Tungdils Blick schärfte sich, und schlagartig war sein Augebraun. »Verzeih, ich habe geschlafen«, sagte er zur Begrüßung und berührte sein Gesicht, als wolle er sich vergewissern, dass alles an Ort und Stelle lag. »Was kann ich für dich tun?«
Boindil zog den Kopf wieder zurück, überwand seine Überraschung und den Schrecken. »Ich wollte nachhören, wie es dir geht. Wie du mit dem Ausgang der Wahl zufrieden bist.« Er setzte sich auf den Stuhl gegenüber.
»Ist das der wahre Grund für dein Kommen?« Tungdil atmete schwer. »Oder wolltest du nachsehen, was ich tue, wenn ich mich unbeobachtet glaube?«
»Kann man dich denn noch überraschen? In dieser Rüstung?«, versuchte Ingrimmsch einen Scherz und lächelte schief.
Tungdil blickte seinen Freund an, und Ingrimmsch freute sich über den altbekannten Ausdruck auf seinem Gesicht. In diesem Moment hatte er keinerlei Zweifel, den wahren Gelehrten vor sich zu haben. »Ich hatte dich noch gar nicht gefragt, was du von meinem Vorschlag hältst.«
»Ist es dafür nicht zu spät? Die Entscheidung ist gefallen.«
»Ja, ich hätte dich früher einweihen müssen«, gab Tungdil zurück. »Aber du warst auch so ein großartiger Fürsprecher.«
Boindil lachte freundlich. »Ich kann dich doch nicht alleine gegen die ganzen Sturköpfe ziehen lassen. Was für ein Freund und Kampfgefährte wäre ich denn da?« Er rieb sich über die Stirn und legte die Finger zusammen. »Sicher ist es gefährlich, sicher werden einige ihr Leben lassen. Da gebe ich mich keinerlei Hirngespinsten hin. Aber wir könnten es schaffen, weil niemand von unseren Feinden mit einer derartigen List rechnet. Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen.« Er brummte. »Na, gut, zumindest die Schwarzaugen.«
»Du hegst keinerlei Unsicherheit?«
Ingrimmsch lauschte in sich hinein. »Es gibt in deinem Vorhaben viele Unwägbarkeiten, die wir nicht beeinflussen können: Wenn die Albae den Drachen schneller erledigen als uns lieb sein kann; wenn der Kordrion sich nicht um sein Gelege kümmert, wie du annimmst; wenn Lot-Ionan nur mit dem Finger schnippen muss und mit seinem Hokuspokus die Bestie in einen Stein verwandelt.« Er kreuzte die Arme vor der breiten Brust. »Aber daran glaube ich nicht.«
»Liegt es daran, dass du verzweifelt genug bist, oder weil ich es bin, der es vorgeschlagen hat?« »Ich bin dafür, weil es ein guter, wenn auch wagemutiger Plan ist, Gelehrter«, erwiderte Ingrimmsch bedacht. »Ich habe mit dir so viel erlebt und so viel Unmögliches wahr gemacht, dass ich an diesem Vorhaben keine Zweifel habe.«
Tungdil nickte schweigend und streckte die Hand nach der leeren Karaffe aus. Bedauernd fegte er sie vom Tisch. »Denkst du, dass mir der Titel des Großkönigs gut stehen wird?«
Das war eine Frage, vor der sich Ingrimmsch gern gedrückt hätte. »Es war mein Vorschlag. Wenn ich nicht davon überzeugt gewesen wäre, hätte ich ihn nicht gemacht«, versuchte er auszuweichen.
»Du denkst, es sei dein Vorschlag gewesen. Was aber, wenn dich meine Runen verzaubert haben?«, schlug Tungdil müde vor. »Wenn ich es war, der dir diesen Gedanken in den Kopf gesetzt hat? Damit ich endlich den Titel tragen kann, nach dem ich mich in den vergangenen Zyklen gesehnt habe, obwohl ich genau wusste, ihn unter normalen Umständen niemals erlangen zu können? Zu dürfen.« Das Lid flatterte, das Auge rollte nach oben weg. Er stand kurz vor dem Einschlafen.
»Das glaube ich nicht, Gelehrter«, sagte Ingrimmsch leise und stand auf. »Wenn ich es nicht will, kann kein fremder Gedanke von mir Besitz ergreifen.« Er sah sich in der Kammer um und fand eine Wolldecke, die er über Tungdil ausbreitete. Ingrimmschs Lippen wurden schmal. »Du wirst der beste Großkönig, den die Stämme jemals hatten«, flüsterte er und zog sich zurück. »Aus der Not geboren und überragender als alle anderen zuvor. Vielleicht der Herrscher, der endlich Friede unter sämtlichen Kindern des Schmieds stiften wird. Echten Frieden und keinen bloßen Waffenstillstand.«
Der Krieger schritt zur Tür und lächelte dem Schlummernden zu, dann verließ er die karge Unterkunft, die des frisch gekürten Großkönigs kaum würdig war.
X
Das Geborgene Land, Protektorat Gauragar, 11 Meilen östlich des Eingangs zum Grauen Gebirge, 6491./6492. Sonnenzyklus, Winter.
Ingrimmsch sah immer wieder zu den Hügelketten, die sich nördlich von ihnen erhoben. Sie waren Ausläufer des Grauen Gebirges, das sich als Band vor dem Horizont abhob und den Reisenden Sicherheit versprach.
»Ich wäre froh, wenn wir schon dort wären«, brummte er in seinen grau melierten Bart. Tungdil ritt neben ihm, nach wie vor bevorzugte er den Befün. Damit überragte er alle anderen in der Gruppe, die außer ihnen aus Balyndar und der Gesandtschaft der Fünften bestand. Frandibar hatte ihnen seine fünf besten Krieger überlassen, einer von ihnen war Armbrustschütze. »Es gab noch keinen Augenblick, in dem es aussah, als gerieten wir in Gefahr.«
»Das macht mich stutzig«, sagte Balyndar von vorn und spähte über die Schneefläche. »Auf dem Hinweg sind wir einer Patrouille von Herzog Amtrin knapp entgangen. Er steht in den Diensten der Albae.«
»Entgangen! Hört euch das an«, schnaubte Ingrimmsch. »Ich glaube es nicht! Früher hätten wir Jagd auf sie gemacht, anstatt zu flüchten oder zu uns verstecken.« Balyndar verstand die Worte gegen sich und die Fünften gerichtet. »Ich nehme dir nicht übel, was du sagtest, Zweiklinge. Denn du weißt nicht, dass die Patrouillen immer von zwei Albae begleitet werden, und gegen deren Langbogen können wir nichts ausrichten.«
»Das weiß ich selbst«, knurrte er. »Mein Bruder wäre beinahe durch die schwarzen Pfeile gestorben.«
Tungdil richtete sich im Sattel des Befüns auf. »Wir bekommen Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen«, sagte er halblaut und deutete mit Blutdürster nach Südosten. »Sie folgen uns schon eine Weile. Wenn ich es richtig sehe, sind es zwanzig Reiter. Dabei hätten sie uns mit ihren Pferden schon lange einholen können.«
»Sie warten ab, was wir tun. Wohin wir reiten.« Balyndar ließ sein Pony zurückfallen, genau zwischen Tungdil und Ingrimmsch. »Das ist mehr als ungewöhnlich. Die anderen haben uns stets gehetzt.«
»Sie werden Angst haben«, lachte Boindil dröhnend. »Kaum begegnen sie mehr als vierzig Zwergen, geraten sie trotz des Frosts ins Schwitzen.«
»Ich denke«, nahm Tungdil den Faden auf, »dass sie keine Albae dabeihaben. Ich sehe weder einen Feuerstier och einen Nachtmahr. Gerade auf dem Schnee müsste man diese Tiere sehr gut erkennen.«
»Oder es bedeutet, dass sie uns umgehen und von vorn angreifen. Aus einem Hinterhalt heraus«, warf Balyndar alarmiert ein. Sofort gab er den Fünften Befehl, die Schilde von den Rücken zu nehmen und sich bereitzuhalten.
Ingrimmsch schätzte die Entfernung zur feindlichen Truppe auf mindestens zwei Meilen, wenn nicht sogar mehr. Für ihn war es ein Wunder, dass Tungdil überhaupt erkennen konnte, dass es sich um Reiter handelte. Hat der Verlust des einen Auges das andere im Ausgleich geschärft, oder wie sonst lässt es sich erklären?
Der Befün gab ein warnendes Schnauben von sich und wandte den Kopf nach rechts, wo mehrere umherliegende grauschwarze Felsbrocken bis zu sieben Schritt hoch aus dem Schnee herausragten.
»Sucht Deckung!«, befahl Tungdil und ließ sich aus dem Sattel fallen. Ingrimmsch zögerte nicht, dem Beispiel seines Freundes zu folgen, und sogar Balyndar gehorchte. Der langschaftige schwarze Pfeil, der dem Anführer galt, sirrte durch die Luft, strich dicht am rechten Ohr vorbei und bohrte sich in den Schnee; nicht einmal mehr die Federn schauten aus dem Weiß.
Gleich danach ertönte ein erstickter Schrei, und eine Zwergin stürzte rücklings vom Pony. Ingrimmsch sah, dass ihr ein Geschoss durch den Schildrand sowie durch den Helm in die rechte Schläfe gefahren war.