Der Alb sah auf ihre Gefangene. »Sie lebend nach Idoslän zurückschaffen. Die Heilige der Widerständler, ihr Halt und ihre Hoffnung, muss gebrochen werden«, sprach er. »Vor aller Augen, vor vielen Augen, werden wir sie hinrichten. Damit ist der Wille der Aufständischen ausgelöscht. Sie haben keinen Nachfolger, der diese Lücke schließen kann.«
Firüsha sah zu ihrem Bruder, der noch immer auf seinem Nachtmahr saß. »Ist die Gefahr nicht groß, dass ein gewaltiger Aufstand aus der Hinrichtung erwächst?« Sisaroth lächelte hinterhältig. »Ich hoffe es sehr. Wir schlagen ihn nieder, und mit ihm gleich alle anderen Widerständler. Sie kommen zu uns, um Mallenia zu befreien, und werden ihren Tod empfangen.«
»Ein gutes Vorhaben.« Firüsha sah dennoch nicht überzeugt aus.
»Ich sehe Vorbehalte?«, wollte er wissen. »Du rätst mir ab?«
»Nein. Ich überlege, was Aiphatön dazu sagen wird.«
Der Alb stieß ein lautes Lachen aus und legte den Kopf in den Nacken. »Unser Herrscher, der Unauslöschliche Kaiser, ist zu sehr damit beschäftigt, seine Gefolgsleute aus dem Süden bei Laune zu halten.« Er stieg ab und kam auf sie zu. »Ein schwächlicher Narr, trotz der Macht, die er besitzt. Er hat Angst vor einem Aufstand. Was ist nur aus ihm geworden? Früher wäre ich für ihn in den Tod gegangen, heute würde ich ihm den Vortritt lassen.« Die Kiesel knirschten nicht, als er darauf trat. »Welche Erwartungen habe ich in ihn gesetzt, den Nachfahren der Unauslöschlichen, nachdem er Lot-Ionan besiegt hatte! Und er redete, als wolle er die glorreichen Zeiten der ersten Generation der Albae zurückbringen. Stattdessen schleppt er uns die Zweitklassigen ins Geborgene Land und benimmt sich dienergleich! Wir hätten sie niemals benötigt. Aber das wird sich alles ändern. Bald.« Firüsha zog die Augenbrauen zusammen. »Du verheimlichst mir etwas, Bruder! Was weißt du noch?«
Sisaroth grinste. »Ich erfuhr, dass sie dem Unauslöschlichen Kaiser endlich das Versprechen abgerungen haben, noch in diesem Zyklus gegen den Magus zu marschieren.«
Firüshas Augen wurden groß. »Das wird ein harter Krieg und scharenweise Leben kosten! Und aus welchem Grund?«
»Um den Zugang in den Süden wieder zu öffnen. Es warten etliche des minderwertigen Packs im Jenseitigen Land darauf, hineingelassen zu werden. Aiphatön merkt nicht einmal, dass er dabei ist, seine eigene Macht in fremde Hände zu legen.« Sisaroth stand neben Mallenia und betrachtete ihr Gesicht. »Deswegen ist es wichtig, dass wir Idoslän, Gauragar und Urgon befrieden. Vor dem Krieg. Sollen sie nach Süden marschieren.« Er senkte die Stimme. »Wir sind uns darüber einig, dass wir sie nicht mehr nach Dsön Baisur lassen, Schwester?«
»So einig wie immer«, kam es unverzüglich von ihr. »In keines der drei Reiche, die einst den Elben gehörten. Sie gehören uns, den Dsön Aklän, nicht den Fremden.« Sie stieß einen hohen Laut aus, und der Nachtmahr, auf dem Mallenia geritten war, trottete mit gesenktem Haupt auf sie zu. Schnaubend kam er vor der Albin zum Stehen. Um sein Maul und die Nüstern haftete das Blut der Frau.
Sie zog pfeilschnell ihr Schwert und schnitt der Kreatur mit einem gewaltigen Hieb den Kopf ab. Der Nachtmahr und dessen Haupt fielen neben der Frau auf das Ufer, das Blut schoss aus dem Stumpf und begoss die Gefangene von Kopf bis Fuß.
»Fresst den Verräter«, befahl Firüsha den beiden verbliebenen Nachtmahren. Gierig machten sie sich über das warme Fleisch her. Sie waren von der langen Hätz ausgehungert.
»Was haben zwei Albae in Weyurn verloren?«, fragte eine weibliche Stimme schräg über ihnen; die Hände der Albae flogen an die Waffengriffe, gleichzeitig schnellten sie herum. »Das wird der Drache sicherlich nicht mögen.«
Sisaroth und Firüsha sahen eine schwarzhaarige Frau in vornehmer Kleidung auf der Dünenspitze stehen; sie trug nicht einmal ein Schwert bei sich. Die Augen leuchteten heller als bei einem gewöhnlichen Menschen - und dies machte die Geschwister stutzig.
»Eine Maga«, raunte Sisaroth seiner Schwester warnend zu. Er fühlte die unsichtbare Kraft, welche die Unbekannte in sich trug. Sie war im Überfluss damit angefüllt. »Ihr seid wer?«, hob er die Stimme.
»Das geht dich nichts an«, erwiderte sie herrisch und zeigte auf die Gefangene. »Ihr werdet ihr nichts antun, auf eure Nachtmahre steigen und Weyurn verlassen. Kehrt zurück nach Idoslän oder Gauragar oder Urgon und richtet dort Unheil an.« Firüsha stellte den linken Fuß auf Mallenias Brust. »Nun, sie gehört aber auch nach Idoslän.«
»Versucht es, sie mitzunehmen«, kam es von der Frau, und sie wirkte belustigt. »Der Drache wird sich freuen, wenn er davon hört. Endlich hätte er wieder einen Grund, um zum Angriff auf die Albae zu rufen. Der letzte Krieg ist schon lange her. Und ich glaube mich zu erinnern, dass euer Volk dabei nicht allzu gut abgeschnitten hat.« »Sie ist eine gesuchte Verbrecherin...«, versuchte es die Albin trotzig, doch die Frau fiel ihr furchtlos ins Wort.
»Dann hättet ihr sie wohl besser in Idoslän zu fassen bekommen als in Weyurn. Verschwindet!« Sie schüttelte die Arme aus und hob sie leicht an. »Das ist meine letzte Warnung an euch.«
Hinter den Geschwistern änderten die Wellen ihren Klang, und ein Mann schwankte aus den Wogen. Sein Gesicht war über etwas Raues gerutscht und ganz aufgescheuert, in der Hand hielt er einen Dolch, und er sah entschlossen aus. So entschlossen wie die Unbekannte auf den Dünen.
»Weg von ihr!«, befahl er den Albae. »Ihr lasst Mallenia in Frieden, oder die Maga wird euch zu Asche verbrennen!« Er kniete sich neben die Ohnmächtige und zog sie weg von ihnen und den fressenden Nachtmahren, deren Hufen sie gefährlich nahe lag. Ein Hinterlauf hob sich prompt und trat nach ihm; der Mann wich ihm erstaunlich rasch aus.
»Ihr seid kein Gefolge des Drachen«, sagte ihnen Sisaroth auf den Kopf zu. »Ich sehe keinen Anhänger aus Schuppen an Eurem Hals. Wie kommt es, dass Ihr uns dennoch mit Lohasbrand droht, als würdet ihr ihn gut kennen?« Die Frau gab keine Antwort - jedenfalls keine mit ihrer Stimme. Stattdessen streckte sie den rechten Arm mit der Handfläche nach oben aus. Über dem Handschuh erschien eine leuchtende Kugel, die langsam auf die Albae zuschwebte. Das Licht nahm an Stärke weiter zu, je mehr es sich den beiden näherte.
Die Nachtmahre wichen schnaubend und fauchend vor der Sphäre zurück, der Mann mit dem Kinnbärtchen warf sich schützend über Mallenia, um sie vor Tritten zu schützen. Sisaroth und Firüsha verzogen die Gesichter. Das Strahlen brannte in ihren Augen.
»Auf mein Wort hin wird das Gebilde zerspringen und euch mit seiner Helligkeit auf immer blenden«, verriet die Frau von der Düne herab. »Wenn ihr blind nach Hause findet, dann bleibt. Andernfalls rate ich euch, Weyurn zu verlassen. Und ich werde dem Drachen sagen, dass die Albae sich über die Vereinbarungen hinweggesetzt haben. Ich bin gespannt, wie er daraufhin handelt.«
Firüsha wollte ihre Waffe ziehen, doch Sisaroth hielt sie zurück. Er ging zu seinem aufgeregten Nachtmahr und stieg in den Sattel, dann ritten er und seine Schwester nach Osten.
Die Kugel verfolgte sie eine Weile, als sei der volle Mond vom Himmel gestiegen, um sie zu jagen. Nach zehn Meilen löste sie sich langsam auf und verging zu glitzerndem Staub, der sich auf den Schnee legte und auf den funkelnden Kristallen nicht weiter auffiel.
Sofort hielt Sisaroth den Nachtmahr an, und Firüsha riss ihren herum. Der echte Mond beleuchtete ihre wütenden Gesichter, auf denen sich dünne schwarze Linien abzeichneten. Ihre brodelnden Gefühle ließen sich nicht verbergen. Zu gern hätten sie diese in Mordlust umgewandelt, doch gegen eine Maga besaßen sie keinerlei Aussichten auf Erfolg. Nicht in einem offenen Angriff.