Ingrimmschs Augen zuckten hin und her, er verglich die Zwerge so unauffällig wie möglich und wurde in seinem ersten Verdacht bestärkt.
Balyndis war Tungdils Gefährtin gewesen, doch er hatte sich von ihr abgewandt und sich eine Untergründige erwählt: Sirka. Balnydis war zu den Fünften gegangen und vom König aufgenommen worden; bald danach hatte sie auf dem Thron gesessen und ihm einen Sohn geboren.
Welch ungeheurer Verdacht Der Krieger kniff die Augen zusammen. Vom Alter her könnte es passen.
»Ihr werdet euch sicherlich stärken...«, setzte Frandibar an.
Aber Tungdil schüttelte den Kopf. »Wir besprechen zuerst, was wichtig ist«, unterbrach er den Herrscher und sah zu den Gesandten der Clans. »Wundert euch über meine Worte, doch verlacht sie nicht oder unterbrecht mich nicht. Was ich euch sage, ist der einzige Weg, um das Geborgene Land von den zahlreichen Heimsuchungen zu befreien, an denen es leidet. An denen unser Volk leidet.« Er umrundete den Tisch und blieb an der zerstörten Stelle stehen. »Ich bin ein Dritter und werde hier sitzen«, verkündete er. Er stand aufrecht, ohne Angst oder Ehrfurcht in den Augen. Jeder sah ihm an, dass er es gewohnt war, zu kommandieren und unverzüglichen Gehorsam zu erhalten.
Boindil nahm mit Staunen zur Kenntnis, dass sich kein Widerstand in den Reihen der Clans regte. Tungdil war eine viel zu beeindruckende Erscheinung. Oder verbreitet er mit seinem Auftreten Angst, welche sie gefügig macht?
Juwelengreif ließ einen Sessel bringen, und Tungdil nahm Platz, als sei er ihr König. Als sei er immer noch Gebieter über ein Reich und Befehlshaber eines Heeres. »Was ist mit dem Amt des Großkönigs?«, fragte er.
»Nach Ginsgar Ungewalts Tod und den Vorgängen im Geborgenen Land war keine Zeit mehr, einen Großkönig aller Stämme zuwählen«, antwortete Balyndar. »Wir waren alle zu sehr damit beschäftigt, uns gegen die Angreifer zu wehren. Und das tun wir bis zum heutigen Umlauf, Tungdil.« »Die Zweiten sind ausgerottet, die Dritten zählen nicht. Was ist mit den Ersten? Haben sie sich aus Furcht vor dem Drachen so tief in die Stollen verkrochen, dass sie nicht mehr herausfinden?« Tungdil schaute zuerst Balyndar, dann Frandibar an. »Wie lautete die letzte Meldung, die einer von euch erhalten hat?«
»Es war ein Schreiben, das an meine Mutter gerichtet war«, sagte der Fünfte. »Darin bat ein gewisser Xamtor Trotzstirn um Beistand gegen den Drachen, doch wir mussten ihm antworten, dass wir selbst zu wenige Kämpfer haben, um eine Expedition auszusenden. Sie hätten am Kordrion vorbei quer durchs Drachenland bis ins Rote Gebirge gemusst.« Balyndars Gesicht verfinsterte sich. »Die Lohasbrander, wurde uns gesagt, erschlagen jeden Zwerg, den sie erblicken. Unsere Abteilung wäre niemals lebend im Westen angelangt.«
»Das sahen wir ebenso«, stimmte der König der Vierten zu. »Königin Balyndis hat das Anliegen an uns weitergeleitet, aber wir müssen uns gegen die Dritten und die Albae verteidigen. Jede Axt und jedes Beil werden benötigt.«
Tungdil sah auf den weiteren leeren Platz. »Wo sind die Freien?« Er erntete Schulterzucken. »Nun, ihr werdet dennoch eine Gruppe zusammenstellen müssen, welche das Geborgene Land befreit.« Tungdil schabte mit den gepanzerten Fingern über die Bruchkanten des Tisches. »Eine Gruppe aus den Allerbesten der Fünften und Vierten. Wie damals, als es darum ging, die Feuerklinge zu schmieden.« Er hielt inne. »Ist sie eigentlich jemals wieder aufgetaucht?« Die Zwerge verneinten. Er langte nach dem Bierhumpen und leerte ihn in einem Zug; dann setzte er ihn ab und schien ins Nichts zu starren.
Ingrimmsch spürte die Unruhe, die sich in der Versammlung ausbreitete. Die Clanoberhäupter haben mehr erwartet als das Bisherige.
»Lot-Ionan«, sagte Tungdil unvermittelt, und beinahe alle zuckten zusammen. Seine Stimme klang tiefer und schürte Furcht in den Herzen. »Er ist der letzte Magus und damit für unser Volk unbesiegbar. Auch die übrigen Gegner sind im augenblicklichen Zustand der Stämme nicht niederzuringen, und wenn doch, dann höchstens einer nach dem anderen mit schrecklichen Verlusten, was den verbliebenen Feinden nur Vorteile bringt.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wenn ihr töricht genug seid und als Erste angreift. Doch wenn ihr die Vorarbeiten von jemand anderem tun lasst und dann zuschlagt, wenn die Feinde geschwächt sind, ist ein Sieg möglich.«
»Das bedeutet was?«, hakte Balyndar ein. Er trank Wasser, wie Ingrimmsch bemerkte, und ließ alle sehr fettigen Speisen aus.
»Wir bringen den Kordrion, die Albae, Lot-Ionan und den Drachen dazu, sich gegenseitig anzugreifen«, erklärte er mit einem finsteren Lächeln. »Wer als Sieger hervorgeht, wird von den Kindern des Schmieds vernichtet.«
Balyndar stieß einen merkwürdigen Laut aus, der in ein spöttisches Gelächter überging. »Nichts einfacher als das, nicht wahr? Die vier haben seit Zyklen unsere Heimat unter sich aufgeteilt, da werden sie mir nichts, dir nichts übereinander herfallen, nur weil der große Tungdil Goldhand erscheint und sie darum bittet?« Er erhob sich und sah wütend aus. »Meine Mutter hatte recht: Du wirst nichts ändern. Es ist, als warte man in einer Schlacht auf die Veteranen, und sie senden einen einzigen kraftlosen Greis aus.« Er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da bekam er einen Schlag ins Kreuz, dass er nach vorn auf den Tisch fiel. Ein Schatten hielt ihn im Nacken gepackt und drückte ihn mit dem Gesicht auf die Runen, die für das Reich der Fünften standen. Ingrimmsch blinzelte und erkannte nun erst seinen Freund. Wie hat er sich dermaßen schnell bewegen können?
»Balyndar Eisenfinger! Du magst vieles von deiner Mutter geerbt haben, aber nicht ihren eisernen Willen«, grollte Tungdil. »Sieh dir die Zeichen deines Volkes an!« Er verstärkte den Druck. Balyndar versuchte, sich zu wehren und den Angreifer zu fassen zu bekommen, doch es gelang ihm nicht. »Sieh sie dir an!«, schrie Tungdil. »Der Name Balyndis wird der letzte Herrschername in einer langen Reihe von Königinnen und Königen sein, wenn alle so denken wie du. Und es wird niemanden geben, der die Aufzeichnungen der Zwerge überhaupt zu lesen vermag.« Er ließ ihn los und kehrte an seinen Platz zurück.
Balyndar stemmte sich in die Höhe und starrte den Einäugigen zornig an; auf seiner rechten Wange und der Schläfe zeichneten sich die Runen als Abdrücke ab, die langsam verblassten, weil die Haut sich wieder in die alte Form dehnte. »Du wagst...« »Ich wage, jawohl, ich wage es!«, übertönte ihn Tungdil. »Dirund allen anderen zu sagen, was ihr tun müsst. Denn es ist einfach, denn es erfordert nicht mehr als Geschick, Mut und scharfe Klingen. Aber kein Heer. Nicht zu Beginn.« Er zeigte auf den Norden. »Stehlt dem Kordrion das Gelege und bringt es zu Lot-Ionan. Die Bestie wird sich daraufhin aufmachen und ihren Nachwuchs suchen. Ihr müsst mit einer kleinen Streitmacht bereitstehen, um den Sieger des Kampfes zu unterwerfen. Und das wird ohne Zweifel Lot-Ionan sein. Ihr benötigt den Magus, um das aufzuhalten, was sich in der Schwarzen Schlucht bereit macht.«
Frandibar kreuzte die Arme vor der Brust. »Wenn der Kordrion aber den Langen besiegt? Wir wären deinen Worten nach hilflos.«
»Das wird er nicht. Ein Kordrion besitzt kaum Möglichkeiten, sich gegen Magie zur Wehr zu setzen. Es wird ausreichen, um die Famuli des Magus auszumerzen, aber gegen Lot-Ionan selbst, dazu taugt er nicht.« Tungdils Finger wanderte über das Rote Gebirge. »Danach raubt ihr Lohasbrand die schönsten Schätze seines Hortes und bringt sie zu den Albae. Der Drache wird seine menschlichen Gefolgsleute und die Orks nach Dsön Baisur senden, und weil sie es nicht alleine schaffen, die Schwarzaugen zu überrennen, muss er sich selbst dorthin begeben.« Er sah in die Runde. »Wieder wird das Volk des Schmieds nur abwarten und den geschwächten Gewinner angreifen müssen. Das sollte euch gelingen. Schon ist das Geborgene Land seine Sorgen los.« »Er ist wahnsinnig geworden«, hörte man die Stimme eines Clanoberhauptes sagen. »Was soll das für eine Expedition sein, die solche Unterfangen zu meistern weiß?« »Habt ihr denn keine frischen Helden mehr? War es etwa eine billige Ausrede für euch, nichts zu unternehmen, bis ich zurückgekehrt bin?« Tungdil wirbelte herum. »Ich sehe in diesem Raum einige kräftige Arme und wache Augen. Nehmt Balyndar mit. Er ist dafür geeignet«, rief er und deutete sodann auf Ingrimmsch. »Vergesst meinen guten Freund nicht. Er und sein Krähenschnabel wissen Schädel und Rüstungen aufzubrechen. Sucht euch noch einen guten Armbrustschützen und gebt ihnen eine Handvoll Tapferer dazu. Wenn ihr diese gefunden habt, betet zu eurem Gott und schickt sie auf den Weg.«