Rodario war von der Präzision und der Geschwindigkeit der Unsichtbaren beeindruckt. Der Kampf auf dem Hof war beendet, bevor er es überhaupt mitbekam. Ihm fiel die plötzliche Stille auf, und als er sich umsah, lagen die Mischwesen, die ihm eben noch allgegenwärtig und überlegen erschienen waren, tot um ihn herum.
Tungdil hatte sich nicht am Gemetzel beteiligt. Er stand bei Mallenia, die Coira stützte, und redete leise mit ihr. Franek wurde von Balyndar bewacht.
»Königin!« Rodario eilte zu der jungen Frau, die erschöpft wirkte.
Sie hob die Augen und sah ihn verunsichert an; unwillkürlich legte sie den linken Arm enger an den Körper. »Mir geht es gut. Der Angriff des Famulus war nicht tödlich.« »Franek hat uns zu spät davon berichtet. Oder es absichtlich vergessen.« Er blickte zu dem Famulus, dann zu Tungdil. »Ich empfehle Euch, dass Ihr mit ihm sprecht. Er wirkte bei Euch redseliger, und sein Gedächtnis ist inzwischen vielleicht auch etwas besser geworden.«
Ein lautes Zwergenlachen erklang aus dem Speicher, dann traf Stahl auf einen Körper, und ein langer Schrei erklang.
»Was geht da vor?« Tungdil sah zur Luke.
»Ich habe Boindil zum Aufräumen hinaufgeschickt«, erklärte Rodario. »Ich glaube, Slin befand sich in Schwierigkeiten, und Eurem Freund bereitet es offenbar große Freude, ihn zu retten.«
Wieder ertönte Ingrimmschs Gelächter, dann erklangen wütende Rufe, Flüche und das Krachen des einschlagenden Krähenschnabels. Barskalin gab den Zhadär einen Befehl, aber Tungdil hob ihn mit einer Geste auf. »Nein, lasst ihn das allein machen. Er soll sein Vergnügen haben.« Er stapfte auf Lot-Ionans ehemaligen Schüler zu.
Rodario bat Mallenia, ihn und die Maga kurz allein zu lassen. Nach einem raschen Blickwechsel mit der Königin folgte die Ido Tungdil.
Coira sah ihn verschüchtert an. »Habt Ihr...«
»Nein, ich habe niemandem verraten, was ich gesehen habe. Und das werde ich auch nicht.« Rodario nahm ihre linke Hand. »Ihr habt mich am Teich falsch verstanden.« »Was gab es daran falsch zu verstehen?«, begehrte sie verletzt auf. »Ihr nanntet mich scheußlich!« Ihre Wut erlosch, und die Schultern sackten nach vorne. »Aber Ihr habt recht. Lasst mich erklären, was Ihr gesehen habt.«
»Doch zuerst möchte ich, dass Ihr wisst, was ich eigentlich hatte sagen wollen, bevor Ihr davonranntet«, beharrte er. »Welch scheußliche... Sache hat Euch das eingebracht, Coira? Das wäre über meine Lippen gekommen.«
»Nichts anderes?« Sie suchte seinen Blick.
»Nichts anderes. Ihr seid viel zu schön, zu freundlich und liebenswürdig, um etwas anderes über Euch sagen zu können. Ihr werdet ahnen, welche Gefühle ich für Euch hege.« Rodario lächelte sie an und nahm ihre linke Hand. »Jetzt wollt Ihr es mir erklären?«
Ein dumpfer Schrei erklang, und ein Chimärenmann flog durch die Luke; er schlug unmittelbar vor zwei Zhadär auf. Blut quoll aus der Brust, die mehrfach durchlöchert war. Ingrimmsch zeigte sich zwei Herzschläge lang in dem Loch, um zu winken und damit zu verstehen zu geben, dass es ihm gut ging, dann hob er seine Waffe und hüpfte schreiend nach rechts.
»Er lebt für den Kampf«, sagte Coira.
»Kampfrausch. Heißes Blut. Das wurde immer von ihm berichtet - und es stimmt«, meinte der Schauspieler grinsend. Es krachte und rumpelte laut auf dem Speicher, Ingrimmschs Stimme polterte dazu. »Er macht sich einen Spaß daraus, sie zu hetzen.« Die Maga hakte sich bei ihm unter. »Danke«, flüsterte sie. »Danke, dass Ihr geschwiegen habt, und danke, dass Ihr mich wegenmeines Arms nicht verhöhnt.« Ihr schien es schwerzufallen, über den Makel zu sprechen. »Es geschah beim Üben mit Magie. Ein Spruch zerbarst in meiner Hand und entstellte sie schwer. Ihr würdet eine genaue Erklärung nicht verstehen, weil Ihr kein Magus seid und Euch das Empfinden dafür fehlt, deswegen glaubt mir, wenn ich sage, dass sich Überbleibsel des Spruchs mit der Magie in mir und meinem Fleisch verbunden haben. Aus dem Grund kann ich die Wunde nicht dauerhaft heilen, sondern nur so lange, wie ich Magie in mir trage. Je weniger Magie ich habe, desto mehr reißt die Wunde auf. Ein dauerhafter Zauber umgibt die empfindliche Stelle mit dem glasähnlichen Schutz, den Ihr gesehen habt. Damit es keiner sonst bemerkt, trage ich die Handschuhe.«
Rodario empfand großes Mitleid mit der jungen Frau. »Und wenn Ihr gar keine Magie mehr in Euch tragt? Was geschieht dann?«
»Wird mein Arm zerstört.« Coira lächelte tapfer. »Ich würde ihn für immer verlieren.« »Aus dem Zustand Eures Armes glaube ich zu erkennen, dass Ihr nicht mehr allzu viel Magie besitzt?« Er schaute schnell zu den anderen Zwergen, ob sie nahe genug standen, ihr Gespräch mit anhören zu können.
Eine zweite Chimäre kam durch die Luke geflogen und schlug neben der ersten auf. Ihr Schädel war zerschmettert worden, und in der rechten Seite klaffte ein langer Riss. »Einer noch!«, hörten sie Ingrimmsch begeistert schreien. »Einer noch, dann bin ich fertig! Hussa, die halten mehr aus als Schweineschnauzen!«
Die Zhadär lachten.
Coira atmete tief ein. »Das stimmt. Deswegen hatte ich meine ganze Hoffnung auf die angebliche Quelle im Roten Gebirge gerichtet.«
Rodario hatte das Gefühl, seine Gesichtsfarbe zu verlieren. »Seid Ihr denn überhaupt in der Lage, gegen Lot-Ionan zu bestehen?«
»Jetzt habe ich es!«, vernahmen alle Boindil, und ein dritter Chimärenmann stürzte tot aus dem Speicher auf die Erde; gleich darauf erschien der siegreiche Zwerg, der Slin stützte und breiter grinste, als es sein Gesicht hergab. »Das war nach meinem Geschmack«, juchzte er. »Siege, Bestien und einem Kameraden das Leben bewahrt - was will man von einem Umlauf mehr?« Er drückte Slin, der daraufhin aufstöhnte. »Ho, Vierter! Zeig deine Zähne und lache! Du lebst ja noch! Die hier«, stolz zeigte er auf die drei getöteten Tentakelwesen, »nicht mehr.« Er geleitete ihn zum Feuer und ließ ihn neben Balyndar und Franek auf einen Stein sinken. »Ich könnte ein ganzes Fass Schwarzbier leeren.« Er seufzte wehmütig.
Rodario applaudierte und zeigte eine fröhliche Fassade. Dann drehte er sich wieder zu Coira um. »Ich bitte Euch, seid ehrlich zu mir: Könnt Ihr Lot-Ionan besiegen oder nicht?«
XXIII
Das Jenseitige Land, die Schwarze Schlucht, Festung Übeldamm, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.
Goda schreckte aus dem Schlaf hoch. Die Alarmhörner dröhnen?
Schon wurde ihre Tür aufgerissen, und Boendalin rief sie auf die Zinnen. »Die Barriere ist verschwunden! Die Biester versuchen einen Ausfall durch das Nordtor!« Die Maga sprang aus dem Bett, warf sich ihre Robe über das Nachthemd, schlüpfte in die Stiefel und folgte ihrem Sohn. Es musste mitten in der Nacht sein, sie hatte sich kaum hingelegt. Ihren Mantel und die Tasche mit den letzten vier Diamantsplittern nahm sie ebenso mit.
Sie hatte niemandem offenbart, wie es um ihre magische Verteidigung bestellt war, nicht einmal ihren Kindern.
Der Ausfall war trotz der hohen Verluste als Sieg gefeiert worden, schon allein um den Tod der Kriegerinnen und Krieger gebührend zu würdigen. Zwar hatten die Ausgeburten der Schwarzen Schlucht damit begonnen, die Kriegsgeräte von Neuem aufzubauen, doch sie arbeiteten langsamer als vorher. Es machte den Anschein, als wären sie erschöpft. Und das wiederum hatte den Verteidigern Hoffnung gegeben. Der Anschein hat getrogen, dachte Goda und fuhr mit dem Zwerg zusammen im Aufzug zum Turm hinauf. Sie haben uns getäuscht und nachlässig werden lassen.
Genau gegenüber von ihnen sah Goda die Wehrgänge und den breiten Turm über dem Tor hell erleuchtet. Sämtliche Fackeln waren entzündet worden, aus den Ausgusslöchern im Mauerwerk schwappten Ströme von kochendem Pech und glühender Schlacke auf die belagernden Bestien herab; Pfeile und Speere sowie Steinbrocken, die von den Katapulten ausgespien wurden, konnte Goda nur erahnen. Sie befand sich zu weit weg, um sie zu erkennen. Brennende Säcke voller Petroleum folgen in die Tiefeund zerbarsten unter den Scheusalen, um sie zu lebendigen Fackeln werden zu lassen. Brandpfeile schwirrten zwischen den Angreifern und Verteidigern hin und her, durchstießen die tiefschwarzen Wolken. Es war ein beeindruckendes Bild. Doch die Ungeheuer ließen sich durch den Beschuss nicht abschrecken. Kleinere, bewegliche Rammböcke waren bereits an verschiedenen Abschnitten in Stellung gebracht worden, deren Rumpeln durch die Entfernung in Godas Ohren wie ein leises Pochen klang. Auch das Geschrei der Scheusale wurde zu einem halblauten, eintönigen Geräusch, das sie an das Rauschen eines Baches erinnerte.