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»Das würde nichts bringen.« Tungdil verdrehte die Augen undschaute der Dauerwurst beim Pendeln zu. »Es ist zum Auswachsen!«, rief er und versuchte mit aller Gewalt, sich aufzurichten. Aber die Rüstung ließ sich nicht bewegen, die Gelenke quietschten nicht einmal.

»Meinst du, ich könnte dich als Schlitten benutzen?«

»Du genießt es, mich aufzuziehen, ist das möglich?« Tungdil bedachte den Freund mit einem anklagenden Blick. »Mitleid wäre mir lieber als Häme.«

»Ich bin nicht hämisch. Ich bemerke nur, dass es Nachteile hat, in einer fremden Panzerung umherzulaufen, die weiberhafte Launen hat, und ich bete, dass du es ebenso siehst.« Er schob sich einen Bissen Brot in den Mund und erhob sich. »Mir ist da ein Gedanke gekommen«, nuschelte er und nahm den Krähenschnabel mit einer Hand, in der anderen hielt er die Krume. Breitbeinig stellte er sich in Höhe der Knie über Tungdil. »Vielleicht ist es tatsächlich wie bei störrischen Weibern: Wenn man dennoch was von ihnen will, muss man sie reizen.« Er stopfte sich den Rest Brot in den Mund. Tungdil betrachtete ihn fassungslos. »Was hast du vor?«

»Reizen. Und zwar gehörig.« Er nahm Maß, damit er genau auf die Brust traf, und benutzte die abgeflachte Seite für den Hieb. »Es kann wehtun, Gelehrter. Aber es dient einem guten Zweck.«

Tungdils Kopf hüpfte im Helm auf und nieder, er strengte sich an, die Kraft der Rüstung zu brechen. »Nein, Ingrimmsch! Warte! Ich... Mir fällt gleich wieder ein, wie...«

Ingrimmsch hob die Waffe. »Augen zu. Es blitzt bestimmt wieder«, warnte er fröhlich und ließ den Krähenschnabel nach unten sausen.

Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Weyurn, Seenstolz, 6491. Sonnenzyklus, Winter.

Rodario fluchte und versuchte, mit der Dunkelheit im Schacht zu verschmelzen. Er fürchtete, dass ihn die Wachen auf den Wehrgängen unter Beschuss nahmen. Woher sollten sie auch wissen, dass er lediglich ein harmloser, neugieriger Schauspieler und kein Kopfgeldjäger oder Abenteurer war, der sich die Belohnung für Coiras Kopf verdienen wollte? Er machte sich so klein wie möglich und wartete, was sie mit ihm taten. Entschuldigende Rufe brachte nichts, seine Unschuldsbeteuerungen würden auf diese Entfernung zu undeutlichem Gegröle verkommen.

Die Schreie über ihm wurden lauter, eine Fanfare ertönte und stieß rasche, alarmierende Signale aus.

Rodiaro brach der Schweiß aus. Unter anderen Umständen hätte er sich geehrt gefühlt, wenn man so viel Aufhebens um ihn gemacht hätte, doch in dieser Lage war es ihm nicht möglich, die Aufmerksamkeit zu genießen.

Das blaue Leuchten am Grund des Sees nahm ab, und Coira senkte sich neben ihren Kleidern auf die Planken zurück. Dabei drehte sie sich, um mit den Füßen voran auf dem Holz zu landen, die Wäsche diente ihr als Unterlage.

Rodario bekam sie nochmals von allen Seiten zu sehen und durfte die Prinzessin in ihrer Schönheit bewundern, auch wenn sie sich nun Stück für Stück verhüllte. Er seufzte selig und sehr, sehr verliebt.

Coira schnallte den Gürtel zu und eilte auf die Kabine zu, betätigte den Hebel. Die Fahrt hinauf an die Oberfläche begann.

Der Mime wurde dabei mit nach oben gezogen; den kräftezehrenden Aufstieg hatte er sich so gespart. Allerdings war eine Gefahr für ihn noch nicht gebannt: die Rolle, auf der sich der Draht aufwickelte.

Rodario sah das helle Rechteck näher und näher kommen, die Seile verschwanden darin. Wasserstrahlen benetzten ihn, durchnässten seinen Rücken und den Nacken. Es war eisig kalt, und er musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht aufzuschreien. Als er durch das Loch für die Gondel gezogen wurde, schwang er sich zur Seite und ließ los.

Rodario landete sicher auf dem Boden und musste nur zwei Ausfallschritte nach vorne machen, um den Schwung abzufangen. Voller Erleichterung stellte er fest, dass ihn niemand erwartete. Der Trubel war nicht seinetwegen ausgelöst worden. Kaum stand er, ratterte die Gondel durch die Öffnung. Coira schob die Gittertür zur Seite und betrachtete ihn. »Nanu? Was macht Ihr denn hier?« Sie legte eine Hand an den obersten Knopf ihrer Bluse und schloss ihn. »Auf Euch warten«, erwiderte er ungezwungen. Wenn du wüsstest, was ich alles von dir sehen durfte. Rodario schaute kurz auf ihre Handschuhe. Sie unterschieden sich in nichts und zeigten auch keinerlei Besonderheiten, Runen oder Zeichen. Hatte sie einfach keine Zeit mehr gehabt, den rechten auszuziehen?

Sie bemerkte, dass sich am Boden hinter ihm eine Lache bildete. »Sagt mir nicht, dass Ihr bei diesem Wetter schwitzt?«

»Wie kommt Ihr...?« Er lachte verlegen. »Das? Nein, das... stammt noch von unserer Überfahrt. Die Gischt hat mich erwischt.« Rodario drehte sich halb zu ihr, um ihr die Stelle zu weisen.

»Gischt. Was Ihr nicht sagt. Eine solche gezielte Gischt habe ich noch nie gesehen, und ich kenne den See sehr gut.« Coira sah ihn prüfend an, die Augen wanderten an ihm hinab und blieben an den schmutzigen Fingern hängen. »Ihr habt die ganze Zeit hier gewartet, sagtet Ihr?«

Bevor er lügen musste, wurde die Tür geöffnet, und Loytan stand vor ihnen. »Das müsst Ihr Euch ansehen, Prinzessin!«, sagte er aufgeregt und deutete nach draußen. »Ein merkwürdiges Rennen geht da vonstatten.«

Coira sah Rodario noch einmal in die Augen, dann lief sie mit Loytan nach draußen. Aufatmend folgte er den beiden ins Freie.

Ein stürmischer Eiswind war aufgekommen, über dem See ballten sich graue Wolken. Die Wellen schlugen deutlich höher gegen die Spundwände als bei ihrer Ankunft; feine Wassernebel stiegen auf und überzogen Mäntel, Helme und Gesichter mit Tröpfchen. Loytan geleitete sie zur Westseite, auf der man an der eigentlichen Insel vorbei einen Teil des Festlands erblicken konnte. Er reichte ihr sein Fernrohr. »Seht zum Ufer. Vorhin waren sie ungefähr eine halbe Meile von der Fährstelle entfernt.« Die junge Frau hob das Glas an die Augen; für Rodario war das Ufer zu weit entfernt, er sah lediglich, dass zwei schwarze Striche auf zwei schwarzen Punkten einen hellen Strich auf einem schwarzen Punkt jagten.

»Und? Was gibt es?«, drängelte er und bekam von einem Wächter ein Fernrohr hingehalten, das er nutzte, um die Vorgänge zu beobachten. »Sind das... Nachtmahre?«, fragte er in einer Mischung aus Verwunderung und Furcht. Die muskulösen schwarzen Tiere galoppierten den Dünenkamm entlang. Der Sand schien unterihren Hufen zu explodieren und spritzte weit in die Höhe, dabei flackerte es immer wieder um ihre Fesseln. Die schwarz gerüsteten Reiter auf ihren Rücken waren Albae. Rodario schwenkte zu dem Bedauernswerten, den sie hetzten, und rief vor Erstaunen laut: »Bei Elria und Palandiell! Das habe ich noch nie gesehen: ein Mensch auf einem Nachtmahr!«

»Ich bezweifle, dass Ihr überhaupt jemals einen Nachtmahr gesehen habt. Bis eben«, warf Loytan ein.

»Das muss eine sehr mutige Frau sein, die sich traut, auf solch ein Tier zu steigen.« Coira sah die langen blonden Haare der Verfolgten im Wind wehen.

»Sie muss einen Alb umgebracht haben, um daranzukommen«, warf Rodario ein. »Freiwillig weichen die sicherlich nicht aus dem Sattel.« Ihm gelang es, das Gesicht der Reiterin durch das Fernrohr auszumachen. Die Frau sah hübsch aus, und von Furcht konnte er auf ihren Zügen nichts entdecken. Mit entschlossener Miene hielt sie den Abstand zu den Albae aufrecht. »Erstaunlich, dass ihr der Nachtmahr gehorcht.« Loytan kratzte sich am Kinn. »Das wird Lohasbrand gar nicht freuen, wenn er hört, dass sich die Albae auf sein Gebiet gewagt haben.«