»Ich habe nicht vor, mich anzuschleichen. Es würde nicht gelingen.« Tungdil zeigte auf die Gruppe. »Wir reisen zu ihnen, offen. Ich stelle mich ihnen als gewandelter Tungdil vor, der sichnichts Sehnlicheres wünscht, als die Zwergenstämme auszulöschen. Ich biete den Albae meine Hilfe an. Dabei setzen wir die Kordrion-Brut unbemerkt aus und warten, was geschieht. Je nachdem, legen wir uns einen neuen Plan zurecht.« Er sah seinen Freund an. »Du, Slin und Balyndar werdet dazu in die Rüstung der Zhadär steigen müssen.« »Ganz entzückend«, entfuhr es dem Vierten unglücklich.
»Keine Bange. Sie haben auch etwas in deiner Größe«, zog ihn Ingrimmsch feixend auf. »Was auch deren Frauen tragen.«
Balyndar stemmte die Hände in die Seiten. »Das passt mir nicht.«
»Es muss dir nicht passen. Ich bin dein Großkönig, also tust du, was ich dir sage.« Tungdil konnte erstaunlich ruhig und zurechtweisend zugleich klingen. »Der Kordrion ist zu schnell für uns, und darüber kannst du nicht mit mir streiten. Wenn es eine Möglichkeit gibt, die Brut gegen Feinde einzusetzen, tun wir das.« Er schwang sich auf einen Schlitten. »Wir sind in drei Umläufen in Dsön Bharä. Mir nach!« Er stieß sich ab und schoss den Abhang hinunter.
Ein Zhadär nach dem anderen folgte ihm, dann machten sich auch Slin und Ingrimmsch daran, den Hügel hinabzubrausen.
Doch Balyndar stand neben seinem Schlitten und starrte den Gefährten hinterher. »Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wie wir handeln, Boindil Zweiklinge«, sprach er nachdenklich.
»Das wird in den Schriften über uns stehen, Balyndar«, erwiderte Ingrimmsch beruhigend. »Ich weiß es auch nicht, und ich bin mir sicher, dass es der Gelehrte in diesem Augenblick auch nicht weiß. Unser Plan ist dahin, und wir machen das Beste daraus. Mit Vraccas Beistand erreichen wir sogar mehr als gedacht.« Er klopfte ihm auf den Rücken. »Vertrau deinem Vater.« Ingrimmsch wurde sich erst bewusst, was er gesagt hatte, als die Worte seine Lippen bereits verlassen hatten.
Balyndar wandte den Kopf langsam zu ihm um. »Was redet du da für eine Einfältigkeit?«
Boindil stimmte ein Gelächter an. »Ein Scherz, um deine Laune zu bessern.« »Dann ist es dir nicht gelungen. Nicht mit diesem Scherz.« Der Fünfte ging zu Ingrimmschs Erleichterung zu seinem Schlitten und schob ihn nach vorn. »Kennst du keinen besseren?«
»Wie wäre es mit dem, wo der Ork den Zwerg nach dem Weg fragt?« Balyndar winkte ab. »Ein Klassiker. Den kennt jedes Zwergenkind.«
»Aber nicht meine Variante«, erwiderte er stolz und reckte sich. »Kommt ein Ork den Weg entlang und sieht einen Zwerg, und von dem möchte er...«
»Reiter!«, rief Slin aufgeregt. »Da unten, rechts von den Schlitten, in dem kleinen Tal. Sie werden genau auf die Zhadär treffen!«
Wieso sieht er Gefahren stets vor mir? Ingrimmsch blickte in die angegebene Richtung. Balyndar überschlug die Zahl der Berittenen, die auf Ponys daherkamen. »Die Schwarze Schwadron«, stieß er erschrocken aus und warf sich bäuchlings auf den Schlitten. »Rasch, wir müssen die anderen einholen und sie warnen!« Er jagte davon. Slin ließ sich das nicht zweimal sagen und folgte ihm in der gleichen wagemutigen Pose den Abhang hinunter.
»He! He, wartet auf mich!« Ingrimmsch schob seinen Schlitten an, lief einige Schritte den Hügel neben seinem Gefährt her und hüpfte drauf. »Bei Vraccas! Wie soll man denn da einen guten Witz zum Besten geben?«
XIII
Das Jenseitige Land, die Schwarze Schlucht, Festung Übeldamm, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.
Goda betrachtete den flackernden roten Schirm, dessen wabernde, zuckende Ränder sich gegen die Mauern von Übeldamm drückten. Es erinnerte sie ein wenig an die Wellen eines Sees oder eines Meeres; und wie bei einem Meer lauerten unter der Oberfläche schreckliche Ungeheuer. Sie wusste, weswegen ihr Volk kein tiefes Wasser mochte.
Die Maga zog ihren Mantel enger um die Schultern. Sie machte sich Sorgen. Große Sorgen. Es war nicht gut, dass die rote Energie sich unmittelbar bis zu den Steinen ausgedehnt hatte - doch sie war nicht imstande, etwas dagegen zu unternehmen. Kiras, mit einem Harnisch, Arm- und Beinschienen über der dicken Kleidung gerüstet, stand neben ihr. Sie betrachtete die Barriere, welcher der Feind dieses Mal zum eigenen Schutz errichtet hatte, durch ihr Fernrohr. »Die Mauern haben keinen Schaden genommen. Ich sehe weder Risse noch Verwerfungen. Anscheinend tut ihnen dieses Leuchten nichts. Die Einschätzung der Krieger war falsch, dass Übeldamm dadurch gesprengt werden könnte.«
»Aber die Scheusale können bis an die Mauer herankommen. Das ist nicht gut. Ich muss mir etwas ausdenken, um die Ausbreitung der Sphäre rückgängig zu machen.« Goda steckte die Rechte in die Tasche mit den Diamantsplittern und spielte damit. Aber was?
»Er hat sie umgebracht«, sagte sie mit fester Stimme zu der Maga.
Goda wusste, wovon die Untergründige unvermittelt sprach. »Ich weiß. Ingrimmsch hat die Wunden an den Ubariu auch bemerkt«, erwiderte sie nach einer Weile. Wenn beide Frauen nebeneinanderstanden, sah man die Unterschiede zwischen den verschiedenen Zwergenarten sehr deutlich. Kiras mit ihrer größeren, schmaleren Statur konnte man beinahe für einen zu klein geratenen Menschen halten; Goda dagegen war eine waschechte, gedrungene Zwergin des Geborgenen Landes. Noch dazu war ihr Gesicht rundlich und wies an den Wangen einen deutlich sichtbaren, dunklen Flaum auf, der Kiras gänzlich abging.
»Aber gesagt hat er nichts.« Kiras betrachtete die Scheusale, die sie unter der roten Decke aus Magie erkannte. Sie liefen über die Ebene rund um die Schwarze Schlucht und markierten Stellen am felsigen Boden mit Fähnchen.
»Nein. Das wird er auch niemals. Es sei denn, dieser Zwerg, der sich als Tungdil Goldhand ausgibt, bekennt sich aus freien Stücken zu seiner Hochstapelei.« Der Versuch, ihn zu zwingen, war gescheitert. Goda blickte nach rechts und links, die Wehrgänge entlang. Sie waren zu jeder Zeit besetzt, die Mannschaften der Katapulte stets an ihren Maschinen, um bei einem Angriff der Ungeheuer sofort handeln zu können.
»Das wird er niemals tun. Die Leichen in der Festung machen deutlich, dass er sein Vorhaben mit allen Mitteln verfolgt.« Sie setzte das Fernrohr ab, um Goda anzusehen. Ein gleißendes Funkeln traf ihre Augen, und als sie in dessen Richtung blickte, sah sie, dass es vom Wehrgang östlich von ihr stammte. Eine der Wachen hatte die Beschläge seines Schildes derart poliert, dass sie blendeten. Sie meinte gar, die Wärme des Sonnenlichts auf der Haut gespürt zu haben. »Stimmt es, dass sie ihn zum Großkönig gewählt haben?«
Die Maga nickte. »Und ich danke Vraccas, dass ich in Übeldamm sitze! So muss ich seinen Befehlen nicht gehorchen.«
Die Untergründige lehnte sich gegen die Zinne. »Ich frage mich, was dem wahren Tungdil zugestoßen ist: tot, gefangen oder gar noch schrecklicher als das, was zu uns gekommen ist und sich als der Held ausgibt?«
Goda seufzte. »Es gibt keine Antwort darauf.«
Kiras wirkte plötzlich munterer und blickte über die Mauer auf den Schirm. »Wenn wir eines der Scheusale entführen und befragen? Kannst du nicht ein Loch schaffen, das groß genug für mich und ein paar Ubariu ist?«
Goda fand den Vorschlag zuerst unsinnig, doch dann gar nicht einmal so verkehrt. »Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?«
»Weil du an zu viele Dinge denken musst. Als Kommandantinder Festung und Maga, die sich jederzeit bereithalten muss, einen weiteren magischen Angriff abzuwehren«, bot ihr Kiras lächelnd eine Ausrede und hielt ihr beide Hände hin, die Goda ergriff. »Ich sage es dir viel zu selten: Du bist wie eine Mutter zu mir. Ich kann dir niemals für alles danken, was du mir hast angedeihen lassen.« »Deswegen fällt es mir nicht leicht, dich durch den Schirm zu schicken. Nicht nur, dass es dort vor Scheusalen nur so wimmelt - es springt ein Magus umher. Und wer weiß, ob ich die Lücke lange genug offen zu halten vermag?« Godas Bedenken mehrten sich. »Nein, wir lassen es lieber.«