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»Andernfalls hätte ich nicht darauf gedrungen, dass wir uns beeilen. Auch wenn Balyndar mir das vielleicht zutraut, käme ich nicht auf den Gedanken, dieser Bestie mich selbst und euch zum Fraß vorzuwerfen.« Er sah nach vorn, und auf der goldenen Augenklappe spiegelten sich schwach die Sterne wider.

»Ho, ich habe dich gegen einen Kordrion kämpfen sehen! Und wenn du weitergemacht hättest, wäre er gegen dich gefallen«, hielt Ingrimmsch dagegen.

Tungdil atmete erneut tief ein. »Dieser Kordrion ist anders, das erkenne ich an der Art, wie er seinen Horst gebaut hat. Oftmals werfen sie ihre Eier einfach ab und überlassen den Nachwuchs ihrem Schicksal. Nest und Horst sind ungewöhnlich und kaum zu finden. Was meinen kleinen Sieg angeht: Ich kann ihn zudem nicht überraschen, er vertraut mir nicht. Und er lebt schon zu lange in Freiheit. Es wären ein Dutzend meiner Sorte notwendig, um ihn zu besiegen.«

»Ein Dutzend Gelehrte? Das erklärt, warum Balyndis keinen Erfolg ge gen ihn erzielen konnte.« Ingrimmsch senkte die Waffe und half den anderen, die Ausrüstung auf die schmale Ausbuchtung zu ziehen. Die Schlitten, zusätzlichen Seile, Haken sowie der Proviant hingen an Tauen, die sie wiederum alle paar Schritte an der Felswand mit eingeschlagenen Steinnietnägeln gesichert hatten.

»Einen besseren Feind für Lot-Ionan konnten wir nicht finden«, stimmte ihm Tungdil indirekt zu. Er wartete, bis die anderen Zwerge ihre Ausrüstung hinaufgehievt und festgebunden hatten, und ergriff das Wort. »Esst und schlaft, bis ich euch wecke. Danach bereitet euch vor, umläufelang auf der Flucht zu sein. Schlaf wird euch erst wieder vergönnt sein, wenn wir einen Vorsprung vor dem Scheusal herausgeholt haben. Und ein wütender Kordrion fliegt sehr schnell.« Er zog Blutdürster. »Ich wache über euch.«

Die Zwerge sahen sich an und begaben sich zu den Schlitten, um darauf für kurze Zeit die Augen zu schließen; zugedeckt mit warmen Katzenfellen und die bärtigen Gesichter mit Schals geschützt, legten sie sich nieder. Sie vertrauten ihrem Großkönig. Ingrimmsch war sich unschlüssig. Zwar fühlten sich seine schmerzenden Beine schwerer als zehn Säcke Blei an, andererseits wollte er dem Freund, der die anstrengende Kletterpartie in seiner absonderlichen Rüstung absolviert hatte, die Aufgabe nicht allein überlassen.

Seine müden Augen brannten, und er hörte seinen Magen grummein. »Erst eine Stärkung, Vraccas, sonst werden meine Innereien lauter donnern als ein Gewittersturm.« Er ging zum Schlitten, auf dem die Vorräte lagerten. »Danach noch ein Verdauungspfeifchen, und die Welt sieht gleich viel besser aus«, brummte er vor sich hin.

Als er die ersten Lagen Leder auseinanderschlug, um an das Brot zu gelangen, fiel sein Blick auf einen Haken an der Felsenkante, über die sie sich geschwungen hatten. Es verwunderte ihn, dass auf dem Metall, das sichtlich neu und ohne Rost war, nichtsdestotrotz eine dünne Schicht aus Schnee lag. Reif hätte ihn nicht weiter stutzig gemacht, aber Schnee?

»Was mag das zu bedeuten haben?« Er beugte sich nach vorn und fegte das Weiß zur Seite. Ingrimmsch genügte ein Blick, um zu erkennen, dass es keiner ihrer Sicherungshaken war. »Da schlag der Hammer drauf«, fluchte er und hetzte zu Tungdil, um ihm von seiner Entdeckung zu berichten.

Der einäugige Zwerg wollte sich das Eisen erst gar nicht ansehen. Stattdessen drehte er auf dem Absatz herum und stürmte in den Bruthorst. Ingrimmsch folgte ihm.

Der Geruch nach Moos wurde stärker, verdichtete sich drückend, sodass ihnen das Atmen schwerfiel.

Ingrimmsch entzündete eine Fackel, um das, was vor ihm lag, bis in die letzte Kleinigkeit hinein zu erkennen.

Was er sah, bereitete ihm große Sorge.

Das Gelege des Kordrion hatte aus menschengroßen, bleichen Kokons bestanden - bis die Unbekannten aufgetaucht waren und sie zerschnitten hatten. Schlierige, schmierige Flüssigkeiten standen knöcheltief auf dem Boden und waren im vorderen Bereich der Höhle, wo die kalten Böen hinreichten, halb gefroren; dazwischen lag die verstümmelte Brut, getötet und in Stücke geschlagen.

»Da geht er hin, unser schöner Plan.« Ingrimmsch ließ sich in die Hocke, um die Kadaver zu betrachten. Sie erinnerten ihn von der Form her ein wenig an Flügelfische, nur dass sie mehr Augen besaßen und sie um das Zehnfache überragten. »Wer mag das getan haben?«

»Wahnsinnige oder Verzweifelte, ganz wie wir.« Tungdil marschierte durch die Höhle, bückte sich immer wieder und stocherte in den Überresten herum. »Es waren geschätzte zehn Mann, ihre Waffen sind sehr scharf, was ich an den Schnitten erkennen kann«, sagte er zu seinem Freund. »Die Sohlen sagen mir, dass es Zwerge waren.« »Balyndis würde uns niemals verschwiegen haben, dass sie bereits eine Truppe ausgesandt hat.« Ingrimmsch stapfte durch den Unrat. »Im Gegensatz zu dem widerlichen Anblick riecht es immer noch nach Moos. Es hätte schlimmer kommen können, und wer wie ich mehrmals in seinem Leben mit den stinkenden Innereien aus einem aufgeschlitzten Schweineschnauzenpans überschüttet worden ist, weiß, was ich meine.« Er sah sich auf seinem Weg zu Tungdil nach rechts und links um. Der Einäugige wandte sich zu ihm um. »Nicht!«, rief er warnend.

»Was nicht!«

»Zu spät. Du bist bereits hineingetreten.«

»Ach, das ist doch nicht schlimm.« Ingrimmsch winkte ab. »Moosgeruch. Vielleicht mache ich damit Eindruck bei Goda.«

»Nicht nur bei ihr. Das Perfide daran ist, dass der Duft an deinen Sachen haften wird. Und an deinem Körper. Der Kordrion wird dich für den Mörder seiner Brut halten«, erklärte Tungdil. Entgeistert starrte ihn Boindil an. »Mich allein? Was ist mit dir, Gelehrter?« »Erstens bin ich nicht damit in Berührung gekommen, zweitens haftet es nicht an Tionium. Ich kann es mit Wasser abspülen«, gab er zurück; eingehend betrachtete er eine Stelle auf dem Höhlenboden. »Hier hat sich noch ein Kokon befunden. Die Fremden haben ihn mitgenommen.« Er rieb sich die Nase. »Weswegen mögen sie das getan haben?«

Ingrimmsch lachte auf. »Aber nicht aus dem gleichen Grund wie wir, oder?« »Wir sollten sie finden und fragen, ehe sie damit Unfug anstellen.« Tungdil zeigte auf den Ausgang. »Wecke die Männer und setze sie in Kenntnis. Ich suche die Umgebung nach Spuren ab.« Er trat gegen einen zerschnittenen Kordrionnachkommen. »Sie wiegen in lebendigem Zustand etwa zweifach so schwer wie ein gerüsteter Menschenkrieger. Wenn die Diebe nicht geflogen sind, was ich nicht annehme, werden wir sie finden und stellen.«

Gemeinsam verließen sie die Höhle, Tungdil ging nach rechts, Ingrimmsch nach links. Der Krieger weckte die Gruppe und berichtete ihnen; gegen Ende seiner knappen Ausführungen tauchte Tungdil auf.

»Ich habe ihre Fährte entdeckt. Sie sind auf der anderen Seite des Berges hinabgestiegen«, teilte er ruhig mit. »Wir werden sie verfolgen und ihnen die letzte Brut abnehmen. Das können sie freiwillig tun, oder wir zwingen sie dazu. Dieser Kokon ist unsere einzige Gelegenheit für lange, lange Zeit. Der Kordrion benötigt mindestens drei Zyklen, ehe er wieder legt.« Er sah in die Runde. »Für uns ist es wichtig, dass nichts die Hülle beschädigt. Es bedeutet den Tod des Nachwuchses, und das riecht der Kordrion sofort. Damit hätte er keinen Anlass mehr, uns zu verfolgen.«

Außer, den vermeintlichen Mörder seiner Brut zu fassen und zu töten, dachte Ingrimmsch.

Slin verzog den Mund. »Hast du eine Ahnung, wer uns zuvorgekommen ist? Für mich sieht es so aus, als hätte uns jemand belauscht und wollte das Vorhaben in ähnlicher Weise umsetzen. Aber wer steckt dahinter, und was hat er mit dem Kokon vor?« »Ich habe ihnen noch nicht gesagt, dass wir die Abdrücke von Zwergensohlen fanden«, sagte Ingrimmsch zu seinem Freund.

»Kinder des Schmieds?« Balyndar lachte kurz, aber freudlos. »Oder waren es vielleicht sehr kleine Menschen? Oder Gnomeund Kobolde, die uns mit gestohlenem Schuhwerk einen Streich spielen wollen?« »Todesmutige Kobolde?« Ingrimmsch machte eine abfällige Geste. »Die würden sich einem Kordrion nicht einmal auf zehn Meilen nähern.«