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»Es wäre mir sehr recht, wenn wir die Albae nach Möglichkeit nicht töteten«, presste Ido zwischen den Zähnen hervor und klang dabei mordlustig. »Zumindest einen von ihnen. Ich würde sie gern verhören.«

»Das sollte möglich sein«, gestand Coira ihr zu. »Darf ich fragen, aus welchem Grund?«

»Ich habe sie belauscht, als sie mich für ohnmächtig hielten, und bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden habe. Es ist bedeutsam für das Geborgene Land.« Mallenia sah die Wissbegier in den Gesichtern der beiden anderen. »Ich werde erst darüber sprechen, wenn ich es genau in Erfahrung gebracht habe«, betonte sie. »Ich mache nicht unnötig Pferde scheu, wie es heißt.«

»Wenn das kein Ansporn ist, die Schwarzaugen lebend zu packen!«, rief Rodario aus und schob sich das restliche Stück Gebäck ganz in den Mund. Für eine Entschuldigung bei Mallenia war es ohnehin zu spät.

Der volle Mond stand hoch über dem Geborgenen Land und damit auch über Seenstolz.

Es war eine wolkenlose Nacht, der See glitzerte silbern und ließ die Handvoll Fischerboote, die zum Aal- und Krebsfang hinausfuhren, als plumpe schwarze Schatten darauf erscheinen.

Die Boote nahmen einen Kurs nahe der Insel und nahe dem Schacht. Dabei kam eines von ihnen der Felsensäule, auf dem die Insel ruhte, gefährlich nahe; beinahe wäre es sogar damit kollidiert.

Dem Steuermann rissdas Ruder herum und segelte haarscharf daran vorbei. Auf den ersten Blick war daran nichts Ungewöhnliches. Die Strömungen rund um die Inseln konnten tückisch sein und selbst den erfahrensten Fischer in Schwierigkeiten bringen.

Für Rodario, der den Vorfall aus seinem Versteck heraus beobachtet hatte, galt es als Beweis, dass die Albae, deren Namen Sisaroth und Firüsha waren, ihren Fuß soeben auf die Insel gesetzt hatten. Erkennen konnte er freilich nichts, was ihn auch nicht wunderte. »Jetzt gilt es«, murmelte er und kletterte aus dem Beobachtungskorb aus geflochtenem Draht über die schmalen Stiegen zurück an die Oberfläche. Er eilte den Felsenpfad entlang und rannte auf den Eingang zum Palast zu.

Wenn sich Mallenia und Coira schon keinen Plan für den Notfall ausdenken wollten und sich blind auf die Magie verließen, sah Rodario sich in der Pflicht, über einen zu verfügen. Am besten gefiele es ihm, wenn er beiden Frauen das Leben retten würde. Heldentaten machten sich stets gut, um Herzen zu erobern. Oder zu besänftigen. Rodario wurde von den Wachen durchgelassen und lief so schnell und leise er es vermochte durch den dunklen Palast.

Niemand wusste von seinem Vorhaben, als geheime Reserve zu dienen. Mallenia und Coira saßen im gleichen Zimmer, Königin Wey hielt sich im Gemach gegenüber auf, um ihrer Tochter sofort beizuspringen.

Er musste sich eingestehen, dass es unmöglich war, gegen beide Magae zu bestehen. Selbst Sisaroth und Firüsha, die Götter von Dsön, was immer das bedeuten mochte, würden untergehen. Wenn es Mallenia schon mit dem Schuss einer schnöden Armbrust gelungen war, den einen Drilling zu töten, was machten die beiden Magae erst mit den Schwarzaugen?

Aber vielleicht war Tion ausgerechnet in dieser Nacht mit seinen Kreaturen... und dann würde sein Auftritt entscheidend sein!

Rodario hatte die Wandnische mit dem Vorhang erreicht, hinter der er seine selbst gebauten Vorrichtungen versteckt hatte. Schnell befestigte er die mit Bärlappsamen gefüllten Miniaturblasebalge an den Unterarmen. An der Spitze saß ein Feuerstein, der beim Betätigen der Vorrichtung Funken spie und die herauswirbelnden Samen in Brand setzte.

Ein magischer Feuerball ganz ohne Magie - oder zumindest, wie sich die Spectatores und das gemeine Volk einen Feuerball vorstellten.

Er hatte die Skizze mit der Bauanleitung für sehr viel Geld auf dem Markt in Mifurdania erstanden; angeblich war es ein Original vom legendären Magister technicus, doch daran glaubte Rodario nicht. Es war ihm gleich, solange es funktionierte. Zwei Versuche hatten die Apparate anstandslos durchlaufen. »Mal sehen, ob ich euch heute brauche.« Er zog die Ärmel darüber, damit man nichts davon sah, und wandte sich um. Vor ihm erhob sich Sisaroth und sah ihn kalt lächelnd an!

Rodario hatte ihn weder sich nähern hören noch einen verräterischen Luftzug verspürt. »Ihr Götter!«, kam es noch über die Lippen des Schauspielers, und schon vollführte der Alb eine rasche Armbewegung. Etwas Hartes traf den Mimen zuerst gegen den Kopf, dann schoss ein heißer Blitz durch seinen Hals.

Still brach er auf den Steinplatten zusammen, während der Alb über den Ausblutenden hinwegschritt und auf das Gemach der Ido zuhielt.

Mallenia lag in voller Rüstung unter der Decke, das Gesicht der Tür abgewandt; doch der kleine Spiegel, der auf ihrem Nachttisch stand, zeigte ihr, was am Eingang vor sich ging.

Dicht an den Schrank gepresst und für einen Eintretenden unsichtbar, verharrte Coira und hatte ihre Gedanken auf ihre Magie fokussiert. Sie musste in der Lage sein, unverzüglich einen Zauber zu sprechen, um die Albae an ihrem Mord an der Ido zu hindern.

Die Frauen schwiegen und lauschten auf alle Geräusche vor der Kammer und den beiden Fenstern.

Bei jedem Fußschritt, den sie vor der Tür vernahmen, hielten sie unwillkürlich den Atem an. Noch hatte es keinerlei Hinweise auf die Ankunft der Geschwister gegeben. »Damit Ihr es richtig versteht: Ich habe mich nicht von dem Schauspieler küssen lassen«, flüsterte Mallenia plötzlich. »Er hat sich den Kuss gestohlen.« Coira musste grinsen. »Alles andere hätte mich gewundert«, gab sie ebenso leise zurück.

»Er hat mich überrumpelt«, führte sie weiter aus. »Das nächste Mal werde ich ihn niederschlagen.«

Coiras weibliche Neugierde an Liebesdingen war geweckt. Trotz der Umstände. »Dass es ihm überhaupt gelang, macht mich staunen. Was ist geschehen? Wart Ihr durch etwas abgelenkt?«

»Er hat mich reingelegt«, gab Mallenia zu. »Dieser schwache Mann hat es geschafft, mich zum Narren zu halten!«

Ein leises Quietschen brachte sie zum Verstummen: Die Türklinke, in deren Gelenk sie Sand und Salz gegeben hatten, bewegte sich langsam nach unten.

Mallenia starrte zum Eingang. Unter dem Türspalt sah sie kein Licht, demnach war es keiner von den Bediensteten, der nachdem Rechten sehen wollte. Sie hatten strikte Anweisung, eine Lampe mit sich zu führen.

Die Klinke verharrte, dann schob sie sich langsam zurück in ihre Ausgangslage. »Was tun wir?«, sagte Coira gedämpft.

»Abwarten«, zischte sie zurück. Sie traute Rodario durchaus zu, dass er auf der anderen Seite stand. Wollte er sich entschuldigen? Wollte er aufdringlich sein? Leise seufzte sie. Dieser Mann brachte sie noch um den Verstand. Als ob er wüsste, dass sie eine Schwäche für hilflose Männer besaß.

Die Zeit verrann quälend langsam, doch es blieb leise. Wer auch immer ins Zimmer hatte kommen wollen, er hatte es sich anders überlegt.

Dann erklang ein lauter Schrei!

»Das kam aus Mutters Zimmer!« Coira löste sich aus der Nische, rannte zur Tür und öffnete sie.

Vor ihr stand Sisaroth, wartend und seinen Zweihänder zum Schlag erhoben. Die Maga dachte nicht nach, sondern sandte dem Alb einen vernichtenden Ball aus reiner Energie - doch er wich der heranschießenden Sphäre aus, wie es Rodario in seinem Unken vorhergesagt hatte!

Die freigesetzte Magie jagte über den drei Schritt breiten Gang auf die Tür des Zimmers gegenüber zu, die soeben aufschwang: Königin Wey stand auf der Schwelle und sah das Verhängnis auf sich zukommen.

Coira konnte die Furcht auf dem Antlitz der Mutter erkennen. Sie musste voller Entsetzen mit ansehen, wie sich deren Lippen bewegten, um im Zeitraum eines Blinzeins einen Gegenzauber zu formulieren. Wey riss die Arme zur Abwehr nach oben, doch Coira fühlte nichts als Hilflosigkeit. Und Angst um das Leben ihrer Mutter.