»Die Mutter.«
»Wenn ich es zusammenfüge, so bist du der Überzeugung, dass die Schwarzaugen die Dritten in einigen ihrer Künste unterrichtet haben«, fasste der Gelehrte nachdenklich zusammen. »Wie soll das angehen? Unser Volk hat keinerlei magisches Talent...« »Und was ist mit Goda? Und meinen Kindern?«, hakte Ingrimmsch nach und musste seinen Stolz zügeln. Seine Gefährtin war eine Maga. Die einzige Maga unter den Zwergen. »Sie gehörte einst zu den Dritten. Was liegt also näher als anzunehmen, dass sie nicht die Einzige ist?«
»Demnach könnte das Geschenk von Vraccas an die Dritten die Magie sein«, führte Tungdil die Gedankenspiele fort. »Ein Geschenk, das er nicht eigens erwähnte, sondern es an sie vergab, damit sie es eines Umlaufs von selbst herausfinden.«
Ingrimmsch rieb sich den Bart und ordnete die geflochtenen Strähnen neu an. »Warum sollte er das tun? Ich halte es eher für eine Fügung.« Noch während er sprach, wurde er gewahr, dass sein Freund sich viele Zyklen im Stollen eines mächtigen Magus aufgehalten hatte. »Sag an, Gelehrter: Hast du dich jemals an magischen Sprüchen versucht?«
»Nein.« Die Antwort erfolgte so rasch, dass Ingrimmschs Zweiflerchor aufstöhnte. Boindil schloss die Augen und verlangte von den Stimmen, dass sie aufhörten, die Echtheit seines Freundes anzugreifen, doch so sehr er die Lider aufeinanderpresste, die Zweifel wurden lediglich leiser; vergebens wartete er darauf, dass sie verstummten. Was kann mich restlos davon überzeugen, Vraccas?
Nach langem Ritt durch das Braune Gebirge und unter einem sieben Schritt hohen Rundbogen aus reinem Silber mit eingelassenen Onyxsteinen hindurch kamen sie in ein Gebiet des Zwergenreichs, das offiziellen Zwecken diente.
An den Gangwänden befanden sich überlebensgroße Bildnisse, die nicht mit Farben, sondern aus den verschiedensten Edelsteinen gefertigt worden waren. Die Motive zeigten Ereignisse aus der Geschichte der Vierten und der Zwergenstämme; kurz bevor sie auf Anweisung ihres Führers von den Reittieren absteigen mussten, sahen sie ein Gemälde, auf dem die Schwarze Schlucht zu sehen war; vor dem Eingang hatte der Künstler einen Zwerg in heldenhafter Pose erstehen lassen, und das Schwert in seinen Händen war Blutdürster.
Tungdil stieg vom Befün ab und betrachtete es. Langsam hob er die Rechte und berührte sein Abbild. »Bei den Unheiligen«, raunte er und schluckte schwer. »So lange. Es ist so lange her, dass ich hineinging.«
Ingrimmsch stellte sich neben ihn und betrachtete sein Gesicht. »So habe ich mir das von den Gemmenschneidern gedacht: Sie hätten mich ruhig auch einbauen können«, beschwerte er sich scherzhaft, ohne die Augen von den Zügen des Freundes zu wenden.
»Das hätten sie«, entgegnete Tungdil abwesend; der Panzerhandschuh ruhte nach wie vor auf dem Edelsteinabbild. »Ich verspreche dir, dass du auf dem Nächsten zu sehen sein wirst.«
»Seite an Seite mit dir, Gelehrter.«
Er starrte auf die Schwarze Schlucht. »Nein. Mich wird man darauf nicht finden, Ingrimmsch. Meine Rolle habe ich bereits gespielt, nun sind andere Helden an der Reihe.« Abrupt drehte er sich zu ihm um. »Helden wie du und deine Nachkommen. Heldinnen wie Goda.« Eine Träne rann über seine Wange und glitt in den Bart, als wollte sie sich darin verstecken. »Ich werde lediglich derjenige sein, der sie zusammengeführt hat, aber kämpfen und ruhmreiche Taten vollbringen werdet ihr ohne mich.« Er atmetetief ein, und sein Gesicht erhielt den kalten, hartherzigen Ausdruck zurück. »Gehen wir.«
Ingrimmsch war noch zu überrascht, um etwas darauf erwidern zu können. Er folgte Tungdil, der auf eine große Tür zusteuerte, vor der ihr zwergischer Führer stand und die mit Goldblech beschlagen war; diamantene Runen blitzten daran auf. Sie verhießen denen, welche hindurchtraten, Ruhe und Sicherheit.
Vier Zwergenwachen standen davor. Man sah an ihrem vergleichsweise schmaleren Körperwuchs, dass es Vierte waren; sie grüßten die Ankömmlinge mit knappem Salutieren.
Nacheinander schritten Tungdil und Ingrimmsch in den Raum, wo eine sechseckige Tafel aus einem blaugrauen Ogeraugenstein aufgebaut worden war. Jeder Stamm hatte einen Platz erhalten, und auch an die Freien war gedacht worden. Die unversöhnliche Feindschaft der Dritten hatte jedoch dazu geführt, dass jemand die Stelle des Tisches, die eigentlich für sie vorgesehen war, zerschmettert hatte. So klaffte eine Lücke zwischen den Zweiten und den Vierten.
Das war nicht das Einzige, was sofort ins Auge sprang: Es saßen nur die jeweiligen Vertreter der Vierten und der Fünften auf den ihnen zugedachten Stühlen und warteten; vor ihnen auf dem Tisch standen Essen und Getränke. In einigem Abstand hockten die Vertreter der Clans des jeweiligen Stammes auf Steinbänken. Ingrimmsch sah sofort, wie gering ihre Anzahl war. Sein Mut drohte zu sinken. Bei ihrem Eintreten erhoben sich die Wartenden und neigten die Köpfe. »Willkommen«, sagte ein Zwerg, der einen silbernen Harnisch mit polierten Goldintarsien trug und aus seinem Reichtum keinen Hehl machte. Das wäre bei den blitzenden Edelsteinen darauf auch schwerlich möglich gewesen. Er trug lange blonde Haare, die Koteletten reichten bis auf die Brust, während sich vom Kinn herab eine Bartsträhne bis zum Gürtel wand; das übrige Gesichtshaar trug er fingerlang und penibel gestutzt. »Ich bin Frandibar Juwelengreif aus dem Clan der Goldschläger und König der Vierten. Ich heiße euch beide willkommen, Tungdil Goldhand und Boindil Zweiklinge, und freue mich, die Helden unseres Volkes als Erster im Geborgenen Land begrüßen zu dürfen. Es ist mir wahrlich eine sehr große Ehre!« Er kam auf sie zu und hielt Tungdil zuerst die Rechte hin. Der Einäugige musterte den König, als habe er es mit einem aussätzigen Bittsteller zu tun und müsste sich erst überwinden, die Hand auszustrecken. Er tat es langsam und widerwillig. Ingrimmsch seufzte leise und schlug danach wesentlich rascher und auch kräftiger ein.
Danach hielt ein zweiter Zwerg vom Tisch auf sie zu. Er hatte das gewellte dunkelbraune Haar zu einem Zopf geflochten und den Bart kurz geschnitten. Im Gegensatz zum Herrscher der Vierten hatte er eine Kampfrüstung angelegt, eine Mischung aus Kettenhemd und Lamellenrüstung; an seinem Wehrgehänge baumelte rechts ein Morgenstern mit zwei dornenübersäten Eisenkugeln, links stak ein kurzstieliges Wurfbeil.
Seine Statur verriet Muskeln. Viele Muskeln. Die Fünften bestanden aus einer Mischung verschiedener Zwergenstämme, die das Erbe im Grauen Gebirge angetreten hatten. Von den einstigen Fünften, den Verteidigern des Steinernen Torwegs, war schon lange keiner mehr am Leben, und so wagte Ingrimmsch die Vermutung, es mit einem Zwerg zu tun zu haben, dessen Vorfahren von den Ersten oder Zweiten abstammten.
»Ich bin Balyndar Eisenfinger aus dem Clan der Eisenfinger, Sohn von Balyndis Eisenfinger der Ersten, Königin des Stammes der Fünften«, stellte er sich vor. »Meine Mutter lässt sich entschuldigen, doch sie wird am Steinernen Torweg benötigt. Wir haben nicht nur mit Tions Scheusalen zu kämpfen, sondern auch mit einer tückischen Krankheit, der viele zum Opfer gefallen sind. Man kennt das Fieber aus den alten Umläufen, als der Steinerne Torweg zum ersten Mal gefallen ist. Ihre Gesundheit ist dadurch angegriffen, und den weiten, durchaus gefährlichen Weg ins Braune Gebirge wollte ich ihr nicht zumuten.« Er verneigte sich wieder. »Ich bin von ihr gesandt worden, um anzuhören, was der Held des Geborgenen Landes zu sagen hat. Auch wenn ich vorwegschicke, dass meine Mutter argwöhnisch ist: Lot-Ionan ist ihrer Ansicht nach nicht zu besiegen.«
Ingrimmsch sah zu seinem Freund, weil ihm die Ähnlichkeit der beiden Zwerge in die Augen gesprungen war. Die Kinnpartie, Mund und Nase waren nahezu gleich, die Stimmen entsprachen sich beinahe bis in die kleinste Tonlage. Bei Vraccas! Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man sie für Vater und Sohn halten. Ein kurzer Blick zu Juwelengreif sagte ihm, dass der König ähnliche Gedanken hegte. Tungdil sah den Königinnensohn an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. »Das tut mir leid«, meinte er schließlich und klang, als hätte er etwas ganz anderes sagen wollen. »Wir hielten den Fluch, der auf dem Nordreich lastete, für alle Zeit gebrochen.« »Tions Macht ist erstarkt. Wen wundert es, wenn man bedenkt, was im Geborgenen Land vor sich geht?«, erwiderte Balyndar. »Ich danke dir für deine Anteilnahme.« Er nickte ihm zu.