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Kaum stand er, humpelte er die Stufen zum Haus hinauf, in das sich Ortram geflüchtet hatte. »Ich will die Weise von der Lust hören!«, tobte er und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, dann drosch er mit der Schneide auf die geschlossene Tür ein. Von drinnen erklangen die verängstigten Schreie seines Sohnes.

Die Reiter donnerten heran und riefen mehrmals nach dem Wildhüter, der wie von Sinnen auf das Holz einschlug.

Unvermittelt hielt er inne und drehte sich zu ihnen um. »Ihr wollt sie auch für euch!«, rief er mit überschnappender Stimme und schleuderte die Axt nach ihnen. »Ihr werdet sterben!«

Die Axt prallte gegen die Brust von Diederichs Pferd, das daraufhin scheute und auf die Hinterläufe stieg; der Mann fiel in den Schnee.

»Mit dir fange ich an!« Hindrek zückte den langen Dolch und hopste auf den Liegenden zu - und bekam einen Bolzen in die Brust. Stöhnend fasste er nach dem Schaft, der nur noch zu einem Drittel herausragte, um nach vorn zu kippen und liegen zu bleiben. Diederich, ein Mann um die vierzig Zyklen, erhob sich fluchend und wischte den Schnee von sich ab. »Was, bei den abscheulichen Mächten Tions, ist hier vorgefallen?« Viatin, der Schütze und etwas jünger als Diederich, hing die Armbrust an die Sattelhalterung und rutschte auf den Boden. Er trug wie seine Begleiter einen kurzen Vollbart; eine Kappe aus Zobel schützte ihn vor dem Winter. »Die Einsamkeit hat schon ganz andere Kerle wie Hindrek bezwungen. Es kann einen verrückt machen.« Er sah zur Frauenleiche. »Anders wird seine Tat nicht zu erklären sein.«

Gerobert lenkte sein Pferd um die Hütte. »Ich schaue mich lieber um. Wer weiß, was wir noch entdecken müssen.«

Diederich, Viatin und Wislaf, mit zwanzig Zyklen der Jüngste von ihnen, gingen gemeinsam zum Eingang und traten die versperrte Tür ein.

Der große Innenraum war sauber und aufgeräumt. Auf dem Herd brodelte ein Kessel, es roch nach Kanincheneintopf, und der Tisch war gedeckt. Ohne die Leichen vor dem Haus sah es nach einem friedlichen Leben aus.

Ortram hatte sich neben dem Ofen zusammengekauert und hielt einen glühenden Schürhaken als Schutz vor sich. Tränen liefen seine Wangen hinab, und er zitterte am ganzen Leib.

»Wir tun dir nichts«, sagte Diederich bedächtig und wies dem Jungen seine leeren Hände. »Dein Vater kann dir nichts mehr anhaben.«

Doch Ortram rührte sich nicht, sondern hielt sie weiter auf Abstand.

»Da möchte man Felle kaufen, und dann stößt man auf so eine furchtbare Tragödie«, meinte Wislaf leise. »Was sich Menschen nur antun.«

»Heuchelei, wenn auch glaubhaft vorgetragen«, sagte eine feine, wohlklingende Stimme vom Eingang voller Spott. Die Männer wirbelten herum, Viatin und Diederich zogen ihre Schwerter mehr aus Überraschung denn aus Furcht.

Über die Schwelle trat ein Alb in einem schwarzen Umhang; er musste sich ducken, um wegen seiner Größe und der Waffe auf dem Rücken durch die Tür zu passen. »Wo wir doch alle wissen, was du den Menschen antust, wenn und wann es dir beliebt.« Die zweite Stimme kam aus dem großen Kamin in ihrem Rücken, und Wislaf wandte sich um. Ein zweiter Alb, dem Gesicht nach der Zwilling des anderen, hob sich vor dem Feuerschein ab. Es war dem Mann ein Rätsel, wie die Kreatur durch die Flammen gelangt war, ohne zu vergehen.

Diederich und Viatin behielten die Schwerter in den Fäusten. Auf sie machte es den Eindruck, als versperrten ihnen die beiden Neuankömmlinge den Weg.

Wislaf räusperte sich. »Was wollt Ihr hier? Habt Ihr etwas mit den Vorgängen zu tun?« »Wir? Niemals. Einen Besuch abstatten wollten wir. Der arme Wildhüter«, sagte der Alb vor dem Ausgang freundlich und lächelte. Die weißen, ebenmäßigen Zähne schimmerten raubtiergleich. »Nennt mich Sisaroth und meinen Bruder Tirigon«, stellte er sie endlich vor.

Wislaf tat das Gleiche mit sich und seinen Begleitern. »Wir sind Leute von Graf Pawald und Vasallen von Mörslaron. Ihr werdet den Namen des Albs kennen, dem dieser Landstrich in Gauragar gehört«, fügte er hinzu, um sich vor einem Angriff zu schützen. Die Albae respektierten nur die eigene Art, und wenn diese unheimlichen Geschwister verstanden hatten, dass er und seine Begleiter einem anderen Alb angehörten, ließen sie gewiss die Finger von ihnen.

Zur Erleichterung der Menschen nickte Sisaroth, ohne sich von der Tür wegzubewegen. »Ich kenne Mörslaron«, sprach er, und es klang nicht so, als fürchte er ihn. Das, fand Wislaf, war kein gutes Zeichen.

Hinter Sisaroth erschien eine Albin und drückte sich an ihm vorbei in den Raum. Auch sie trug einen schwarzen Mantel, ein Diadem lag auf den schwarzen Haaren und hob das bezaubernde Gesicht hervor.

»Drillinge«, entfuhr es Diederich.

»Trefflich beobachtet«, lachte die Albin. »Wäre es nicht schicklich, die Waffen wegzustecken? Schließlich stehen wir auf der gleichen Seite.«

»Können wir Euch behilflich sein?«, fragte Viatin geflissentlich und hatte nur Augen für sie.

Die Albin wechselte kurze Blicke mit ihren Brüdern. »Wenn ihr so freundlich sein wolltet: Wir forschen nach einem Brief. Hindrek hat ihn irrtümlich erhalten. Als er den Inhalt gelesen hat, mag er seinen Verstand verloren haben. Albae-Runen können auf Menschen eine tödliche Wirkung haben. So empfehle ich: Haltet Ausschau, ohne die Zeichen darauf zu beachten.« Mit einer knappen Geste schickte sie die Männer auf die Suche, die in der Kammer des Wildhüters stöberten.

Die Albin bemerkte den verstörten Jungen neben dem Ofen und näherte sich ihm mit leichten, lautlosen Schritten. Nicht einmal die Holzdielen knarrten unter ihren weichen Stiefelsohlen, und sie erschien mehr wie ein Geist denn wie ein lebendiges Wesen.

»Du armes Geschöpf«, sagte sie zu ihm und kümmerte sich nicht um den Schürhaken, der kaum mehr glühte, aber immer noch Hitze verströmte. Sie ging vor ihm in die Hocke und berührte seine Stirn. Ortram zuckte zusammen und starrte die Hand entsetzt an, aber er wehrte sich nicht; ihre Brüder verharrten regungslos an ihren Plätzen und beobachteten Wislaf und seine Leute bei der Arbeit.

»Hier!«, rief Diederich und hielt einen Umschlag in die Höhe. »Das könnte es sein, oder?« Peinlich genau achtete er darauf, keinen Blick auf die Runen zu werfen. Sisaroth winkte ihn zu sich und ließ sich den Fund aushändigen. Er zog den Brief heraus und überflog die Zeilen, dann nickte er Tirigon zu und sah zufrieden aus. »Der Junge wird vielleicht mehr wissen«, meinte er und wandte Ortram den Kopf zu. »Schwester, frage ihn, was der Bote seinem Vater weiterhin übermittelte.« Die Albin hatte den Blick nicht von Ortram gewandt. »Du hast gehört«, sagte sie sanft. »Worüber redeten dein Vater und der Mann, der den Brief übergab?« Der schwarzen Augen gössen intensive Furcht über den Knaben, die in ihn sickerte und seinen Verstand peinigte, während sie noch immer lächelte.

»Über eine Stadt«, würgte er heraus und wollte die Albin schlagen, ihr die schrecklichen Augen mit dem Eisen ausstechen, ihr liebreizendes Gesicht zertrümmern und davonrennen. Stattdessen konnte er sich nicht bewegen, von unfassbarem Schrecken in die Ecke neben den Ofen gebannt, und war gezwungen, ihr zu antworten. »Mehr, Ortram«, lockte sie ihn und streichelte seine Wange.

»Hochheiligstadt«, wimmerte er. Er glaubte zu sehen, dass sich die Schwärze aus den Augenhöhlen löste und auf ihn zukroch, dunkle Gespinste waberten um ihn herum; sein Atem ging schneller, er stöhnte auf.

»Und wer soll in der Stadt sein? Sagte der Bote etwas darüber?«

Die ersten Ausläufer des schwarzen Brodems hatten sein rechtes Auge beinahe erreicht, Kälte ging davon aus. »Eine Frau, die sich Mallenia nennt«, schrie er. »Sie wartet dort. Mehr weiß ich nicht!« Ortram schluchzte. »Bitte, mehr weiß ich doch nicht!« Die Albin fuhr durch seine hellen Haare. »Ich glaube dir.« »Mallenia?«, sagte Viatin überrascht. »Die Aufständische? Hat sie nicht vor Kurzem erst die Schwarze Schwadron bei Hangenturm überfallen und sie um den Zehnten erleichtert?«