»Wir werden bald sehen, wem wir das Durcheinander zu verdanken haben.« Tungdil gab das Zeichen zum Aufbruch, und die Gruppe packte rasch die Ausrüstung zusammen. »Boindil, du bleibst von jetzt an in meiner Nähe«, gab er leise Anweisung. »Ich brauche keine Amme, hab Dank.«
»Du benötigst einen Schutz gegen den Kordrion. Auch wenn er mir überlegen ist, werde ich lange genug gegen ihn bestehen, um dich vor einer ersten Attacke zu beschützen und uns eine Flucht zu ermöglichen«, gab er zurück. »Ich brauche dich bei dieser Unternehmung.« Ernst und aufrichtig besorgt ruhte das braune Auge auf Ingrimmsch. »Es ist die erste von vielen. Doch es müssen uns alle gelingen, um das Geborgene Land zu befreien und gleichzeitig vor dem zu retten, was in der Schwarzen Schlucht sein Heer sammelt.«
Ingrimmsch schluckte, und der Chor der Zweifler war verschwunden. Keine einzige Stimme erhob sich, um gegen die tiefen Gefühle von Vertrauen anzusingen. Er nickte Tungdil zu und folgte ihm auf die andere Seite des Hortes, wo auch er die breite Schleifspur im Schnee bemerkte. Sie führte geradewegs auf den Steilhang zu. Tungdil verfolgte die Fährte mit seinem Blick. »Wonach sieht das für dich aus?« »Keine Kufen. Also haben sie Schilde genommen, um rasch den Abhang hinunterzugelangen.« Ingrimmsch hob die Brauen. »Das nenne ich geistesgestört. Sie haben sich nicht abgeseilt, sondern sind die Schräge einfach hinabgerauscht!« Er dachte an den Zwergenhasser, den er auf seinem Schild im Jenseitigen Land davonrasen gesehen hatte. Sollten die Rockträger dahinterstecken?
Tungdil sah zu den Zwergen, die zu ihnen aufgeschlossen hatten. Bärtige Gesichter, in denen Eiskristalle unter den Nasen und am Mund glitzerten, und Augen voller Tatendrang. »Denkt ihr«, rief er laut, »wir sind tapfer genug, um es den Dieben gleichzutun und ihnen auf dieselbe Weise zu folgen?« Wieder zeigte er ihnen, dass seine Fragen keine wirklichen Fragen, sondern Befehle waren. Er nahm sich einen Schlitten, stieß ihn über den Rand undwarf sich mit einem kraftvollen Sprung darauf. Mehr einem Fall denn einer Fahrt über die Schneefläche ähnelnd, schoss er zu Tal.
»Wie viele kommen noch gleich bei seinen Unternehmungen ums Leben?«, nuschelte Slin vor sich hin, zog das Lederband der Armbrust fester und schob seinen Schlitten an. Ingrimmsch kam ihm zuvor und wagte mit dem lauten Ruf »Vraccas!« als Zweiter den wilden Ritt.
Nach wenigen Schritten, bei denen er mehr und mehr an Fahrt gewann, der heftige Eiswind ihm Tränen in die Augen zwang und jeder einzelne seiner Knochen durchgeschüttelt wurde, sah er es als sicher an: Eine Reise mit den Loren durch die Schnelltunnel war dagegen Gnomenfirlefanz.
XII
Das Geborgene Land, das Zwergenreich der Fünften, im Norden des Grauen Gebirges, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.
Tungdil stand ratlos links von einer verschneiten Ebene zwischen zwei Berghängen. Die Fährte der Diebe des Kordrion-Geleges endete unmittelbar vor seinen Stiefelspitzen. Die Spuren waren plötzlich an einem senkrecht nach unten fallenden Abhang verschwunden. »Sie sind die Steilwand nach unten geklettert.« Er beugte sich über die Kante und spähte in den Abgrund. Der Boden war nicht zu erkennen. »Mindestens dreihundert Schritte tief. Das verstehe, wer will.«
Balyndar und Ingrimmsch verharrten neben ihm. »Oder sie können doch fliegen«, meinte der Fünfte und sah nach oben. »Ich kann auch in den Hängen über uns nichts erkennen.«
Ingrimmsch wischte im Schnee herum, bis er auf harten Fels stieß. »Und einen geheimen Gang gibt es hier nicht. Das würde ich hören.« Er bemerkte die Blicke, welche die anderen beiden Zwerge ihm zuwarfen. »Was ist denn? Ich wollte sichergehen.« Tungdil machte einige Schritte seitwärts auf die unberührte Ebene zu. »Dein Gedanke war gar nicht so falsch.« Er bückte sich und strich behutsam über die oberste, dünne Lage des Schnees. Darunter erschienen feste Schleifspuren, die sich tiefer in die älteren Kristalle eingedrückt hatten. »Schlaue Kerlchen«, sagte er anerkennend. »Sie haben auf einem der Schlitten Schnee geladen und ihn hinter sich ausgestreut, um uns glauben zu machen, sie hätten sich abgeseilt. Dabei sind sie in Wahrheit hier entlang.« Grinsend befahl er den Weitermarsch.
»Wie gut, dass ich dabei bin«, sagte Ingrimmsch feixend. »Ohne mich und meine Anmerkung würden wir uns sicherlich in die Kluft abseilen. Ich bin eben auch ein schlaues Kerlchen.«
»Wenn du es sagst. Sie laufen nach Osten«, stellte Balyndar fest. Auf seinem Mantel hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, dieknirschend den Bewegungen des Stoffes folgte. »Sollten sie ihren Weg weiterverfolgen, gelangen sie auf den Pfad, der sie ins Rote Gebirge führt. Er stammt wie alle alten Verbindungen noch aus den Zyklen, als die Schnelltunnel vergessen waren. Sie wurden schon lange nicht mehr von den Stämmen gepflegt und sind gewiss schwierig zu begehen. Es wäre eher eine Kletterei.«
Ingrimmsch hatte einen neuerlichen Einfall. »Wenn sie mit der Brut zu Lohasbrand wollen, dann... haben wir es vielleicht mit klein gezüchteten Schweineschnauzen zu tun? Der Drache hat sie eigens schaffen lassen, damit sie in den Gebirgen und in unseren Stollen besser kämpfen können. Die Langen haben sich doch solche mickrigen Hunde gezüchtet, um sie in Fuchsbauten zu hetzen. Warum sollte das mit den Orks nicht ebenso gelingen?«
»Manchmal finde ich es erschreckend, auf welche Gedanken du kommst. Was sollte der Drache mit der Brut wollen?« Balyndar spähte über die Ebene.
»Was weiß ich? Den Kordrion gefügig machen und sich dessen Treue sichern?« Der Fünfte schnalzte mit der Zunge. Mehr gab er nicht zur Antwort. »Gehen wir quer über die Ebene und sind für unsere Feinde weithin sichtbar, oder laufen wir dicht an den Hängen entlang?«
»Wir haben kein einziges Sandkorn im Glas zu vergeuden. Quer rüber«, befahl Tungdil und trabte los.
Ingrimmsch folgte ihm sofort. »Was ist nun mit meiner Erklärung, Gelehrter?«, drängte er neugierig gleich einem Kind. »Mir erscheint sie sehr einleuchtend.« »Möglich, aber nicht wahrscheinlich«, gab Tungdil zurück. »Vielleicht sind die Ersten auf den gleichen Gedanken gekommen wie wir und haben eine Gruppe ausgesandt.« »Die Scheusale gegeneinander ausspielen, um sich vom Drachen zu befreien und den sicherlich durch den Kampf geschwächten Kordrion zu vernichten?« Ingrimmsch dachte nach. »Könnte sein. Aber es kommt sehr ungelegen, dass sie ausgerechnet jetzt dieses Vorhaben angehen.« Je länger er überlegte, desto mehr verwarf er seinen eigenen Vorschlag. »Unsinn. Sie hätten sich bei Balyndis vorgestellt und um Erlaubnis für ihr Unterfangen gebeten, wie es sich gehört, wenn man im Haus eines Freundes zu Gast ist.«
Ruckartig blieb Tungdil stehen. »Du, Balyndar, Slin«, flüsterte er, »mitkommen. Die anderen laufen bis zur anderen Seite der Ebene und warten auf unser Signal.« Er hastete geduckt davon und hielt auf eine Felsspalte zu, die Ingrimmsch und den Übrigen entgangen war.
»Ein Wunder, wie er Dinge entdeckt«, meinte Slin. »Ich hätte sie nicht bemerkt, bis wir genau auf sie zugerannt wären.«
»Vraccas liebt den Gelehrten eben«, lachte Boindil. »Das war schon immer so, seit wir uns kennen.« Und es hat sich nicht geändert.
Die kleine Truppe betrat vorsichtig den Spalt, in dem es dunkel war; die Luft roch frisch und keineswegs abgestanden. »Ein Tunnel«, wisperte Boindil.
»Sie haben ihn sicherlich nicht durch eine Fügung entdeckt. Wer auch immer das Gelege zerstört und die Brut gestohlen hat: Es war von langer Hand geplant.« Tungdil führte sie, und der Gang bekam ein merkliches Gefälle, bis sie vor grob gehauenen Stufen standen, die weiter abwärtsführten.
Von unten erklangen gedämpfte Stimmen.