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Das Geborgene Land, das Zwergenreich der Fünften, im Norden des Grauen Gebirges, 6491. 6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.

»Wir befinden uns in dem Gebiet, in dem sich der Kordrion in den letzten Zyklen aufgehalten hat.« Balyndar blickte unentwegt die steilen Hänge empor und suchte sie nach verräterischen Schatten ab. »Er mag es, durch die Gegend zu fliegen und nach Beute Ausschau zu halten. Wenn das Scheusal auftaucht, drückt euch eng gegen die Felsen, damit es uns nicht sieht.«

Die Zwergengruppe verteilte sich auf der Stelle rechts und links in der schmalen Schlucht, in die nur zwei von ihnen nebeneinanderpassten.

Die tiefgrauen Felswände waren schleifsteinrau, und sobald Metallisches damit in Berührung kam, wies die Oberfläche deutliche Kratzer auf. Ingrimmsch nutzte die Gelegenheit und schliff die Spitze des Dorns nach. Die anderen achteten peinlich genau darauf, nicht am Stein entlangzuschrammen. Es tat weder der Rüstung noch der Kleidung, noch der Haut gut.

Außer Balyndar, Tungdil, Slin und Boindil befanden sich die drei Krieger der Vierten bei ihnen. Balyndis hatte wiederum drei Krieger der Fünften mitgegeben, alles herausragende Kämpfer, wie man sie sich bei einem solchen Unterfangen nur wünschen konnte; auf Schlitten zogen sie ihre Ausrüstung hinter sich her, später wollten sie damit das Gelege des Ungeheuers transportieren.

Tungdil war mitten auf dem Weg stehen geblieben und reckte den Kopf; er sog die eisige, klare Luft ein.

»Das Gelege«, fuhr Balyndar mit seinen Erklärungen fort, »liegt an der Südseite der Drachenzunge. Er brütet immer nur an der Südseite, und man erkennt das Loch, das er dazu waagrecht in den Fels gräbt, schon von Weitem. Es sieht aus wie eine große Höhle, deren Eingang sich durch nichts verbergen lässt. Wenn wir die Schlucht verlassen, ist es noch einen halben Umlauf bis unterhalb der Stelle. Für den Aufstieg werden wir nochmals einen Umlauf benötigen.«

»Was tust du, Gelehrter?«, wollte Boindil wissen.

»Riechen«, kam es wortkarg zurück. »Wir sollten uns beeilen.« Er verfiel in leichten Trab und hielt auf den Ausgang des Hohlwegs zu. Balyndar blickte zu Ingrimmsch, der mit den Schultern zuckte. »Geht es ein bisschen genauer?«, beschwerte er sich bei seinem Freund. »Ich habe nichts gegen die Rennerei, aber ich wüsste gern, warum ich es tue.«

»Das Gelege ist schon weit gereift«, rief er über die Schulter nach hinten. Ingrimmsch schnupperte absichtlich laut, dass es von den Hängen hallte. »Ich bemerke nichts.« Er schloss zu Tungdil auf.

»Weil du nicht weißt, worauf du achten musst. Hast du den Geruch von Moos nicht bemerkt?«

»Doch...« Er verstummte. »Bei Vraccas! Ich dachte mir nichts dabei. Dabei sollte mir aufgefallen sein, dass rund um uns herum alles Grün unter einer dicken Schicht aus Schnee begraben ist und alles, was Wasser enthält, Stein und Bein gefroren ist«, sagte er nach kurzem Nachdenken. »Auch mit Moos sollte es sich so verhalten.« »Siehst du: Wenn man dir einen kleinen Wink gibt, kommst du von selbst auf die Lösung.« Tungdil trat aus der Schlucht in den Sonnenschein. Die Wärme des Gestirns ließ Nebelschleier entstehen und emporsteigen. »Eine hervorragende Deckung für den Aufstieg!«, freute er sich und gab der Gruppe das Zeichen, schneller zu laufen. »Wir können heute Nacht noch oben sein.«

»Kaum. Es ist zu anstrengend«, widersprach Balyndar. »Die Strecke, die vor uns liegt, ist bekannt für ihren Tiefschnee. Und außerdem sollten wir mit unseren Kräften haushalten. Wir haben eine anstrengende Flucht mit dem Kordrion im Nacken vor uns.«

Tungdil hatte seine Geschwindigkeit nicht verringert, der Abstand zwischen ihm und seinen Begleitern vergrößerte sich. Ingrimmsch nahm an, dass es seine Art war zu zeigen, dass er nicht beabsichtigte, mit anderen über seine Befehle zu disputieren. Das wird sicherlich noch eine unglaublich heitere Mission.

»Er wird uns alle umbringen«, fluchte Balyndar und rannte, der Rest der Gruppe tat es ihm nach.

»Ach, das haben wir früher auch schon oft gedacht, doch der Gelehrte fand immer einen Ausweg«, versuchte Ingrimmsch ihn zu beruhigen. »Außerdem ist er der Großkönig. Er dürfte das.« Er zeigte sie Zähne und machte deutlich, dass es ein Scherz sein sollte.

»Wie viele hat er dabei zurückgelassen?«, fragte Slin. Aber als er Boindils Gesicht sah, bohrte er nicht weiter nach. »Entzückend«, murmelte er vor sich hin und keuchte unter dem Gewicht seiner Armbrust. »Vraccas, lass mich zu denen gehören, die nach Hause kommen. An einem Stück.« Er nahm im Laufen einen Schluck aus seiner Wasserflasche. »Was macht der Kordrion eigentlich den lieben langen Umlauf im Grauen Gebirge? Das ist doch ein sehr langweiliges, einsames Reich, über das er gebietet.«

»Er gebietet über gar nichts«, schnarrte Balyndar, der sich angesprochen fühlte. »Er hat sich als Schädling eingenistet.« Er deutete nach Süden, zum Geborgenen Land hin. »Soweit wir gehört haben, fliegt er zu den Dörfern der Langen. Nachdem er einige angegriffen und ausgelöscht hat, bringen ihm die Bewohner der umliegenden Siedlungen freiwillig Gaben auf die Felder, um ihn milde zu stimmen. Die Gebiete liegen sowohl in den Regionen des einstigen Gauragar als auch in Urgon und Tabain. Es trifft also den Drachen Lohasbrand ebenso wie die Albae und deren Menschenvasallen. Aber keiner von ihnen wagt sich durch das Gebirge zu seinem Horst.« Slin zog die Nase hoch. »Wahre Helden, wie es aussieht.«

»Es ist für beide Seiten einfacher, abzuwarten und zu sehen, wann die Fünften endlich mit dem Mistvieh zurande kommen«, ergänzte Ingrimmsch bitter. »Eigentlich müsste ich deswegen noch wütender auf sie sein, aber da wir ihre Feigheit jetzt zu unserem Vorteil nutzen können, ist mein Zorn beinahe wieder verraucht. Beinahe aber nur.« Der Vierte blickte sich um, aber die Bestie war nirgends zu erkennen. »Lohasbrand mag sich vielleicht mit dem Kordrion geeinigt haben?«

»Nein«, widersprach Tungdil von vorn. »Ein Kordrion trachtet nach der Alleinherrschaft wie ein Drache, wenn auch mit weniger Verstand. Seine Größe bringt ihm gegen einen Drachen kaum Vorteile, weil die Geschuppten schlauer sind. Der Kordrion hat sein Reich aufgebaut und fühlt sich wohl, sonst würde er sich nicht unentwegt vermehren. Er ist glücklich damit, zu fressen, ohne jagen zu müssen. Lohasbrand dagegen benimmt sich ganz wie ein Drache: Herrschaft nach dem Vorbild eines Königs mit Untertanen, Abgaben und dergleichen.«

»Wie schön. Ganz entzückend«, meinte Slin verdrossen. »Aber es muss nicht sein, dass die Scheusale aus allen Himmelsrichtungen ausgerechnet zu uns kommen, um sich zu erholen.«

Ingrimmsch lachte. »Ich werde ihrem Untergang mit Freudeentgegensehen und ein altes Lied singen, das Bavragor, der alte Säufer, mich gelehrt hat.«

»Bavragor?«, erkundigte sich Balyndar. »Der Name sagt mir etwas.«

»Einer von denen, die mich in früheren Zyklen begleitet haben und nicht nach Hause gekommen sind«, sagte Tungdil düster über die Schulter zu Slin. »Genügt dir diese Antwort?«

Der Fünfte nickte überrumpelt.

Tungdil peitschte die Gruppe mit Blicken an. Er sagte kaum ein Wort, und wenn doch, dann waren es knappe Anweisungen, worauf sie achten sollten.

Im Schutz der Dunstschwaden begannen sie den Aufstieg zur Höhle des Kordrion, und mit Einbruch der Nacht hatten sie es wirklich geschafft: Vor ihnen gähnte ein zehn Schritt breites Loch im Felsen, und der Geruch nach frischem, feuchtem Moos war aufdringlich stark.

Ingrimmsch hielt den Krähenschnabel in der Rechten und starrte auf den Zugang. »Du bist dir sicher, dass er nicht da ist, Gelehrter?«