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Doch Balyndis nahm seine Worte mit Fassung, beinahe erleichtert, dass er es angesprochen hatte. »Es ist sehr offenkundig, nicht wahr?«, antwortete sie leise. »Es war ein Fehler, Balyndar zum Treffen ins Braune Gebirge zu senden. Sämtliche Clanoberhäupter haben ihn und seinen leiblichen Vater nebeneinander stehen sehen und können sich wohl einen Reim darauf machen.«

»Wird es denn Auswirkungen auf deine Regentschaft haben?«

Sie verneinte. »Niemand macht mir mehr den Thron streitig, seitdem Geroin Bleiband am Fieber gestorben ist. Er war der Bruder von Syndalis Bleiband, der zweiten Gattin des Königs, die wegen mir verstoßen worden ist. Geroin und einige seines Clans haben mir das niemals verziehen. Ich herrsche gut, und wenn der Kordrion erst einmal vertrieben ist, wird der Stamm der Fünften erblühen.« Balyndis musste husten und schlucken.

»Ich habe vergessen, dass du auch erkrankt bist!« Ingrimmsch sah sie bestürzt an. »Es wird sich bessern. Jetzt, wo wir wissen, was das Fieber und das Lungenleiden auslöst.«

»Wir haben den Schuldigen, aber nicht das Gegenmittel.« Ingrimmsch verdrängte die Erklärungen des Gelehrten, der vom sicheren Tod der Befallenen gesprochen hatte. »Aber wir finden sicherlich etwas dagegen«, beeilte er sich zu sagen. Trauer breitete sich in ihm aus. Reiß dich zusammen. Noch ist sie nicht tot.

Die Königin seufzte. »Glaimbar hatte es gewusst.«

»Was? Dass Balyndar nicht sein Sohn ist?«

»Ja. Er hat es mir niemals gesagt, doch seine Blicke verrieten ihn. Dass er sein Wissen nicht laut äußerte und Balyndar verstieß, darin lag seine Größe. Dafür habe ich ihn geliebt, von ganzem Herzen.« Sie lächelte angestrengt. »Er wird mir auf den Thron der Fünften folgen, Ingrimmsch. Das hat auch Glaimbar gewollt, weiler erkannte, was für ein wunderbarer Herrscher er einmal sein würde.« »Allerdings kommt er mit seinem leiblichen Vater nicht zurecht.« Ingrimmsch wischte sich ein paar Krümel aus dem Bart, den er aus Versehen über den Teller gezogen hatte. »Er ahnt, wen er vor sich hat? Ich meine, er ist nicht blind und müsste die Ähnlichkeit bemerkt haben.«

»Das mag der Grund für seine Ablehnung sein: Er will nicht der Sohn von Tungdil Goldhand sein, der für ihn ein Fremder ist. Glaimbar dagegen hat er bewundert. Von ihm lernte er Kämpfen, von mir das Schmieden. Tungdil kam in meinen Erzählungen nicht immer gut weg, wenn du verstehst, was ich meine. Nachdem er sich von mir mit einem Brief getrennt hatte, war ich sehr lange wütend und enttäuscht von ihm. Das Alter hat mich milder gemacht.« Sie schloss die Augen. »Doch als ich ihn vor mir sah, Ingrimmsch, stiegen die alten Gefühle empor.«

»Du bist dir demnach sicher, dass er Tungdil ist?« Er biss sich zu spät auf die Zunge. Zu seinem Erstaunen lächelte Balyndis, und dieses Mal aufrichtig. »Lass dich nicht von der finsteren Schale in die Irre führen. Mein Herz«, sie legte die Hand an ihre Brust, »hat ihn sofort erkannt. Und es hat sich niemals getäuscht.«

»Meinem erging es nicht anders«, gab er zurück und hob den Humpen.

XI

Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Weyurn, Seenstolz, 6491/6492. Sonnenzyklus, Winter.

Seenstolz war gegen angreifende Schiffe leicht zu verteidigen, weil es aus dem Wasser ragte und seine Soldaten keine Vorrichtungen benötigten, um Felsbrocken zu schleudern. Es genügte, die Steine über den Rand zu rollen und die Angreifer damit zu versenken. Der Schacht um die magische Quelle war mit weiteren Männern besetzt worden, die Gondeln zwischen der Insel und der Befestigung schnurrten hin und her. Mallenia und Rodario betrachteten von den Zinnen des Aussichtsturmes herab die Vorbereitungen, die von Königin Wey und ihrer Tochter Coira für die Ankunft des Drachen oder der Lohasbrander getroffen wurden.

»Was Ihr seht, ist nicht die gefährlichste Waffe gegen den Drachen«, sagte Rodario. »Die Königin und ihre Tochter.« Mallenia blickte in den Innenhof des Palastes, der dreißig Schritte unter ihnen lag, was die Menschen klein erschienen ließ. »Sie haben beide ihre volle Stärke erlangt, sagtet Ihr?«

»Man hat mir berichtet, dass die Herrscherin bereits ein Bad in der magischen Quelle genommen hat. Und fragt mich nicht, wie es ihr gelungen ist, einen Rest ihrer Kraft für den Umlauf zu bewahren, an dem sie ausbrechen wollte. Das wird der Grund sein, weswegen sie als stärker als Lot-Ionan gilt. Lohasbrand überlegt sicher mehrmals, ob er sie angreift oder nicht.« Er schob sich vor sie, um in ihre Augen schauen zu können. »Außerdem ist nicht gesagt, dass er angreift. Ich denke, dass er eher den Köder mit den Albae-Spionen in seinem Reich schluckt. Drachen leiden unter Verfolgungswahn und sind grundsätzlich misstrauisch, ob man ihre Horte plündern will.«

Mallenia lachte. »Ihr seid nicht nur Mime, sondern auch drachenkundig?« Sie schmunzelte und fasste ihm ans Kinn. »Ein vielseitiger Mensch, Rodario der Siebte. Wenn Ihr jetzt noch Muskeln hättet und kämpfen könntet, wärt Ihr ein echter Mann.«

Er verzog das Gesicht und brachte sein dünnes Bärtchen vor den Fingern der Frau in Sicherheit. Aber er mochte es, wenn sie ihn neckte. »Ich sehe es als Zeichen von verborgener Zuneigung, dass Ihr versucht, mich mit Beleidigungen herausfordern, um zu sehen, wie es um meinen Charakter bestellt ist«, erwiderte er.

»So, das seht Ihr?« Sie lachte schallend. »Ihr seid ein goldiger Träumer. Meine Zuneigung besteht darin, dass ich Euch beschützen möchte, wie man ein kleines Kind beschützt. So wehrlos, so tapsig.«

Blitzschnell zog er eines ihrer Kurzschwerter aus der Halterung. »Seid stolz, Mallenia: Ihr habt es geschafft, mich zu reizen«, verkündete er drohend. »Verteidigt Euch!« Sie zog das zweite Schwert und spielte die kleine Posse mit. »Dann greift mich an, Siebter! Zeigt einer schwachen Frau, was Benehmen ist und wo ihr Platz zu sein hat!« Dabei zuckten die Muskeln an ihren Oberarmen und über der Brust; sie sahen kräftiger aus als die des Mimen.

Rodario setzte zu einem durchschaubaren Schlag gegen Mallenias Kopf an, und sie fing sein Handgelenk kurzerhand ab. Dann gab sie ihm einen Kuss auf die Stirn. »Wie süß dieser Versuch war«, zog sie ihn auf und schob ihn zurück. »Versucht es noch einmal, kleiner Tollpatsch.«

Erbost hopste er auf sie zu und verfing sich mit dem linken Fuß in seinem Mantel. Er taumelte an ihr vorbei, genau auf die Zinnen zu.

Rasch langte Mallenia nach ihm, um ihn vor einem Sturz zu bewahren - und die Finger griffen ins Leere.

Dafür bekam sie einen Kuss auf den Mund.

Die Lippen des Mannes waren weich und angenehm auf den ihren, er schmeckte leicht nach dem Gewürztee, den er gegen die Kälte getrunken hatte. Dann zog er den Kopf zurück und ließ sie hochrot stehen.

»Getroffen!«, jubelte er überschwänglich und riss seine Waffe in die Höhe. »Da staunt Ihr, tapfere Kriegerin, und seid bezwungen, wie ich sehe: Der Kuss ist mächtiger als das Schwert!«

Mallenia schluckte. Sie war verwirrt, fühlte immer noch die unerlaubte Berührung und wusste nicht, was sie tun sollte. Musste. Es war eine Frechheit, eine Unverfrorenheit sondergleichen, die nach Strafe schrie. Rodario bemerkte die Unsicherheit der Frau. »Oh, ich... wollte Euch nicht in Verlegenheit bringen«, sagte er erschrocken. »Ich hielt es für ein Spiel, und weil Ihr mich doch auf die Stirn küsstet...« Er geriet ins Stammeln und verstummte. »Ein Spiel«, stimmte sie ihm zu und hielt die Hand auf, um ihr Schwert zurückzufordern. Schnell reichte er es ihr. »Vergessen wir es. Ihr habt gewonnen und werdet keine zweite Gelegenheit erhalten.«

Er räusperte sich. »Verzeiht, ich habe mich hinreißen lassen. Ich entschuldige mich in aller Form bei Euch. Das hätte ich niemals tun dürfen.« Er verneigte sich vor ihr. »Schlagt mich, wenn Ihr wollt.«