Jetzt hatten alle Zwerge verstanden, dass die Bogenschützen sich hinter den Felsen seitlich von ihnen befinden mussten. Schnell sprangen sie auf den Boden und nutzten die Ponyleiber als Deckung gegen die tödlichen Pfeile. Dennoch kam keine Kopflosigkeit auf, und keiner schrie herum, wie es vielleicht bei Menschen der Fall gewesen wäre.
Es zischte, drei weitere Zwerge ließen ihr Leben. Die Treffer ins Herz und in den Schädel erlaubten keinerlei Hoffnung auf ein Überleben der Unglücklichen. »Verdammte Schwarzaugen!«, tobte Ingrimmsch und robbte durch den Schnee zu Tungdil. »Ich werde ihnen die Bogen in den Hintern schieben und die Pfeile einzeln hinterher! Quer!«
»Sie sitzen auf dem zweitvordersten«, sagte sein Freund ruhig, der zwischen den Beinen des Befüns hindurchspähte. »Siehst du sie? Sie tragen Überwürfe, die sie vor dem Schnee beinahe unsichtbar machen.«
Ingrimmsch musste sich sehr anstrengen, um die Gestalten zu erkennen. Sie hatten sich gerade so weit aus ihrer Deckung erhoben, dass sie die Pfeile über den Rand des Steinbrockens schießen und gleich darauf abtauchen konnten. Wieder wunderte er sich über Tungdils gutes Auge. »Das sind mindestens vierzig Schritt, bis wir bei den Felsen angekommen sind«, schätzte er. »Zeit genug, um uns mit geschätzten vierzig Pfeilen zu verzieren.« Er sah zu Balyndar. »Vorschläge?«
Wiehernd brach ein Pony zusammen, ein Pfeil war durch das Auge gedrungen und hatte ihm den Tod gebracht. Die Albae veränderten ihre Vorgehensweise und gingen dazu über, den Zwergen die Deckung zu nehmen. Ein Pferdchen nach dem anderen wurde niedergestreckt, wild um sich schlagend fielen sie und verletzten mit ihren beschlagenen Hufen manchen ihrer Reiter.
Ingrimmsch langte in den Schnee und presste ihn zu Eis. »Drei Schilde übereinander und Sturmangriff gegen die Schwarzaugen, Gelehrter? Damit könnten wir es bis nach vorne schaffen.«
»Die Patrouille hat sich in Galopp fallen lassen«, rief ihnen jemand aus der Gruppe zu. »Sie greifen an!«
»Jetzt wird es eng«, grollte Ingrimmsch.
Da erschallte ein lauter Schrei vom Felsbrocken her.
Ingrimmsch drehte den Kopf schnell genug nach vorn, um einen der Albae hinter seiner Deckung wanken zu sehen. Er taumelte nach vorn und stürzte kopfüber von seiner Plattform, Pfeile und Bogen folgten ihm.
»Was war das? Ist seine Sehne gerissen und hat ihn erschlagen?« Ingrimmsch bemerkte, dass sich der Schnee am Felsen rot gefärbt hatte. »Hast du die Armbrust nicht gehört?«, erwiderte Tungdil zufrieden.
Da klackte es laut, und der zweite Alb brach zusammen.
»Hussa! Es scheint, dass Frandibar uns wirklich einen sehr guten Schützen mitgegeben hat.« Boindil lachte und sprang auf, hob seinen Krähenschnabel und befahl den Zwerginnen und Zwergen, einen Schildwall gegen die heranbrausenden Reiter zu bilden. »Jetzt ist mir gleich wohler.« Er hielt im Getümmel nach dem Vierten Ausschau, der sie vor weiteren Verlusten bewahrt hatte.
Der Schütze lag eng an einen Ponyleichnam gepresst und lud in aller Seelenruhe nach, während sich die Patrouille rasch näherte. Das Trommeln der Hufe schwoll an, und die Zwergentruppe bereitete sich auf den Aufprall vor.
Der Armbrustschütze war fertig und legte die Winde, mit der er nachgeladen hatte, auf den Sattel des toten Tieres, drehte sich auf den Bauch und visierte den Anführer der anstürmenden Reiterei an. Auf diese Entfernung waren dessen Abzeichen leicht zu erkennen.
Wieder sirrte ein Bolzen davon, und der Mann sackte in die Brust getroffen nach hinten, ehe er aus den Steigbügeln rutschte und fiel; die nachfolgenden Reiter konnten nicht mehr ausweichen, und der Anführer verschwand unter den Hufen und einer glitzernden Wolke aus aufgewirbeltem Schnee.
»Angriff!«, schrie Ingrimmsch voller Vorfreude und stürmte los, den Krähenschnabel über den Kopf wirbelnd. Die Wut, die sich gegen die Albae hatte richten wollen, suchte sich ein anderes Ventil.
Die Truppe folgte ihm und rannte den Feinden ohne Rücksicht auf sich selbst entgegen. Die Reiterei fächerte auseinander, man hörte wildes Rufen, und der Angriff der Patrouille zerfaserte; drei der Soldaten hatten den Befehl zum Anhalten wegen des Gebrülls der Zwerge nicht verstanden und hielten unentwegt auf sie zu, während der Rest zurückfiel und sich zum Rückzug wandte.
»Ha! Kommt und lasst euch mal vom Krähenschnabel picken!« Ingrimmsch duckte sich unter der Speerspitze weg und schlug dem ersten Reiter das stumpfe Ende gegen die Brust. Der Aufprall riss den Mann aus dem Sattel, der Brustharnisch hatte eine Delle und einen Riss erhalten, aus dem Blut quoll. Ingrimmsch nutzte den Schwung und die dadurch übertragene Kraft, um sich über die Schulter nach rechts in die andere Richtung zu drehen und dem nachfolgenden Reiter die lange Spitze der Waffe durch den Unterschenkel zu treiben.
»Hab ich dich!« Sofort stemmte er sich mit beiden Beinen in den Schnee und packte den Stiel fest. »Und hiergeblieben, Langer!«
Zuerst zog es den Zwerg ein paar Schritt weit über den Schnee, dann fanden seine Absätze Halt an einem Stein. Das Bein des Mannes wurde ruckartig nach hinten aus dem Gelenk gedreht, das Knacken war deutlich zu hören; dann zog ihn Ingrimmsch über den Pferdrücken in den Schnee, wo er bäuchlings aufschlug. Schreiend wand er sich am Boden.
Den dritten Reiter schlug Balyndar mit dem Morgenstern aus dem Sattel. Die dornengespickten Kugeln trafen dessen Oberkörper und Hals; röchelnd stürzte der Mann nieder.
Boindil stand über seinem Gefangenen und hielt den Krähenschnabel mit einer Hand, sein rechter Fuß drückte den Leib nach unten. »Wie lange seid ihr uns schon gefolgt? Was ist euer Auftrag?«, herrschte er ihn an. »Sagst du die Wahrheit, wirst du leben.« »Wir sind euren Spuren gefolgt«, ächzte der Mann, der Schmerz verzerrte seine Stimme und seine Züge. »Seit zwei Umläufen. Die Albae wollten euch in einen Hinterhalt locken, damit wir die Überlebenden befragen können, was ihr beabsichtigt. Wir sollten erst angreifen, wenn sie mit dem Beschuss angefangen hatten.«
Balyndar gesellte sich zu Ingrimmsch. »Habt ihr einen Meldereiter unterwegs abgesetzt, der die Nachricht von uns weiterverbreitete?« Er ließ die blutigen Kugeln des Morgensterns vor dem Gesicht des Soldaten hin und her pendeln.
»Nein«, stöhnte er. »Nein, wir sind die Einzigen, die von euch wissen.« Tungdil stapfte durch den Schnee zu ihnen, dabei hielt er sein Auge auf den Horizont gerichtet, auf den die Patrouille zugaloppierte. »Es spielt keine Rolle«, sagte er düster. »Sie werden zu ihrer nächsten Garnison zurückkehren und Bericht erstatten. Bis dahin müssen wir im Grauen Gebirge sein. Die Albae werden sich denken können, dass eine solche Anzahl unseres Volkes etwas Wichtiges zu bedeuten hat, das nicht gut für sie sein kann.«
»Ach, das waren noch Zeiten, als man durch die Tunnel flitzen konnte«, bedauerte Ingrimmsch. »Sie stehen größtenteils unter Wasser, das sagte ich bereits«, meinte Balyndar. »Wir vermuten, dass die weyurnschen Seen sich dorthin entleerten. Der Durchbruch ins Jenseitige Land kann dafür nicht alleine verantwortlich sein.«
Tungdil befahl den Zwergen das Aufsitzen und legte dem Soldaten Blutdürsters Spitze ins Genick. »Noch etwas, was wir wissen sollten?«
»Nein, nein!«, rief der Mann verängstigt. »Ich habe alles berichtet!«
»Dann bist du nicht mehr von Nutzen.« Sein Arm stieß nach vorne, die Schneide zerteilte Haut, Muskeln und Sehnen, knackend trennten sich die Wirbel voneinander. »Sehen wir uns die Schwarzaugen an«, sagte er gleichmütig zu Balyndar und Ingrimmsch.
»Ich hatte ihm das Leben versprochen, Gelehrter!«, platzte es aus Boindil heraus. »Sofern er die Wahrheit sagt. Das waren deine Worte«, fügte Tungdil unverzüglich hinzu und ging zu seinem Befün, stieg in den Sattel und lenkte ihn auf die Felsen zu, vor denen die Albae in unnatürlicher Haltung lagen. »Wie wolltest du herausfinden, ob er dich angelogen hat oder nicht?«