Ingrimmsch hatte den Eindruck, dass sie immer noch versuchte, Tungdils verborgene Gefühle zu erforschen. Ich bin neugierig, ob sie ebenso daran scheitert wie ich.
»Genug von mir«, sagte sein Freund irgendwann. »Das Fieber, das ausgebrochen ist: Seit wann kämpfen du und die Fünften schon dagegen an?«
»Seit etwa einhundertzehn Zyklen. Es begann schleichend, sodass es zunächst keinem unserer Heiler auffiel«, erklärte sie und prostete ihnen mit einem Humpen Schwarzbier zu. »Aber bald häuften sich die Krankheitsfälle, und wir erinnerten uns an die Heimsuchung der ursprünglichen Fünften. Wir haben Stollen und Höhlen räumen lassen, danach haben wir sie versiegelt. Möchtest du auf der Karte sehen, welche Bereiche betroffen sind?«
»Geschehen die Ausbrüche denn willkürlich, oder gibt es ein Muster?« Tungdil hatte sein Essen fast nicht angerührt, und wenn sich Ingrimmsch nicht sehr irrte, wirkte er blasser als gewöhnlich. Er ließ sich die Karte zeigen, schaute und verglich. Es sah sehr gezielt aus, was er tat.
»Keines, das wir uns erklären könnten«, antwortete Balyndis. »Wir haben die Orte, an denen es die meisten Toten gab, sogar von Freiwilligen durchsuchen lassen, ob uns vielleicht ein paar Albae mit ihren Fertigkeiten von dort aus zusetzen, aber wir haben keine Spuren gefunden. Dafür erkrankten die Freiwilligen der Expedition innerhalb von wenigen Umläufen und starben.«
»Wie?«, fragte der Einäugige nach.
»Sie erstickten an ihrem eigenen Blut. Sie schwitzten, und die Lungen liefen voller Blut, bis sie keine Luft mehr bekamen.« Sie schauderte. »Ein grauenvoller Tod, Tungdil.« Er schob die Karten von sich und leerte seinen Humpen. Der siebte, wenn Ingrimmsch sich nicht verzählt hatte. Das war für einen Zwerg, der kaum etwas Richtiges gegessen hatte und immer noch nüchtern wirkte, eine stattliche Leistung. Heldenhaft eben. »Haben sich ihre Gliedmaßen verfärbt? Die Fingerkuppen beispielsweise? Und die Zungenspitze?«
Balyndis und ihr Sohn wechselten einen kurzen Blick.
»Ich habe ihm nichts davon gesagt«, sagte Balyndar daraufhin. »Niemand weiß davon.« Tungdil schenkte ihm ein gefährliches Lächeln. »Ich muss es von niemandem erfahren. Ich habe es mir selbst erschlossen.« Er verlangte einen neuen Humpen. »Es ist kein Fluch. Es ist ein geruchloses Gas.«
Balyndar rollte mit den Augen. »Nein, ist es nicht! Das haben wir ausgeschlossen.« »Die Methoden zur Erkundung der herkömmlichen Ausdünstungen des Berges sind bei dieser Heimsuchung zwecklos, Balyndar. Es ist der Kordrion. Er ist in mehrfacher Hinsicht der Schuldige am Sterben im Grauen Gebirge«, redete er überheblich über den Zwerg hinweg. »Er frisst nicht nur diejenigen, die gegen ihn ausziehen. Seine Ausscheidungen bewirken den Tod, den mir Balyndis beschrieben hat. Sobald sie mit Wasser in Berührung kommen.« Er nahm die Karten zur Hand. »Ingrimmsch sagte mir, dass der Kordrion im nördlichen Teil des Grauen Gebirges sitzt, in der Nähe des Steinernen Torwegs. Das ist die Erklärung: Das Regenwasser spült seine Exkremente die Hänge hinab und läuft in die Flüsse, welche durch kleine Kanäle exakt in die Teile fließen, in denen das vermeintliche Fieber auftauchte.«
»Seine Scheiße bringt sogar Verderben?«, entfuhr es Ingrimmsch ungläubig. »Ho, das nenne ich ein hinterfotziges Scheusal! Umso besser, dass wir ihm ein Ende bereiten.« »Nicht wir. Lot-Ionan.« Tungdil setzte den nächsten vollen Humpen an die Lippen und nahm einen langen Zug. »Ich denke, es wird ein oder zwei Zyklen dauern, bis die Wirkung der Ausscheidungen nachlässt und ihr die Gebiete wieder bewohnen könnt.« Er sah, dass Balyndar ihm nicht glaubte. »Es hat etwas mit Alchimie zu tun, Eisenfinger«, erklärte er ihm. »Ich wuchs bei einem Magus und in dessen Laboratorien auf. Die Zusammensetzung der Ausscheidungen des Kordrion ist einmalig und, wenn man so möchte, eine Art getrocknete Säure. Sobald Wasser damit in Berührung kommt, werden die Substanzen gemischt, und ein tödlicher Dunst entsteht. Ich habe die Exkremente auf der anderen Seite der Schwarzen Schlucht mehrmals als Mittel eingesetzt, wenn eine Belagerung scheiterte.« Er trank aus. »Euren Kranken kann ich wenig Hoffnung machen. Die Lungen erholen sich nicht mehr von den Verätzungen. Die Ewige Schmiede ist ihnen sicher.«
»Ich glaube dir«, sagte eine bleich gewordene Balyndis und erklärte anhand weiterer Karten, wo sich der Kordrion aufhielt und wo er seinen Horst gebaut hatte. »Vraccas war uns gnädig und stand uns bei. Bislang haben wir jedes seiner Gelege vernichten können, bevor die Brut aus den weichhäutigen Eiern schlüpfte. Unsere Beobachter meldeten, dass er wieder im Nest sitzt. Der Kordrion hat aber gelernt und sich einen Vorrat angelegt. Wenn wir Pech haben, wird er das Gelege nicht verlassen müssen, um zu fressen. Das war in den vergangenen Zyklen stets die Gelegenheit für uns zuzuschlagen.«
»Es wird uns schon eine passende Ablenkung einfallen«, gab sich Ingrimmsch zuversichtlich. »Also, Gelehrter: Wir gehen zum Nest, schnappen uns die Eier und rennen durch das Graue Gebirge bis zum Ausgang nach Gauragar?«
»Nein. Wir müssen über die Gipfelwege, damit er unsere Spurverfolgen kann. Ich habe mir unterwegs bereits einen Pfad ausgedacht, den wir nehmen können.«
Balyndars Augen wurden groß. »Im Winter? Hast du den Verstand verloren?« Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Großkönig.«
Ohne zu zögern zählte Tungdil die Gipfel auf, die sie passieren würden, nannte Rastplätze und Routen. »Klingt es für dich immer noch nach Wahnsinn oder eher nach einer anstrengenden, aber zu bewältigenden Wanderung?«, fragte er schneidend. Balyndis nickte ihm zu. »Ich bin erstaunt, wie viel du noch von den Gegebenheiten meiner Heimat weißt, wo du dich gleichzeitig nicht an andere Dinge erinnern kannst«, konnte sie sich die Spitze nicht verkneifen. »Es scheint mir, als hätte sich dein Verstand ganz auf den Teil des Gelehrten verlagert und jegliches Gefühl außen vor gelassen. Ist es so, Großkönig?«
Tungdil richtete das braune Auge auf sie. »Das mag sein, Königin Balyndis. Doch es hilft uns und dem Geborgenen Land. Da werde ich mich nicht beschweren.« »Ich ebenso wenig«, verkündete Ingrimmsch, der immer noch überrascht von den Einzelheiten der Strategie seines Freundes war. Auf seiner bisherigen Reise hatte er ihn kein einziges Mal mit einer Landkarte hantieren sehen. Sein Wissen musste enormer sein, als er es erahnt hatte. »Ich schlage vor, dass wir uns schleunigst aufmachen, bevor die Viecher schlüpfen.«
»Morgen. Sobald die Sonne aufgegangen ist«, sagte Tungdil und erhob sich. »Ich möchte mich ausruhen. Königin Balyndis, sei so freundlich und lass mich zu meiner Unterkunft bringen. Und morgen möchte ich ausgeruhte Ponys und Proviant für meine Gruppe haben. Richte das bitte ein.«
Sie bedeutete einem der Zwerge, welche sie bedient hatten, den Herrscher aller Stämme zu geleiten, und gleich darauf war Tungdil aus dem Thronsaal verschwunden. Er hatte nicht einmal mehr gegrüßt.
Slin und die Vierten zogen sich ebenfalls zurück, sodass Ingrimmsch mit Balyndis und ihrem Sohn allein war.
Schweigend aßen sie weiter und vermieden es bei allen Gesprächen über die Schwarze Schlucht oder die Bedrohungen im Geborgenen Land über Tungdil zu sprechen. Dann bat die Königin Balyndar, den Raum zu verlassen, um sich mit dem alten Freund unter vier Augen zu besprechen. Ingrimmsch ahnte, was auf ihn zukam, und nahm einen hastigen Schluck Bier. Weil er es leid war, den Gelehrten immer wieder gegenüber anderen verteidigen zu müssen, eröffnete er die Unterhaltung. »Es mag sein, dass ich mich täusche, Balyndis, doch gibt es eine Ähnlichkeit zwischen deinem Sohn und Tungdil?«
Es war ihm durchaus bewusst, dass die Frage unverschämt und anmaßend, zugleich auch noch beleidigend war. Immerhin unterstellte er ihr, dass sie ihrem einstigen Gemahl, Gläimbar Scharfklinge aus dem Clan der Eisendrücker und König der Fünften, einen Sohn untergeschoben hatte, der nicht der seine war.