»Was denkst du jetzt von mir?« Tungdil nahm sich den Trinkschlauch, in dem Palmbrand abgefüllt war. Er entkorkte ihn und nahm einen Schluck von dem starken Getränk.
»Weil du die Panzerung nicht ablegst?«
»Nein. Von mir.« Er wischte sich etwas von der stark nach süßen Früchten riechenden Flüssigkeit aus dem Bart. »Bin ich in deinen Augen der echte Tungdil?« Ingrimmsch lächelte. »Das bist du schon lange. Es gibt zwar gelegentlich ein paar Gnome in mir, die mich Kleinigkeiten an dir entdecken lassen, die es bei dir früher nicht gegeben hat. Aber wir verändern uns alle, nicht wahr?«, antwortete er wahrheitsgemäß. »Ich bin mir sehr sicher, dass du es bist, Gelehrter, und kein Doppelgänger oder ein Trugbild oder sonst etwas, was uns die Mächte der Schwarzen Schlucht sandten.« Tungdil wartete, bis alle ans Feuer gekommen waren, um sich ihren Anteil abzuholen, und wieder gegangen waren. Slin hatte Werkzeug rund um seine Armbrust ausgebreitet und pflegte sie, Balyndar betrachtete die Feuerklinge, die sich noch immer nicht beruhigen wollte und hell leuchtete.
»Ich bin von einer Minderheit zum Großkönig gewählt worden«, sagte Tungdil behutsam. »Nur von den Vierten und Fünften. Wenn sich aber nun die Ersten und die Zweiten, die bei den Freien leben, gegen mich aussprechen - was dann?« »Die Dritten sind für dich.«
»Die Dritten spielen leider keine Rolle. Nicht in dieser Frage.« Tungdil sah zur Feuerklinge. »Er wäre ein viel besserer Großkönig. Oder seine Mutter als Großkönigin, damit könnten die anderen drei Stämme besser leben.«
Ingrimmsch ließ sich den Palmbrand geben, versuchte ihn und unterdrückte ein Husten. »Ich bin viel gewohnt«, krächzte er, »aber das hier raubt einem das Augenlicht! Und du hast nur noch eines.« Tungdil lachte. »Du klingst, als wolltest du den Titel gar nicht mehr, mit dem ich dich ködern musste, Gelehrter?«
»Ich wollte ihn nur, um die Zwerge dazu zu bringen, meinen Anweisungen zu folgen«, gestand er ihm. »Das Wort des Großkönigs hat mehr Gewicht als das Wort von Tungdil Goldhand, von dem manche sagen, er sei nicht der wahre. Verstehst du?« Er lächelte schwach. »Es wird die meisten überraschen, wenn ich den Titel freiwillig zurückgebe, sobald unsere Aufgabe erfüllt ist.«
»Zurückgeben?« Ingrimmsch schlug sich auf den Schenkel. »Ho, so kann nur der einzig echte Gelehrte sprechen! Denn ein Doppelgänger hätte sich der Macht erfreut und sie missbraucht.« Er lachte. »Ja, es wird einige überraschen.« Er nickte zu Balyndar. »Sag es ihm gleich.«
»Weswegen?«
»Damit er etwas von seiner Haltung dir gegenüber ändert.«
Tungdil trank einen weiteren Schluck. »Das soll er nicht. Es ist besser, wenn es so bleibt. Wenn er später einmal König der Fünften wird, ist es besser, wenn er keinen Abstammungsmakel trägt und man ihn einem anderen Vater zuschreibt. Sein Geheimnis bleibt gewahrt.«
»Wenn die Ähnlichkeit nicht wäre...«
»Eine Fügung, mehr nicht. Niemals werde ich ihn als Sohn bezeichnen.« Er warf Ingrimmsch einen langen Blick zu. »Und du auch nicht.«
»Ich werde mich hüten, Gelehrter. Das ist eine Sache zwischen dir, Balyndar und Balyndis.« Seine Kehle fühlte sich trocken an, obwohl er genügend getrunken hatte. Er ahnte, welche Vorzeichen das waren, und es gefiel ihm überhaupt nicht. Wird es mir gelingen, diesem Durst zu widerstehen? Einen passenden Dickkopf hatte er ja. »Weißt du schon, wen du als Großkönig vorschlagen möchtest?«
»Nein. Ich werde mich raushalten und mir einen Platz im Geborgenen Land suchen, wo ich nichts mehr mit unserem Volk zu tun habe. Das ist mein fester Entschluss.« Tungdils hartes Gesicht verlor die Unnahbarkeit. »Wer mich besuchen möchte, ist willkommen. Aber unter den Zwergen leben möchte ich nicht mehr.«
»Ist dir dein eigenes Volk in der Verbannung zuwider geworden?«
»Nein. Ich meinem Volk.« Er spielte mit seinen Fingern. »Die einen bejubeln mich, doch die anderen verstehen mich nicht mehr. Die Veränderung durch zweihundertfünfzig Zyklen Krieg, Bosheit und Gewalt sind nicht rückgängig zu machen. Lieber lebe ich einsam und friedlich als unter vielen und heimlich angefeindet. So sorge ich dafür, dass nur diejenigen zu mir kommen, die mir vertrauen.« Das braune Auge richtete sich freundlich und warm auf Ingrimmsch. »Ich wäre glücklich, wenn du zu denjenigen gehörtest, die mich besuchen.«
Der Krieger war gerührt. »Habe ich dich jemals im Stich gelassen, Gelehrter?« Wieder schnarrte er beim Sprechen. Der Durst, so hatte es den Anschein, brannte sich durch sein Fleisch; kleine schwarze Wölkchen, die aus dem Mund kamen, hätten ihn nicht verwundert. Er stand auf. »Ich muss mir die Beine vertreten und Zwergenwasser abschlagen. Mal sehen, was der Stänkerer und der Knurrer zu berichten haben.« Rasch entfernte sich Ingrimmsch vom Lagerfeuer, hastete an den Menschen vorbei ins Zwielicht.
Er lief keuchend in das kleine Wäldchen. »Stänkerer?«
Ingrimmsch lauschte und würgte, weil sein Schlund prickelte und innerlich Blasen zu werfen schien. Sein Hals wurde heißer und enger, es pfiff, wenn er die Luft einsog, und letztlich wurde ihm schwindlig wie nach zehn großen Humpen Schwarzbier. »Stänkerer!«, hustete er und sank auf die Knie, hechelte und überlegte sich, ob er sich einen Dolch in den Rachen schieben sollte, um die Speiseröhre zu weiten. Eine schwarze Hand mit einem Trinkschlauch bewegte sich in sein Sichtfeld.
Gierig riss Ingrimmsch den Schlauch an sich und nahm ein, zwei Schlucke, ehe er ihm aus den Fingern gewunden wurde; das Brennen endete abrupt, und er konnte wieder normal atmen.
Erst jetzt wandte er den Kopf und sah den Zhadär vor sich, der langsam um ihn herumging und sich vor ihm in die Hocke niederließ. »Danke.«
Balodil warf ihm den Schlauch zu. »Nimm ihn. Er gehörte dem Zhadär, den wir in der Wüste verloren haben. Es ist so gut wie nichts mehr darin, aber dir wird es genügen. Sollte ich sterben, musst du dir meinen Trinkbeutel nehmen.«
»Aber... es nützt doch nichts«, meinte Ingrimmsch verzweifelt und hatte noch immer den Blutgeschmack im Mund. »Ich verwandele mich in einen... Halb-Zhadär!« Balodil setzte sich und lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum. »Es gibt einen Weg für dich, dem Schicksal zu entkommen und deine Seele zu reinigen, das habe ich dir schon angedeutet.« Er kicherte dümmlich, brummte die ersten Töne von einem Lied und nieste dann. »Barskalin war der festen Überzeugung, dass einer der Elben, die wir verschont hatten, die Macht besäße, uns von dem Fluch zu befreien, den wir freiwillig auf uns geladen hatten. Denn wir taten es in guter Absicht.«
Ingrimmsch atmete auf. »Und wie soll das Spitzohr das erreichen?«
»Ich weiß es nicht. Das liegt an dir. Aber der Elb wird in der Lage sein, den Bann von dir zu nehmen, denn du wolltest ja gar keiner von uns werden«, säuselte der Zhadär und wiegte den Oberkörper im Takt einer ausschließlich für ihn hörbaren Melodie. »Finde den Elb und frage ihn, was du tun kannst«, sang er mehr als er sprach. »Viel Zeit wirst du nicht mehr haben, bis du unverrückbar verändert bist.«
»Ich habe mich aber noch gar nicht verändert!«, beharrte Ingrimmsch bockig. »Doch, das hast du. Ich rieche es.« Balodil lachte. »Ich weiß nicht, wie der Elb es dir ermöglichen wird, aber schon allein deswegen, weil dein Name zu denen gehört, die man den Guten zurechnet und die sich damals auch um die Elben sorgten, nehme ich an, dass die Spitzohren dich nicht sterben lassen werden.«
»Habe ich eben das Wort sterben gehört?«
Balodil machte ein Gesicht, als müsse er nachdenken, was er gesagt hatte, dann gab er Vogelgezwitscher von sich. »Ja. Sterben. Wenn du kein Mittel mehr hast, um den Durst zu stillen, wirst du sterben.« Leise gackernd wie ein Huhn erhob er sich und marschierte zum Rastplatz zurück. »Besser als wahnsinnig zu werden wie du«, murmelte Ingrimmsch und stemmte sich hoch; den fast leeren Trinkbeutel verstaute er unter seinem Kettenhemd. »Auf die Gnade eines Spitzohrs hoffen. Na, das ist fein.« Er trat gegen einen Stein. »Erst muss ich es überhaupt finden. Aber wie?«, grummelte er vor sich hin, während er Balodil folgte. Im Geiste sah er eine Elbenfalle aus einem Käfig mit einer Schüssel Salat darin. Ingrimmsch musste grinsen, es ging einfach nicht anders.