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Wislaf sah sich um. »Wo ist eigentlich Gerobert? Wollte er nicht nachkommen, wenn er sich umgeschaut hat?«

»Ein großer, kräftiger Mann mit einem grauen, dreckigen Mantel und einem Vollbart?«, erkundigte sich Tirigon. »Ich sah ihn auf einem Fuchshengst.«

»Da ist er«, nickte Wislaf. »Er ist davongeritten, sagtet Ihr?«

»Nein. Das sagte ich nicht.« Der Alb deutete hinaus. »Wir sind uns begegnet. Hinterm Haus.« Er legte die Rechte vielsagend an den Griff des Dolches mit der doppelten Klinge. »Da ich vor euch stehe, werdet ihr euch denken können, wie unsere Begegnung verlief.«

Diederich zog ein Schwert. »Verflucht! Tückische Kreaturen!«, spie er aus. »Sie machen nicht einmal vor ihren Verbündeten halt.«

Sisaroth lachte laut und herablassend. »Wie kommt er darauf, dass solche Geschöpfe wie Menschen unsere Verbündeten sein könnten? Vasallen von Mörslaron, mehr nicht.«

Tirigon nickte erheitert. »Und da Mörslaron weit unter uns steht, können wir über alles verfügen, was ihm gehört.« Schlagartig wurde er ernst. »Oder es zerstören.« Nun zückten auch Wislaf und Viatin ihre Schwerter. »Das würde Euch schlecht bekommen!«, warnte Wislaf sie.

»Schwester, ich glaube, die Gemüter der Männer hier sind ein wenig erhitzt«, rief Sisaroth ihr zu und machte keinerlei Anstalten, sich mit seinen Dolchen zur Wehr zu setzen. »Möchtest du etwas vortragen, um sie zu besänftigen?«

»Du weißt, dass mich das sehr anstrengt«, gab sie zurück. »Meine Stimme leidet.« »Nein«, ächzte Ortram. »Nein, bitte, nicht singen! Habt Mitleid...«

»Aber versuchen kann ich es.« Die Albin gab ihm einen Kuss auf die Wange, holte tief Luft und erhob ihre Stimme.

V

Das Jenseitige Land, die Schwarze Schlucht, Festung Übeldamm, 6491. Sonnenzyklus, Winter.

Ingrimmsch stand in voller Rüstung auf dem Südturm und betrachtete den Aufmarsch der verschiedensten widerwärtigen Bestien am Ausgang der Schlucht. Ein Sammelsurium aus Grauen, das sich anschickte, über das Land herzufallen. Neben ihm befand sich Goda, den Mantel um die Schultern gelegt, und horchte nach ihren inneren verbliebenen magischen Kräften. Noch gab es einen Vorrat. Ihre Hand wanderte tastend zu der Tasche an ihrem Gürtel. Darin bewahrte sie unterschiedlich große Splitter des Diamanten auf, die vom Umkreis der Stelle herrührten, an der das Artefakt gestanden hatte. In ihnen ruhten winzige Reste von Energie, wie sie festgestellt hatte, und jedes Quäntchen davon zählte.

Früher hatte sie unerschöpfliche Kraft aus dem Artefakt ziehen können, wenn sie die Hände gegen den Schirm gelegt hatte. Damit war es vorbei.

Die nächste magische Quelle lag gar nicht mal so viele Umläufe von ihr entfernt, jedoch im Reich der Albae. Goda zweifelte, dass sie überhaupt lebend bis dorthin gelangen würde.

Die andere Quelle befand sich in Weyurn, eine viel weitere Reise, welche sie nicht antreten durfte, solange die Schwarze Schlucht ihre Scheusale jederzeit gegen Übeldamm ergießen könnte. Gerüchten nach hockte auch Lohasbrand im Roten Gebirge auf einer Quelle - ausgerechnet in einem Zwergenreich.

Goda seufzte. Nichts als eine Tasche voller Diamantsplitter war ihr geblieben, in denen ein Hauch der ursprünglichen Kraft des Artefakts steckte. Je mehr sie davon aufbrauchte, desto schlechter wurde die Lage der Verteidiger. Sie ahnte, dass Katapulte auf Dauer nicht ausreichten, um Tions Ausgeburten aufzuhalten. Sie würden einen neuen Weg finden müssen, sich gegen sie zu schützen.

»Wo ist Tungdil?«, fragte Ingrimmsch den Ubari neben sich. »Hast du einen Soldaten nach ihm geschickt?«

»Ja, General.« Der Krieger deutete eine Verbeugung an. »Sie fanden sein Gemach verlassen vor.«

»Er ist sicherlich ins Geborgene Land aufgebrochen«, warf Goda ein, ihren Mantel richtend. »Schließlich hat er uns sehr deutlich gemacht, dass er nichts mit dem Kampf hier zu tun haben will. Dabei wird er sich wundern, wenn er in seine Heimat zurückkehrt. Falls es überhaupt seine wahre Heimat ist. Vraccas behüte uns davor, dass wir das Schlimmste aller Übel einfach so haben ziehen lassen!«

»Ich denke, wir haben ihn zu sehr bedrängt«, kam es aus Ingrimmschs Mund. »Einen Krieg zu führen, einen, zwei oder drei Zyklen lang, das kennen wir alle. Doch er hat über zweihundert Zyklen lang nichts anderes getan, als zu kämpfen.« Er sah seine Gemahlin an. »Auch wenn es spät kommt, vielleicht zu spät, aber ich verstehe seine Weigerung.«

»Was gibt es daran zu verstehen?«, erwiderte sie abweisend. »Ich kann es nicht...« »Nein, Goda. Spare dir deinen Atem«, unterbrach er sie. »Lass Tungdil ins Geborgene Land gehen und das Leid mit seinem eigenen Auge sehen, und du wirst erleben, dass er bald wieder vor uns steht und uns gegen die Peiniger ins Feld führt. Überreden können wir ihn dazu nicht. Er muss es selbst wollen.« Ingrimmsch gab den Katapulten den Feuerbefehl, und die Speerschleudern sandten ihre Geschosse auf die Reise. »Es wird nicht lange dauern, bis er zurückkommt. Aus freiem Willen«, sagte er leise und beobachtete, wie die Bestien von den geschliffenen Eisenspitzen durchbohrt und getötet wurden. Ihr Schreien und Stöhnen brandete gegen die Mauern von Übeldamm. Er hatte Goda verschwiegen, warum er im Gang zusammengebrochen war. Niemand wusste von seinem Erlebnis. Dennoch hielt er an dem Gedanken fest, dass es nach wie vor sein Freund war, der Gelehrte, der zu ihnen zurückgekehrt war.

Die Rüstung, so sagte er sich, mochte ein Geschenk von einem magischen Wesen sein. Oder aber es waren Metalle eingearbeitet, welche Magie speicherten, wie es der Diamant getan hatte, und ihren Träger schützten. Deswegen hatte auch Godas Überprüfungszauber nicht gewirkt. Diese Metalle unterschieden nicht zwischen freundschaftlicher Berührung und Angriff. Denn wenn es nicht Tungdil war, warum hat er die Gelegenheit nicht genutzt, um mich zu töten? Ganz im Gegenteil, er hat sogar einen Heiler gesucht, um mir beizustehen! Ingrimmsch seufzte. Trotzdem war ihm sein bester Freund immer noch fremd. Andersartig. Die Zyklen in der Dunkelheit hatten schreckliche Auswirkungen auf den Gelehrten gehabt. Den Dämon Alkohol hatte er erfolgreich austreiben können, aber wie reinigte man den Verstand von Erlebtem?

»Ich bekomme den alten Tungdil wieder«, versprach er sich leise und sah in der Erinnerung sich mit seinem Zwillingsbruder und Tungdil bei einem Humpen zusammensitzen, lachend, flachsend und Geschichten erzählend. Wie sie Schweineschnauzen gejagt hatten; wie sie sich im Regen unter den Baum gesetzt und den Schauer abgewartet hatten, um den Gelehrten mit erfundenen Dingen zu veralbern; wie sie Schlägereien gegen die Langen bestanden hatten. Wie früher. »Vraccas und ich, wir beide jagen ihm das Düstere aus.«

Der Ubari hob sein Fernrohr und kontrollierte die Wirkung des Beschusses. »Die erste Reihe der Bestien ist vollständig niedergemacht worden, General«, meldete er zufrieden. »Aber ich erkenne an den Schemen, dass sich die nächsten...« Er stockte. »Nein, das sind keine Ungeheuer. Das ist irgendetwas anderes«, sagte er aufgeregt. »Der Kordrion?« Ingrimmsch nahm die Wachspfropfen aus dem Beutel. Jeder Soldat führte sie auf seine Anweisung hin mit sich. Stopfte man sie sich in die Ohren, wirkte sich der Schrei des geflügelten Monstrums weniger lähmend aus. Die Katapulte durften nicht schweigen, wenn der Kordrion einen Ausbruch versuchte.

»Nein, eher wie ein...« Der Ubari reichte sein Fernrohr weiter. »Seht selbst, General.« Der Zwerg spähte durch die Linse und versuchte, etwas in dem dunklen Spalt zu erkennen. »Irgendeine Konstruktion, lang, schmal und hoch«, sagte er laut, damit Goda wusste, was er ausmachen konnte. »Sie scheint aus Knochen zu bestehen. Oder sehr hellem Holz. Und sie bleiben damit in der Deckung der Felswände.«