»... aber die vielen Stimmen der Schwarzseher um dich herum ließen dich eher daran glauben oder fürchten, dass ich nicht der Gelehrte bin, der dir so viel verdankt.« Tungdil schwieg und verfiel ins Grübeln.
Ingrimmsch ließ ihn. Nach dem Meister würde er ihn bei Gelegenheit fragen, aber nicht jetzt. »Ich weiß es wieder! Als ich Lot-Ionan das letzte Mal sah, hatte er ein hellblaues Gewand und weiße Handschuhe an...« Tungdil wirkte alarmiert. »Die Handschuhe, Ingrimmsch! Ich weiß es tatsächlich wieder: um die Verbrennung zu verbergen, die ihm das Artefakt zugefügt hatte«, rief er aufgeregt. »Die Haut verheilte, aber sie ist schwarz geblieben.«
»Sehr gut, Gelehrter!«, freute Ingrimmsch sich über den Erfolg. »Das Artefakt hat dem Magus übel mitgespielt. Ich hatte damals schon kein gutes Gefühl«, fuhr er ärgerlich fort. »Doch ich sehe mit Freude, dass du dich entsinnst. Das Artefakt hatte ihm den Zugang versagt, weil er nicht seelenrein war. Damals dachten wir, dass er seine Reinheit durch eine harmlose Verfehlung verloren haben könnte, aber wir wissen schon lange, dass es etwas Schlimmeres sein muss.« Er wünschte sich eine Horde Schweineschnauzen herbei, um seinem Zorn freien Lauf lassen zu dürfen. Seit etlichen Zyklen machte er sich Vorwürfe, damals nicht gehandelt und sich von Goda beruhigt haben zu lassen. »Es ist auch ein Stück weit mein Vergehen. Hätten wir ihn gleich aufgehalten oder eingesperrt oder sonst was mit ihm getan, wäre der Stamm der Zweiten nicht beinahe vollständig aufgerieben worden.«
»Goda hat bei ihm die Ausbildung begonnen?«
Ingrimmsch nickte. »Sie war seine Famula für etwa zehn Zyklen. Die Ubariu hatten niemanden gefunden, der sich als Runenmeister geeignet hätte. Aber dann bemerkte sie, dass das Artefakt auf sie anders reagierte als gewöhnlich. Wenn sie die Energiekugel berührte, um neue Macht zu schöpfen, wurde es recht schnell schmerzhaft. Sie verstand, dass ihre Seelenreinheit in Gefahr geriet, ohne sich erklären zu können, woran es lag. Unseren ersten Sohn hatte sie lange vor der Veränderung zur Welt gebracht, daran hatte es nicht gelegen.«
Tungdil rückte die goldene Augenklappe zurecht, und die Strahlen der Sonne brachten das polierte Metall zum Aufleuchten. »Die Veränderung begann schleichend?« Ingrimmsch sah seinen Freund an und wurde unsicher. Hat er sie schon immer rechts getragen? Ist ihm nicht das linke Auge verloren gegangen? Er konnte sich nicht festlegen, was seine Ungewissheit kaum minderte. Er riss sich zusammen und setzte zu einer Antwort an. »Kann man so sagen. Bis er sie magische Formeln lehren wollte, die Goda zu grausam erschienen. Als sie sich weigerte, wurde er wütend und reiste beleidigt ab. Anschließend erreichten uns ein paar Briefe von ihm, in denen er sie bat, zu ihm ins Geborgene Land zu kommen, um über alles zu sprechen, doch sie wollte das Artefakt nicht allein lassen. Der letzte Brief war drohend und unverschämt zugleich. Wir nahmen dies als Bestätigung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.« Ingrimmsch erspähte eine Berghütte, die für Reisende auf der Passstraße angelegt worden war, damit sie in eisigen Nächten nicht im Freien übernachten mussten. »Schau an! Eine karge Unterkunft, aber besser als eine Matratze aus Schnee.«
»Und das Geborgene Land hat zugesehen, wie er das Blaue Gebirge eroberte?«, hakte Tungdil ungläubig nach.
»Was sollten sie denn gegen einen Magus wie ihn ausrichten, Gelehrter? Nachdem er durch die magische Quelle von der Versteinerung befreit worden war, wuchs seine Kraft von Umlauf zu Umlauf. Man kann immer noch meinen, dass er die Fertigkeiten von zwei Magi in sich vereinigt.« Hilflos ballte Ingrimmsch die Faust. »Nur auf diese Weise gelang es ihm, unseren Stamm beinahe vollständig auszurotten: Er zwang die Felsen in die Knie und damit auch die Zwerge.«
»Was genau meinst du damit? Er hat die Schächte einstürzen lassen?« »Genauso kam es, Gelehrter. Er hat ein Beben nach dem anderen gegen uns gesandt, unsere Hallen und Festungen zerfallen lassen, Gänge mit flüssigem Stein überflutet und das Wasser aus den tiefsten Schächten ansteigen lassen. Es kostete Tausende das Leben, und den Flüchtenden lauerte er vor der Festung Ogertod auf, um sie mit Zaubern zu überschütten.« Ingrimmsch stiegen Tränen der Wut und der Trauer in die Augen. Sie liefen über die Wangen in den Bart, wo sie durch den kalten Wind zu funkelnden Tropfen gefroren. »Es sind nicht mehr als einhundert geblieben, die nun bei den Freien leben.«
Tungdil verzog den Mund. »Das klingt nicht nach meinem Ziehvater«, raunte er nachdenklich. »Ich habe keinen Grund, an deinen Worten zu zweifeln, mein Freund. Etwas in der Vergangenheit muss ihn verdorben haben. Die Quelle, die ihn erweckte?« Ingrimmsch wischte sich die Tränenperlen aus dem Bart, sie zergingen zwischen seinen Fingern. »Niemand weiß es. Du bist der Einzige, der es wagt, gegen ihn zu reiten. Außer dem Albae-Kaiser Aiphatön.«
»Die Hohe Pforte - ist sie geschlossen oder geöffnet?« »Er hat sie wieder geschlossen, nachdem die Schwarzaugen aus dem Süden einmarschiert sind. Zu viele Ungeheuer Tions wollte er nicht hineinlassen, wird er sich gedacht haben«, meinte der Zwerg abfällig. »Ist dein Plan immer noch der gleiche, Gelehrter? Oder hast du eine andere Möglichkeit entdeckt, einen Feind wie ihn zu unterwerfen und dazu noch zu zwingen, uns zu dienen?«
Tungdil gab keine Antwort; stattdessen sah er nach vorn zur Hütte. »Wir werden bereits erwartet«, sagte er leise. »Ich frage mich nur, warum kein Feuer geschürt wurde.«
Ingrimmschs Augen wurden groß vor Vorfreude. »Hussa! Du meinst, da haben es tatsächlich ein paar Wegelagerer gewagt, sich auf die Lauer zu legen?« Insgeheim fragte er sich, wie Tungdil die Feinde bemerkt haben konnte. Der Wind wehte von der Hütte weg, es gab keinerlei Spuren im Schnee, und das leiseste Geräusch wäre auch von ihm in der Stille um sie herum vernommen worden. Er schob es auf die im ständigen Kampf geschärften Sinne seines Freundes und wollte schon den Krähenschnabel ziehen, aber Tungdil hielt ihn mit einer Geste davon ab.
»Ich weiß nicht, wie viele es sind. Wir tun so, als hätten wir nichts bemerkt, und lassen ihn oder sie zunächst im Glauben, es mit einfacher, fetter Beute zu tun zu haben«, schlug er vor.
»Denn sollten sie Armbrüste dabeihaben, könnten sie uns aus dem Sattel schießen, ich verstehe«, stimmte Ingrimmsch zu und tat so, als überprüfe er die Schnallen. »Ich hoffe, dass der Raum vor Räubern nur so wimmelt!«, knurrte er. »Ho, das wird ein Spaß!« »Jedenfalls nicht für den, der uns abpasst.« Tungdil streichelte den Hals des Befüns. »Wollen wir wetten?«
»Ausnahmsweise nicht, Gelehrter«, gab Ingrimmsch grinsend zurück.
VII
Das Jenseitige Land, sechsundsiebzig Meilen südwestlich der Schwarzen Schlucht, 6491. Sonnenzyklus, Winter.
Die ungleichen Zwerge ritten auf die Hütte zu, die einen verlassenen Eindruck machte. Noch immer war es Ingrimmsch ein Rätsel, woher Tungdil die Eingebung nahm, dass sich jemand darin aufhielt. Er spitzte zu seinem Freund hinüber, schaute wieder nach vorn und rutschte dabei im Sattel hin und her.
Dreißig Schritte trennten sie vom Eingang, und noch immer zeigte sich niemand. »Bist du dir sicher, Gelehrter?«, erkundigte sich Ingrimmsch und lachte dabei, als erzähle er gerade einen Witz, um mögliche Beobachter zu täuschen. Während er den Freund ansah, bemerkte er, dass zwei Runen auf der Rüstung wie von innen beleuchtet glommen.