Rodario und Coira versteiften sich.
Der Mann grinste sie an. »Ja, und schon ist Euch der Zahn der Großmäuligkeit gezogen!« Er deutete auf die Hornschuppe. »Kehren wir zurück zum eigentlichen Grund meines Hierseins. Ich bin Präses Girin und von Lohasbrand ausgesandt, um Vorfällen auf den Grund zu gehen, die sich in Mifurdania zugetragen haben. Man sagt«, er richtete seine Augen auf Coira, »Ihr wäret darin verwickelt gewesen. Es geschahen Dinge, welche nur eine Maga geschehen lassen kann.« Seine linke Hand deutete auf Wey. »Da Eure Mutter die Insel nicht verlassen hat, wie mir ihre Wachen versicherten, bleibt Ihr. Das bedeutet einen Verstoß gegen die Abmachung!«
Rodario hatte sich nicht wieder gesetzt. »Präses, wen habt Ihr hingerichtet?«, stammelte er.
Girin verdrehte die Augen. »Es gibt so viele von Euch. Wie soll ich mir die ganzen verschiedenen Bezeichnungen merken? Aber ich denke, er nannte sich Unerreichbarer.« Er schmunzelte. »Das Schwert hat ihn dennoch ereilt. So unerreichbar war er für uns wohl doch nicht, wie er dachte. Somit ist der Kopf der Aufständischen im wahrsten Sinne abgeschlagen. Das Geschmiere über Freiheit und Widerstand ist dahin.«
Coira hielt sich eine Hand vor den Mund, Rodario schwankte sogar. »Haltung«, murmelte er und riss sich zusammen.
Girin sah auf Coira. »Kommen wir zurück zu Euch...«
»Ihr verdächtigt die Falsche«, redete der Mime dazwischen und reckte sich. Haltung! »Das war ich.«
»Ihr?« Der Präses prustete los. »Was bezweckt Ihr damit? Dass ich mich zu Tode lache?«
»Wir Schauspieler kennen Kniffe, um die Augen derer zu täuschen, die uns beobachten. Wir schaffen Illusionen aus Pülverchen, lassen Lampen verlöschen oder beschwören Dämonen, wenn man uns ein wenig Zeit und Material an die Hand gibt«, erklärte er. »Ihr werdet die Erzählungen um den begnadeten Magister technicus Furgas noch kennen? Mir war genug Zeit vergönnt, um mich auf die Rettung vorzubereiten. Ein Freund von mir hat sich verkleidet, und gemeinsam sind wir in den Turm eingedrungen, um den Unerreichbaren zu befreien. Die Orks waren dämlich genug, sich täuschen zu lassen.«
Girin richtete sich auf, dann hob er den linken Arm und wackelte mit dem Zeigefinger. »Kommt her, Schauspieler.«
Rodario ging gemessenen Schrittes auf den Schreibtisch zu.
Wey und Coira wechselten besorgte Blicke.
Die Prinzessin fand es rührend, was der Mann für sie zu tun gedachte, und war zwiegespalten. Wenn der Lohasbrander zum Entschluss kam, dass sie gegen die Abmachung mit dem Drachen verstoßen hatte, geriet das Leben ihrer Mutter in Gefahr; gleichzeitig wollte sie nicht zulassen, dass sich der Schauspieler opferte. Sie wunderte sich über die Tapferkeit Rodarios, in demmehr Mann steckte, als sie bei ihrem ersten Treffen angenommen hatte. Der Mime hatte den Schreibtisch erreicht, Girin besah sich ihn. »Also, dann. Zeigt mir, wie Ihr es angestellt habt«, forderte er ihn auf und lehnte sich zurück. »Lasst doch mal einen Eurer gefälschten Zauber sehen.«
»Ich... hatte ja keine Vorbereitungszeit«, wand sich Rodario und schob die Hemdsärmel in die Höhe. »Aber ich erkläre es Euch. Nehmen wir den Feuerball. Hier säßen zum Beispiel Vorrichtungen mit Pflanzensamen. Wenn ich den Auslöser betätigte und den Feuerstein...«
Girin schüttelte den Kopf. »Nein, ich möchte nichts erklärt bekommen. Ich will es sehen.«
»Dazu müsste ich nach Mifurdania, um meine Gerätschaften zu holen.« Rodario hob die Schultern. »Anders geht es nicht. Vielleicht haben wir das Glück und treffen unterwegs die Albae, die in Weyurn heimlich umherreiten und spionieren.« »Sicherlich«, sagte Girin gönnerhaft. »Albae. Man sieht sie fast überall in unserem Land. Erst neulich habe ich einen beim Angeln am See gesehen.« Die Orks lachten grunzend.
»Ihr glaubt mir nicht?« Er drehte sich zu Coira. »Sie musste gestern drei von ihnen angreifen, sonst wären sie tiefer nach Weyurn vorgedrungen. Späher vermutlich. Am Strand werdet Ihr den Kadaver des Nachtmahrs finden. Sie sind sicher noch in der Nähe. Das dürft Ihr dem Drachen auch sehr gern berichten. Es halten sich immer weniger an Abmachungen, was?!«
Man sah dem Präses an, dass er ins Grübeln geraten war, und er sandte einen der Orks an Land.
Coira musste ein Grinsen unterdrücken. Rodario hatte geschickt von sich abgelenkt. Es war klar, dass Girin es sich nicht erlauben durfte, ausgerechnet in dieser Sache eine Nachlässigkeit zu begehen.
»Aber«, sagte der Lohasbrander und schaute wieder zu Rodario, »was auch immer an dem, was Ihr über den Alb berichtet habt, wahr sein mag, es entbindet Euch nicht von der Schuld.« Er gab dem anderen Ork einen Hinweis, und die Kreatur kam auf den Schauspieler zu. »Ich werde Euch mitnehmen nach Mifurdania und Euch den Wachen gegenüberstellen, die Euren Angriff überlebten. Wenn sie der Meinung sind, dass sie Coira mit Euch in Weiberkleidung verwechselt haben, ist der Makel von der weyurnischen Herrscherfamilie entfernt, und niemand kommt zu Schaden.« Girin nickte der Königin zu. »Für Euch, Rodario Wie-auch-immer, endet die Reise dort so oder so. Am Umlauf unserer Ankunft könnte der Wettbewerb zu Ende gehen. Ihr hättet das Glück, wenigstens noch den Sieger kennenzulernen, ehe der Scharfrichter Euren Kopf auf den Richtblock drückt.«
Dem bleichen Mimen wurden die Hände mit Ketten auf den Rücken gefesselt, welche der Ork von seinem Gürtel nahm. Doch er stand noch immer aufrecht und hatte das Kinn leicht erhoben.
Coira blickte erneut zu ihrer Mutter und versuchte an ihren Augen abzulesen, was die Herrscherin dachte.
»Ich sprach die Wahrheit, Präses«, sagte Rodario. »Aber wenn sich die Orks nicht einig sind? Wie sehr kann man sich auf ihren Verstand verlassen?«
»Sollte sich herausstellen, dass sie der festen Meinung sind, dass es doch Coira war, die am Überfall auf das Gefängnis beteiligt war, wird Wey die Konsequenzen tragen müssen.« Girin klang gleichgültig. »So lautete die Abmachung, die Ihr unterzeichnet habt«, sagte er zur Königin. »Der Drache hat darauf bestanden, dass sich daran gehalten wird, und möchte nicht der Einzige sein, der dies tut. Bedankt Euch bei Eurem eigenen Fleisch und Blut.«
»Das muss sie nicht. Coira hat damit nichts zu tun. Nach wie vor«, beteuerte Rodario, wurde vom Ork zur Seite gezerrt und neben den Schreibtisch gedrängt. »Mutter, was denkst du?«, fragte Coira und legte die Hände an ihren Gürtel, den sie locker auf den Hüften trug. »Die Albae würden doch auch vor einem Präses nicht haltmachen, wenn sie auf ihn träfen und er sich ihnen heldenhaft in den Weg stellen würde?«
»Kaum«, antwortete die Königin. »Und wir müssten den Drachen unverzüglich um Beistand gegen die Eindringlinge bitten, die unsere Insel bedrohen.«
»Was soll dieses Gerede?«, bellte Girin und sah zwischen Mutter und Tochter hin und her. »Hier sind keine Albae, und schon gar nicht würden sie es wagen, einen Abgesandten des mächtigen Lohasbrand anzugreifen. Sie wüssten um die Folgen.« Wey erhob sich langsam von ihrem Sessel, die Hände wie Coira vor dem Bauch zusammengefaltet. »Ich warte schon so lange auf die Gelegenheit, mich von den Fesseln zu befreien, Präses«, verkündete sie mit getragener Stimme und Stolz in den Augen. »Die Götter hatten ein Einsehen und sandten sie mir. An diesem denkwürdigen Umlauf. Dank Euch und den Albae.«
Girin ahnte, was kommen würde, und sprang von seinem Stuhl auf. »Rasch! Tötet sie beide!«
Der Ork zog sein wuchtiges Schwert und wollte sich auf Coira stürzen, und die vier Wärter der Königin zerrten an den Ketten; schleifend verengte sich der Ring. Rodario stellte dem Ork ein Bein, was nicht ausreichte, um das Scheusal zu Fall zu bringen, doch es strauchelte und verschenkte zwei Lidschläge, um sein Gleichgewicht zurückzuerlangen.
Rote Blitze trafen Gesicht und Brust, der Ork schrie seine Qualen schrill hinaus und fiel brennend auf den Marmorboden; sogar das dunkle Blut, das aus seinen Wunden lief, stand in Flammen. Rodario konnte seinen Blick nicht abwenden.