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Goda sah ihn nicht an, sondern tat so, als müsse sie die Schwarze Schlucht im Auge behalten. Ingrimmsch dagegen streckte ihm die Hand hin. »Großartig, Gelehrter! Einfach großartig! Wie zu alten Zeiten! Vraccas kann stolz auf dich sein, so wie ich es bin!«

»Das war sehr schmeichelhaft: In den alten Zeiten war ich niemals so gut«, entgegnete er mit einem knappen Grinsen, dann sah er auf den rötlich pulsierenden Schirm. Seine Gesichtsfarbe wurde merklich bleicher.

»Goda dachte schon, du seiest einfach ins Geborgene Land gegangen und hättest uns allein gelassen«, redete Ingrimmsch weiter und begab sich an seine Seite. »Vraccas sei Dank, dass du bei uns geblieben bist. Wer weiß, wie der heutige Umlauf sonst geendet hätte.«

»Noch ist er nicht vorüber. Es wird sich zeigen, wie hilfreich ich Übeldamm sein kann.« Tungdil ignorierte Goda gänzlich und trat nach vorn an die Brüstung, betrachtete die Energiekuppel und wandte sich zu seinem Freund um. »Es ist schlimmer gekommen, als ich gedacht habe«, eröffnete er ihm. »Wir müssen sofort ins Geborgene Land.« »Ich freue mich, dass du deine Meinung geändert hast, was deine Hilfe angeht...« Boindil rieb sich durch den silbrigschwarzen Bart, er wusste mit der Bemerkung nicht so recht etwas anzufangen. »Aber was sollen wir denn dort? Hier ist die Bedrohung! Und, bei Vraccas, welch eine Bedrohung!«

»Gegen die du nichts ausrichten kannst«, erwiderte Tungdil leise. »Du nicht, Goda nicht und ich ebenfalls nicht.«

»Aber...«, begann Ingrimmsch hilflos.

Tungdil winkte ihn zu sich und zeigte auf die Schwarze Schlucht. »Sie werden sich unter dem Schutz des Schirmes aufstellen, bis zu den Rändern, und niemand wird etwas dagegen unternehmen können«, malte er das Bild vom Bevorstehenden. »In aller Ruhe bauen sie jetzt gerade Türme und Leitern, werden Rammböcke anfertigen und Aufstellung nehmen. Die gesamte Ebene, in allen vier Himmelsrichtungen, wird bedeckt von den grausamsten Bestien sein. Dann verschwindet die Kuppel, und sie greifen an.« Er legte Ingrimmsch die Hand auf die Schulter. »Auch wenn du dir sehr viel Mühe gegeben hast, Übeldamm zu errichten, und dies eine stolze Festung ist, Boindiclass="underline" Sie wird fallen.« Er streckte den linken Arm mit Blutdürster aus. »Sie haben jemanden bei sich, den ich für tot gehalten habe. Wir brauchen einen Magus, der es mit ihm aufnehmen kann. Und nach dem, was ich von dir gehört habe, wäre dazu nur Lot-Ionan in der Lage.«

»Aber Lot-Ionan ist böse!«, widersprach Goda heftig. »Er dient nicht länger dem Guten.«

»Eben. Deswegen brauchen wir ihn«, sagte Tungdil sanft und sah sie an; sie schlug die Augen nieder, um ihr schlechtes Gewissen nicht zu offenbaren.

Ingrimmsch hatte es nicht bemerkt. »Daraus wird nichts. Er vernichtet uns, wenn wir ihm zu nahe kommen! Er hat geschworen, das Geborgene Land als der alleinige Herrscher führen zu wollen. Freiwillig wird er uns niemals beistehen!« Tungdil steckte Blutdürster in die Halterung. »Dann werden wir ihn vorher eben besiegen müssen und ihn zwingen, uns zu dienen.« Sein Lächeln war kälter als Frost. »Du bist doch wahnsinnig geworden, Gelehrter!«, brach es aus dem Zwilling hervor. »Bei Vraccas, du sprichst von Lot-Ionan, dem Magus! Deinem Ziehvater! Erinnere dich, welche Macht erbesaß, als du von uns gingst. Glaubst du ermessen zu können, wozu er heute fähig ist?« »Wir werden ein nettes kleines Heer für ihn zusammenstellen. Aus seinen Feinden.« Tungdil blieb ruhig. »Und das wären, wie du mir sagtest: ein Drache, ein Kordrion und Aiphatön mit seinen Albae«, zählte er an den Fingern auf. »Vielleicht kommen wir mit den Dritten noch ins Geschäft. Wenn sie uns einen Magus oder eine Maga im Geborgenen Land auftreiben können, die ihn ähnlich hasst wie deine Goda, sieht es gut für uns aus.«

Boindil lachte einmal und schwieg. Dann lachte er zweimal und hob die Arme. »Wir sind verloren. Ich habe einen Verrückten vor mir, der allen Ernstes glaubt, mit seinem Unterfangen Erfolg zu haben!«, rief er verzweifelt und packte den Krähenschnabel. »Vraccas, du bist grausam!«

»Hör auf zu jammern, Ingrimmsch«, lachte ihn Tungdil aus. »Vielleicht fällt mir noch etwas anderes, Besseres ein. Außerdem warst du es, der einst große Herausforderungen mochte.« Er nickte der Zwergin zu. »Goda und eure Kinder werden hierbleiben, um die Soldaten notfalls unterstützen zu können, wenn die Bestien angreifen, bevor wir zurück sind.« Er sah seinem Freund fest in die Augen. »Ich brauche ein Treffen mit den übrig gebliebenen Zwergenherrscherinnen und -herrschern, wenn es irgendwie machbar sein sollte. Und vergiss die Freien nicht.« Er sah nach der Sonne. »Wir brechen mit den ersten Strahlen auf.« Ohne eine Antwort abzuwarten, kehrte er auf den Wehrgang zurück, um sich ein weiteres Mal von den Kriegern hochleben zu lassen. »Verrate uns, wer sich gegen uns stellt, und warum du dachtest, dass er tot ist!«, rief ihm Goda hinterher.

Tungdil sah über die Schulter, und er wies ihr die goldene Augenklappe, als könne er damit sehen. »Sein Name würde euch nichts nützen. Und ich glaubte ihn tot, weil mein Schwert ihn durchbohrt hatte und ich ihm die Rüstung abnahm.« Er ging weiter. Die Zwergin sah ihm nach. »Ich traue ihm nicht«, sagte sie gedämpft. »Es könnte eine List sein, um die schlimmsten Magi zusammenzuführen, nachdem wir alle anderen Gegenspieler im Geborgenen Land...«

Ingrimmsch wirbelte herum. »Hör auf damit, Goda«, herrschte er sie an. »Ich gehe mit dem Gelehrten ins Geborgene Land und tue, was er vorschlägt. Denn ich«, er legte die rechte Hand auf seine Brust, »vertraue meinem Herzen.« Er ließ sie stehen und folgte Tungdil, um den Verwundeten im Kampf gegen die Spinnenscheusale Beistand zu leisten.

Ingrimmsch begab sich zuerst in die Ecke, wo die Toten auf ihren Schilden aufgebahrt lagen. Unter ihnen entdeckte er Yagur. Dessen Verletzungen erschienen ihm seltsam: ein abgerissener Unterarm und eine Stichwunde in der Kehle. Nicht das, was man nach einem Gefecht gegen Spinnenbestien erwarten würde.

Seine Verwunderung stieg.

Neben dem Ubari lagen drei seiner Vertrauten, deren Panzerung von einer sehr scharfen Waffe durchschlagen worden war, wie er an den sauberen Schnitträndern erkannte. Sie passten keinesfalls zu Mandibelbissen.

Boindil schaute nach Tungdil, an dessen Gürtel Blutdürster baumelte. »Niemals«, murmelte er und eilte zu den Verwundeten, um sie zum Sieg zu beglückwünschen. Die leisen Zweifel vereinten sich unterwegs zu einem Chor, um sich Gehör zu verschaffen. Sie schafften es immerhin, dass er sich gegen seinen festen Vorsatz dennoch vornahm, dem Gelehrten auf der Reise ein paar Fragen zu stellen.

Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Weyurn, Seenstolz, 6491. Sonnenzyklus, Winter.

Coira hatte es nicht für möglich gehalten, doch es war ihnen gelungen, ihren Verfolgern durch eine List zu entkommen: Sie hatte drei Pferde erstanden, sie mit Gewichten beladen und eine Zeit lang mit der Gruppe geführt. Nach einem halben Umlauf Reise durch einen Bach hatte Coira die zusätzlichen Tiere frei gelassen, während sie weiter nach Seenstolz ritten. Das hatte die Häscher abgelenkt. Fürs Erste. Aber ihr Name landete auf der Liste der Menschen, für deren Kopf man in Weyurn sehr viele Münzen erhielt, wenn man ihn abgetrennt einem Lohasbrander überreichte. Das machte die restlichen Meilen ihrer Reise nicht leichter.

Sie sah neben sich, wo Rodario sich tapfer auf dem Pferderücken hielt. Viermal hatten sie anhalten und warten müssen, bis er nach einem Sturz wieder aufgestiegen war.

»Nicht mehr lange, und wir sind in Sicherheit«, munterte sie ihn auf. »Seht Ihr die Insel? Es ist eine der wenigen, die es überhaupt noch im Land meiner Mutter gibt. Dazu müssen wir mit dem Boot fahren.«