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Balyndar sah dem schwarz gerüsteten Zwerg nach, dann auf den Leichnam vor ihm, aus dessen Nacken das Blut sprudelte. »Ich habe sicherlich kein Mitleid mit dem Langen«, meinte er nachdenklich. »Doch auch kein Verständnis für Goldhands Tat. Wir hätten ihn ebenso gut liegen lassen können. Der Winter hätte ihn gerichtet.« Er wandte sich ab und ging zu seinem Pony.

Ingrimmsch zog die Spitze des Krähenschnabels aus dem Bein des Soldaten, reinigte sie an dessen Mantel und marschierte zu den Steinbrocken. Der alte Tungdil hätte so etwas niemals getan. »Doch, hätte er«, hielt er murmelnd dagegen. »Wir hätten es tun müssen. Der Gelehrte hat richtig gehandelt. Es war nicht schön, aber richtig.« »Was sagtest du, General?« Der Zwerg mit der Armbrust, an dem er vorbeischritt, drehte sich zu ihm. »Ich habe dich nicht richtig verstanden.«

Ingrimmsch blieb stehen und betrachtete den Vierten. Er trug eine leichte Rüstung unter dem offenen Mantel, die mehr aus Leder denn aus Kettenringen bestand, was ihn durch das geringere Gewicht beweglicher machte; nur quer über die Brust lag ein brei ter Eisenstreifen, um Herz und Lungen zu schützen. Lange braune Haare fielen unter dem Helm hervor bis auf die Schultern, der gleichfarbige Bart war am Unterkiefer entlang geflochten; unmittelbar unter dem Kinn hatte der Zwerg die Strähnen mit Silberdrähten fächerförmig geordnet. Es gab ihm etwas Geckenhaftes.

An seiner Hüfte hing ein Köcher mit Bolzen sowie eine Halterung, die dazu gedacht war, den Lademechanismus der leichten Armbrust einzuklinken und zu spannen. Die dicke Sehne der schweren Fernwaffe, die er eben nachlud, musste allerdings mit einer Handwinde zurückgezogen werden. Dafür war die Durchschlagskraft maßlos, wie die Albae und der Anführer der Patrouille zu spüren bekommen hatten.

Boindil blickte auf den Lauf. »Eigentlich«, sagte er, »mochte ich Armbrüste und Bogen noch nie leiden. Sie nehmen einer Schlacht den Reiz. Aber heute bin ich Vraccas dankbar, dass er einen wie dich bei uns sein ließ.« Er reichte dem Zwerg die Hand. »Wie ist dein Name?«

»Goimslin Schnellhand aus dem Clan der Saphirfinder vom Stamme Goimdil des Vierten. Aber man nennt mich Slin«, stellte er sich vor und befestigte die Armbrust am Sattel seines Ponys, um einschlagen zu können. »Ich weiß, dass alle Kinder des Schmieds die Klinge höher schätzen als einen Bolzen. Doch wenn man mit der Klinge nicht gut ist so wie ich, dann bleibt einem nur dieser Weg.« Er zeigte auf die Felsformation. »Da du dir die Albae ansehen wirst: Ich sollte beide ins Herz getroffen haben. Falls nicht, schulde ich dir zwei Goldstücke.«

»So genau?«

Slin nickte. »Ich ziele immer auf das Herz. Bei den Frauen und bei meinen anderen Opfern.« Er zwinkerte, und Ingrimmsch musste lachen.

»Ich werde sehr genau hinsehen.« Er eilte los, um zu den anderen zu stoßen, die sich bereits bei den Steinbrocken eingefunden hatten.

Slins Augenmaß wurde überdeutlich. Beide Albae lagen mit durchbohrtem Herzen im Schnee. Die verstärkten Bolzen hatten die Panzerung durchschlagen, und Ingrimmsch ertappte sich bei der Überlegung, ob Tungdils Rüstung wohl auch etwas gegen Slins Kunst auszurichten vermochte.

»Sie haben die Nachtmahre auf der anderen Seite angebunden«, sagte Tungdil zur Begrüßung. Ingrimmsch tätschelte den Krähenschnabel. »Sie werden ihren Herren in den Tod folgen.« Er sah auf die Bogenschützen und befahl, sie zu durchsuchen. Balyndar und zwei Zwerge machten sich an die Arbeit.

Unter den weißgrauen Mänteln verbargen sich die Lamellenrüstungen der Albae, ihre Schwerter staken unbenutzt in der Scheide. Sie hatten keine Gelegenheit bekommen, sie gegen die Zwerge einsetzen zu dürfen. Für den Proviant interessierten sich die Zwergenkrieger nicht, dafür aber für einen Dolch, den einer der Feinde am Gürtel trug. Balyndar war er zuerst aufgefallen. »Bei Vraccas!«, rief er erbost und zog die Waffe aus der Hülle. »Das ist die Arbeit eines Zwergenschmieds!« Er drehte und wendete die Klinge, hielt sie in die Sonne, fuhr prüfend mit dem Daumen darüber. »Zweifellos: Dieser Dolch ist von einem Zwerg gefertigt worden.« Er bückte sich und begutachtete die Rüstung genauer. »Das kann ich fast nicht glauben!«, brach es aus ihm heraus. »Die Dritten haben sich enger mit den Schwarzaugen zusammengetan, als ich in meinen schlimmsten Befürchtungen vermutet hätte.«

Ingrimmsch sah zu Tungdil und dachte an die Begegnung mit dem Zwergenhasser im Jenseitigen Land. »Sie haben ihnen auch die Harnische angefertigt?«

Balyndar sah zu ihm auf. »Ich bin mir sehr sicher.«

»Damit haben die Dritten keine Gnade von uns zu erwarten, sobald wir die Albae besiegt haben«, grollte Boindil. »Dass sie die anderen Stämme derart verraten, ist unentschuldbar. Sie haben unsere Schmiedegeheimnisse preisgegeben!« »Und doch ist ein Dritter dein Großkönig.« Tungdil sah sehr gelassen aus. Er stieß den Alb vor sich mit dem rechten Stiefel an. »Was hat ihnen die Zwergenrüstung genutzt? Solange wir die besseren Bolzen haben, können ihnen die Dritten weiterhin die Panzer schmieden.«

Balyndar drehte und wendete den Dolch wieder, fuhr mit den Fingern darüber. »Hier stimmt etwas nicht.« Er schickte sich an, die Albae zu entkleiden.

Tungdil rief ihn zurück. »Was tust du?«

»Ich möchte die Rüstungen mitnehmen. Um sie näher erforschen zu können. Ich glaube...«

»Dafür ist keine Zeit.« Der Einäugige winkte den Tross heran. »Geh auf die andere Seite und hilf Ingrimmsch, die Nachtmahrezu erledigen. Danach reiten wir weiter. Die Patrouille wird bald in einer Garnison des Grafen angelangt sein und Bericht erstatten.« Balyndar wollte etwas erwidern, doch Tungdil hob die Hand. »Ich befehle es dir.« Auffordernd starrte er den Fünften an, der sich mit einem angedeuteten Kopfschütteln erhob, auf den Weg machte und dabei den Morgenstern zur Hand nahm.

Boindil war nicht entgangen, dass er den Dolch unbemerkt von seinem Freund eingesteckt hatte. »Dann gehe ich mal«, sagte er fröhlich und folgte Balyndar. Als er das Knirschen hinter sich vernahm, blickte er zurück: Tungdil versetzte den Albae zusätzliche Hiebe und durchbohrte die Oberkörper.

»Was tust du denn da, Gelehrter?«, rief er verwundert.

»Sichergehen, dass sie nicht überleben«, gab Tungdil zurück und wischte Blutdüster mit Schnee ab, danach stieg er auf den Befün. »Beeilt euch. Ich möchte bald im Grauen Gebirge sein.« Er ließ sein Reittier vorwärtspreschen und setzte sich an die Spitze des Zuges.

»Er hat die Rune zerstört«, sagte Balyndar in Ingrimmschs Rücken. »Du hast sie auch gesehen, Zweiklinge, nicht wahr?«

»Rune?« Er kam auf den Fünften zu, dessen Morgenstern voller dunklem Blut war. Die Nachtmahre lebten nicht mehr. »Ich verstehe nicht.«

»Du verstehst nicht?« Balyndar zeichnete mit dem herabrinnenden Rot ein Symbol in den Schnee. »Das meinte ich. Sieh auf die linke Brust deines Freundes, Zweiklinge, und du wirst es auch dort entdecken.« Er ließ Ingrimmsch stehen und ging zu seinem Pony.

Das Geborgene Land, das Zwergenreich der Fünften, Graues Gebirge, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.

Der Zugang ins Reich der Fünften hatte sich verändert. Vor dem eigentlichen Tor erhob sich ein steinerner Bau, der zwanzig Schritt in die Höhe ragte und an dessen Mauern unzählige Ausgussluken eingelassen waren; eine verhältnismäßig schmale Tür, gerade groß genug für einen Befün, bildete den Eingang. Ingrimmsch ahnte, was die Öffnungen bedeuteten. Wenn sich daraus heißes Pech und Schlacke ergießen, kann man ein Heer wegspülen.

Der Einlass öffnete sich für sie, und ein einsamer Bote und die Wachmannschaft des Tores erwarteten sie, um sie im Namen der Königin zu begrüßen und zu geleiten. Kein Jubel erklang, als sie einritten, keine Fanfaren dröhnten, die mit ihrem Schall die Ankunft im Grauen Gebirge verkündeten, keine festlich geschmückten Wände, keine Fahnen. Keine Zwerginnen und Zwerge, die sie willkommen hießen.