Выбрать главу

Tareniaborn. Mallenia schluckte, und der Gedanke an die Stadt mit ihren vierzigtausend Männern, Frauen und Kindern bereitete ihr Grauen. Niemals zuvor hatte sie so etwas gesehen.

Es war vor elf Zyklen geschehen. Einer der Alb-Fürsten hatte beschlossen, Tareniaborn in ein Kunstwerk zu verwandeln. Tareniaborn und das gesamte Umland, das dazugehörte.

Niemand wusste bis heute, ob der Alb wahnsinnig gewesen war oder ob jeder Stadt in Idoslän zu jeder Zeit ein solches Schicksal zuteilwerden konnte.

»Ihr wart doch dort, Herrin. Haltet den Memmen vor Augen, wie grausam unsere Besatzer sein können«, forderte Frederik sie grimmig auf. »Und dass sie sicherlich nicht vor weiteren Taten diesen Ausmaßes zurückschrecken.« Die Köpfe der Anwesenden wandten sich ihr zu. »Was genau geschehen ist, kann ich nicht sagen. Ich kam an, als schon alles vorbei war«, sagte Mallenia. »Ich ritt durch einen Zufall mit einer kleinen Truppe Freiwilliger über einen nahen Berg, von dem aus man einen guten Ausblick auf die Stadt und die Ebene hat.« Sie spürte ein flaues Gefühl im Magen, Übelkeit breitete sich aus. »Wir sahen Muster im Schnee rund um die Mauern und ein rötliches Glitzern, das die gesamte Stadt überzog. Alles, was ihr euch vorstellen könnt, war mit einer Schicht aus gefrorenem Blut überzogen. Rotes Eis, überall!« Sie sah die fürchterlich gestalteten Gassen von Tareniaborn genau vor sich. »Auf dem Marktplatz hatten sie die Herzen der Einwohner mit Silberstangen und -drahten durchbohrt, diese miteinander verflochten und daraus einen riesigen Baum gestaltet: die Herzen der Erwachsenen zierten den Stamm, die Kinderherzen die kleinen Zweige und Äste, und als Früchte hatten sie die Köpfe der Säuglinge daran aufgehängt.«

Sie musste schweigen, da der Baum vor ihrem inneren Auge mit all seinen Feinheiten entstand. Mit den vielen verschiedenfarbigen Haarbüscheln, die als Laubersatz gedient und das Werk noch unfassbarer gemacht hatten...

Mallenia erblickte das Entsetzen in den Augen der Männer und Frauen um sich herum. »Seid froh, dass euch dieser Ansicht erspart geblieben ist«, fügte sie leise hinzu. »Auf den Feldern um Tareniaborn hatten sie die Leichen ausgeweidet und die Gebeine dazu verwendet, ein gewaltiges Zeichen auf dem Boden zu formen, in dessen Mittelpunkt die Stadt lag. Es mag einem ihrer Gottheiten gewidmet gewesen sein, ich weiß es nicht. Doch es war von solch ergreifender Besonderheit, dass man es betrachten musste und in seinem fürchterlichen Anblick versank. Knochen fügte sich an Knochen, als hätte es niemals eine andere Bestimmung dafür gegeben, dieses Schriftzeichen zu formen.« Die junge Frau sah Zedrik an. »Die Innereien der Getöteten hatten sie dazwischen gelegt, um dem Ganzen Farbe zu verleihen. Aus der Entfernung betrachtet wurde nicht deutlich, um was es sich handelte, aber da wir unsere Fernrohre dabeihatten, sahen wir...«

Der Torwächter rannte hinaus, zwei weitere folgten ihm, um sich nicht vor die Füße der Freunde und Bekannten zu erbrechen.

Frederik war nicht minder bleich geworden, aber er bewahrte die Fassung. »Und ihr denkt ans Aufgeben?«, schleuderte er den Anwesenden entgegen. »Wenn die Albae beschließen, dass Hochheiligstadt zu einem Kunstwerk werden soll - werdet ihr mit dem Gedanken sterben, dass ihr zu feige wart, etwas dagegen unternommen zu haben!« Zorn hatte seine Stirnader anschwellen lassen.

»Was sollen wir denn tun?«, rief Zedrik von der Tür her und wischte sich über den Mund. Die Stiefelspitzen waren mit Feuchtigkeit und kleinen Bröckchen bedeckt. »In den Krieg ziehen? Gegen die Dritten und die Albae? Vorher müssten wir unsere Liebsten mit eigener Hand töten, damit sie nicht von unseren Besiegern hingerichtet werden.« Er lachte gequält. »Niemand kann uns vor ihnen retten, Frederik. Die Götter höchstens, doch sie haben wohl beschlossen, uns erst noch einige Zyklen leiden zu lassen.«

»Die Götter würden uns auf der Stelle beispringen, wenn wir es wagten, uns gegen die Vasallen aufzulehnen«, gab der Fleischer aufgebracht zurück und wurde durch Mallenias Hand auf der Schulter in seiner Rede gezügelt.

»Ich weiß, welche Sorgen ihr euch alle macht, doch ich sehe auch, dass ich mich eine Weile zurückziehen sollte, wie es mein guter Freund Frederik vorschlug«, verkündete sie, und ein leises Aufatmen ging durch den Raum. »Ich lasse es euch wissen, wenn wir wieder reiten, doch bis dahin bleibt bei euren Familien und verhaltet euch ruhig wie immer. Ich brauche euch lebend.« Sie erhob sich. »Es wird einen Zeitpunkt geben, an dem wir den Aufstand gegen die Albae beginnen, aber er ist nicht morgen und auch nicht in dreißig Umläufen. Wir werden erkennen, wann sich die Gelegenheit bietet, und in allen drei Königreichen vorbereitet sein.« Sie zog ihr Schwert und reckte es. »Für Gauragar, Urgon, Idoslän und die Freiheit der Menschen!«

Alle stimmten in den Ruf ein und bedachten die Nachfahrin des Prinzen mit lautem Klatschen.

Die Lampen - verloschen!

In der Dunkelheit lachten einige, andere riefen erschrocken und aufgebracht nach Licht; an den Geräuschen hörte Mallenia, dass mindestens zwei der Verschwörer ihre Waffen gezogen hatten. Man fürchtete einen Angriff - oder war es der Angriff? Sie duckte sich und legte die Linke an den zweiten Schwertgriff. Dabei dachte sie gleich an verschiedene Möglichkeiten, wer sie im Keller attackieren könnte: die Dritten und Hargorin, Kopfgeldjäger oder die Dsön Aklän.

Ihr wurde bewusst, dass es keinen Luftzug gegeben hatte, der stark genug gewesen wäre, alle Flämmchen der Leuchter auszublasen. Magie? Eine bestimmte Art der Magie. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf. Haben sie mich gefunden?

Mit einem Rumpeln wurde die Kellertür geöffnet, schwacher Lichtschein fiel von draußen aus den Fenstern gegenüber herein.

Auf der Schwelle stand eine leicht nach vorne gebeugte Gestalt mit einem überlangen Schwert in der Hand. Die unter den Haaren herausragenden, spitz zulaufenden Ohren erkannten die Verschwörer überdeutlich. Der Anblick lähmte sie, weil sie wussten, was es für alle, die sich im Keller aufhielten, bedeutete: nichts anderes als den Tod. Hinter dem Alb stand der Schultheiß, auf sein wächsernes Gesicht fiel ein einzelner Lichtstrahl.

»Sieh an: die Aufständischen«, sagte der Alb mit samtweicher Stimme. »Du hast gut achtgegeben, Schultheiß. Sie sind tatsächlich in deinen Keller eingebrochen, um sich Vorräte zu beschaffen.« Der Tonfall bewies, dass er dem Verräter Schutz gewähren und ihn nicht weiter mit den Verbrechern in Verbindung bringen würde. Der Alb nahm ein Säckchen von seinem Gürtel und warf es hinter sich; es fiel vor dem Schultheiß auf die Straße in den Schneematsch. »Hier. Dein Entgelt.«

»Gnade, Herr!«, schrie Zedrik als Erster weinerlich. »Gnade für unsere Familien! Sie wussten nichts von dem, was wir taten.« Er sank vor der Treppe, die nach oben zum einzigen Ausgang führte, auf die Knie und reckte die Arme. »Verschont ihr Leben!« Der Alb ging zwei Stufen nach unten, um sich zu seiner vollen Größe aufrichten zu können. Noch immer sah man ihn nur als Umriss, das Licht beleuchtete ihn von hinten. Es hatte niemand mehr gewagt, sich zu bewegen und die Kerzen von Neuem zu entzünden.

»Was genau tatet ihr denn? So legt ein Geständnis ab, und euere Familien werden sich weiterhin am Schein der Sonne erfreuen dürfen.« Er hob den Arm mit dem Schwert und legte die Waffe mit der Schneide nach oben in die linke Armbeuge, als trage er einen Säugling. »Höre ich etwas?«

Zedrik schluchzte. »Wir haben uns schuldig gemacht...«

»... Gauragars Freiheit erlangen zu wollen«, fiel ihm Mallenia ins Wort und erhob sich. »Die Besatzer, die Albae, die Dritten und alle Vasallen hinauszuwerfen und zur Rechenschaft zu ziehen!« »Nein!«, schrie Zedrik. »Schweigt! Ihr wisst nicht...«