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Ein erschrockener Laut kam über seine Lippen. »Tiefes Wasser? Ich kann nicht schwimmen!«

»Früher konnte das in Weyurn mal jedes Kind«, meinte Loytan und schnalzte tadelnd mit der Zunge.

»Das muss schon lange her sein. Ich schätze, etwa zweihundert Zyklen? Und außerdem bin ich nicht aus Weyurn«, gab Rodario spitz zurück. »Ich hatte eben kein Bedürfnis, mich mit den Wellen anzulegen. Zum Baden reicht mir ein Bach, und über Flüsse gibt es Brücken und Fähren.«

»In dem Fall weder noch«, lachte Coira. »Es ist nur eine kurze Fahrt. Doch wenn es Euch möglich sein sollte, übers Wasser zu gehen, nur zu.«

»Sehr drollig, Prinzessin«, sagte Rodario beleidigt, und keiner konnte sagen, ob er es vortäuschte oder wirklich war.

Sie ritten eine spärlich bewachsene Düne hinauf, deren Gräser sich im kühlen Seewind hin und her wiegten. Reif war an den Stängeln gefroren und ließ sie gläsern wirken, sie rieben aneinander und knirschten leise; die Sonne verlieh ihnen einen schimmernden Glanz.

»Oh, welch eine Schönheit!«, sagte Rodario verzückt. »Man möchte Papier und Feder zücken und darüber schreiben!«

Loytan stöhnte auf. »Wenn es genauso schlecht ist wie das, was Ihr auf dem Markt von Euch gegeben habt, lasst beides stecken. Es wäre Vergeudung des Materials.« Coira warf ihm einen bösen Blick zu, sagte jedoch nichts.

Rodarios Augen verengten sich, als er den Mann anschaute. »Ihr werdet Euch eines Umlaufs gehörig wundern, was ich alles bewerkstelligen kann, Graf«, prophezeite er. »Und ich wette, dass Ihr Euch bei mir entschuldigen werdet.«

Bei diesen Worten lag etwas in den Blicken des Schauspielers, das Loytan stutzig machte. Mannhaftigkeit? Wahrscheinlich war es eine Einbildung. »Und womöglich rettet Ihr mir auch noch das Leben und ehelicht die Prinzessin?« Er lachte ihn schallend aus, und Möwen schreckten durch den ungewohnten Laut vom Ufer in die Höhe. »Warum nicht?« Der Schauspieler grinste Coira an und riebsich über das verfranselte Kinnbärtchen. »Findet Ihr mich zu abstoßend, oder darf ich davon träumen, an Eurer Seite...«

Sie hob warnend den Finger. »Ihr werdet anmaßend, Rodario der Siebte! Bedenkt, mit wem Ihr sprecht.« Sie lenkte ihr Pferd die Düne hinab und hielt auf eine Anlegestelle zu, an der ein Boot mit einem kleinen gerefften Segel vertäut lag.

Rodario sah zur Insel, die eine geschätzte Meile vom Ufer entfernt lag. Insel war jedoch nicht wirklich der treffende Ausdruck.

Seit der Wasserspiegel der weyurnschen Seen Zyklus für Zyklus gefallen war, ragten etliche Eilande weit über die Oberfläche hinaus, andere lagen sogar ganz trocken. Die Bewohner hatten Aufzüge und Treppen errichten müssen, um von ihren Inseln hinabzukommen. Aus Fischern waren notgedrungen Bauern und aus dem Grund des Sees neues Ackerland geworden - und dazu nicht immer besonders fruchtbares. Nicht ganz so verheerend verhielt es sich mit Seenstolz.

Rodario erkannte, dass die Insel wie auf einem steinernen Stiel geschätzte sechzig Schritt über dem See schwebte. Die Form erinnerte an eine aufknospende Tulpe auf ihrem Stängel.

Er zählte sieben große Kähne, drei Schiffe und achtzehn kleinere Boote, die unterhalb von Seenstolz an einem hölzernen Landungssteg festgemacht hatten; der Steg war mit dicken Ketten und Stangen an der Insel befestigt worden, und eine äußerst luftige Wendeltreppe führte von dort hinauf zu den bewohnten Gebieten. Vorrichtungen für Lastenwinden und Aufzüge erkannte er ebenfalls. Die Bewohner des Eilands hatten sich mit den Gegebenheiten abgefunden und das Beste daraus gemacht. »Man möchte meinen, dass die Insel jederzeit abknicken und in den See stürzen könnte«, sagte er zu Loytan, und dieser nickte.

»Ja, das möchte man. Aber der Felspfeiler, auf dem sie ruht, ist aus Vulkangestein. Den bringt nichts zum Einsturz.« Der Mann trieb sein Pferd an, den Sandhügel hinabzuschreiten, was mehr ein Rutschen war, und Rodario folgte ihm. »Die Menschen von Seenstolz hatten Glück: Sie durften wenigstens Fischer bleiben.«

Sie versammelten sich vor dem flachen Kahn, und der Fährmann trat aus dem kleinen Haus zu ihnen hinaus auf den Steg. Ein bodenlanges, weites Gewand aus dunkelblauem Stoff verhüllte seine Gestalt und ließ die Muskeln an den Schultern erahnen; um den Hals trug er das weiße Halstuch seiner Zunft. Lederarmbänder gaben den Handgelenken bei der schweren Arbeit sichere Stütze. Er erkannte Coira sofort und verneigte sich. »Es ist mir eine Ehre, Euch wieder zurück zu Eurem Palast bringen zu dürfen«, sagte er voller Respekt und bat sie auf das Boot. Wie immer wollte sie für die Dienste zahlen, und wie immer wurde abgelehnt. Sie lächelte ihn an. »Wenn Orks auftauchen sollten, die nach uns suchen...« »Werde ich sagen, ich hätte Euch nicht gesehen«, sagte der Mann. »Und mein Boot wird ein Leck haben, das ist sicher.«

Coira stieg ab und streichelte den Hals ihres Pferdes. »Begebt Euch nicht in Gefahr. Setzt sie meinetwegen über, wenn sie unbedingt wollen, doch ich denke, sie werden es nicht wagen. Die Insel ist mein unangefochtenes Reich. Sie wissen, dass sie es dort nicht mit mir aufnehmen können.«

Rodario und Loytan schwangen sich ebenfalls aus dem Sattel und hielten die Tiere an den Zügeln, während der Fährmann das Segel hisste und die Überfahrt begann. Dabei musste er gegen den Wind kreuzen, was dazu führte, dass sie sich dem Steg in einem Bogen näherten. Somit wurden die gewaltigen, rostigen Eisenwände sichtbar, die scheinbar sinnlos ein Stück östlich und unterhalb der Insel aus dem Wasser ragten. Rodario war es nicht entgangen, und er reckte den Hals, um mehr sehen zu können. »Was hat denn diese Konstruktion zu bedeuten? Wellenbrecher zum Schutz der Insel?« »Nein. Es sind Spundwände.« Coira wies den Fährmann an, den Kurs zu ändern und darauf zuzuhalten.

»Spundwände? Was, bei Elria, sind denn Spundwände?«

»Die Abstützung eines Schachtes. Er ist unser erstes Ziel, und Ihr werdet die einmalige Gelegenheit erhalten, ein Wunder der zwergischen Ingenieurskunst zu sehen«, erklärte sie. »Die Fünften haben es auf Bitten meiner Urgroßmutter errichtet.«

»Ein Schacht. Mitten im See. Aber... warum denn das? Und wie tief reicht er hinab?« Er war so begeistert von dem Bauwerk, dass er an den Bug schritt. Der Wind wehte durch seine braunen Haare und spielte mit dem Fransenbärtchen.

Das Boot hielt nun direkt darauf zu, und er sah die zwergischen Runen in den Wänden. Eine Eisenplatte war vier Schritte lang und einen Schritt dick; jeweils zehn von ihnen standen auf einer Seite nebeneinander, mannsdicke Stahlbänder spannten sich quer um sie herum und sicherten sie vor dem Auseinanderbrechen. Muscheln und Algen hatten sich an der Außenseite festgesetzt, und es roch in ihrer unmittelbaren Nähe metallisch. »Das ist ja...« Rodario wusste kein Wort, welches dieses Wunder treffend fasste. »Der Grund liegt etwa zweihundertelf Schritt unter dem Kiel des Bootes, auf dem Ihr steht«, sagte Coira, die sich über die kindliche Freude des Mannes amüsierte. Sie nahm den Schleier, um die wehenden Haare zu einem Pferdschwanz zu binden. »So tief reichen die Eisenwände hinab. Ihr könntet trockenen Fußes auf dem Boden hin und her laufen, aber da ich Euch nicht mitnehmen werde, wenn ich hinabsteige, werdet Ihr es nicht sehen.«

Er wandte sich zu ihr um. »Da runter? Weswegen?«

»Denkt nach, und Ihr findet die Antwort selbst.« Sie hob die Hand und winkte hinauf, wo ein behelmter Kopf erschienen war, der nach dem Kahn sah. Coira rief drei Worte, die Rodario nicht verstand, und eine Antwort kam zurück. »Das war die Losung. Ohne sie haben die Wachen die Anweisung, jedes Schiff zu versenken, das sich den Wänden nähert«, erklärte sie ihm.

»Also gibt es etwas am Grund, das sehr, sehr kostbar für Euch...« Er stockte. »Aber natürlich! Eine magische Quelle!«