Der Anführer verzog lobend den Mund und nickte. »Du hast recht, Tungdil Goldhand.«
»In wessen Auftrag handelt ihr? Für die Albae? Wollen sie sich den Westen und den Norden des Geborgenen Landes ebenso einverleiben, wie sie es mit dem Osten taten?« Tungdil blieb felsenruhig, als wäre er derjenige, welcher die Oberhand besaß. »Das geht dich nichts an. Aber ich hätte dir einen Vorschlag zu unterbreiten.« »Behalte ihn«, murrte Ingrimmsch und überlegte bereits, in welcher Abfolge er seine Wächter angreifen sollte. Er legte sich ein Muster zurecht, das ihn befreien würde. Bei Vraccas! Ihr Verräter werdet gleich sehen, wozu ein Krieger wie ich fähig ist. »Nur zu. Alles, was das Blutvergießen verhindert, kommt mir gelegen«, gab Tungdil zurück.
Verwundert und beinahe empört hörte Ingrimmsch, wie sein Freund einwilligte. »Aber mir nicht, Gelehrter!«, begehrte er auf. »Das sind unsere ärgsten Feinde! Mörder und Verräter unserer Stämme, weil sie mit den Albae...«
Tungdils Blick brachte ihn zum Schweigen. Er sah in die Runde, doch Slin scharrte mit dem Fuß, und Balyndars Wangen mahlten. Niemand sprang ihm bei.
Die Speere wurden weggenommen, und Tungdil ging mit dem Anführer ein paar Schritte tiefer in den Gang hinein, um sich besprechen zu können. Abseits von ihnen. Die ersten paar Sätze zwischen den beiden vernahm Ingrimmsch noch, auch wenn er den Sinn nicht erfasste. Doch der Klang war ihm vertraut, und dennoch dauerte es, bis ihm sein Verstand sagte, was sein Gefühl verweigert hatte: die Sprache der Albae! Ausgerechnet...
»Entzückend«, meinte Slin verdrossen. »Da geht unser Großkönig mit Zwergen, die keine mehr sein wollen und sich anscheinend für kleinwüchsige Albae halten.« Er drehte den Kopf zu seinen Bewachern. »Darf man erfahren, wie ihr euch selbst nennt?« Er bekam keine Antwort.
Balyndar fluchte. »Was machen wir nun, Boindil?« »Woher soll ich das wissen? Ich bin Krieger, kein Denker.« Ingrimmschs Muskeln spannten sich kaum merklich - doch sofort legte sich die Dolchklinge fester an seine Kehle. Seine Wächter waren sehr aufmerksam. »Ja, ja, schon gut. Ich bewege mich nicht mehr«, beschwichtigte er. Er sah zu, wie sein Freund und der unbekannte Zwerg redeten.
Nach einer Weile, die ihm endlos erschien, kehrten Tungdil und der Anführer zurück. Auf einen Befehl des fremden Zwerges hin senkten die Wärter ihre Waffen und sammelten sich hinter ihm; Tungdil trat an Ingrimmschs Seite.
»Wir haben neue Freunde gewonnen«, verkündete er, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. »Wenn du dich meinen Begleitern vorstellen möchtest?«, forderte er und steckte Blutdürster in die Scheide.
Der Zwerg nickte ihnen zu. »Ich bin Barskalin, der Syträp der Zhadär. Zhadär ist Albisch und bedeutet die Unsichtbaren, Syträp meint nichts anderes als Kommandant.« Sein linker Arm beschrieb einen Halbkreis. »Das sind die zehn Besten meiner Zhadär, der Rest wartet an einem geheimen Ort auf unsere Rückkehr. Um zu verstehen, warum wir hier sind, muss ich weiter ausholen.«
»Keine Zeit! Was soll aus unseren Begleitern draußen auf der Ebene werden?«, meinte Ingrimmsch scharf. »Wir müssen ihnen gegen den Kordrion beistehen!« Mit einem bösen Blick auf Tungdil fügte er hinzu: »Da könnten unsere neuen Freunde gleich beweisen, was sie taugen.«
Barskalin schüttelte den Kopf. »Sie sind tot, Boindil. Der Kordrion hat sie ausgelöscht. Einer meiner Zhadär, den ich ungesehen von euch am Ausgang postiert hatte, meldete es mir, bevor ich mich euch zeigte. Es war weise, uns in den Tunnel zu folgen.« Balyndar schnaufte laut. »Tot?«
»Der Kordrion hat sie auf der Ebene gestellt. Wie hätten sie seinem weißen Feuer entgehen können?« Barskalin nickte den Gang entlang. »Wir sollten später sprechen und erst einige Meilen zwischen uns und die Bestie bringen. Es wird der Duftspur dennoch folgen.«
Ingrimmsch sah zu Slin und Balyndar, danach erst zu Tungdil. »Und wohin gehen wir nun?«
Eigentlich hatte er die Antwort vom Gelehrten erwartet, doch der Syträp erwiderte: »Nach Süden, ins Rote Gebirge.« Wie hat der Gelehrte das geschafft? Damit hatte Ingrimmsch nicht gerechnet. Nicht wirklich. Den erstaunten Gesichtern von Slin und Balyndar nach zu urteilen, sie ebenso wenig. Aber echte Erleichterung wollte sich nicht einstellen.
Auch nicht, als sie den Kokon erahnten, den die Zhadär unter einer dicken Schicht Felle geborgen hatten und auf einem Schild mit Rollen durch den Gang zogen.
Das Geborgene Land, das Zwergenreich der Fünften, im Norden des Grauen Gebirges, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.
Die Zhadär, von denen durch ihre Unkenntlichkeit und Verwechselbarkeit in den gleich aussehenden Rüstungen etwas Unheilvolles ausging, sowie die Überlebenden der Gruppe aus Fünften und Vierten marschierten rasch. Den Kokon hatten sie wie die übrige Ausrüstung sowie den Proviant auf einen Schild mit Rollen darunter geladen und zogen ihn in ihrer Mitte.
»Wie hast du sie davon überzeugt, dass sie bei uns mitmachen, Gelehrter?«, fragte Boindil unterwegs.
»Wir werden ein wachsames Auge auf sie haben müssen«, warf Balyndar ein. »Und was noch viel wichtiger ist: Was haben sie als Gegenleistung verlangt?« Slin sah sich um. »Ich werde nicht schlafen können, das weiß ich jetzt schon. Niemand von denen hat uns sein Gesicht gezeigt. Außer Barskalin.«
»Ihr werdet es bei der nächsten Rast erfahren. Es ist besser, wenn ihr es von Barskalin hört«, vertröstete Tungdil sie und schritt zügiger aus, um neben den Kommandanten zu gelangen.
»Sie besprechen sich schon wieder. Wie alte Freunde.« Slin rempelte Balyndar an und zeigte verstohlen auf Tungdils Rücken, genau auf eine Rune. »Die haben die Zhadär auch auf ihren Panzerungen«, raunte er ihm zu. »Am Ende ist es doch gar keine Fügung, dass wir uns hier getroffen haben. Der Plan mit dem Gelege stammt von Tungdil - vielleicht sind das hier seine Krieger, und sie tun nur so, als wären sie... Zhadär?« »Ein guter Gedanke«, meinte der Fünfte sinnierend. »Hört auf mit dem Unsinn«, befahl ihnen Ingrimmsch, wohl wissend, dass er ihnen gar nichts vorschreiben konnte.
Balyndar sah ihn missbilligend an. »Du wechselst unentwegt deine Ansicht, Boindil Zweiklinge. Mal stehst du auf seiner Seite, dann schwenkst du ein bisschen um, überlegst es dir aber wieder anders.« Er legte die Hände an den Gürtel. »Du wirst dich vielleicht entscheiden müssen. Sobald alles vorbei ist.«
Ingrimmsch ärgerte sich. »Wir haben eine Aufgabe, und die werden wir erfüllen, ganz gleich, wer uns dabei hilft, solange es dem Geborgenen Land hilft«, lenkte er von sich ab. »Es gab schon etliche Verluste. Jetzt haben wir neue Krieger und die Brut.« »Da hat er auch wieder recht«, sagte Slin. »Besser so, als tot und als Aschehäufchen in der Ebene zu liegen oder dem Kordrion als Fraß zu dienen.«
Balyndar verzog den Mund. »Wer sagt uns, dass sich nicht Tion was dabei gedacht hat, als er uns die Zhadär sandte?« Danach sprach er kein Wort mehr.
Als sie eine Höhle mit einer Quelle darin fanden, befahl Tungdil eine Rast, und Barskalin willigte ein.
»Die Rangordnung zwischen den beiden scheint klar zu sein«, kommentierte Ingrimmsch, der vor Ungeduld beinahe platzte. Er, Slin und Balyndar ließen sich absichtlich etwas entfernt von den Zhadär nieder und aßen. Ich möchte endlich wissen, was es mit den Unsichtbaren auf sich hat. Vraccas kann seinen Segen dazu einfach nicht geben. Nicht Zwergen, die Albae-Künste beherrschen. Er sah zu seinem Freund hinüber, der wieder mit dem Syträp sprach. Sie hatten eine Karte vor sich ausgerollt und fuhren mit den Fingern immer wieder über Linien und Punkte. Schließlich waren sie fertig und kamen zu ihnen.