Coira wusste nicht, was sie sagen sollte. Natürlich kannte man in Weyurn die Gebräuche des Nachbarn Tabain, doch sie hatte diese Art des Zusammenlebens stets für schwierig gehalten. Außerdem war sie sich über ihre eigenen Gefühle zu Rodario nicht im Klaren. Schwärmerei oder große Liebe? Wäre sie bereit, ihre große Liebe mit einer anderen zu teilen - und warum eigentlich?
»Ich hatte nicht den Eindruck, dass Rodario Euch anziehend findet. Nicht so, dass er bei Euch bleiben würde«, sagte sie daher und klang zu ihrer Verwunderung schnippisch. Eifersucht.
Mallenia, die bisher freundlich gewirkt hatte, verzog den Mund. »Ich verstehe. Ihr möchtet es auf einen Versuch ankommen lassen, zu wem er sich mehr hingezogen fühlt.«
Coira seufzte. »Was tun wir, wenn er keine von uns beiden will?«
»Kein Mann würde eine Prinzessin und eine Königin als seine Geliebten ablehnen. Außerdem teilen wir ihn uns. Wir haben unsere Absprache zuerst getroffen. Ihn lassen wir ihm Glauben, dass er es geschafft hätte, uns beide um den Finger zu wickeln.« Mallenia schaute zu Rodario, der sich mit Slin unterhielt. »Also, seid Ihr mir böse, wenn ich ihn nochmals küsse und sehe, was er danach tut? Es könnte auch gut für Euch laufen.« »Wenn er Euch sagt, dass er nur mich liebt, werdet Ihr ihn dann nicht länger bedrängen?«, hielt Coira dagegen.
»Wenn er das aus freien Stücken zu mir sagt und es schwört, lasse ich ihn Euch ganz allein.« Die Ido nickte und hielt ihr die rechte Hand entgegen. »Abgemacht?« Die Maga zögerte. »Es wird kein schlechtes Gefühl zwischen uns bleiben, wenn eine von uns als Verliererin vom Feld geht?«
»Nein.«
»Und wir werden uns deswegen auch nicht entzweien?«
»Nein, Königin von Weyurn«, sagte Mallenia lächelnd. »Wir bringen unsere Mission erfolgreich zu Ende, und danach werden unsere beiden Reiche noch enger im Austausch stehen als jemals zuvor. Das schwöre ich bei meinem Ahnen, Prinz Mallen von Ido.« Sie hielt ihr die Hand nochmals hin.
»Und Rodario wird niemals etwas von unserer Absprache erfahren?«
Die Ido lachte. »Nein, bei den Göttern! Sonst fühlt er sich in seiner Männlichkeit verletzt.«
Endlich schlug Coira ein. »Dann soll es so sein.« Die beiden Frauen umarmten sich und wünschten sich eine gute Nacht.
Rodario warf einen Blick zu ihnen hinüber. »Was geht denn da vor?«, wunderte er sich. Slin spannte seine Armbrust und lehnte sie gegen die Wand, neben der Luke, damit er sie jederzeit greifen und nur einen Bolzen in den Lauf zu legen brauchte, um zu schießen. »Weiber. Sie hecken immer irgendwas aus. Und wir Männer bekommen es ab.« Er grinste und hielt dem Mann seinen Trinkbeutel mit Branntwein hin. »Ihr seid ein weiser Zwerg, Slin«, meinte Rodario, nahm den Beutel und trank.
XXIV
Das Jenseitige Land, die Schwarze Schlucht, Festung Übeldamm, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.
Goda betete länger als sonst zu Vraccas. Sobald sich die Sonne erhob, verbrachte sie viel Zeit vor dem kleinen Schrein und flehte ihren Schöpfer auf Knien um Beistand für ihre Tochter Sanda an, die sie bei den Bestien vermutete. In der Obhut des schrecklichen Zwerges.
»Vernichte ihn«, betete sie flüsternd und weinte Tränen, die über ihre Wangen in den Flaum liefen. »Zerschmettere ihn mit deinem Hammer, wirf ihn in die Esse und verbrenne seine Seele zu nichts. Er hat sich von dir abgewandt und führt das Schlimmste des Schlimmen im Schilde.« Sie erhob sich. »Du weißt, dass wir die Menschen und die ganzen übrigen Völker in deinem Namen verteidigen. Lass nicht zu, dass es Ingrimmsch und mir auf diese Weise entlohnt wird.« Sie verneigte sich vor dem Vraccas-Figürchen aus reinem Vraccasium und verließ ihr Gemach.
Auf dem Gang eilte ihr ein Bote entgegen. »Herrin, sie haben einen Unterhändler gesandt«, rief er ihr zu. »Er steht vor dem Südtor.«
Das Herz raste ihr in der Brust. Hastig eilte sie dem Zwerg hinterher und trat wenig später durch das halb geöffnete Tor bis an den Rand des rötlichen Schirms. Auf der anderen Seite stand ein Scheusal, das menschenähnlich aussah, aber einen ausgewachsenen Mann um zwei Kopflängen überragte und zweifach so viele Muskeln besaß. Es hatte drei Arme - rechts, links und in der Brust -, die in ihren Händen zwei Turmschilde und einen langen Spieß trugen. Eine Rüstung hatte man dem Biest nicht überlassen, mehrere Lagen aus Lederkleidung umgaben den Körper; der Geruch, der durch die Barriere zu Goda wehte, war widerlich.
»Der, der viele Namen trägt und unser Herr ist«, sagte es mit rauchiger Stimme und zeigte dabei fingerdicke, spitze Zähne, »lässt dir ausrichten, Zauberin, dass du die Festung auf der Stelle aufgeben sollst. Sonst tötet der, der viele Namen trägt und unser Herr ist, dein Fleisch und Blut. Nachdem er sie mehrmals gegen ihren Willen genommen hat und dir ihren Körper in kleinen Stückchen Umlauf für Umlauf zukommen lässt. Zuerst die Finger, dann die Unterarme und so weiter, wobei er mit seiner Magie dafür sorgen wird, dass sie bis zum Schluss lebt und Schmerzen...« Goda hob die Hand. »Genug. Kehre zu ihm zurück und richte ihm aus, dass ich es nicht tun kann. Es geht um mehr als meine Tochter. Aber ich werde ihn eigenhändig töten, sollte er ihr ein Leid zufügen. Und auch meine magische Kraft ist groß. Ich fürchte mich nicht vor ihm.« Sie würgte, beherrschte sich, um ihre Angst nicht zu zeigen. »Wäre deine Kraft so groß, wäre die Barriere zerstört und euer Angriff hätte längst begonnen«, gab das Scheusal zurück. »Da der, der viele Namen trägt und unser Herr ist, mit einer solchen Antwort gerechnet hat, schlägt er dir im Austausch für das Leben deiner Tochter einen Handel vor, den du eher bereit sein wirst einzugehen.« »Ich handele nicht mit ihm.« Goda wandte sich ab. »Egal um was.«
»Ihr Leben gegen das von Balodil«, rief es ihr nach.
»Ich kenne keinen Balodil.« Sie verharrte, ihr wurde kalt.
»Der, der viele Namen trägt und unser Herr ist, sagte, du weißt, wen ich meine.« Es gab mehrere merkwürdige Laute von sich, die an Rülpsen und Knurren erinnerten. »Er hat deine Tochter an einen Ort gebracht, den du niemals erreichen wirst. Auch wenn es zur Schlacht kommt und ihr in die Schlucht eindringen würdet, wäre deine Tochter nicht da. Du wirst sie erst zurückerhalten, wenn der, der viele Namen trägt und unser Herr ist, die Leiche von Balodil und seine gestohlene Rüstung zurückerhält.« Goda drehte sich zum Unterhändler, der seine Schilde bereits enger zusammengeführt hatte, um sich dahinter verbergen zu können. »Ich bin eine Zwergin und verrate meinesgleichen nicht«, sprach sie bebend. »Sag deinem Herrn, dass er nichts von mir zu erwarten hat. Außer einen qualvollen Tod, wenn er meiner Tochter etwas antut.« Abrupt schritt sie davon und gab den Wachen ein Zeichen, das Tor zu verschließen. »Der, der viele Namen trägt und unser Herr ist, gibt dir drei Umlaufe Bedenkzeit. Danach erhältst du die Finger der rechten Hand deiner Tochter«, vernahm Goda die Stimme des Wesens, bevor die Flügeltüren rumpelnd zufielen. So sehr sich die Zwergin dagegen wehrte, einen weiteren Gedanken an das Angebot zu verschwenden, es ließ sie nicht mehr los. »Was ist schon dabei, wenn ich den Betrüger töte?«, sagte sie sich, als sie in ihrem Gemach angelangt war. Sie kniete sich vor den Schrein und betete zu Vraccas. »Du weißt, dass es nicht der echte Tungdil ist. Sein Leben gegen das von Sanda zu tauschen, wäre kein Verbrechen, sondern eine zweifach gute Tat.« Sie schloss die Augen und sah das Antlitz ihrer Tochter vor sich. Wieder musste sie weinen.