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»Verzweifelt? Lot-Ionan ist ein Magus, warum sollte er verzweifelt sein?« »Je länger wir gegen ihn kämpfen, desto mehr Verzweiflung wird ihn befallen. Vertraue mir.« Wieder zeigte sich jene beängstigende Heiterkeit auf seinen Zügen, die jedem Dämon gut zu Gesicht gestanden hätte. In diesem Augenblick hätte Ingrimmsch ihm nicht den Rücken zugekehrt; dennoch lächelte er zurück.

Sie hatten die Wärter des Tores erreicht, grimmig dreinblickende, schwer bewaffnete Zwerge mit dicken Mänteln über den Rüstungen. Sie hielten die Spieße so, dass sie jederzeit zum Einsatz kommen konnten.

»Wie sind eure Namen, und was wollt ihr?«, wurden sie vom Hauptmann gefragt, und Tungdil überließ es Ingrimmsch zu erklären, was ihr Anliegen war.

Boindil bemerkte, dass sich die Aufmerksamkeit der Wachen vor allem auf den Gelehrten richtete. In seiner auffälligen Rüstung und dazu noch auf einem nicht eben gängigen Reittier erregte er das meiste Misstrauen; das änderte sich, als sie vernahmen, um wen es sich bei dem finster wirkenden Zwerg handelte.

»Bei Vraccas!«, rief der Hauptmann und verbeugte sich tief vor den beiden. »Kann es denn wahr sein, dass die größten Zwergenhelden erschienen sind, um das Geborgene Land zu befreien? Eure Ankunft wurde nicht so rasch vermutet. Die Gesandten sind noch nicht alle eingetroffen.«

»Dann beginnen wir unsere Planungen ohne sie«, sagte Tungdil schroff. »Können wir passieren?« »Sicher, Tungdil Goldhand«, sagte der Hauptmann sofort und gab einen Wink, woraufhin sich eine Gasse für die Reisenden bildete.

»Woher willst du wissen, dass ich der echte Tungdil Goldhand bin?«, fragte dieser lauernd vom Befün herab. »Wirke ich auf dich wie ein Kind des Schmieds? In dieser Rüstung? Und was haben wohl meine Runen auf dem Tionium zu bedeuten? Was wäre, wenn sie dem Betrachter den Tod versprächen?«

»Nun... du reitest... neben Boindil Zweiklinge. Die Melodie seines Rufhorns wies ihn aus. Ich dachte...« Der Zwerg stockte und sah zu Ingrimmsch. Er hatte nicht damit gerechnet, für seine Freude und sein Zuvorkommen unfreundlich behandelt zu werden.

»Danke. Wir finden den Weg hinein«, sagte Boindil deutlich liebenswürdiger und trieb sein Pony an. »Gib uns einen Soldaten mit, der uns auf dem schnellsten Weg durch das Braune Gebirge zu König Frandibar Juwelengreif führt. Wir haben keinen Umlauf zu verlieren, und die Zeitnot macht selbst Helden wie Tungdil Goldhand zu schaffen. Verzeih ihm seine harsche Art.«

Der Hauptmann salutierte und rief einen Namen; sobald Ingrimmsch und Tungdil den Torbogen hinter sich gelassen hatten, unter dem ein Kordrion hindurchgepasst hätte, ritt ein Zwerg vor ihnen her, der ihnen als kundiger Begleiter diente. Er hielt Abstand zu ihnen. Die Worte des finsteren Helden waren deutlich vernommen worden. »Was sollte das, Gelehrter?«, flüsterte Boindil leise und verärgert. »Ist es dir nicht genug, dass die Zweifel von selbst kommen? Bereitet es dir Spaß, sie zu säen?« »Ich dachte, es folgt eine Überprüfung«, erwiderte er. »Dabei sind wir hindurchspaziert, ohne absteigen zu müssen. Er hätte wenigstens unsere Taschen durchsuchen müssen.« Er fuhr sich mit der Rechten über den Brustharnisch, strich eine der Runen nach. »Und damit, Boindil, hätte er mich nicht durchlassen dürfen. Hast du gesehen, wie sie mich angestarrt haben? Als sei ich ein Scheusal.«

»Im Augenblick klingst du auch wie eines, Gelehrter«, gab Ingrimmsch beleidigt zurück. »Man kann es dir nicht recht machen. Was für einen Rat hättest du denn an ihn?«

»Sag dem Hauptmann, dass er keinen einzigen Zwerg mehr nach uns hineinlassen darf«, kam es sofort aus seinem Mund. »Ganz egal, wer er ist oder vorgibt zu sein. Wir haben einen Dritten im Jenseitigen Land gesehen, und ich glaube nicht, dass es der Einzige war. Sie werden versuchen, das Reich der Gemmenschneider vom Norden aus zu brechen.«

»Ein Spion«, mutmaßte Ingrimmsch. »Natürlich! Sie umgehen das Braune Gebirge und erkunden die Lage, die Schwachstellen der Verteidigung, bis sie zum Schlag ausholen.« Tungdil deutete Beifall an. »Jetzt hast du mich verstanden, und ich hoffe, du kannst mein Verhalten nachvollziehen.«

Ingrimmsch konnte es nicht, auch wenn ihm die Erklärung einleuchtend erschien. Der Gelehrte hätte es dem Hauptmann in ruhigem Ton erklären können wie ihm gerade eben. »Ich werde es unserem Führer sagen. Er wird es der Besatzung in der Silberfeste ausrichten. Danach werden sie vorsichtiger sein als bei uns.«

Das Hauptportal der Goldfeste stand für die Helden weit offen, und auch hier wiederholte sich der herzliche Empfang der beiden berühmten Zwerge mit frenetischem Jubel, Hörner-, Trompeten- und Trommelklang. Jeder einzelne Wächter hatte sich von seinem Posten entfernt, um sie zu begrüßen. Und das waren einige. Ingrimmsch beobachtete Tungdil heimlich, während er selbst winkte und grinste. Der Gelehrte sah mit unbewegter Miene nach rechts und links. Eine Hand hatte er auf den Oberschenkel gestützt, die andere hielt die Zügel des Befüns. Einem grimmigen Feldherrn gleich hielt er Einzug, keine erhobene Hand, kein Gruß, kein Lächeln. Nur das Funkeln im Auge, das Bewusstsein der eigenen Macht und der Stolz verrieten, was in ihm vorging.

Sie hielten sich nicht weiter auf, und Tungdil trieb ihren Begleiter ohne Unterlass zur Eile an.

Ingrimmsch dachte noch immer über den Dritten nach, auf den sie an der Hütte getroffen waren. »Das würde bedeuten«, sagte er unvermittelt, als sie durch eine große Höhle ritten, deren Seitenwände mit einem Wasserfilm überzogen waren, »dass sich die Rockträger mehr als nur mit den Schwarzaugen geeinigt hätten.«

Tungdil hatte das Auge geschlossen, er lauschte den fallenden Tropfen in den Nischen der Höhle.

»Die Rüstung trug Albae-Runen, richtig?«, bohrte Boindil weiter und trieb sein Pony an, um auf gleiche Höhe mit ihm zu gelangen. »Ich fand das gesamte Gehabe des Gegners sehr merkwürdig. Das Pulver, das er mir ins Gesicht geblasen hat und mich eine Zeit lang nichts sehen ließ... woher hatte er das? Die Drittenverlassen sich üblicherweise auf ihre starke Kampfkunst, nicht auf solche Koboldkniffe. Und dann die ungewohnte Art, sich zu bewegen. Das passt nicht zu einem Zwerg. Es hat mich beinahe«, er drehte den Kopf zu Tungdil, »an Narmora erinnert. Was meinst du?«

Tungdil öffnete sein Auge und seufzte. »Wer ist Narmora?«

»Wer war Narmora, hättest du fragen müssen«, brummte Ingrimmsch und stieß die Luft aus. »Bei Vraccas! Wie soll ich dich an meinen Schlüssen teilhaben lassen, wenn du die Hälfte von dem, was wir gemeinsam erlebt haben, vergessen hast?« »Mir wäre es auch lieber, ich erinnerte mich.« Tungdil blickte seinen Freund an. »Sie war eine Albin?«

»Halbalbin. Die Gefährtin des wahnsinnigen Magister technicus...« Er zögerte und wartete gespannt.

»Furgas«, sagte Tungdil beinahe ohne Verzögerung. »An ihn entsinne ich mich sehr gut. Ein wahrer Meister, mehr als ein Genie und doch verblendet und dem Wahn anheimgefallen. Narmora besaß demnach das Erbe ihrer... war es die Mutter oder der Vater, die zum Volk der Albae gehörten?«