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»Also ist es doch Eure Schuld.« Mallenia sagte es voller Genugtuung. »Ihr hattet das falsche Kompliment gewählt, nehme ich an?«

Rodario hatte beschlossen, nicht über seine grausige Entdeckung zu plaudern. Erst wollte er mit Coira darüber sprechen. »So etwas in der Art.« Als er einen Kopf hinter einem Fenster im Erdgeschoss verschwinden sah, hastete er los. »Coira, wartet!« Er hielt sich an der brüchigen Holzverstrebung fest und spähte in den dunklen Raum. Er blickte in ein Paar helle Augen, die ihn furchtsam anblickten - die Augen eines Mannes!

XXII

Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Rän Ribastur, Nordwesten, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.

Rodario zuckte zurück und sah zu Mallenia. »Da drinnen sitzt ein Mann!« »Sicher?« Er beugte sich noch näher über die Holzverstrebung und musterte das fremde Gesicht. »Ganz sicher. Die Bartstoppeln machen es sehr eindeutig.«

»Dann wird es wohl nicht die Königin sein. Es sei denn, sie hätte sich mithilfe ihrer Magie verwandelt.« Mallenia begab sich zum Fenster, um einen Blick auf ihren Fund zu werfen.

Sie schätzte den Mann auf Ende dreißig; einst musste das, was er um seinen Körper trug, eine sehr teure, malachitfarbene Robe gewesen sein. Doch nun war sie zerrissen und durchgescheuert, Dornen hatten Löcher und der Waldboden Flecken hinterlassen. Den dunkelblonden Schopf hatte er mit einer Lederkappe bedeckt, die speckig und abgegriffen war.

»Wie ist dein Name?«, verlangte sie zu wissen.

Der Mann zuckte zusammen und kroch tiefer in den Raum hinein; Asche raschelte unter seinen Füßen und Händen.

Rodario erkannte vier Ringe an den Händen, die sehr kostbar sein mussten. »Ein armer Schlucker ist er nicht, das steht fest.«

»Vielleicht der Hausherr, der dem Feuer entkommen ist und dem der Verlust den Verstand geraubt hat?« Mallenia trat mit dem Fuß gegen die Wand. »Aber wo ist die Königin abgeblieben?« Sie sah zum Tor, durch das Tungdil an der Spitze der Zwerge gerannt kam; rasch berichtete sie ihm, was vorgefallen war.

Rodario stieg derweil zu dem Mann ins Zimmer und ging langsam auf ihn zu. »Wie ist Euer Name?«, fragte er freundlich. »Keine Angst. Wir tun Euch nichts.« »Wer sagt das?«, kam es von Ingrimmsch, der den Kopf zum Fenster hereinsteckte. »Wenn er ein Halunke ist, dann schon.« »Ihr seid aber kein Halunke, nicht wahr?« Rodario ging vor ihm in die Hocke. »Ihr seid ein reicher Mann, der sich verlaufen hat? Von Räubern überfallen wurde? Magischen Pflanzen zum Opfer fiel? Habt Ihr unterwegs eine Frau gesehen, mit langen schwarzen Haaren und in einem dunkelblauen Kleid?« Hinter ihm krachte es, Metall schepperte, und graue Wölkchen wirbelten an ihm vorbei. Sie legten sich auf das schweißnasse Gesicht des Unbekannten.

Tungdil war ins Zimmer gesprungen und kam an seine Seite. Der Mann wich wimmernd vor ihm zurück und legte die Arme schützend vor den Kopf. Tungdil packte seine rechte Hand und zog sie grob nach vorn, dann wischte er über den verdreckten Ärmel und befreite ihn von der Schmutzschicht, sodass ein eingesticktes Symbol zutage kam. Seine Augenbraue senkte sich, und sein Gesicht wurde düster. »Du bist ein Anhänger Nudins«, sagte er zu dem Unbekannten und griff nach seiner Kehle. »Du maßt dir an, seinen Stil nachzuahmen und sogar Ringe wie er zu tragen!« Rodario erhob sich und legte eine Hand an den Schwertgriff. »Ein Famulus von Lot-Ionan?«

»Ha!«, machte Ingrimmsch überlegen. »Gut, dass ich nicht zugestimmt habe, dass wir ihm nichts tun.«

»Er sieht aus wie einer.« Tungdil zerrte den Mann hinter sich her bis zum Fenster und warf ihn schwungvoll nach draußen auf den Hof. »Wir finden heraus, was er hier will. Und wie viel Magie noch in ihm steckt.« Er gab Anweisungen an die Zhadär, noch aufmerksamer zu sein, und kletterte aus dem Fenster ins Freie. »Hat er schon seinen Namen genannt?«

»Nein.« Rodario folgte den beiden und stellte sich neben Mallenia. »Ich wollte es zuerst mit Freundlichkeit versuchen. Er wirkt sehr verstört, und ich dachte, dass es keine gute Eingebung wäre, mit lauten Tönen und Ruppigkeit vorzugehen.«

Tungdil zog Blutdürster und setzte die Klingenspitze an den Hals des Mannes. »Sprich!«

»Franek«, stammelte er. »Ich bin Franek.«

Ingrimmsch grinste. Dann und wann war gegen die zwergische Weise, eine Unterredung zu führen, wahrhaftig nichts einzuwenden.

»Was hat dich an diesen Ort verschlagen? Wieso kleidest du dich wie Nudin?« Tungdil gab ihm einen Tritt, der ihn mit dem Rücken auf den Boden drückte. »Ich habe nicht viel Zeit. Wir suchen eine Frau...« »Ich habe sie gesehen!«, rief Franek rasch und hob die Hände. »Bitte, nicht! Ich habe sie gesehen! Ich weiß, wohin sie gegangen ist.«

Ingrimmsch hielt seinen Krähenschnabel schlagbereit. »Er könnte von Lot-Ionan geschickt worden sein, um uns in eine Falle zu locken.«

»Woher sollte er denn wissen, dass wir kommen?« Rodario betrachtete Franek. »Sollten wir nicht zuerst seine Geschichte hören?«

»Die Königin ist mir wichtiger«, warf Mallenia ein. »Und sie sollte uns allen wichtiger sein.« Sie sah zu dem vermeintlichen Famulus. »Rede! Wohin ist sie gelaufen?« Er hob langsam den Arm und zeigte nach Osten. »Zu den Votons. Sie wird sicherlich nicht mehr am Leben sein.«

»Die Votons sind wer?« Tungdil nahm Blutdürster nicht von der Kehle. »Scheußlichkeiten, Chimären, geboren aus den Experimenten von Vot, einem Famulus von Lot-Ionan«, erklärte er atemlos vor Furcht. »Es waren einst Menschen, die er mit Gliedmaßen von Tieren ausstattete. Sie haben sich aus seinen Laboratorien befreit und sind hierher geflüchtet.«

Tungdil gab Barskalin Befehle in einer für sie unverständlichen Sprache, und die Zhadär eilten davon; dann sah er Rodario an. »Ihr bleibt hier und bewacht unseren neuen Freund. Er wird bei uns bleiben und einige Fragen beantworten, wenn wir mit der Königin zurückkehren.«

Ingrimmsch wackelte mit dem Kopf. »Ein Mime gegen einen Famulus?« »Wenn er derzeit Magie wirken könnte, würde er dann aussehen wie ein geprügelter Hund?« Der Einäugige deutete als weitere Erklärung für seine Gelassenheit auf seine Runen, die nicht aufgeleuchtet hatten, und wandte sich um. »Slin wird Euch Gesellschaft leisten. Der Rest kommt mit mir.« Er jagte den Unsichtbaren hinterher, und schon bald waren die drei allein auf dem Innenhof.

Slin schloss das Tor und entzündete ein Feuer. Rodario reichte Franek etwas zu trinken und suchte ein paar Balken, auf denen sie sich um die Flammen setzten. Der Vierte legte seine gespannte Armbrust über die Knie unddie Ersatzbolzen in Griffweite. Sein Blick schweifte umher, er hielt Wache. »Also, Franek. Wollt Ihr mir zum Zeitvertreib erzählen, was Euch dazu gebracht hat, Nudins Erbe fortführen zu wollen?« Rodario schnitt sich Brot und Schinken ab. Etwas reichte er Slin, den Rest gab er an den Famulus weiter. »Ihr gingt bei Lot-Ionan in die Lehre.«

Franek betrachtete den Schauspieler. »Eine Gruppe Zwerge in schwarzen Rüstungen, ein Schauspieler und eine blonde Frau, die eine Königin suchen - das erscheint mir sehr, sehr merkwürdig.«

»Versucht nicht, den Spieß umzudrehen, mein Freund. Ihr werdet zuerst berichten«, sagte Rodario. »Sonst nehme ich Euch das Essen wieder weg.«

»Ich schieße es ihm aus dem Mund!«, bot Slin an und hob die Armbrust. »Der Bissen fliegt mitsamt dem Bolzen aus dem Nacken.«

Franek reckte die Hände gegen die wärmenden Flammen. Ohne die Sonne wurde es schnell kühl, der Frühling hatte die Oberhand über die Nächte noch nicht errungen. »Ich erzähle es Euch ja.« Er schöpfte Atem.