»Ich werde mich freuen, wenn die Sandkreaturen dich fressen«, spie der Famulus gegen Ingrimmsch.
»Aha. Das macht die Magie also«, merkte Balyndar an. »Sandkreaturen.« »Sandkreaturen, Wesen aus Stein, aus... allem, was tot ist und sich an dem Ort befindet, wo die Magie ist«, fasste Franek zusammen und betrachtete seinen verbogenen Finger. Er wagte es nicht, den Bruch gerade zu rücken und zu schienen.
»Was kann man gegen sie tun?« Rodario gefiel der Gedanke nicht, gegen eine Wand aus Sand oder Geröll antreten zu müssen.
»Wir? Nichts.« Franek zeigte auf Coira. »Das ist ihre Prüfung. Nur ein Gegenzauber kann diese Feinde vernichten. Herkömmliche Waffen richten nichts aus.« »Das werden wir sehen.« Ingrimmsch prüfte die Schärfe des Krähenschnabels und hüllte den Kopf mit schnellem Paffen in Rauch. Weder er noch Slin, Balyndar oder Franek sahen, wie Coira erbleichte.
Tungdil rief den Befehl zum Aufbruch. »Die Sonne ist weit genug gesunken. Wir können uns auf den Weg machen. Es ist besser, wenn wir uns langsam an die Temperaturen gewöhnen.« Er ließ die Zhadär ihre weißen Stoffüberwürfe über die schwarzen Rüstungen ziehen. Sie halfen gegen die sengenden Strahlen und bewahrten die Zwerge vor einem Hitzschlag; auch er und der Rest der Gruppe warfen sich den Schutz über, der von der Form her an einen zu breiten Wappenrock erinnerte. »Ich sehe aus wie ein Eiszapfen«, witzelte Slin.
»Ein Eiszapfen mit Bart?« Rodario grinste. »Da muss was Haariges eingefroren sein.« Barskalin und Tungdil übernahmen die Spitze, ihnen folgten mehrere Zhadär, danach die Zwerge und Menschen, und am Schluss formierten sich die übrigen Unsichtbaren als Nachhut.
Allein der Marsch von vier Meilen, raus aus dem Schatten der Bäume über die Grenze zu den Dünen, trieb ihnen den Schweiß aus den Poren, trotz des Frühlings und der tief stehenden Sonne. Als sie den weichen Sand erklommen, um auf die Spitze zu gelangen, wurde das Wandern noch anstrengender.
Die schweren Rüstungen, so viel Schutz sie ihren Trägern auch boten, brachten die Zwerge auf dem nachgebenden Untergrundbald ins Keuchen - bis auf Tungdil, der vorneweg stapfte, als sei er eine Maschine und kein Wesen aus Fleisch und Blut.
Weder Ingrimmsch noch einer der restlichen Zwerge wollte sich die Blöße geben und eine Rast verlangen. Erst als die Nachtgestirne über ihnen aufgezogen waren und es empfindlich kalt geworden war, ließ Tungdil sie in Sichtweite einer Felsformation anhalten. Aber nicht für lange, wie sie feststellen mussten. Slin sank in den Sand und zog den Helm ab; er war am Ende.
»Wir haben den ersten Sandgürtel durchquert«, verkündete er ihnen. »Unser Lager werden wir bei den Felsen aufschlagen. Sie geben uns genügend Deckung, falls ein Sturm aufziehen sollte.«
»Das sind drei Meilen«, schätzte Slin, und man hörte ihm deutlich an, dass er nicht gewillt war, einen Fuß vor den anderen zu setzen. »Hier ist es ebenso gut.« Tungdil warf ihm einen Blick zu. »Wir marschieren. Wenn es dir nicht passt, setz dich hin und warte bis zum Morgengrauen. Wir holen dich ab, wenn der Horizont sich hellblau einfärbt.« Ohne den aufständischen Zwerg weiter zu würdigen, setzte er sich in Bewegung.
»Los, steh auf, Vierter«, sagte ausgerechnet Balyndar. »Zeig unserem Großkönig, dass du es schaffst.«
»Meine Armbrust ist so schwer«, jammerte er. »Ihr Gewicht hat meine Beine müde gemacht.«
»Gib sie mir.« Balyndar nahm sie entgegen. »Und jetzt weiter.« Er hielt ihm eine Hand hin und zog ihn hoch. »Drei Meilen sind doch nichts.«
Slin betrachtete den Fünften. »Wie kommt es, dass ich dein Mitleid verdiene?« »Wir sind eine Gruppe, Slin, ob es mir gefällt oder nicht. Dass du mit der Armbrust gut umzugehen weißt, haben wir alle gesehen. Wir können dich nicht entbehren.« Balyndar schulterte die Fernwaffe. »Und es stimmt: Sie ist schwer.«
»Er hätte damit sicherlich nicht so lange durchgehalten wie du, Vierter«, setzte Ingrimmsch eins drauf und zwinkerte.
Slin sah hin und her. »Ihr veralbert mich!«
»Nein, tun wir nicht, das schwöre ich bei Vraccas.«
»Es ist einfach nur spät, ich will mich ausruhen. Und du hinderst mich daran, wenn wir dich zurücklassen«, meinte Balyndar todernst, dann blinzelte er.
Slin drehte sich zu Rodario. »Sie haben beide zu viel Sonne abbekommen. Anders kann ich es mir nicht erklären.«
Der Schauspieler zog eine gespielt leidvolle Miene. »Ja, das hört man oft. Der Saft, in dem der Verstand schwimmt, verdunstet und puff!, wird man ein besserer Mensch, obwohl man es gar nicht will.«
»Wir sollten Lot-Ionan in die Sonne stellen, was meint Ihr?«, warf Coira lachend ein. »Das klingt einfach.«
»Ihr seht doch an den beiden einst störrisch-mürrischen Zwergen, dass es geht«, sagte Rodario und bat mit einer Verbeugung bei Ingrimmsch und Balyndar um Verzeihung für die Frotzelei.
Immer weiter albernd, erreichten sie endlich den zwanzig Schritt in die Höhe aufragenden Felsen; sein Sockel belief sich auf gute acht Schritte auf jeder Seite. Tungdil wählte die Ostseite als Lagerplatz und wies die Wachen an, ihn beim ersten blauen Streifen am Himmel zu wecken.
Sie waren zu müde, um sich ein Essen zu kochen, und einer nach dem anderen versank in Schlaf. Selbst der Hunger konnte Menschen und Zwerge in dieser Nacht nicht davon abhalten, ins Reich der Träume zu sinken.
Ingrimmsch warf einen Blick zu Tungdil, der sich aufrecht sitzend und mit dem Rücken gegen den Felsen gelehnt zur Ruhe begeben hatte. Das bärtige Gesicht wirkte im Sternenlicht noch älter als an den Umläufen zuvor, das Auge war geöffnet und auf den finsteren Himmel gerichtet. Die Lippen bewegten sich, und gleich darauf schimmerten die Runen auf der Tioniumrüstung auf. Erst jetzt schloss er das Auge.
Dann döste auch Ingrimmsch ein.
Das Jenseitige Land, die Schwarze Schlucht, Festung Übeldamm, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.
Goda starrte auf das in Wachspapier eingeschlagene, verschnürte Päckchen. Es hatte im Morgengrauen vor dem Westtor gelegen und war von einer Wache hereingeholt worden. Es war der Umlauf, an dem die Bedenkzeit geendet hatte. Auch wenn ihr angekündigt worden war, was der Anführer der Scheusale ihr zustellen würde, sie wollte die abgetrennten Finger ihrer Tochter nicht sehen.
Ihre Hände bewegten sich von selbst, öffneten die Schnüre, falteten das Papier auseinander und hoben den Deckel von der schmucklosen Schachtel.
Goda sah nicht hinein, der Geruch von Blut stieg hervor.
Langsam neigte sie sich nach vorne, die Augen selbst schienen sich vor dem Anblick zu fürchten, der in dem Gefäß auf sie wartete.
Es waren die Finger ihrer Tochter, vom Daumen bis zum kleinen Finger, überpeinlich in der richtigen Reihenfolge angeordnet und mit dem Schmuck daran. »Vraccas«, ächzte sie hilflos. Die Angst vor dem morgigen Umlauf steigerte sich. In dem nächsten Päckchen würde Sandas Unterarm liegen, der rechte; und bald darauf der Oberarm, dann die Finger der anderen Hand. Stückchen für Stückchen. Ihre grausame Vorstellungskraft zeigte ihr die verstümmelte Tochter, von der in Kürze nicht mehr als ein blutiger Torso mit einem Kopf am oberen Ende übrig wäre. Goda hörte ihr Schreien, ihr Flehen, ihr Weinen - weil ihre Mutter sich weigerte, einen Zwerg umzubringen, den sie nicht einmal für den echten Tungdil hielt...
»Ich kann es nicht«, schluchzte sie und warf sich vor den Schrein. »Ich kann meine Tochter nicht zugrunde gehen lassen, Vraccas. Nicht für einen Scharlatan, auf den alle hereinfallen außer mir.« Sie starrte das Figürchen an. »Ich muss den Handel mit dem Feind eingehen, Vraccas! Ich habe keine andere Wahl, als...«
Es klopfte laut gegen ihre Tür. »Herrin! Herrin, komm! Ein Wunder ist geschehen!«, hörte sie die Stimme eines Soldaten.