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»Damit Ihr abtaucht und mich ein weiteres Mal küssen könnt? Nein, vielen Dank, Rodario der Siebte«, lehnte sie ab und verstaute ihre Waffen. »Belassen wir es dabei.« Auch wenn sie versuchte, den Vorfall mit einem Scherz abzutun, Mallenia wurde die Unsicherheit nicht los. Wie sehr sie das hasste.

Sie marschierte wieder zum Rand der Turmplattform und blickte krampfhaft geradeaus, um die Schönheit des Sees zu bewundern, doch ihre Gedanken waren zu aufgewühlt. Es war nur ein flüchtiger Kuss, schalt sie sich selbst. Ein Kuss von einem Kind. Wie kann er mich durcheinanderbringen?

»Rodario? Mallenia? Seid Ihr da oben?«, schallte Coiras Stimme die Treppe hinauf. »Das sind wir, Prinzessin. Wir genießen die Aussicht und halten nebenbei nach den Feinden Weyurns Ausschau«, gab der Mime übertrieben draufgängerisch zurück. »Was können wir für Euch tun?«

»Runterkommen«, lautete die erheiterte Anweisung. »Es gibt Neuigkeiten, die für Mallenia von Belang sind.«

In aller Eile liefen Rodario und die Kriegerin die Stufen hinab und stießen zu Coira, die sie auf halber Strecke erwartete. »Meine Mutter hat Kunde aus einem Dorf in der Nähe von Seenstolz erhalten«, sagte sie nach einer kurzen Begrüßung. Die Augen richteten sich auf Mallenias Armverband. »Erinnert mich daran, dass wir ihn morgen abnehmen. Die Wunde müsste soweit verwachsen sein, dass Luft und Sonne darandürfen, um die Heilung zu beschleunigen.« »Ist es gute oder schlechte Kunde?«, verlangte Rodario zu wissen.

»Ich weiß es nicht. Meine Mutter ließ mich ebenso rufen. Wir werden es gleich erfahren.«

Hurtig ging es durch den Palast, durch hohe, lichtdurchflutete Korridore und Nebenzimmer, bis sie in den Saal gelangten, wo sie Wey die Elfte zum ersten Mal gesehen hatten.

Das Fenster war instand gesetzt worden, und der Anblick der glitzernden Wellen im Schein der Sonne, der Fischerboote mit den bunten Segeln und der kreisenden Vögel vor einem schier endlosen Horizont hatte nichts von seiner Faszination verloren. Königin Wey saß hinter ihrem Schreibtisch. Das türkisfarbene Kleid stand ihr ausgezeichnet, und sie wirkte erholt und ausgeruht. Dafür sah man die Sorge in ihrem Gesicht. »Setzt Euch«, bat sie die Gäste. »Es gibt Dinge zu berichten.«

»Ist etwas in Idoslän geschehen, Hoheit?«, fragte Mallenia auf der Stelle und nahm Platz.

»Nein. Hier in der Nähe, im Dorf Seelingen. Ein Fischer berichtete mir von zwei Albae, die umgehen sollen«, sagte die Königin ernst. »Was mich stutzig macht, ist die Tatsache, dass nur er sie gesehen haben will und niemand sonst.« Sie pochte mit dem rechten Zeigefinger auf die Tischplatte. »Ich denke, dass das Dorf schweigt. Aus Angst. Die Albae verbergen sich sicherlich dort und lauern auf eine günstige Gelegenheit.« Sie sah die Ido an. »Um sich nach Seenstolz einzuschleichen und Euch zu töten.« »Dann lass mich nachsehen, Mutter«, bat Coira unverzüglich. »Sie können mir nichts anhaben.«

»Gegen einen Pfeil aus dem Hinterhalt wirst auch du wenig ausrichten, meine Tochter«, erwiderte Wey. »Am Strand hast du sie überrascht, aber jetzt wissen sie, mit welchem Gegner sie es zu tun haben. Die Albae werden es vermeiden, sich tagsüber offen zu zeigen.« Sie sah Mallenia an. »Deshalb ist mein Vorschlag, dass wir ihnen eine Gelegenheit geben, sich anzuschleichen. Eine von uns kontrollierte Gelegenheit.« »Andere würden Falle dazu sagen«, warf Rodario vergnügt ein. »Hoheit, das ist ein unglaublich guter Einfall!«

»Oh, ich danke für Euer Fürsprechen«, meinte sie belustigt. »Der Fischer, der sich bei mir meldete und die Albae verriet, wird ein paar Unwahrheiten im Dorf erzählen, was die Schwarzaugenanlocken wird. Dass unsere Wachen an Durchfall leiden und sich kaum mehr rühren können.«

»Wie viele wissen, dass Ihr von den Ketten befreit seid, Hoheit?« Mallenia hielt es kaum auf ihrem Stuhl aus. Noch war sie dem Tod nicht entkommen. »Die Albae werden sicherlich nicht erscheinen, wenn sie wissen, dass sie gegen zwei Magae antreten müssen, um mich zu töten.«

»Niemand weiß es, außer meinen engsten Vertrauten.«

»Und was sagt der Drache zu den Vorgängen?«, warf Rodario ein. »Hat er sein Erscheinen angekündigt? Ich meine nämlich, sehr viel Geschäftigkeit auf den Wehrgängen des Schachtes bemerkt zu haben.«

Wey fixierte ihn. »Wisst Ihr, Rodario der Siebte, manchmal, aber nur manchmal, erscheint Ihr mir sehr merkwürdig«, sagte sie zu ihm und bannte seinen Blick. »Ich habe den Eindruck, dass wir in Euch einen Schauspieler vor uns haben, der so viele Rollen spielt, dass er gar nicht mehr weiß, wo denn nun der wahre Rodario steckt.« Er wurde rot. »Ich verstehe Eure Bemerkung nicht.«

»Ich habe Euch beobachtet. Mal seid Ihr verwegen, wie mir meine Tochter berichtete, dann seid Ihr täppisch, dann flink wie ein Wiesel, mal redegewandt, mal unbeholfen wie ein Stotterer, mal besitzt Ihr Manieren und dann wieder nicht. Wie eben, als Ihr einer Königin ins Wort gefallen seid«, sprach sie und rieb sich mit dem rechten Zeigefinger die Schläfe, als habe sie Kopfweh. »Ich sehe keinerlei Anzeichen von Magie an Euch, womit ich mir dies erklären könnte. Demnach ist Euer Geist - milde ausgedrückt - ein wenig verworren? Kann das sein?«

Mallenia dachte an den Vorfall auf der Zinne und musste der Herrscherin insgeheim beipflichten.

»Ich entschuldige mich, Hoheit«, sagte er zerknirscht und verneigte sich tief vor ihr. »Ihr habt natürlich recht: Ich habe zu warten.«

»Um auf Eure Frage zurückzukommen, Rodario der Ungeduldige«, sagte sie etwas milder gestimmt, »muss ich Euch verkünden, dass der Drache mir noch eine Antwort schuldig geblieben ist. Dabei bin ich mir sehr sicher, dass ihn die Nachricht zusammen mit dem Nachtmahrkadaver und den Leichen seiner Leute überzeugen müsste.« Sie blickte zu Mallenia. »Aber Eure Belange haben Vorrang. Mir behagt es gar nicht, dass Albae in meiner Nähe sind. Der Fischer kehrt heute noch nach Seelingen zurück und setzt die Gerüchte in die Welt. Danach müssen wir abwarten und so tun, als seien wir alle an Durchfall erkrankt. Meine Wachen sind in alles Notwendige eingeweiht, Coira erklärt Euch, was wir vorhaben. Auf mich wartet noch Arbeit.« Sie sah auf die Tür.

Einen deutlicheren Hinweis benötigten die drei nicht, also verließen sie den Raum, und die Prinzessin nahm sie mit in ihre Gemächer, wo sie sich bei Tee und Gebäck weiter besprachen.

»Es ist einfach. Die Albae werden sich einen unserer Wächter vornehmen und ihn nach Euch fragen, Mallenia. Vorgesehen ist, dass Ihr zusammen mit mir in Eurer Kammer wartet. Kommen die Albae herein, zeige ich ihnen, dass es besser gewesen wäre, meine Heimat zu verlassen.«

»Ihr klingt sehr zuversichtlich.« Rodario hielt eine Tasse und ein längliches Kuchenstückchen in den Händen. »Wie Eure Mutter schon sagte: Denkt Ihr nicht, dass sie damit rechnen, auf Euch zu stoßen?«

Coira lachte. »Was wollen sie gegen einen Ball aus reiner Magie tun?« »Ausweichen?«, schlug er vor und erntete ein Lachen aus Mallenias Mund. Er fühlte sich in der Nähe der beiden Frauen äußerst wohl. Zu dumm, dass er sich auf Dauer gesehen aufteilen müsste, um die Gesellschaft beider gleichzeitig genießen zu können. »Albae sind schnell wie Blitze und gewandter als Katzen. Habt Ihr das bedacht?« Die Prinzessin gab einen Laut von sich, der ihr Missfallen kundtat. »Ihr nörgelt sehr viel. Es ist ein einfacher und damit guter Plan.«

Rodario biss in sein Gebäck und kaute aufreizend übertrieben. »Und wie lautet der Ausweichplan?«, säuselte er. »Was wäre denn, wenn Brüderchen und Schwesterchen an Euch vorbeigelangen? Wer rettet Euch«, er zeigte mit dem angebissenen Stück auf Coira, »wenn es schiefgehen sollte?«

»Ihr«, neckte Mallenia. »Jedenfalls klingt es so, als wolltet Ihr Euch wirklich darum bewerben.«

»Wenn meine Küsse auf die Albae eine ähnlich lähmende Wirkung haben wie auf Euch, warum nicht?«, konterte er. »Allerdings wäre ich für die Albin zuständig. Nehmt Ihr den Bruder?« Laut schlürfend trank er vom Tee. Coira starrte zuerst ihn, dann Mallenia an. An deren dunkelrotem Kopf sah sie, dass Rodario nicht gelogen hatte. »Ihr könnt es gern versuchen, wenn es so weit ist«, meinte sie leichthin, ohne auf die Bemerkung näher einzugehen.