, nicht sie und den Schauspieler«, erklärte er Ingrimmsch.
»Ihr habt uns beobachtet?«, brauste Rodario auf.
»Nein. Sonst wäre das nicht passiert«, grollte der Zwilling und wandte sich an Tungdil. »Gelehrter, wach auf. Wir müssen die Maga einfangen. Das scheue Pferdchen hat sich vor einer Hosenschlange erschrocken und ist auf und davon.«
Ein sehr müder Tungdil öffnete beinahe gequält das Auge. Der Blick, den er Rodario zuwarf, verhieß ihm einen langen, qualvollen Tod.
Sie hetzten durchs Dickicht, bachabwärts und in einer lang gezogenen Linie. Die Ponys konnten sie nicht nehmen, also mussten die Zhadär und die Zwerge zu Fuß gehen, um die Spur der vermissten Königin zu verfolgen.
Die Unsichtbaren fanden die Fährte leicht, doch die Maga besaß einen großen Vorsprung. Ihnen gereichten die kurzen Beine zum Nachteil, und Rodario oder Mallenia konnten nicht auf eigene Faust losrennen. Sie würden die undeutlichen Abdrücke der Flüchtenden auf dem harten Waldboden nicht erkennen.
Der Teil des Forstes, den sie jetzt betraten, war alles andere als freundlich. Vor weniger als einem Viertel Zyklus musste ein Feuer zwischen den Stämmen gehaust haben, das etliche Baumruinen hinterlassen hatte. Verkohlt und kahl, tot und abgestorben standen die Überreste der einst großen Pflanzen auf dem schwarzen Boden.
Die Zwerge und Menschen liefen durch Asche, die bei jedem Schritt emporwirbelte und sich einen Weg in Mund und Nasesuchte und die Augen tränen ließ. Halb verbrannte Äste wurden unter ihren Sohlen zermahlen, die Schuhe und Hosenbeine färbten sich schwarz durch die Kohle. Dann hetzten sie an Gebäudetrümmern vorbei. Eine Waldsiedlung hatte die Feuersbrunst nicht überstanden. Ingrimmsch erkannte Skelette in den Überresten. Ausirgendeinem Grund sind die Menschen nicht vor den Lohen geflohen - oder sie konnten es nicht mehr? Sofort dachte er an Magie...
»Da vorne!«, rief Tungdil und zeigte nach rechts. »Ich sehe jemanden laufen.« Ingrimmsch konnte nichts erkennen. »Ich glaube...«
»Ja«, stimmte Barskalin zu. »Und es ist ein Mensch.«
Mallenia nickte Rodario zu, sie beschleunigten ihre Geschwindigkeit. »Wir holen sie ein, ihr schließt auf«, rief er den Zwergen zu und folgte der Ido.
In ihm tobten merkwürdige Gefühle. Auf der einen Seite machte er sich Vorwürfe, auf der anderen wusste er nicht genau, weswegen: Sie war geflüchtet, weil sie seinen Ausruf missgedeutet hatte. Aber für eine Richtigstellung des Missverständnisses war später Zeit. Erst musste Coira eingeholt werden.
Mallenia war ihm bald einige Schritte voraus, doch er ließ sich nicht abschütteln, während die Zwergengruppe hinter ihnen verschwand.
Der Wald veränderte sich wieder. Die Stämme schienen sich durch die Hitze verbogen zu haben und hatten die merkwürdigsten Formen angenommen. Da es bereits dunkler wurde, bekam ihr Anblick etwas Furcht einflößendes, und die Totenstille, die hier herrschte, machte es für Rodario nicht besser. Er freute sich darüber, ein Schwert dabeizuhaben. Und Mallenia, die eine wesentlich bessere Kämpferin war als er. »Coira, bleibt doch stehen«, rief er hinter der Gestalt her, die sich zwischen den Bäumen vor ihnen hindurchwand. Sie bewegte sich sehr geschickt. »Wir machen uns Sorgen um Euch!«
Aber die Flüchtende hörte nicht auf ihn.
»Los, schneller, du Held«, sagte Mallenia und beeilte sich noch mehr. »Mir gefällt es zwischen diesem toten Holz nicht besonders. Der Wald hat etwas Schauerliches.« Stumm pflichtete er ihr bei. Dabei gab es nichts mehr, was ihnen Schaden zufügen konnte, das Feuer hatte alles Lebendige gefressen und zu Asche verwandelt.
Die Königin hatte ihren Weg geändert und war plötzlich nach rechts abgebogen. Durch die verkohlten Stämme sahen sie die Umrisse eines befestigten Hauses, eine Wehrscheune oder Ähnliches. Den Brandspuren nach zu urteilen, waren die Flammen hier ausgebrochen und hatten sich dann über den Wald hergemacht.
Die Königin rannte durch das kleine Tor und verschwand in der Ruine. »Was will sie denn da?«, hechelte Rodario. »Sich vor uns verstecken?« »Ein kindisches, törichtes Verhalten.« Die Ido verließ den Wald und hielt auf den Eingang zu. »Königin Coira! Kommt heraus, ehe Ihr da drin in ein Loch fallt oder Ihr unter einstürzendem Mauerwerk begraben werdet!« Sie betrat den Innenhof, Rodario folgte ihr.
Lauschend standen sie auf dem Platz und betrachteten die gesprungenen Fensterscheiben, die sie wie leere Augenhöhlen anzuglotzen schienen. »Coira?«, rief Rodario voller Sorge. »Ihr habt mich vorhin am Teich nicht richtig verstanden. Kommt heraus, und ich erkläre Euch meine Worte!«