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Die Strahlen hielten ihn weiterhin in der Luft und ließen ihn bis auf die Höhe von Sanda sinken, dann bewegte er sich auf sie zu. Mit einem leisen metallischen Klicken trafen die Stiefelsohlen auf den Stein, und er ging neben der Zwergin in die Hocke. Die andere Hand hob sich, packte Sandas Kinn und zwang es herum, sodass sie in die entstellte Fratze ihres Gegners blicken musste. Sie bemerkte, dass auf der Innenseite des Handschuhs ein türkisfarbener, rauchtrüber Diamant eingelassen war. Das Entsetzen stand in ihrem rundlichen Antlitz, aber der befreiende Schrei wollte ihrer Kehle nicht entweichen.

Das Gesicht des Zwerges bewegte sich, die Falten um die Augen schienen ein Lächeln zu weisen, auch wenn die Verstümmelung es ihm unmöglich machte, Regungen zu zeigen oder zu sprechen. Achtlos warf er das Kettenstück in den Schacht, der gepanzerte Handrücken strich durch ihre braunen Haare, den Hals entlang, über ihre Brust bis zur Taille. Dann stand er auf, ohne ihr Kinn loszulassen, und zog sie auf die Beine. Sanda vermochte nicht, sich zu wehren. Der Anblick, der Geruch nach altem Schweiß und schwärenden Wunden und das leichte Pulsieren, das sie seit seiner Berührung durchfuhr, lähmten sie. Seine magische Kraft, das registrierte sie unterbewusst, überbot alles, was sie jemals fühlen durfte. Nicht einmal das Artefakt konnte ihn übertrumpfen. Der Zwerg gab einen stöhnenden Laut von sich, dann schaute er in den Schacht und reckte die freie Hand. Aus dem Rauchdiamanten löste sich ein rostbrauner Strahl und brachte den Überresten des Aufzugs die totale Vernichtung. Das Metall schmolz in der magischen Attacke, verbog sich und fiel in glühenden Tropfen auf den Boden. »Nein!«, schrie Sanda in höchster Sorge um ihren Bruder.

Der Zwerg ließ ihr Kinn los und versetzte ihr einen derben Hieb gegen die rechte Wange, der sie gegen die Wand fallen und daran zu Boden rutschen ließ. Gleichzeitig hob er den anderen Arm, ohne den Strahl zu unterbrechen, und sprengte gewaltige Teile aus dem Schacht heraus, bis ein warnendes Zittern ringsum durch das Gemäuer lief.

Er packte Sanda im Nacken und stellte sie auf die Beine, schob sie vor sich her, und sobald sie sich auch nur ansatzweise sträubte, erteilte er ihr einen magischen Schlag, der jedes einzelne Organ in ihrem Körper mit Schmerzen flutete.

Die Famula schluchzte, Blut lief ihr aus der Platzwunde über das Kinn und troff auf den Boden. Sie wusste nicht, was der Zwerg mit ihr vorhatte, warum er sich nicht tötete - oder wollte er sie etwa...?

Als er sie in einen Seitengang drückte und sich an ihrem Gewand zu schaffen machte, wurden ihre schlimmsten Befürchtungen wahr.

Goda hatte den Südturm erreicht, da zitterte die Mauer unter ihren Füßen - schwach zwar und für einen Menschen nicht wahrnehmbar, aber ihre Zwergennatur besaß ein Gespür dafür.

»Ahnte ich es doch!« Sie rannte zum Aufzug und stand vor einem leeren Schacht. So sehr sie an den Hebeln riss, es geschah nichts. Als sie zu den Steinwalzen sah, auf denen sich die Ketten üblicherweise aufwickelten, sah sie lediglich blanken Stein. Ein Zwerg kam die Treppen hinaufgestürmt. »Herrin, der Fahrstuhl ist abgestürzt!«, sagte er atemlos. »Beide Ketten sind abgerissen.« »Das ist unmöglich! Sie halten mehr aus, als es Platz für so viele Lasten in der Kabine hat.« Sie nahm einen Edelstein in die Hand. »Rufe die Wachen. Sie sollen Stockwerk für Stockwerk durchsuchen. Ich fange bei den Fundamenten an.«

Der Soldat stutzte. »Nach wem?«

»Nach Eindringlingen.«

»Das Tor ist verschlossen, und niemand...«

»Tu es!«, herrschte sie ihn an und flog die Treppen hinab. Es würde sie viel Zeit kosten, bis unter die Mauerlinie zu gelangen.

Die Festung einfach auf Sand oder Erde zu setzen, wäre sträflich gewesen, weil sie sich durch das Gewicht hätte senken und verschieben können, wodurch das gesamte Bauwerk in Gefahr geraten wäre. Aus diesem Grund besaß Übeldamm ein Fundament aus Steinquadern, die mit viel Technik und Muskelkraft an Ort und Stelle gerückt worden waren. Zur Schwarzen Schlucht hin waren die Fundamente zusätzlich verstärkt und mit Fallen gegen eine Unterwanderung abgesichert worden: Fläschchen mit Gift, mit Säure, mit Gas, Scheinmauern, die einstürzten, und vieles mehr warteten auf Grabwütige und würden ihnen den Tod bringen. Niemand unterhöhlte eine Zwergenfestung.

Goda kam trotz eines Sturzes über sieben Stufen hinab unverletzt im Erdgeschoss an und hätte beinahe die feinen Blutflecke am Boden übersehen. Sie blieb stehen und lauschte vorsichtig in den Gang hinein.

Ein leises Wimmern erklang. Es war die Stimme ihrer Tochter!

Die Maga schlich den Korridor entlang, die Geräusch wurden lauter und schienen aus einem abknickenden Gang zu kommen.

Vorsichtig spitzte sie um die Ecke und sah den gegnerischen Magus, der versuchte, Sanda zu entblößen.

Goda schluckte und drückte den Splitter so fest in ihrer Hand, dass er die Haut durchstach. Sie durfte ihre eigene Angst nicht die Oberhand gewinnen lassen. Es stand zu viel auf dem Spiel. Vraccas, dein Schicksal und das meiner Tochter liegt in deinen Händen! Sie sprang um die Ecke und schleuderte einen Zauber gegen den gegnerischen Zwerg. Er bemerkte sie zu spät, um einen Gegenspruch wirken zu können. Stattdessen schleuderte er Sanda auf den Gang, nahm die Arme nach hinten und bot dem heranschießenden lavaroten Strahl die gerüstete Brust zum Einschlag. Die Energie traf, und die Rüstung des Zwerges glühte gleicheiner feurigen Kohle im Luftzug. Das Vraccasium wechselte die Farbe zu flammendem Gelb und sog die Magie in sich auf, während die Runen schwarz wie die Nacht wurden. »Töte ihn, Sanda!«, brüllte Goda und hatte nichts als Staub zwischen den Fingern. Geschwind nahm sie den nächsten Splitter heraus, um entweder nachzusetzen oder einem Angriff begegnen zu können. Doch was sie eben hatte beobachten müssen, ließ ihre Hoffnung schwinden, den Zwerg auf magische Weise bezwingen zu können. Das Leuchten erlosch, und Goda sah, wie Sanda hinter dem Gegner stand, ihr Beil zum Schlag erhoben. Ihr Hieb fuhr dem Zwerg zwischen Halsbeuge und Helmansatz in die winzige Lücke, und dann prallte die Klinge gegen eine rettende Lage Kettenhemd; der Zwerg ging leicht in die Knie, röchelte dabei furchtbar.

»Rette Bandaäl«, schrie Sanda und holte ein weiteres Mal aus, »er liegt im Schacht...« Der Zwerg schlug nach hinten. Er traf Sanda mit dem Panzerhandschuh gegen die rechte Schläfe, und sie brach zusammen.

Goda zögerte keinen Lidschlag. Jetzt, da ihre Tochter sich nicht mehr in unmittelbarer Gefahr befand, beschwor sie einen ihrer stärksten Sprüche. Damit hatte sie den Berg oberhalb der Schlucht gesprengt, und das sollte hoffentlich gegen den Zwerg genügen. Es musste!

Sie konzentrierte sich und sandte den Blitz gegen ihren Feind.

Der Zwerg blieb zusammengekauert und reckte ihr den ausgestreckten Arm entgegen, als verlange er Gnade. Aber die Energien strömten in den Rauchdiamanten, der im Panzerhandschuh saß, und machten aus ihm einen funkelnden, blaugrünen Stern. Das Eisen erhitzte sich durch die Magie, es stank nach brennendem Fleisch, und der Zwerg kreischte, wie Goda noch niemals ein Lebewesen hatte kreischen hören. Dennoch senkte er den Arm nicht, um den Spruch absorbieren zu können.

Wieder zerfiel ein Splitter zwischen ihren Fingern zu schwarzgrauem Schmutz, und der Strahl riss ab. »Ich lasse dich nicht mehr lebendig aus Übeldamm«, drohte sie ihm und langte in die Tasche. Ihre Finger tasteten umher und fanden nichts - abgesehen von einem Riss. »Nein!« Der Sturz!

Der Magus stöhnte und ächzte, Qualm drang aus den Gelenkstellen seines Handschuhs, aber er hatte den Schlag überstanden. Unvorstellbar, welchen Fertigkeiten er befahl! Goda besaß nichts weiter als das eigene magische Reservoir, aus dem sie gegen ihn schöpfen musste. »Ich besiege dich!«, knurrte sie und hob die Arme. »Wir brauchen weder einen falschen Tungdil noch einen Lot-Ionan, um dich...«