Rodario stemmte die Hände in die Hüften, holte Luft und zog sein Schwert. Es hatte etwas für sich, kein Held zu sein. Dummerweise betrachtete er sich als einen solchen, und Helden hatten Kämpfe zu bestehen.
Er folgte den Zhadär, vor ihm liefen Mallenia, Coira und Slin, und vorneweg rannten Balyndar und Ingrimmsch den Korridor entlang. Tungdil sah er nirgends, dafür hörte er anhaltendes Scheppern und Schreien aus einem anderen Gang.
»Wieso erklärt mir niemand, was vor sich geht?«, lamentierte er in bester Schauspielermanier und beeilte sich, um den Anschluss nicht zu verlieren. Sie eilten in lockerem Trab durch die Gänge des Zwergenreichs, immer auf der Hut vor einer Begegnung mit Lot-Ionan, dem letzten Famulus Vot oder den Albae. Das taten sie nach Ingrimmschs Schätzungen bereits mindestens drei Umläufe lang. Begegnet war ihnen jedoch nichts und niemand.
Die Albae, welche von Tungdil im Alleingang niedergemacht worden waren, hatten nicht zur Hauptstreitmacht gehört; anscheinend war es ein Spähtrupp gewesen, der es an Vot und Bumina vorbei in die Stollen geschafft hatte. Sie wollten sicherlich Bumina töten, ehe sie neue Kräfte schöpfen konnte, und sind uns dabei in die Arme gelaufen. Er grinste. Gut so! Ingrimmsch war aber immer noch wütend auf Tungdil, der nicht weniger als fünfundzwanzig Albae allein und in Windeseile getötethatte. Es schien ihm keinerlei Mühe zu bereiten, auch seine Einschränkung durch den Verlust des einen Auges zählte nicht. Ingrimmsch musste sich eingestehen, dass Tungdil ihm im Gefecht weit überlegen war, was die Handhabung der Waffe, die Schnelligkeit und Wendigkeit anbelangte. Früher hatten sie sich einigermaßen gleichauf befunden, doch an diesem Umlauf wurde ihm bewusst, dass er sich mit seinem Freund nicht mehr messen konnte.
»Nach rechts«, befahl er und führte die Gruppe in den ehemaligen Thronsaal. Die Pracht und die Würde waren vergangen, hier hatten die Famuli einige Experimente an den Höhlenwänden versucht und etliche Säulen zum Einsturz gebracht, die einst in schwindelnde Höhe emporgeragt hatten. Die in Stein gehauenen Kampfszenen an den Wänden aus der Geschichte des Zwergenvolkes wiesen Löcher und Brandflecken auf, umgestürzte Kohlebecken und Leuchter lagen umher.
Auch der Tisch für die Stammeskönige und die kunstvoll gemeißelten Steintribünen dahinter für die Clananführer waren zertrümmert worden; der eindrucksvolle Marmorthron, auf dem einst Gundrabur Weißhaupt gesessen hatte, war unter der Wucht eines Zaubers zersprungen. Ein Sinnbild für die verlorene Macht der Zwergenstämme.
Ingrimmsch hatte eigentlich gehofft, dass Lot-Ionan hier sein Refugium errichtet hatte. »Das geht so nicht«, sagte Rodario, dem die hängenden Schultern des Zwerges aufgefallen waren. »Wir können zyklenlang durch das Gebirge streifen, ohne den Magus ein einziges Mal zu Gesicht zu bekommen.«
»Was bleibt uns denn anderes?«, gab Slin zurück und schaute Coira an. »Sagtest du nicht, dass du einen Zauber kennst?«
»Um ihn zu finden?« Sie verneinte.
Mallenia setzte sich auf ein Säulentrümmerstück. Sie machte aus ihrer Unzufriedenheit keinen Hehl. »Wir brauchen sofort einen neuen Plan. Wer weiß, wie es an der Schwarzen Schlucht oder in meinem Land aussieht?«
»Um die Albae müsst Ihr Euch keine Sorgen machen. Das Gift sollte inzwischen seine Wirkung getan haben. Es werden nur noch sehr wenige von ihnen am Leben sein«, beruhigte sie Tungdil. »Die wenigen Überlebenden bedeuten keinerlei Gefahr und werden von Aiphatön bald ausgelöscht sein.« »Wir hätten bei der Quelle bleiben sollen«, murrte Balyndar. »Früher oder später hätte Lot-Ionan dorthin kommen müssen.«
»Nichts hindert uns daran, zu ihr zurückzukehren.« Ingrimmsch streckte das Kreuz und hörte seine Wirbel knacken. »Ich werde alt«, staunte er. »Man könnte meinen, ich hätte Holz in mir und keine Knochen.«
»Zurück zur Quelle«, befahl Tungdil. »Unterwegs suchen wir Proviant. Einigen knurrt der Magen so laut, dass wir uns nirgends anschleichen könnten.«
Die Gruppe kehrte um, und als sie eben den geschändeten Thronsaal verlassen wollten, vernahmen sie Schritte von der anderen Seite hinter ihnen.
Ein junger Mann, höchstens dreißig Zyklen alt, betrat die Halle und sah die Zhadär, die den Schluss bildeten. Er riss den rechten Arm in die Höhe und jagte einen grelllilafarbenen Zauber gegen sie.
Der Stänkerer und der Knurrer besaßen genügend Geistesgegenwart, um hinter den Säulen in Deckung zu springen.
»Danke, Vraccas!«, jubelte Ingrimmsch und machte auf den Absätzen kehrt. »Wir haben Vot gefunden!«
»Wie entzückend! Aber er hat uns gefunden«, meinte Slin, ließ sich auf die Knie herab und hob gleichzeitig in einer fließenden Bewegung die Armbrust. Bevor ihn jemand aufhalten konnte, sandte er dem Famulus einen Bolzen. »Das ist meine Magie!« Vot hatte nicht bemerkt, was sich ihm näherte, und die Arme erhoben, um einen weiteren Spruch zu wirken. Plötzlich sah er auf seine Brust, wankte und stürzte nach rechts zu Boden. Mit einem einfachen Bolzen hatte er nicht gerechnet.
»Rasch!«, befahl Tungdil und rannte los. »Vielleicht können wir ihn noch verhören.« Er rief Coira zu sich, damit sie dem Famulus notfalls das Leben rettete.
Vot lag in seinem Blut, weil er den Bolzen aus der Wunde gezogen hatte. Das Geschoss hatte ihn ins Herz getroffen, doch das Leuchten um das Loch in seinem Körper sagte ihnen allen, dass er im Begriff stand, sich mit seinen magischen Fertigkeiten zu heilen. Tungdil richtete Blutdürster auf ihn, und Coira belegte den Verletzten mit einem schimmernden Fesselspruch um Hände und Augen. Damit war er so gut wie harmlos, da er keine Ziele erkennen und keine Zauber schleudern konnte.
»Wir suchen deinen Meister: Lot-Ionan«, sagte Tungdil. »Wirhaben vor einigen Umläufen schon Bumina nach ihm gefragt, aber da sie es uns nicht sagen wollte, verrottet sie nun vor dem Eingang zur magischen Quelle. Es liegt an dir, welches Schicksal du erwählst.«
Vot hatte seine Überheblichkeit noch nicht verloren. »Wer seid ihr, dass ihr es wagt, in mein...«
Der finstere Zwerg schnitt ihm mit der Klinge leicht am Hals entlang, sodass es stark blutete, aber die Wunde nicht lebensgefährlich war. »Der zweite Streich wird mit Macht geführt.«
»Lot-Ionan ist nicht mehr hier«, sagte Vot gepresst. Er hatte begriffen, dass es ihm nicht zustand, Fragen zu stellen.
Ingrimmsch trat ihm gegen das Schienbein. »Du stehst kurz davor, dem Tod zu begegnen, wenn du noch ein weiteres Mal lügen solltest, Bürschlein!«
»Ich sage die Wahrheit«, antwortete der Famulus ängstlich. »Der Magus ist gegangen.« Tungdil senkte die Spitze leicht in seinen Brustkorb. »Wohin? Sprich, oder ich finde heraus, wie schnell du Wunden zu heilen vermagst.«
Vot blieb still liegen und wagte es nicht mehr, sich zu bewegen. »Nach Norden«, kam es leise. »Er will nach Norden, um die Albae für ihren Angriff zu bestrafen. Er wusste von ihren Plänen und überließ uns die Verteidigung der Quelle. Sie sollen bei ihrer Rückkehr in ihre Reiche nur mehr Ruinen vorfinden.«
»Das ist gelogen!«, rief Ingrimmsch. »Franek hat gesagt, dass er seinen Famuli niemals erlaubte, ohne Aufsicht in die Quelle zu steigen.«
Vot seufzte. »Die Lage hat ihn dazu gezwungen.« »Ich glaube dir nicht.« Tungdil setzte die Spitze an einer anderen Stelle an.
»Es ist die Wahrheit! Er hat uns drei Besuche gewährt, danach würde ein Vernichtungszauber beim Eintreten in die Kammer ausgelöst«, erwiderte Vot rasch. »Was will er genau im Norden?«
»Die Reiche der Albae für den Angriff auf ihn in Asche legen. Was sonst?« »Ja, was auch sonst?«, ahmte Ingrimmsch den Tonfall des Famulus nach. »Das mache ich auch jeden Umlauf: aufstehen, die Schwarze Schlucht mit bloßen Händen zuschaufeln und ein bisschen Vernichtung bringen.«