»Doch, ich weiß sehr wohl. Sie jagen nicht nur mich, sondern alle, die zur Linie meines Ahnen Prinz Mallen gehören.« Sie starrte den Alb an. »Seht ihn euch an«, forderte sie die Verschwörer auf. »Er spielt ein Spiel und denkt nicht einmal daran, einen von euch zu verschonen. Der einzige Weg, eure Liebsten zu retten, besteht darin, das Schwarzauge umzubringen, bevor es eure Namen erfahren hat und sie weitergeben kann.« Die junge Frau umfasste ihre beiden Kurzschwerter fester und begab sich in Angriffsstellung.
Der Alb hob den Kopf und sah sie an. »Mallenia! Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich nicht erwartet hätte, dich hier zu sehen.« Er hielt das Schwert weiterhin in der Armbeuge, ließ den Griff los und zog etwas unter seinem Mantel hervor, das er mit einer raschen Bewegung auf sie zu schleuderte. »Dies fand ich. Es mochte dir gehören?« Vor ihren Füßen landete ein Umschlag, den sie sogleich erkannte. Darin hatte eine Warnung an Hindrek gesteckt, einen Großcousin dritten Grades. Dass der Umschlag hier vor ihren Füßen lag, sagte ihr, was mit ihm und seiner Familie geschehen war. »Ihr seid Ungeheuer, die den Tod tausendfach verdient haben«, presste sie zwischen den Zähnen hervor.
»Ist es nicht umso verwunderlicher, dass wir den Tod tausendfach bringen, anstatt ihn zu empfangen?« Er vollführte eine Geste, und die Lampen flammten wieder auf. Sodann legte er die Rechte an den Griff seiner Waffe. »Wir bringen ihn, wenn es sein muss. Oder uns danach ist. Ich verharrte schon länger vor dem Keller, ohne dass ihr mich bemerkt hättet, und hörte deine wunderbare Erzählung von Tareniaborn.« Er redete in einem Plauderton, als stünde er vor Freunden oder einer Gesellschaft, die etwas zu feiern hatte. Unter seinem schwarzen Mantel schaute eine lamellenartige, dunkle Rüstung hervor. »Ich war stolz und bewegt bei deinen Worten, denn ich, Tirigon, hatte das Vergnügen, der Schöpfer des Kunstwerks zu sein, vor dem du voller Ergriffenheit standest.« Er deutete eine Verbeugung an. »Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre gleichermaßen, die Stadt zu erhöhen und die Bewohner von ihren sterblichen Sorgen zu befreien. Tareniaborn ist allen Albae in sehr guter Erinnerung. Die Menschen, das finde ich zumindest, sind eben doch zu etwas gut.« Das Entsetzen im Keller war greifbar. Der Alb erfreute sich daran. »Die Kluft zwischen unseren Rassen ist unüberbrückbar«, sagte er in das Schweigen hinein. »Bei Gelegenheiten wie diesen merke ich es besonders: Ihr seid nicht bereit, für andere Dinge als die Freiheit, Reichtum oder Macht zum Schwert zu greifen und zu töten. Mein Volk vermag es. Tod und Kunst bilden eine Einheit, Vergänglichkeit schreitet einher mit Größe und Vollkommenheit.« Tirigon bedachte sie mit einem bedauernden Rundumblick. Er hatte stahlblaue Augen, in denen sich die Lichter spiegelten. »Ich sehe einige schöne Knochen in euren hässlichen Leibern stecken, aus denen ich etwas Hübsches zu formen wüsste.«
Mallenia hatte genug Selbstherrlichkeit vernommen. Sie rannte auf den Alb zu, die Schwerter zum Schlag erhoben.
Ihr Gegner lachte freudig auf. »Stürmischer Mut! Deine Knochen werden mir eine besondere Zier sein. Ich weiß Kühnheit zu schätzen.« Er packte den Schwertgriff mit beiden Händen und streckte die Klinge waagrecht vom Körper weg. Die Schneide maß mindestens anderthalb Armlängen und brachte ihrem Träger auf einem herkömmlichen Schlachtfeld einen enormen Reichweitenvorteil - zwischen den Fässern und Regalen verwandelte sich das lange Schwert jedoch in eine Einschränkung. Darauf vertraute Mallenia.
Frederik begleitete sie und schwang sein Schlachterbeil.
»Passt auf«, rief sie den Männern und Frauen zu. »Es sind Drillinge. Zwei werden noch in der Nähe sein.« Dann hatte sie den Alb erreicht und schlug sein Schwert zur Seite, duckte sich weg und stach gleichzeitig mit der anderen Klinge zu.
Doch der Feind war verflucht schnell und beherrschte Fähigkeiten, von denen sie nicht einmal träumen durfte.
Tirigon drückte sich vom Boden ab, sprang gegen die Seitenwand und nutzte den Schwung, um einige Schritte hinauf zur Decke zu machen. Nach dieser akrobatischen Leistung, die ihn trotz Rüstung und Mantel nicht einmal angestrengt hatte, landete er hinter Frederik und stach ihm das Schwert in den Nacken, sodass es durch den geöffneten Mund wieder austrat. Von vorne betrachtet wirkte es, als streckte der Mann eine eiserne, spitz zulaufende Zunge heraus.
»Kein schlechter Versuch, Mallenia«, höhnte er. »Hätte der tapfere Fleischer nicht hinter dir gestanden, wärst du jetzt tot.« Ruckartig drehte er die Schneide und zog sie senkrecht nach oben. Das Metall war dermaßen scharf geschliffen, dass es den Kopf entzweischnitt. Blut, Gehirnmasse und Flüssigkeiten platschten auf den Kellerboden, dann stürzte Frederik dort, wo er gestanden hatte, nieder; klirrend prallte das Schlachterbeil auf den Boden. Die Kopfhälften hatten sich verschoben und ließen ihn grotesk aussehen. Mallenia flog herum, ein Schwert zielte auf den Kopf, das andere auf Tirigons Körpermitte. Doch er befand schon lange nicht mehr in ihrem Rücken - oder besser gesagt: jetzt wieder.
Die junge Frau spürte den Luftzug, der ihre blonden Haare zum Wehen brachte, während ihr Angriff ins Leere traf. Da bekam sie einen Schlag ins Kreuz, der sie vorwärts gegen ein steinernes Sauerkrautfass katapultierte.
Sie prallte mit der Hüfte dagegen, fiel darüber und kam neben einem Bottich Salzfleisch zum Liegen. Sie wälzte sich herum und hielt die Schwerter gekreuzt zur Abwehr in die Luft.
Keinen Lidschlag zu spät: Klirrend trafen die Schneiden aufeinander, ihre Arme federten zurück. Der Alb hatte mit viel Kraft zugeschlagen. Sie sah die gegnerische Waffe keinen Fingerbreit von ihrer Nase entfernt.
Mit einem wütenden Grollen drückte sie das Schwert zur Seite und trat nach dem Gegner, traf ihn in die Körpermitte. Auch wenn er eine Rüstung trug, die einen Großteil der Kraft abfing, wurde Tirigon nach hinten gezwungen.
Lachend ließ er das Schwert einmal kreisen und packte es wieder mit beiden Händen, während Mallenia sich erhob und vom Bottich wegbewegte.
Sie wollte eine Wand als Deckung im Rücken haben. Der Feind war zu schnell für sie, ihr weit überlegen. Sie rechnete nicht ernsthaft damit, den Keller lebendig zu verlassen. Es war der jungen Frau bewusst, dass der Alb mit ihr spielte. Hochmut rächte sich jedoch meistens.
Die Männer und Frauen waren vor ihnen zurückgewichen und verfolgten das ungleiche Duell.
»Stehe ich in einem Keller voller Feiglinge?«, verspottete Tirigon sie alle. »Ihr seid zwanzig... neunzehn gegen einen, wenn ihr wolltet! Mallenia sagte es doch: Wenn ihr mich nicht tötet, werden eure Familien sterben - und trotzdem steht ihr herum und haltet Maulaffen feil?« Er zwinkerte Mallenia zu. »Deiner Tapferkeit zolle ich Tribut und töte dich als Letzte. Schau zu und lerne. Du wirst es gegen mich benötigen.« Er machte zwei schnelle Schritte, sprang auf den Rand des Bottichs und drückte sich ab.
Mit den Füßen voraus landete er an der Wand und rannte schräg daran hinauf, bis zur Decke und auf der anderen Seite wieder hinab. Dabei führte Tirigon sein Schwert mit für das Auge nicht nachvollziehbaren Schlägen gegen die Oberkörper der Verschwörer unter ihm. Bei jedem Hieb spritzte das Blut in hohem Bogen aus den tiefen Schnitten. Schreie gellten auf.
Anmutig landete er auf einem Weinfass und hielt das Schwert schräg vom Körper weg; zufrieden besah er sich das Ergebnis seines überschnellen Angriffs. Mehr als die Hälfte der Versammelten lag tot auf dem Kellerboden, Verwundete hinterließ der Alb keine. »Die Kunst besteht darin, diejenigen Knochen unversehrt zu lassen, welche ich noch benötige«, erklärte er den Überlebenden und hob die blutige Klinge. »Da ihr euer Schicksal kennt, seid ihr nun bereit, euch zu verteidigen?«
Drei Frauen wandten sich um und hetzten auf den Ausgang zu.