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»Die letzte magische Quelle im Geborgenen Land, die frei zugänglich ist«, verbesserte Loytan. »Die meisten von ihnen sind versiegt, dafür sind nur einige wenige neue entstanden. Im Land der Albae befindet sich eine und natürlich im Blauen Gebirge, wo Lot-Ionan sein Reich gründete und seine Famuli ausbildet.«

»Als ob ich das nicht wüsste«, sagte Rodario beißend.

Loytan griente boshaft. »Offensichtlich nicht. Sonst hättet Ihr nicht gefragt.« Der Kahn umschiffte die Seite des Schachts und gelangte an eine schwimmende Anlegestelle, an der sie vier Wachen erwarteten. Sie trugen leichte Rüstungen, damit sie bei einem Sturz in den See aus eigener Kraft an die Oberfläche zurückgelangen konnten und nicht in den Fluten ertranken.

Coira und ihre Begleiter stiegen aus, erklommen die eisernen Stufen und erreichten die schmale Tür. Dahinter begann ein Wehrgang. In den vier Ecken des Schachts waren kleine Häuser aus Holz errichtet worden, in denen sich die Aufpasser ausruhen oder vor zu schlechtem Wetter zurückziehen konnten.

Rodario sah, dass mehrere geflochtene Drahtseile von hier zum oberen Rand der Insel führten, an denen käfigartige Gondeln hingen. Damit wurden sicherlich die Wachposten, Vorräte und Waffen zum Schacht transportiert. »Es verläuft noch eine zweite Ebene unter dem Gang«, sagte Loytan und zog die Kappe ab. »Da stehen die Katapulte, die bei Bedarf durch Luken hinausschießen können. Kein Schiff hält den Geschossen stand.«

»Ihr seid wahrlich gegen alles gewappnet.« Rodario wagte es, an die innere Brüstung zu treten und nach unten zu schauen. Ein unsteter Wind rupfte an seiner Kleidung, schob und zerrte abwechselnd.

Der Schacht wirkte wie ein großes schwarzes Loch, das geradewegs ins Nirgendwo zu führen schien. Modriger Geruch stieg von dort herauf und erinnerte an warme, flechtenüberzogene Keller, in denen rostiges Eisen lagerte.

»Das ist nicht standesgemäß für eine Prinzessin«, meinte er und hielt sich vorsichtshalber fest. »Hätte man es nicht ein wenig... ansprechender gestalten können?« »Darum ist es mir nie gegangen«, lachte Coira und grüßte den Befehlshaber der Wachen, der sich vor ihr andeutungsweise verbeugte. »Macht die Gondel nach unten bereit«, bat sie ihn, und der Gerüstete eilte davon. »Sie ist dort, in dem Haus in der Ostecke«, sagte sie zu Rodario. »Ihr werdet dort zusammen mit Loytan auf mich warten.«

»Es würde mich schon sehr reizen, das Wunder der Magie mit eigenen Augen zu sehen«, gestand er ihr. »Dürfte ich Euch nicht dabei zusehen?«

»Es ist unspektakulär und funkt nur ein wenig.« Coira ging vorneweg, die Männer folgten ihr. »Nichts, was sich für Euch lohnen würde.«

»Ihr habt ihm verschwiegen, dass Ihr es bevorzugt, nackt in die Quelle zu steigen«, warf Loytan ein und sah Rodario an.

»Nackt?« Der Mime bekam augenblicklich einen roten Kopf. »Oh, dann verstehe ich, warum ich Euch nicht begleiten darf, auch wenn ich denjenigen, der an Eurer Seite sein wird, beneide.«

»Ihr wisst doch gar nicht, was sich unter meiner Kleidung verbirgt«, erwiderte sie und wirkte ebenfalls verlegen. »Das Kompliment kam ein wenig verfrüht.« »Nein, das war kein Kompliment. Es ging mir um den Anblick der Quelle...«, setzte er an und merkte, dass Coiras Gesicht vereiste. Loytan lachte laut auf. »Oh, Ihr seid wahrlich ein Abkömmling des Unglaublichen. Ihr versteht es, mit Frauen umzugehen und sie im Sturm zu erobern.«

»Sei still«, herrschte sie ihren Vertrauten an. »Du hast damit angefangen, mich in Verlegenheit zu bringen.« Sie traten in das Haus, in dessen hinterem Teil eine vergitterte Gondel stand, die mit zwei Seilen an der oberen Öse gesichert war. Coira ging sofort darauf zu, stieg hinein und schloss die Tür, danach nickte sie dem Wachhabenden zu. Sie betätigte einen Hebel, und die Kabine senkte sich zügig durch eine Luke nach unten. »Bis später«, sagte sie knapp und verschwand.

»Nackt«, seufzte Rodario und ging zur Luke, um der Prinzessin nachzuschauen. Wenn er sich nicht sehr täuschte, hatte sie bereits den Mantel abgestreift und machte sich an ihrer Bluse zu schaffen. »Ich hätte mich gern als ihr Kleiderständer angetragen.« »Das würden alle gern, aber sie bewundert nur einen Mann: den unbekannten Poeten«, sagte Loytan entnervt und goss sich von dem kochendheißen Tee in einen Becher. »Möchtet Ihr auch etwas? Zum Aufwärmen?«

Rodario sah nach unten und glaubte, helle Haut schimmern zu sehen. Was die Einbildungskraft alles bewirkte. »Etwas zum Abkühlen käme mir gelegener«, antwortete er und erntete einen Lacher.

»Das war richtig gut«, lobte der Graf und reichte ihm dennoch einen Becher Tee. »Ich denke, dass die Umläufe des unbekannten Poeten gezählt sein werden«, meinte er dann. »Jetzt, da man weiß, um wen es sich dabei handelt.« Loytans Züge wurden nachdenklich, die Stoppeln darauf machten ihn älter und männlicher. »Die Lohasbrander werden seine Familie und sein Dorf vernichten lassen.«

»Aber sie werden es nicht schaffen, den Gedanken an die Freiheit zu vernichten«, hielt Rodario dagegen und nippte am Tee, ohne die Augen vom Grund zu wenden. Es ging einfach nicht.

In der Tiefe leuchtete es mit einem Mal bläulich auf, und die Wände des Schachtes erstrahlten im unteren Drittel wie blaue Edelsteine in der Sonne. Er erkannte die Umrisse der jungen Frau deutlich, und auch wenn er es nur vermuten konnte, sah er sie in seiner Phantasie unbekleidet. Unbekleidet und begehrenswert.

Er seufzte schwer und wandte sich ab. »Sie würde niemals einen Mann wie mich lieben«, murmelte er verkniffen. Loytan prostete ihm zu. »Da teilen wir eine Sache, Schauspieler.« Erstaunt sah er den Adligen an. »Aber Ihr habt doch schon eine Gemahlin!«

»Sicher«, wiegelte er ab. »Ich wollte Euch nur trösten, damit Ihr Euch nicht so alleine fühlt.« Loytan trank von seinem Tee. »Nebenbei bemerkt: alleine. Was ist mit Eurer Familie? Ihr seid an der Seite einer wohlgesuchten Verbrecherin gesehen worden - gilt es, jemanden vor den Lohasbrandern in Sicherheit zu bringen?«

Rodario schüttelte den Kopf. »Nein. Meine Eltern sind schon lange tot, und ansonsten gibt es niemanden. Außer den Nachfahren des Unglaublichen, und ich denke nicht, dass der Drache so weit gehen würde und alle töten ließe.«

»Bei ihm weiß man nie.« Loytan setzte sich. »Ihr seid zum achten Mal dabei gewesen und wieder nur Letzter geworden. Warum habt Ihr kein Einsehen und gebt auf?« Rodario lächelte traurig und versuchte, sein Bärtchen zu richten. »Ich habe es jemandem versprochen, so lange am Wettbewerb teilzunehmen, bis ich einmal gewonnen habe.« Er leerte seinen Becher. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt: eine unmögliche Aufgabe. Doch ich sehe es anders. Eines Umlaufs, das schwöre ich Euch...« Loytan hob die Hand. »Das sagtet Ihr bereits, und ich zweifele immer noch. Vor allem nun, da Ihr gesucht werdet, ist es Euch unmöglich, noch einmal nach Mifurdania zu gehen und auf die Bühne zu steigen.«

»Höchstens zu meiner Hinrichtung«, fügte er verschmitzt hinzu. »Aber das wäre ein Auftritt, den mir keiner streitig machen wollte.« Theatralisch schleuderte er die Haare zurück.

»Hört, hört: noch ein Funke Schlagfertigkeit. Und das von Euch! Meinen Respekt, Ihr werdet allmählich besser. Da widerspreche ich Euch nicht.« Loytan legte die Füße auf den Tisch, faltete die Hände über dem Bauch und senkte den Kopf. »Ich werde ein Schläfchen halten. Es kann dauern, bis die Prinzessin zu uns zurückkehrt.« Er schloss die Augen. »Trinkt so viel Tee, wie es Euch bekommt. Und denkt Euch schon mal stimmige Begrüßungsworte aus, wenn Ihr vor der rechtmäßigen Königin von Weyurn stehen werdet. Sie bevorzugt, im Gegensatz zu ihrer Tochter, die Etikette.« Rodario trank seinen Tee, stellte den Becher auf den Tisch und schlenderte wieder zur Luke; das Leuchten im Schacht war noch in vollem Gange. Er sah zu Loytan, der bereits tief ein- und ausatmete, dann zu den Seilen, welche in die Tiefe führten. »Du bist der Nachfahre des Unglaublichen«, sprach er sich selbst Mut zu und zog seine Handschuhe aus dem Gürtel. Er legte sie an und streifte den störenden Mantel ab. »Also los. Tu etwas, das ihm gefallen würde. Blamiert hast du dich schon oft genug, wenn auch aus gutem Grund.«