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»Ein Belagerungsturm?«, schlug der Ubari vor. »Oder eine Handvoll Sturmleitern?« »Höchstwahrscheinlich«, meinte Goda. »Es wären die einzigen Möglichkeiten, um uns und die Festung angreifen zu können.« Ingrimmsch drehte an dem Fernrohr, um die Sicht schärfer zu stellen. Wenn er sich nicht sehr täuschte, wurde die unergründliche Konstruktion soeben nach hinten gezogen. »Sie spannen... sie«, rief er. »Sagt den Männern, die Steinkatapulte sollen ihre Geschosse genau in die Schlucht schicken!«, richtete er sich an den Ubari. »Ich möchte nicht, dass dieses... Ding dort zum Schuss kommt. Wer weiß, was sie planen.« Während seine Befehle mithilfe von Hornsignalen weitergegeben wurden, handelten die Bestien auf der Gegenseite.

Ingrimmsch sah, wie sich die Vorrichtung ruckartig gleich einem sehr jungen Baum nach vorne bog, und dahinter schnellten vier lange Ketten nach oben. Daran hingen weißliche Kugeln von vielleicht sieben Schritt Durchmesser, die an Spinnenkokons erinnerten. An der höchsten Stelle ihres Fluges lösten sich die Ketten, und die Gebilde schössen auf Übeldamm zu.

»Viel zu hoch«, kommentierte der Ubari feixend. »Dämliche Biester! Zu blöd zum Zielen.«

Je näher die merkwürdigen Bälle kamen, umso besser sah man, dass sie wirklich aus gesponnenen Fäden bestanden.

»Nein, sie sollen so hoch fliegen«, entgegnete Ingrimmsch. »Sie werden hinter der Festung aufschlagen! Sagt den Mannschaften auf den Südwehrgängen, sie sollen genau darauf achten, was nach dem Aufprall geschieht. Sie werden uns von beiden Seiten beschäftigen wollen, fürchte ich.« Er richtete die Augen auf Goda. »Kannst du diese Dinger abfangen?«

Sie neigte den Kopf zur Seite und dachte nach. »Wäre es nicht besser abzuwarten? Am Ende ist es lediglich eine harmlose Ablenkung, und ich hätte meine Kräfte für Belangloses vergeudet.«

Ingrimmsch stimmte ihr zu und befahl den Katapulten mit den Brandpfeilen, auf die kokonartigen Gebilde zu zielen und sie in Flammen aufgehen zu lassen. Er betrachtete, was geschah.

Einer der Schützen war so gut, dass er einen Ball gleich mit einer ganzen Salve noch im Flug traf.

Das Feuer flammte sofort über die gesamte Kugel, als wäre sie mit Petroleum getränkt, und Ingrimmsch hörte ein Knistern und Zischeln.

Die Hülle verging in zwei Lidschlägen zu Asche und gab unzählige, hundegroße Spinnenwesen mit langen Beinen frei; brennend regneten sie nieder und schlugen funkenstiebend auf dem Felsboden auf. Die Mehrheit wurde von den Lohen vernichtet, aber drei Exemplare überlebten den Aufprall. Sie tippelten rasend schnell mit ihren haarigen Beinen auf die Rückseite des Bollwerks zu, die armlangen, gezackten Mandibeln klickerten und klackten. Die übrigen Kugeln landeten, hopsten ein paarmal auf, ehe sie aufrissen und noch mehr von den Bestien hervorströmten. Die Pfeile, die gegen sie abgeschossen wurden, prallten an den dicken Insektenpanzern ab.

Boindil fluchte. »Die Speere sollen...«

»General, sie laden nach!«, rief der Ubari und brachte Ingrimmsch dazu, sich wieder nach vorne zu drehen. Die lange, schmale Wurfvorrichtung wurde an den Ketten erneut nach unten gezogen.

»Goda, vernichte dieses Ding«, sagte Ingrimmsch. »Sonst werden wir der Viecher nicht mehr Herr. Wer weiß, wie viele Kokons sie besitzen.«

Die Zwergin nickte und nahm sein Fernglas, um die Schleuder in Augenschein zu nehmen. Nur so konnte die Vorrichtung Opfer des Zaubers werden, den sie zu weben gedachte. Die rechte Hand langte in die Tasche mit den Diamantfragmenten und nahm eines hervor. Bevor sie ihr eigenes Kraftreservoir leerte, wollte sie auf fremde Energie zurückgreifen.

Goda jagte den Vernichtungsspruch gegen die obere rechte Felskante der Schlucht. Ein greller Blitz verließ ihre Hand und schlug kreischend in das Gestein ein, sprengte große Brocken ab und ließ sie in die Tiefe stürzen. Danach polterte es wieder, Ketten klirrten und ein lautes, gemeinschaftliches Brüllen der Enttäuschung drang aus dem Spalt. Die Bestien hatten ihre Waffe und sicherlich einige Kämpfer verloren.

Goda spürte, wie der Splitter in ihrer Hand zu Staub zerfiel, der an ihren Fingern haftete.

»Sehr gut«, sagte Ingrimmsch. In ihm festigte sich die Einsicht, dass Tungdil mit seinen Worten recht behalten hatte: Sie mussten die Ungeheuer vom Eingang verjagen und den Felsen einstürzen lassen. Berge zum Fallen bringen - wer wäre dazu besser geeignet als sein Volk?

Plötzlich vernahm er das Klirren von Waffen.

Boindil blickte auf den Wehrgang zu seiner Linken und erkannte, dass die Spinnenscheusale die Mauer erklommen hatten.

Die Ubariu, Untergründigen, Menschen und Zwerge liefertensich mit ihnen erbitterte Kämpfe. Und was er sah, weckte seine Zweifel, dass die Bestien ohne Weiteres zu besiegen waren. Nur schwere Waffen wie Äxte, Streitkolben und Morgensterne richteten etwas gegen die harten Leiber aus. Die Schwerter schlugen sich an ihnen stumpf und schartig.

»Vraccas möge mit seinem Hammer dreinschlagen!« Ein Blick zu Goda genügte, und sie wandte sich dem Gefecht zu - dem ersten Gefecht seit dem Bau der Festung. Als sie den nächsten Splitter in die Hand nahm und sich für einen weiteren Zauber wappnete, funkelte es auf der rechten Seite der Schwarzen Schlucht auf. Dort, wo die Steilhänge senkrecht nach unten abfielen, stand eine Gestalt und schickte der Zwergin einen schwefelgelben Ball aus reiner Magie herüber.

Der Ubari bemerkte die drohende Gefahr und warnte die Zwergin mit einem lauten Schrei.

Sie schaffte es, eine Barriere dicht vor den Zinnen aufflackern zu lassen, an welcher der Angriff mit tosendem Donner zerschellte; die Druckwelle wirbelte den Staub vor dem Tor auf und raubte ihnen allen die Sicht auf die Schwarze Schlucht. Es pfiff und rumorte um sie herum wie in einem Sturm, Schilde und Helme wurden davongewirbelt, Fahnen und Wimpel rissen ab und verschwanden. Einen zweiten Angriff würden sie nicht kommen sehen.

»Beim Schöpfer! Jetzt hat das Böse auch noch einen Magus auf seiner Seite!« Ingrimmsch hustete und zog sich sein Halstuch vor Mund und Nase. »Das nenne ich doch eine Herausforderung!« Er hörte, dass Jubelrufe vom Wehrgang erklangen, und starrte durch die umhertreibenden Schleier.

Tungdil stand zwischen den Verteidigern und drosch mit Blutdürster auf die Spinnenbestien ein. Die Waffe zerschlug die Panzerung und verteilte die weichen Innereien nach allen Seiten. Blaugrünes Blut spritzte umher. Den Helm hatte Tungdil abgelegt, damit jeder Soldat sein Gesicht sehen konnte.

Grimmig marschierte der Held vorwärts und stemmte sich gegen die Spinnenkreaturen, ab und zu flammten die Intarsien der schwarzen Rüstung auf. Als sich eines der Scheusale von hinten gegen ihn warf und ihn mit zwei dünnen Beinen berührte, knallte es laut, und die Bestie verging in einer Detonation, als wäre sie von innen heraus gesprengt worden.

Boindil schluckte. Das hätte ihm ebenso gut blühen können. Die Krieger sprangen mit frischem Mut gegen die Feinde. Tungdil gab ihnen kurze, knappe Befehle und steuerte ihre Attacken besser, als jeder Zwergenkönig sein Heer zu führen vermochte. Das musste ihm Ingrimmsch zugestehen. Er spielte bereits mit dem Gedanken, seinem Freund die Führung der Festung zu überlassen - sofern er das wollte.

Die wallenden Schleier aus Dreck und Staub legten sich und erlaubten es den Verteidigern, zur Schwarzen Schlucht zu blicken. Goda hielt sich zu einem Abwehrzauber bereit.

Sie staunten nicht schlecht: Um den Felsen hatte sich erneut eine Glocke aus Energie gelegt. Sie schillerte rötlich, an manchen Stellen leuchtete sie stärker als an anderen. Aber dieses Mal reichten die Ränder bis fast an alle vier Tore und die Mauern heran. »Warst du das?« Ingrimmsch staunte Goda an.

»Nein«, gab sie verblüfft zurück. Sie spürte das Diamantfragment noch immer zwischen ihren Fingern. »Es wird der gegnerische Magier gewesen sein.« Tungdil näherte sich ihnen. Begleitet wurde er von frenetischem Rufen und einem rhythmischen Donnern, das die Soldaten mit ihren Schilden und Waffen schufen, in dem sie sie aneinanderschlugen. Er keuchte nicht einmal, was ihm nach dieser gewaltigen Anstrengung nicht zu verdenken gewesen wäre.