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Der magische Schirm war verschwunden, aber gleichzeitig befanden sich auch keine Bestien mehr in der Ebene. Sie rannten alle gegen das Nordtor an, und das sogar mit ihren halbfertigen Belagerungstürmen.

»Verstehe ich das?«, sagte Goda zu sich selbst. Warum ausgerechnet das Nordtor? Um vom Südtor abzulenken? Sie beugte sich nach vorn und sah in die Tiefe.

»Wir hielten es zunächst auch für eine Täuschung«, sagte Boendalin. »Aber die anderen Türme melden nichts. Die Bestien stürzen sich wie verrückt geworden gegen den Norden und bringen die Mannschaften in Bedrängnis. Ich habe befohlen, Krieger und jede Art von Munition hinüberschaffen zu lassen.«

»Das möchte ich mir aus der Nähe ansehen.« Goda betrachtete die Schwarze Schlucht, während sie mit ihrem Sohn auf dem Wehrgang zuerst zum westlichen Durchgang und von dort zum nördlichen rannte. Die Strecke zog sich sehr.

In der Felsspalte war es finster, die Wege hinaus verlassen. Sämtliche Scheusale hatten sich bereits im Norden versammelt.

»Entweder der Nachschub wartet in der Deckung ab, was geschieht, oder sie haben keine weiteren Kämpfer mehr«, sagte Boendalin zu ihr, nachdem er ihre Blicke gesehen hatte. »Das Nordtor ist insofern keine schlechte Wahl, weil wir dort am wenigsten mit einem Angriff gerechnet hatten.«

»Aber sie wissen doch, dass wir die Verstärkung auf den Wehrgängen und durch die Korridore in der Mauer schnell verschieben können«, widersprach sie ihm. »Es ist ein Scheinangriff.« Sie betrachtete den Kampf, der an Heftigkeit zugenommen hatte. Ohne ihre tiefste Überzeugung, dass es sich um eine Finte handelte, hätte sie auch geglaubt, dass die Bestien einen Ausfall wagten und eine Entscheidung erzwingen wollten. »Wo ist ihr Magus?«

»Wir haben ihn nicht entdeckt«, erwiderte Boendalin angespannt. »Du meinst...« »Sie führen den Angriff für ihn«, sagte Goda. »Er hat etwas vor. Er möchte unsere Kräfte auf einer Seite binden.« Sie blickte zum Südtor und blieb stehen. »Ich eile zurück. Geh du an den Nordturm und befehlige die Truppen. Sobald du den Magus siehst, schick mir eine Nachricht.« Sie umarmte ihn kurz und lief los.

Boendalin stürmte in die andere Richtung davon.

Bandaäl schnürte seine Stiefel und warf sich das Kettenhemd über, griff seine Axt und eilte auf den Korridor hinaus. Auch wenn ihn niemand zur Verteidigung gerufen hatte, der Famulus wollte dabei sein. Vielleicht wurde bald jeder Arm gebraucht. »Warte!« Die Tür zu Sandas Gemächern stand offen, und seine Schwester kam heraus. Auch sie trug Rüstung und ein Beil. Zwar waren sie magisch begabt, was sie aber nicht davon abhielt, durchaus die Klingen sprechen zu lassen. Noch waren sie nicht so gut wie ihre Mutter, um allein der Magie zu vertrauen.

»Haben sie dich auch nicht geweckt?« Bandaäl richtete ihren Helm. Sie bedankte sich, indem sie die Schnürung seines Kettenhemdes korrigierte. »Nein. Mutter wollte uns schlafen lassen.«

Er sah sie an. »Oder ob es wegen des misslungenen Ausfalls ist?«

»Er ist nicht misslungen«, antwortete sie trotzig. »Wir haben zahlreiche Bestien und deren Gerätschaften vernichtet.«

Er seufzte. »Du weißt, wie ich es meine.« Er lief los, und sie rannte neben ihm her. »Du denkst, dass sie unseren kriegerischen Geschwistern und Bruder Boendalin den Vorrang gibt. Das mag sein.« Sanda nahm das Beil in die Hand, im Gürtel störte es sie beim Laufen. »Deswegen finde ich es wichtig, dass wir uns zeigen.«

Sie eilten den Korridor entlang, in dem die Türen zu den Räumen ihrer Familie lagen. Hier ruhten sich die Zwerge aus, hier lebten sie gemeinsam. Letztlich war Übeldamm nichts anderes als ein künstlicher, symmetrisch angelegter Berg mit einem System voller Stollen und Kammern.

Sie liefen durch den großen Wohnbereich, in dem die Zweiklingens sich oft trafen und zusammensaßen, um den Umlauf zubesprechen; weiter ging es an der Küche vorbei, und schließlich standen sie vor dem Aufzug, dessen Schacht vom Boden bis zur höchsten Zinne reichte. Eine Erleichterung sondergleichen.

Bandaäl betätigte den Hebel, um die Gewichte in Gang zu setzen und den Aufzug zu ihnen zu rufen. »Was die Scheusale wohl ausgeheckt haben?«

»Es muss so gefährlich sein, dass sie Alarm für die gesamte Festung gegeben haben«, meinte Sanda nachdenklich.

»Außer für uns.« Bandaäl beschloss, nach dem Angriff - oder was sonst vor den Mauern geschah - einige Worte mit ihrer Mutter zu wechseln. Selbst wenn sie keine ihrer Famuli in der Nähe haben wollte, mussten er und seine Schwester bei weiteren Angriffen Bescheid bekommen. Wie sah es aus, wenn die Kinder des Generals in den Federn lagen und gleichzeitig das Blut der Verteidiger vergossen wurde?

Die Kabine tauchte vor ihnen auf, sie schoben das Sperrgitter zur Seite und stiegen ein. Zur ihrer beider Überraschung ging die Fahrt jedoch nach unten und nicht nach oben, wie der Famulus es mit der Hebeleinstellung von der Maschine gefordert hatte. »Ist das Ding kaputt?« Bandaäl bewegte den Hebel mehrmals hintereinander, und tatsächlich wurde die Fahrt langsamer und langsamer.

»Vielleicht noch andere, die mit uns möchten?« Sanda zählte die Markierungen an der vorbeigleitenden Schachtwand; sie hatten das Erdgeschoss erreicht. Ruckend kamen der Fahrstuhl zum Halt - aber in dem Gang stand niemand.

»Wo sind wir?«

»Am Ausgang.« Sanda spähte nach vorne. »Heda? Möchte jemand mit uns nach oben fahren?«

Durch die Kabine lief unvermittelt ein heftiger Ruck. Eine der dicken Transportketten war gerissen und gegen das Dach geprallt; laut klirrend wickelte sie sich darauf ab. Das käfigartige Gebilde ächzte und verbog sich unter dem zunehmenden Gewicht, die Kabine senkte sich allmählich ab.

»Raus!«, befahl Bandaäl und gab seiner Schwester einen Stoß. Bevor er ihr folgen konnte, riss die zweite Kette, und der Aufzug schoss in die Dunkelheit. Sanda taumelte zwei Schritte vorwärts in den Gang, hörte den infernalischen Krach hinter sich und wandte sich um. Sie sah diezweite Kette vorbeifliegen und vernahm das Scheppern des Aufschlags; immer noch spulte die Trommel über ihr die Kette ab und begrub den Aufzug samt ihrem Bruder, der bis ganz nach unten in die Fundamente der Festung gestürzt war.

»Bandaäl!«, schrie sie entsetzt und trat zum Schacht, an dem die Kettenenden eben vorbeischnellten. Ein letztes Klirren, und es wurde ruhig. Weit unten erkannte sie das stahlgraue Schimmern der zerborsteten Kabine und der Ringe. »Bandaäl!« Die Zwergin wandte sich um und wollte zur Treppe eilen - als jemand ihren Namen rief. Es drang aus dem Schacht.

Schnell drehte sie um, beugte sich in den Schacht hinab und legte die Hände als Trichter um den Mund. »Bandaäl! Halte durch!«

Beigefarbener Lichtschein, der von oben auf sie fiel, ließ sie verwundert den Kopf heben. Erstarrt vor Furcht konnte sie Augen nicht mehr abwenden.

Fünf Schritte über ihr schwebte der Anführer der Ungeheuer. Unzählige tanzende Lichtfinger schössen aus seiner Vraccasium-Rüstung und trafen die Wand, während er sich langsam weiter nach unten senkte. Die Hämmer steckten in seinem Gürtel; der rechte Panzerhandschuh leuchtete und hielt ein aufgerissenes glühendes Kettenglied in der Hand. Der Absturz war kein Unfall gewesen.