»Das war zu langsam«, verbesserte der Kaiser der Albae freundlich. »Das wird wohl an deinen ermüdeten Armen liegen. Ansonsten hättest du mich sicherlich getroffen und getötet wie alle anderen hier, Boindil Zweiklinge.«
Der Zwerg kniff die Augen zu einem Spalt zusammen. »Ich merke, wenn man mich veralbert.«
»Das lag nicht in meiner Absicht.«
»Dass ich es merke oder dass du mich veralberst?«
»Das Veralbern.« Aiphatön nickte Ingrimmsch zu. »Verzeih mir.«
Der Zwerg winkte ab und kam sich seltsam vor, neben einem Alb zu stehen. Seine Rüstung wies keine Blutspuren auf. »Du hast dich nicht beteiligt?«
»Es ist euer Gebirge. Ich hielt es für angebracht, die Säuberung in eure Hände zu legen«, antwortete Aiphatön. »Mein Teil bestand darin, sie zu vergiften. Das machte es euch möglich, sie zu besiegen. Andernfalls hätte ich vielleicht zu euren Gunsten eingegriffen.« Sein Blick schweifte über die Leichen. »Ich war niemals einer von ihnen, auch wenn ich es einige Zyklen lang geglaubt hatte. Es war ein Fehler, den ich wiedergutgemacht habe.« Er sah zu Ingrimmsch. »Das Tor in den Süden ist nicht angerührt worden, und diejenige, welche Vot und Buminas Zauber entkamen, sind in den Gängen verendet. Die letzten Überlebenden habt ihr vernichtet.« Aiphatön zeigte auf Tungdil. »Er sollte die Rüstung ablegen. Sonst nimmt sie ihn noch mehr in Besitz.« »In Besitz?« »Du wusstest es nicht?«
Ingrimmsch griff nach seiner Wasserflasche und spülte seine trockene Kehle. »Ich ahnte es«, gab er leise zurück. »Was weißt du über sie?«
»Nichts. Aber ich kenne die Symbole auf ihr. Es ist ein Versprechen von Rüstung und Träger gleichermaßen, sich gegenseitig zu schützen und niemals mehr zu verlassen. Irgendwann ist der Augenblick gekommen, wo sie der Träger niemals mehr ausziehen möchte. Weder zum Schlafen noch zum Essen noch für seine Notdurft. Sein Fleisch wird sich wund scheuern, der Brand wird ihn packen, und Tungdil wird in seinen eigenen Ausscheidungen zugrunde gehen.« Aiphatön sah den Schrecken im Gesicht des Zwerges. »Bringe ihn dazu, sie abzulegen.« Er schritt an ihm vorbei zum Ausgang. »Ich gehe nach Dsön Bharä, um meine Aufgabe zu erfüllen.«
»Das wird vielleicht nicht nötig sein.« Ingrimmsch erklärte ihm, was sie von Vot erfahren hatten.
Der Alb dachte nach. »Dann werde ich sehen, was der Magus übrig gelassen hat. Wenn er mir dabei begegnet, werde ich ihn überwältigen und verschnürt für euch liegen lassen.« Er zwinkerte Ingrimmsch zu. »Achte auf deinen Freund, wenn dir sein Leben lieb ist.« Mit diesen Worten ging er aus der Halle.
Der Zwerg sah ihm nach, dann schaute er zu Tungdil, der noch immer auf dem zerstörten Thron saß und gegen die Wand stierte; mit der Linken streichelte er versonnen die Beinschiene des Oberschenkels.
XXVIII
Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Sangrein, an der Grenze zu Gauragar, 6492. Sonnenzyklus, Spätfrühling.
Sie hatten die Wüste erfolgreich hinter sich gelassen - nicht zuletzt wegen ihrer Pferde, die sie in einer Oase erstanden hatten.
Wenn sie auf ihrem Weg weiterhin mit dieser Geschwindigkeit vorankämen, würden sie bald in das Kernreich der Albae und damit zu Lot-Ionan gelangen. Sie rasteten immer nur kurz, um den Tieren eine Erholung bei Wasser und dem mitgeführten Futter zu gewähren. Die Menschen und Zwerge aßen während des Reitens.
In einer solchen abendlichen Pause setzte sich Rodario den beiden Frauen gegenüber, und sein Gesicht verriet, dass er Großes verkünden wollte. »Ich willige ein«, verkündete er knapp.
Coira und Mallenia sahen sich an.
»Diese Abmachung, dass ich das Lager niemals mit euch beiden gleichzeitig teile: Ich willige ein«, wiederholte er. »Ich möchte weder auf die eine noch auf die andere verzichten, das haben mir die letzten Umläufe gezeigt. Und wenn mir zwei so reizende Frauen eine derartige Offerte machen, wäre ich töricht, sie abzulehnen.« Coira beugte sich nach vorne, sie gab ihm strahlend einen Kuss auf die linke Wange und Mallenia auf die rechte. Eine betuliche und beinahe kleine Geste für eine große und ungewöhnliche Herzenssache.
Ingrimmsch sah zu den dreien und schüttelte den Kopf. »Ich werde die Langen niemals verstehen«, sagte er zu Tungdil. »Sieh dir an, was für ein Gestirn sich da gebildet hat.« »Wenn sie sich lieben und damit in Frieden leben können, was ist daran falsch?« Der Einäugige warf einen dicken Ast ins Lagerfeuer, über dem vier Kaninchen brieten, die Slin erlegt hatte. »Ichbin der Letzte, der sie deswegen anklagen würde.« Er hielt sich den Rücken. »Soll ich dir nicht helfen, die Rüstung abzulegen? Sie drückt dich doch.« Ingrimmsch streckte die Hand aus, um die Schnallen zu öffnen, aber sein Freund wich ihm aus. »Wir befinden uns auf einer heiklen Mission, bei der uns jederzeit ein Unglück treffen kann. Ich möchte wertvolle Augenblicke nicht damit vergeuden, meine Rüstung anzuziehen oder verletzt zu werden, weil ich lediglich meinen bequemen Waffenrock trug«, sagte abweisend.
»Wann hast du sie das letzte Mal ausgezogen?«
»Es ist noch nicht lange her.«
»Doch, das ist es, Gelehrter.« Ingrimmsch reichte ihm eine Kaninchenkeule, die er abgerissen hatte. Das Fleisch dampfte, und es duftete herrlich. »Hier, damit du stark bleibst und Taten vollbringen kannst, wie ich sie im Blauen Gebirge bewundern durfte.« Er selbst nahm sich die zweite Keule. »Ich weiß nicht, woher du diese Kraft und dieses Ungestüm nimmst. Selbst in meinem wildesten Kampfrausch vermag ich es nicht.«
»Ich habe mehr Übung als du, mein Freund«, gab Tungdil zurück und aß mit wenig Hunger.
Ingrimmsch tat so, als habe er etwas auf dem Rücken der Tioniumrüstung bemerkt. »Verflucht! Ich glaube, sie ist vom Reiten dreckig geworden. Und eine Delle ist da auch. Wie ist denn das zugegangen?«, meldete er. »Wir wollen sie sauber machen und pflegen. Sonst ist sie vielleicht beleidigt und wird wieder hart wie ein Eisenträger, und ich muss sie wie eine Glocke bearbeiten, damit du dich wieder bewegen kannst«, versuchte er es mit einem Scherz.
Jetzt sah ihn Tungdil ergründend an. »Wieso möchtest du so sehr, dass ich sie ausziehe?« »Ich?«
»Du bist kein Schauspieler, Ingrimmsch. Das warst du nie.« Er kaute und schluckte das Fleisch. »Was hast du gegen sie?«
Ingrimmsch wusste nicht, wie er der gnadenlose Nachfrage ausweichen konnte, und daher ging er zum Angriff über: »Ich kenne... Geschichten über solche Panzerungen, die von ihren Trägern Besitz ergriffen haben. Die Armen gingen in ihrem Eisenkleid elendig zugrunde, und ich habe die Angst, dass es dir ebenso ergeht«, machte er sich Luft und deutete mit der Keule aufihn. »Ich sehe doch, dass du seit dreißig Umläufen nicht mehr aus ihr gestiegen bist und die Beinschiene gestreichelt hast, als wäre sie die zarte Haut einer Zwergin!« Tungdil setzte zu einer Entgegnung an, doch dann schwieg er. »Du hast recht«, sagte er leise und warf den Knochen ins Feuer. »Mir fällt es schwer, mich von ihr zu trennen. Sehr schwer.«
»Dann steig aus ihr. Wenigstens heute Nacht. Ich wache zweifach so gut wie sonst«, rief Ingrimmsch erleichtert und lockend.
Die Runen glommen schwach wie Raubtieraugen in weit entferntem Licht. »Nein«, lehnte sein Freund ab. »Ich habe kein gutes Gefühl.«
»Dann sage mir, wann du gedenkst, sie auszuziehen!«
»Wenn es vorbei ist«, erwiderte Tungdil müde. »Lass uns nicht streiten, Ingrimmsch. Ich schwöre, dass ich sie ausziehe, wenn die Schwarze Schlucht geschlossen und mein einstiger Meister besiegt ist.« Er hielt dem Zwerg die ausgestreckte Hand hin. »Gibst du dann Ruhe?«
»Ja, Gelehrter!« Ingrimmsch schlug ein, sie schüttelten sich die Hände, und dann widmete sich der Krieger wieder den Kaninchen. »Essen!«, schrie er, sodass die Zwerge und die Menschen zusammenzuckten, was er mit einem Grinsen quittierte. Die Zhadär machte er nirgends aus; sie saßen sicherlich in einem schattigen Versteck und behielten die Umgebung im Auge.