Выбрать главу

Rodario rieb sich erneute den spärlichen Bart, als könnte er ihn zum Wachsen anregen. »Das ist wohl wahr«, meinte er nachdenklich. »Ich werde mich umhören.« Er sah zu Mallenia. »Wir finden heraus, ob es mehr als Blutrünstigkeit gibt, welche die Schwarzaugen antreibt.«

Sie wollte etwas erwidern, da klopfte es, und ein Bediensteter steckte den Kopf zur Tür herein. »Prinzessin, Eure Mutter verlangt nach Euch. Es ist ein Bote eingetroffen. Ein Lohasbrander.« Auf ihren Wink hin zog er sich zurück.

»Ruht Euch aus, Mallenia. Wir sehen bald wieder nach Euch«, verabschiedete Coira sich und gab Rodario ein Zeichen, sie zu begleiten. »Je mehr Ihr schlaft, desto rascher verheilen die Wunden.«

Die beiden verließen das Zimmer und schritten Seite an Seite durch den Palast, der sich auf der Spitze des einzigen Berges der Insel befand.

Rodario hielt es nicht länger aus. »Was denkt Ihr, was der Drache ausrichten lässt?« »Das überlege ich, seit ich von dem Boten gehört habe«, antwortete Coira und fühlte sich ausgesprochen unwohl. Sie machte sich Vorwürfe, derart unbesonnen in Mifurdania gehandelt und ihre Herkunft verraten zu haben. Damit hatte sie nicht nur sich, sondern auch die geliebte Mutter in Gefahr gebracht. Der Drache verzieh nichts. Schon gar nicht den Tod seiner Verbündeten oder die Unterstützung eines Verbrechers. »Ich könnte mich freiwillig stellen, wenn es Lohasbrand fordert«, setzte er an, doch sie winkte ab.

»Niemand stellt sich irgendwem freiwillig. Ich dachte, wir versuchen, die Aufmerksamkeit des Drachen auf die beiden Albae zu lenken, ohne preiszugeben was sie hier wollten. Der tote Nachtmahr wird uns als Beweis dienen. Danach ist unsere kleine Episode in Mifurdania belanglos«, sagte sie fest, glaubte aber selbst nicht an ihre Worte. »Euch geht es gut? Eurem Gesicht auch?«

Rodario betastete die abgeschürfte Wange. »Nichts Schlimmes. Die Eisenwand hat mich geküsst.«

»Mir ist immer noch schleierhaft, wie Ihr es schaffen konntet, über die Brüstung zu stürzen. Und bis zum Ufer zu gelangen. Sagtet Ihr nicht, dass Ihr Nichtschwimmer seid?«

»Unvorsicht und eine schlüpfrige kleine Wasserlache. Mein Leben verdanke ich vermutlich Samusin«, log er. Er hatte sich entschieden, nichts von Loytans Anschlag zu berichten, sondern diese Sache mit dem Grafen unter vier Augen zu regeln. Allerdings war er von nun an vorsichtiger und würde ihm niemals mehr den Rücken zuwenden. »Es durchaus Sinn: Meine Tollpatschigkeit ließ mich ja zur rechten Zeit am Ufer erscheinen. Ihr allein gegen die Albae - was wäre das geworden?«

Coira lachte, weil die Äußerung des Mimen absolut ernsthaft klang. Als glaube er tatsächlich, dass sie ohne ihn in Schwierigkeiten geraten wäre. »Ja, Ihr seid mein Retter, Rodario der Siebte«, sagte sie freundlich und fasste seine Hand. »Wer hätte dieses Kämpferherz in Euch vermutet? Verzeiht, wenn ich es frei heraus sage, doch ich sicherlich nicht. Nicht nach Eurem nächtlichen Abenteuer in Mifurdania.« »Wie darf ich denn das verstehen?«

»Der Schrei, den Ihr von Euch gegeben habt, als ich vor Euch stand, war mädchenhaft und süß.«

»Pah«, sagte er und schauspielerte übertrieben.

Sie musste wieder lachen. »Es freut mich, dass ich Eure wahre Natur sehen durfte.« Die Maga blickte ihm in die braunen Augen, um eine neckende Äußerung hinzuzufügen - und schwieg verwirrt. Der unsichere Ausdruck in Rodarios Miene war für die Dauer eines Blitzschlags verschwunden gewesen und etwas sehr Männlichem, Erobererhaftem gewichen. Es breitete sich schier über den ganzen Mann aus und verlieh ihm eine völlig andere Ausstrahlung; gebannt starrte sie ihn an - doch schon kehrte das jungenhaft Unbeholfene auf sein Gesicht zurück.

Rodario lächelte und drückte ihre Finger. »Die Freude ist ganz meinerseits.« Er ließ sie los, als sie um die Ecke des Ganges traten und in die Sichtweite der Diener kamen. Coira fragte sich noch immer, was eben mit ihm vorgegangen war. Gemeinsam betraten sie den Westtrakt, in dem die Königin von Weyurn residierte, auch wenn es schon lange eher eine Gefangenschaft war.

Die Diener öffneten ihnen die hohen Türen, und sie betraten den Raum mit dem großen, runden Fenster, das aus vielen einzelnen Scheibenstücken zusammengesetzt war und durch Bleigrate gehalten wurde. Dahinter breitete sich der See in seiner verbliebenen Schönheit aus und erstreckte sich bis zum Horizont. Wolken zogen über die spiegelnde Fläche hinweg, einzelne Inseln ragten heraus wie Teller auf Pfählen, andere glichen eher Kegeln.

Wey die Elfte und entmachtete Königin von Weyurn ruhte auf einem bequem gepolsterten Sessel schräg vor dem Fenster; um sie herum saßen oder standen vier bewaffnete und gerüstete Lohasbrander. Sie hatte sich in ein seidenes, weinrotes Kleid gehüllt und eine Haube aus schwarzen Spitzen gewählt.

Was gar nicht zu ihrer Garderobe passte, war der Eisenring, der um ihren Hals lag. An den vier Ösen waren Ketten angebracht, die zu ihren Wächtern führten. Rodario sah die Gleitschienen am Ring, und er kam zu der Erklärung, dass sich der Durchmesser verringern ließ, wenn die Ketten gezogen wurden. Tod durch Ersticken. Rissen alle vier Männer gleichzeitig daran, konnte er sich vorstellen, dass die Vorrichtung die Königin köpfte.

Rodario bewunderte Wey, die sich nicht anmerken ließ, wie sehr sie diese Fesseln demütigten. Er hatte davon gehört, dass die Wachen sie niemals aus den Augen ließen, um zu verhindern, dass sie die magische Quelle betrat. Die Herrscherin war die mächtigste Maga des Geborgenen Landes, erzählte man sich, sogar stärker als Lot-Ionan. Ihr wahres Alter kannte niemand.

Der Drache, erinnerte sich Rodario, hatte sie dennoch besiegt und die Schonung der Tochter sowie des Landes versprochen, wenn sie sich unter Bewachung stellen ließ. Es musste bei dem Kampf sehr knapp für den Geschuppten ausgegangen sein. Rodario fragte sich, warum man die vier Lohasbrander nicht einfach tötete. Wegen der Sorge um die Bewohner des Reiches?

Wey nickte ihnen zu, die Ketten klirrten leise. Coira und der Mime verneigten sich vor ihr und nahmen auf den Stühlen Platz, die ihnen von Dienern hingestellt wurden. Ein fünfter Lohasbrander trat hinter einem Bücherregal hervor, er hatte einen schweren Folianten in der Hand. Rodario schätzte ihn auf um die fünfzig; das braune Haar trug er kurz, und eine Brandnarbe leuchtete unter dem linken Auge. Flankiert wurde er von zwei Orks: groß, gerüstet bis zum Hals und widerlich anzuschauen. Er bemerkte die Neuankömmlinge, musterte sie nacheinander und setzte sich an den Schreibtisch, der eigentlich der Königin gebührte.

»Falscher Platz«, sagte Coira unfreundlich zu dem Mann. »Es sei denn, Ihr wärt unter Eurer Rüstung eine Frau, und Euch stünde die Krone von Weyurn zu.« Der Mann lachte lauthals. »Das Ungestüm der Jugend«, gluckste er und öffnete das Buch, um darin zu blättern. »Ihr seid wie immer sehr direkt mit Euren Worten. Bedenkt man, was Ihr Euch zuschulden habt kommen lassen, könnte man Euer Verhalten als übermütig und töricht ansehen.«

Rodario betrachtete die Hornschuppe, die an einer goldenen Kette um den Hals des Gesandten hing. Sie trug Gravuren, die ihn als unmittelbaren Vertrauten des Drachen auswiesen, und seine Worte waren Befehl und Gesetz zugleich, so als spreche und richte der Geschuppte selbst. Rodario deutete es als kein besonders ermutigendes Zeichen und erhob sich von seinem Platz. »Ich bekenne mich allein schuldig.« »Schuldig?« Der Mann sah ihn verblüfft an. »Bei Tion! Jetzt sehe ich es erst: Noch einer von den Möchtegern-Rodarios«, stöhnte er auf. »Man sollte sie alle erschlagen, damit ich das Gesicht nicht mehr ertragen muss.« Er lehnte sich nach vorn. »Lasst mal sehen: Euer Gesicht ist zu dick, der Bart ist lächerlich, Ihr betont Eure Sätze nicht sehr eindrucksvoll und nuschelt dazu noch, als hättet Ihr die Wangen mit Watte vollgestopft. Ganz im Gegensatz zu dem, welchen wir in Mifurdania hingerichtet haben. Ich bin mir sicher, dass er den Wettbewerb gewonnen hätte.«