Tungdil überhörte den Einwurf. Absichtlich? »Er lieferte allen Seiten die Waffen, welche sie verlangten, aber niemals so gute Rüstungen, wie er sie für sich selbst schmiedete. Ich erlangte nach dreißig Zyklen sein volles Vertrauen und wurde von ihm als Unterhändler zu den Ausgeburten des Bösen gesandt. Bald machten sie auch mir Angebote.« Er schluckte und senkte den Kopf. »Ich widerstand nicht. Mein Verstand sagte mir, dass es gut war, so viele Bestien wie möglich in den Tod zu schicken, und das konnte ich am besten, wenn ich sie gegeneinander aufhetzte. Außerdem musste ich zur Schwarzen Schlucht gelangen - und wie hätte ich das besser gekonnt als an der Spitze eines Heeres?«
»Das war doch eine weise Entscheidung, Gelehrter.«
»Die mir aber die Feindschaft meines Meisters einbrachte. Ich hatte ihn immer glauben lassen, dass ich mich ebenso verhielt wie er: niemals Partei ergreifen und von allen Geld verlangen.« Tungdil wollte einen weiteren Schluck nehmen und bemerkte, dass sein Becher leer war. »Ein Söldner. Einhundert Zyklen war ich nichts anderes als ein Söldner und diente den Herrschern, die mir die besten Löhne anboten. Ich besaß mein eigenes Reich, Ingrimmsch.« Er lächelte versonnen, aber grausam. »Mir gehorchten Tausende, meine beiden Festungen waren uneinnehmbar. Doch damit weckte ich das Misstrauen der Fürsten in dieser Unterwelt. Diejenigen, denen ich diente, schlossen sich zusammen, um mich niederzuwerfen.« »Du musstest flüchten?« Tungdil lachte, und der Klang jagte Boindil ein Schaudern über den Rücken. Er vernahm abgrundtiefe Bosheit in der Stimme des Freundes. »Nein. Ich habe sie besiegt und mir ihre Reiche einverleibt. Meine Krieger waren die Besten, weil ich sie nach der Art der Zwerge ausgebildet hatte. Sie schnitten sich durch die Reihen meiner Feinde, als gäbe es nichts Einfacheres. Meine Macht währte geschätzte dreißig Zyklen, und ich war unangefochtener Gebieter auf der anderen Seite.«
»Und damit hast du deinen alten Meister gegen dich aufgebracht«, vermutete Ingrimmsch, dem die Kälte nicht mehr aus dem Leib fahren wollte. Die Schatten machten Tungdils Gesicht härter, zeichneten die Falten und seine Narbe düster nach. »Weil es nichts mehr zu verdienen gab. Ich zerstörte seine Geschäfte.« Er atmete tief ein und aus. »Lass mir für heute meine Ruhe, alter Freund. Ich bin müde, und die Erinnerungen an all die Umläufe, die ich im Geborgenen Land vergessen wollte, schmerzen mich. Schmerzen mein Herz und meinen Verstand.« Tungdil erhob sich und schritt zu den Betten. »Übernimmst du die erste Wache?«
»Sicher, Gelehrter.« Boindil verbarg seine Enttäuschung, so gut es ging. Tausend Fragen schössen ihm durch den Kopf. Doch er hatte Mitleid mit dem Kampfgefährten, den er dabei beobachtete, wie er sich steif und ächzend hinlegte, als wäre er ein Zwerg von achthundert Zyklen.
Ingrimmsch stand auf, legte Holzscheite in den Kamin und in die Feuerungsöffnung des Herds, damit sie nicht erfroren. Durch das Loch im Dach entwich viel von der lebensnotwendigen Wärme. Als er sich umdrehte, hatte Tungdil bereits sein Auge geschlossen und schlief.
Der Zwerg rieb sich über den Bart. Unschlüssig stand er im Raum, und die Zeit verstrich viel zu langsam. Irgendwann begab er sich leise neben das Lager des Freundes und beugte sich über ihn. Eingehend betrachtete er das vertraute Antlitz. Seine Rechte streckte sich langsam aus, die Finger näherten sich der goldenen Augenklappe.
Als die Kuppen höchstens barthaardick weit entfernt waren, zögerte Ingrimmsch. Es ist nicht rechtens, sagte er zu sich. Er ballte eine Faust und zog den Arm behutsam zurück, drehte sich um und kehrte an den Tisch zurück.
Das wirst du eines Umlaufs bereuen! Das war eine Gelegenheit, wie sie so schnell nicht mehr kommen wird, heulten seine Zweifel, aber Boindil achtete nicht weiter auf sie. Er starrte durch die Lücke hinaus zu den Gestirnen und betete zu Vraccas. Dem wahren Vraccas. Und der lebte nicht jenseits der Schwarzen Schlucht zwischen Scheusalen und Ungeheuern.
IX
Das Geborgene Land, Nordosten des Braunen Gebirges, Im Reich der Vierten, 6491. Sonnenzyklus, Winter.
Ingrimmsch und Tungdil ritten auf die vorgelagerte Silberfeste zu, die das Geborgene Land gegen Bedrohungen aus dem Nordosten verteidigen sollte.
Sie war vor zweihundertelf Zyklen vom Stamm der Vierten mit schwarzen Basaltsteinen verstärkt worden, da sie als erste Barriere dienen musste, falls die Bestien aus der Schwarzen Schlucht jemals bis hierher gelangten.
Ihre weit aufragenden, verschneiten Mauerkronen und Türme versperrten die Sicht auf die noch imposantere Goldfeste dahinter, die eine zweite Barrikade gegen Eindringlinge jeglicher Art ins Braune Gebirge bildete.
Ingrimmsch sah den Quadern an, dass sie von Zwergenhänden behauen worden waren, doch die Meisterlichkeit, wie sie sein Stamm von Vraccas verliehen bekommen hatte, fehlte den Vierten, deren wahre Begabung im Bearbeiten von Edelmetallen lag. Die Ponys und der Befün schwenkten auf die weiße, glitzernde Ebene ein, die damals zuerst von Orks und danach von den Acronta überrannt worden war. Ingrimmsch kannte die weitschweifigen Erzählungen, war jedoch selbst nicht bei der Schlacht dabei gewesen. »Ich kann mir gut vorstellen, was sich zugetragen hat. Das muss eine Schlacht gewesen sein: genau meine Kragenweite!«, sagte er, und sein Atem wurde als weiße Wolke sichtbar. »Wie sich Schweineschnauzen, Oger und Trolle gegen die Mauern warfen und sie erklommen.« Er zeigte nach rechts. »Da, der Vorgänger des Turms ist unter dem Beschuss ihrer Katapulte eingebrochen und hat Hunderte von Bestien erschlagen.« Er seufzte. »Und dann schafften sie es näher und immer näher heran, drängten sich die Leitern hinauf, wollten auf die Wehrgänge der Gemmenschneider gelangen, als«, er machte eine Pause und sah Tungdil an, »als sie auftauchten!« Tungdil hörte zwar zu, verriet jedoch durch nichts, dass er wusste, wie es weiterging. »Die Scheusale hätten die Vierten beinahe überrannt, aber die Acronta rollten über die Ebene und machten sich einen Spaß daraus, die Schweineschnauzen zu jagen, wie es Hunde mit Katzen tun.« Er lachte und schlug sich auf den Schenkel. »Wie gern hätte ich das gesehen und wäre dabei gewesen!«
»Haben die Acronta die Orks danach nicht gefressen?«
»0 doch, das haben sie. Erinnerst du dich noch an Djerün, den Leibwächter von Andökai der Stürmischen?« Boindil betrachtete die Mauern, die seit dem Angriff vor gut zweihundertfünfzig Zyklen um das Doppelte verstärkt worden waren, auch wenn die viel gefährlicheren Gegner auf der Südseite des Zwergenreichs saßen. Das hatte man zu diesen Zeiten aber nicht ahnen können.
Zwei Flaggen wehten auf den höchsten Türmen: eine für das Königreich der Vierten, eine für die Gemeinschaft der Kinder des Schmieds. Ein schöner Schein, denn eine wahre Gemeinschaft im Sinne der vergangenen Zyklen unter einem Großkönig gab es längst nicht mehr.
Tungdil fuhr dem Befün über den Nacken. »Nein«, antwortete er ehrlich. »Es gibt große Teile meines Lebens, von denen ich kaum oder gar nichts mehr weiß.« Er berührte die Narbe an seinem Kopf und sah Ingrimmsch an. »Was ist mit diesem Djerün?« Er winkte ab. »Nicht so wichtig, Gelehrter. Ich wollte nur über die Acronta sprechen und... gleichgültig.« Ingrimmsch nahm sein Rufhorn zur Hand, setzte es an die Lippen und ließ es laut erschallen. Es dauerte nicht lange, und das Signal wurde erwidert, woraufhin er eine zweite Tonfolge spielte.
Das Tor der Silberfeste wurde für sie langsam, aber beständig geöffnet. Tungdil und Ingrimmsch ritten schweigend auf den Eingang zu, vor dem sich ein Trupp Zwerge aufbaute und lange Spieße in den Händen hielt.
Der Einäugige bemerkte, dass die Zinnen mit Armbrustschützen besetzt wurden, die ihre Waffen bereithielten. »So ganz willkommen scheinen wir nicht zu sein«, merkte er an.
»Sie haben nichts gegen dich oder mich. Es ist Vorschrift«, erklärte Boindil. »Frandibar Juwelengreif aus dem Clan der Gold Schläger hat es auf meinen Rat hin übernommen. Niemand gelangt auf die andere Seite, ohne vorher gründlich überprüft worden zu sein. Auch ich nicht.« Insgeheim machte er sich große Sorgen, wie die Gesandten der Zwergenstämme und Clans auf den veränderten Helden ihres Volkes reagieren würden. Sie ritten auf die Wachen zu. »Unsicher, Ingrimmsch?« Tungdil trug keinen Vorwurf oder Bitterkeit in der Stimme. Er lächelte traurig. »Es wird noch anderen so ergehen, die lieber an einen Doppelgänger und Blendwerk glauben werden, wenn sie mich erblicken. Vor allem, wenn sie meine neuen Vorschläge hören, wie wir Lot-Ionan in die Knie zwingen. Darum wird es gehen: ihn zu besiegen und nicht zu töten. Das, Ingrimmsch, ist das Schwierigste bei einem entschlossenen und verzweifelten Gegner.«