Doch dort standen zwei weitere Albae, unverkennbar die fehlenden Geschwister, vor denen Mallenia gewarnt hatte. Die Dsön Aklän waren vollständig versammelt. Sie verbarrikadierten die Tür durch ihre bloße Anwesenheit und ohne ihre Waffen ziehen zu müssen. Das finstere Lächeln war Drohung genug.
Tirigon sprang vom Weinfass vor die Überlebenden, die nun endlich ihre Schwerter, Säbel und Dolche zogen und sich um ihn verteilten. »Lange musste ich darum bitten«, kommentierte er boshaft. »Mein Versprechen sei: Verletzt mich, fügt mir einen Kratzer zu, und eure Familien bleiben am Leben. Denn töten werdet ihr mich nicht können«, sagte der Alb großspurig und steckte das Schwert in die Scheide auf den Rücken. Waffenlos präsentierte er sich ihnen, streckte die Arme aus und drehte sich dabei auf der Stelle. »Worauf wartet ihr?«
Mallenia sah zu den beiden Albae an der Tür, die sich nicht regten. Sie überließen ihrem Bruder das Vergnügen und hielten sich zurück - dann richtete sich das Gesicht der Albin plötzlich auf sie.
Aus der Überlegenheit auf ihren Zügen wurde unverhohlene Neugier, und sie wollte einen Schritt nach unten machen, doch ihr Bruder hielt sie am Arm zurück. Die blauen Augen der Albin blieben weiterhin forschend auf die Ido gerichtet, als ginge es darum, eine alte Bekannte zu betrachten.
Mallenia hatte keine Ahnung, woher das Interesse an ihrstammte. Sie schüttelte das beklemmende Gefühl ab und schritt über die Leichen hinweg zu der Handvoll Getreuer, die sich dem Kampf gegen den Alb stellten. Wenn sie starb, wollte sie es im Kreis der Menschen tun, die sich für Gauragar hingaben. Sie war von dem Gedanken beseelt, dem Gegner einen einzigen, winzigen Schnitt zuzufügen, um die Familien zu retten.
Tirigon rückte seine Unterarmschienen aus Tionium zurecht und wartete. Lächelnd. Uwo, ein recht kleiner Mann und der einzige Fischhändler der Stadt, schlug mit seinem Schwert zu und machte dabei einen Ausfallschritt.
Der Alb blockte das Schwert mit dem Unterarm, die Schneide zerbarst durch den Aufprall in drei Teile. Noch während sie durch die Luft flogen, schnappte der Alb das längste von ihnen und schleuderte es gegen Uwo. In die Brust getroffen, sank der Mann nieder.
Doch Tirigon hatte sich bereits das nächste Stück gegriffen und warf es schräg gegen einen Heranstürmenden. Das Eisen schlitzte die rechte Halsseite auf, gurgelnd ging er zu Boden und versuchte, die klaffende Wunde mit den Fingern zu verschließen. Der Mut der Verzweiflung trieb die Verschwörer zu einem gemeinsamen Angriff gegen den Feind, der sich einen Spaß daraus machte, den Schlägen und Stichen auszuweichen und die gegnerischen Hände durch Stöße in eine andere Richtung zu lenken; somit fuhren die Klingen in die Körper der Freunde und Kampfgefährten.
Am Ende standen Mallenia und Arnfried der Schmied gegen den Alb. Der Rest war gefallen oder krümmte sich tödlich verletzt auf der gestampften Erde.
Der kräftige Mann mit dem langen Bart und den astdicken Muskeln blutete aus einer Wunde in der rechten Schulter, doch er hielt seinen Dolch fest und schnaubte vor Hass. Tirigon betrachtete die roten Spritzer auf seiner Rüstung. »Das hätte nicht passieren dürfen«, bedauerte er. »Es läuft so gern in die Ziselierungen und gerinnt darin.« Arnfried sprang abrupt nach vorne, um den Feind zu überraschen. Er täuschte einen Stich mit dem Dolch an und schlug gleichzeitig mit der Faust nach dem Gesicht. Mallenia preschte ebenfalls vorwärts. Sie wollte auf die Abwehrbewegungen des Albs reagieren. Der schlanke Gegner wich der Klinge aus und fing die geballten Finger des Schmieds mit der geöffneten Linken ab. Doch er hatte die Kraft des Mannes unterschätzt und wurde rücklings gegen ein Weinfass gestoßen.
Arnfried riss sein Knie in die Höhe und rammte es gegen Tirigons Rippen; die Rüstung knirschte. Die Albin rief etwas in ihrer Sprache, sie klang besorgt.
Mallenia stach mit ihrem linken Schwert nach dem Alb, der gerade noch rechtzeitig auswich. Die Spitze durchbrach das Holz, und Weißwein ergoss sich in seinen Rücken; der Lehmboden wurde augenblicklich rutschig.
»Meinen Respekt«, knurrte Tirigon dem Schmied zu und fing den nächsten Angriff von ihm mit der anderen Hand ab. Es klickte, und zwei Metallscheiben fuhren aus der äußeren, langen Seite der Unterarmschiene hervor. Blitzschnell zog er sie über die Brust des Mannes, der aufschreiend nach hinten sprang und auf dem weichen Untergrund ausrutschte. In seinem Sturz war der Alb unvermittelt über ihm und zerschmetterte ihm mit einem brachialen Schlag gegen das Sonnengeflecht den Brustkorb. Die Knochen bogen sich nach innen und zerstörten die Lunge, röchelnd wand sich Arnfried im Matsch.
Mallenia dachte nicht nach und warf sich gegen Tirigon, um ihn zu Boden zu reißen. Er hatte ihren Sprung aus den Augenwinkeln bemerkt und machte einen Satz von ihr weg - und wurde ebenso Opfer des Schlamms wie der Schmied: Sein rechter Fuß rutschte aus. Obwohl er noch versuchte, sich abzufangen, krachte er gegen den Salzfleischbottich, mit dem Mallenia bereits vorher Bekanntschaft gemacht hatte. Die Albin schrie auf.
Mallenia schleuderte ihre beiden Schwerter nach dem Liegenden, eines zielte auf den Kopf, das andere auf den Unterleib. Beide Angriffe, so hoffte sie, würde er nicht parieren können.
Doch Tirigon riss die gepanzerten Unterarme in einem Reflex in die Höhe: Das erste Schwert prallte ab und flog in eine Ecke des Kellers, das zweite zersprang am Tionium in Stücke.
Aber der Alb stöhnte dennoch auf.
Mallenia traute ihren Augen kaum: Ein langer, schmaler Klingensplitter hatte sich durch die linke Wange ihres Feindes gebohrt und verband den Kopf mit dem Holzbottich. Es war keinetödliche Wunde, aber gewiss eine schmerzhafte. Und vor allem zerstörte sie das vollkommene Antlitz.
Hinter sich vernahm sie eilige Schritte und das Schleifen von Metall.
Tirigon vor ihr hob die Hand und sagte etwas in seiner Sprache, was durch seine Verletzung noch fürchterlicher klang.
»Du hast versprochen, die Familien meiner Mitstreiter zu verschonen«, sagte Mallenia zu ihm. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass die Albin mit gezogenem Schwert hinter ihr stand und sie am liebsten töten würde. »Du hältst dich an deine Worte?«
Der Alb gab ein dumpfes Ja von sich.
»Und ich Werde aus diesem Keller gehen können?«
»Niemals«, zischte eine Frauenstimme hinter ihr. Doch ihr besiegter Bruder bestätigte auch diesen Teil der Abmachung.
»Und du meintest, dass es uns nicht gelänge, dich zu töten«, sprach Mallenia vorsichtig, während ihre Linke sich an den Dolchgriff legte. Sie beugte sich nach unten und schnitt sich eine schwarze Haarsträhne ab. »Das wird mein Andenken an meinen Triumph über dich und deinen Hochmut sein.«
Der mörderische Ausdruck in Tirigons Augen sagte alles über seine Gedanken aus. »Schone dein Glück, Letzte der Ido«, hörte sie die warnende Stimme des zweiten Albs von der Tür. »Du wirst den Keller verlassen können. Den anderen Verschwörerfamilien soll das Leben gewährt bleiben. Von unserer Seite aus. Was Kaiser Aiphatön allerdings befiehlt, wenn er davon erfährt, wissen wir nicht.«
»Erfahren wird er es sicherlich«, fügte die Albin genüsslich hinzu.
Mallenia wandte sich wütend um. Die Geschwister standen unmittelbar hinter ihr, und die Albin hielt wirklich ein Schwert in der Hand. »Ich hätte wissen müssen, dass ihr euch eine Lücke sucht, um die Abmachung zu brechen!«
»Keine Lücke. Es ist die genaue Auslegung der Abmachung.« Der Alb, der von seinem Bruder für Mallenia nur durch sein anders gestaltetes Schwert zu unterscheiden war, neigte den Oberkörper. »Würde ich sie noch genauer auslegen, könnte ich sagen, dass er sich selbst verletzt hat und nicht du es warst, der das Wunder gelang.« Er zeigte auf seine Schwester. »Firüsha würde sich sehr freuen, wenn wir zu dieser Ansicht gelangten. Solange wir darüber nachdenken, wie wir deinen Sieg zu deuten haben, kommst du zumindest unbeschadet bis zur Tür.« Betont machte er einen Schritt auf die Seite und gab den Weg frei.